Zu unserer Besprechung des Buchs „Faszination Flughafen“

Gewölbenhimmel. Die aufwendige Errichtung der Gewölbe und der fotogene Rohbau lösen dank zahlreicher Pressemitteilungen ein breites Medienecho aus. © Library of Congress, Prints & Photographs Division,Balthazar Korab Archive at the Library of Congress, LC-DIG-krb-00596
Gewölbenhimmel Die aufwendige Errichtung der Gewölbe und der fotogene Rohbau lösen dank zahlreicher Pressemitteilungen ein breites Medienecho aus. © Library of Congress, Prints & Photographs Division,Balthazar Korab Archive at the Library of Congress, LC-DIG-krb-00596
Geschmacksverstärker. Umschlag für eine Speisekarte, TWA. Ca. 1962. © Illustrator ubk. / Sammlung Kornel Ringli
Geschmacksverstärker Umschlag für eine Speisekarte, TWA. Ca. 1962. © Illustrator ubk. / Sammlung Kornel Ringli

Dramatik, Fehleinschätzungen, Baukunst: all das steckt in dem vom finnischen Architekten Eero Saarinen geplanten Trans World Airlines (TWA) Flight Center. Es steht für eine Ära, in der der Unternehmer und Luftfahrt-Pionier Howard Hughes die TWA zur damals weltgrößten Fluggesellschaft machte, für große Umbrüche im zivilen Flugwesen und die gebauten Glanzstücke des Jet-Zeitalters. "Designing TWA" von Kornel Ringli ist sowohl eine Hommage an diese Zeit als auch eine fundierte und umfangreiche Analyse, die die Umstände des Terminalprojekts kritisch, sachlich und unterhaltsam darlegt. Allein die 200 Bilder, Pläne, Zeichnungen gleichen einem Eintauchen in jene "Mad Men"-Epoche, in der viel geraucht, viel konsumiert und noch mehr Energie in einen formvollendeten Dreiteiler-Stil gesteckt wurde. Die Ringli-Monografie offenbart die Vielschichtigkeit hinter den Planungen des Saarinenschen Ikonenbaus. Dazu gehörten auch Rückschläge, Widerstände und Irrtümer von beinah allen Projektbeteiligten. Hinzu kommt, dass es den Terminal gar nicht mehr geben dürfte. Denn seit seiner Stilllegung 2001 war der Abriss längst beschlossen und konnte nur dank engagierter Befürworter gestoppt werden. Seit 2015 ist bekannt, dass das Gebäude zum Hotel umgebaut werden soll. Auch das gehört zum Terminal wie die bewegte Projektplanung, die stark mit den Umwälzungen in der Flugindustrie der 1950er verbunden war. Die amerikanischen Fluggesellschaften verzeichneten nach dem Zweiten Weltkrieg hohe Defizite, so dass sie ihre Geschäftsmodelle änderten und auf das Massengeschäft setzten. Die TWA bildete in dieser Entwicklung keine Ausnahme und die kommende Phase sollte auch sie stark beanspruchen. So oder so: das goldene Zeitalter der Passagierluftfahrt war eingeläutet. Inmitten dieser Turbulenzen machte sich Saarinen an die Schaffung der Jet-Schalenwelt: das TWA Flight Center, errichtet zwischen 1955 bis 1962. Der Auftraggeber wünschte sich ein "publizitätsträchtiges Gebäude ... was einerseits vor dem Hintergrund des Bebauungsplans von Idlewild (JFK-Airport, Anmerkung THE LINK-Redaktion) zu sehen ist, welcher der TWA die Möglichkeit zur architektonischen Entfaltung gibt, andererseits spiegelt sich darin auch die steigende Rivalität unter der Luftgesellschaften. Begleitet von folgenschweren Veränderungen in der Zivilluftfahrt, markiert die Wahl Saarinens den Auftakt zu einem bedeutenden Wandel in der Unternehmensdarstellung."

"TWA’s concrete, wing-roofed terminal now ready for flight."

Schlagzeile von Engineering News-Record zur Eröffnung des TWA Flight Center

Der Flügelschlag: das war und ist die erste Assoziation, die das Gebäude seit seiner Eröffnung am 28. Mai 1962 begleitet. Interessanterweise war für Saarinen die Ähnlichkeit ein Zufall. Er sah die Schalenkonstruktion als eine Möglichkeit gegen den geltenden Formkanon zu verstoßen. Der Entwurf des Flight Center mit vier Tonnengewölben aus Stahlbeton verkörperte die Prinzipien des organischen Bauens. Optisch unterscheidet er sich damit stark von den dominierenden Vorhangfassaden und Glas-Stahl-Bauten des International Style. Saarinens Flight Center ist somit ein Vertreter jener Expressivbauten der freien Formgebung wie zuvor auch schon Frank Lloyd Wrights Guggenheim Museum in New York (Fertigstellung 1959) und das ab 1957 von Jörn Utzon geplante Opernhaus Sydney. Die Vollendung seines Terminals erlebte Saarinen nicht mehr. Er starb im September 1961 mit 51 Jahren, nur wenige Monate vor Eröffnung seines Flight Center. Dass man bei den Planungen des Terminals die Entwicklung hin zu Düsenflugzeugen und Großraumjets nicht einkalkuliert hatte, war der Auftakt zu einer bewegten Geschichte des Baus – trotz der sofortigen Ikonisierung bei seiner Einweihung. Das verdankt er selbstverständlich der Architektur. Allerdings hatten auch die umfassenden und rigorosen Marketingkampagnen von TWA einen Anteil an diesem Status. Und Saarinens Frau Aline. Die gut vernetzte Journalistin nutzte sowohl ihre Kontakte als auch ihr Können für die Vermarktung des Gebäudes und ihres Mannes mit dem Ziel den, wie sie sagt, "Eero-myth" zu propagieren. Was perfekt zu seinen Ambitionen passte: "I would frankly like to leave a place for myself in architectural history."

Ideenschwung. Erster Entwurf von ES&A für den Terminal. © Eero Saarinen Collection (MS 593). Manuscripts and Archives, Yale University Library
Ideenschwung Erster Entwurf von ES&A für den Terminal. © Eero Saarinen Collection (MS 593). Manuscripts and Archives, Yale University Library
Schalenschwung. TWA Flughafenterminal. Ca. 1961. © Dan Page / Eero Saarinen Collection (MS 593). Manuscripts and Archives, Yale University Library
Schalenschwung TWA Flughafenterminal. Ca. 1961. © Dan Page / Eero Saarinen Collection (MS 593). Manuscripts and Archives, Yale University Library
Cover des im Park Book Verlag erschienenen Monografie.
Cover des im Park Book Verlag erschienenen Monografie

Unsere Link-Empfehlungen mit weiteren Informationen:

Park Books

Wer Bücher liebt, kauft in der Buchhandlung. Wir kooperieren mit „Disko – Buchhandlung für Literatur und Theater“. Hier geht es zum: Zum Onlineshop von DISKO

Weitere Informationen zu unserer Zusammenarbeit: THE LINK goes DISKO.

Von Jan Dimog Autor, Blogger und Journalist, veröffentlicht am .