"Rotterdam is a wind tunnel test that people apparently take part in with great enthusiasm."

Rem Koolhaas (Vrij Nederland, 14.12.1985)

1. Centraal Station

Entwurf: Team CS (Arbeitsgemeinschaft aus Benthem Crouwel, MVSA Meyer en Van Schooten Architecten und West 8), Fertigstellung 2013

Weltweit erleben Bahnhöfe ein erstaunliches Comeback. Galten sie lange als verstaubtes Relikt vergangener Zeit, bilden spektakuläre Strukturen heute wieder die Foyers der Metropolen. Zentral gelegen und gut vernetzt, sind sie Knotenpunkt von Bussen und Bahnen, Shopping-Center und Markthalle. Sie wirken verbindend und kommunikativ, Neubauten wie Calatravas Path Station am Ground Zero und UN Studios Hauptbahnhof in Arnheim ebenso wie geschickte Umbauten. In einem früheren Artikel berichtete Jan Dimog bereits über Jacque Vonckes großartigen Antwerpen Centraal – eine überzeugende Symbiose aus historischer und zeitgenössischer Gestaltung. Rotterdam Centraal überspannt ein expressiv gefaltetes Dach, das außen mit funkelndem Metall und innen mit erdigem Holz verkleidet ist. Die Überdachung der Gleise ist leicht und luftig, die Ankunftshalle spreizt sich in den Stadtraum. Formuliert ihn neu. Die Faltung rahmt verschiedene Stadtperspektiven. Der Steinboden fließt von der Bahnhofshalle in den Stadtraum und betont den seichten Übergang von innen und außen. Einzelne Fragmente des alten Gebäudes blieben erhalten. Wie etwa alte Beton-Elemente, die aufgrund ihrer Form von den Rotterdamern auch „Speculaasjes“ (Spekulatius) genannt werden.

Centraal Station.  Das gefaltete Dach ragt dramatisch in den Stadtraum, ordnet diesen neu. Der Platz ist heute ein beliebter Treffpunkt auch bei zugigem Wetter.
Centraal Station Das gefaltete Dach ragt dramatisch in den Stadtraum, ordnet diesen neu. Der Platz ist heute ein beliebter Treffpunkt auch bei zugigem Wetter. © Hendrik Bohle
Centraal Station.  Gedreht gespiegelte Y-Stützen tragen das luftige Bahnhofshallendach über den Gleisen. Am gespreizten Sockel führen Treppen ins Erdgeschoss.
Centraal Station Gedreht gespiegelte Y-Stützen tragen das luftige Bahnhofshallendach über den Gleisen. Am gespreizten Sockel führen Treppen ins Erdgeschoss. © Hendrik Bohle

2. Baldachine

Entwurf: Maxwan Architects, Fertigstellung 2014

Unglaublich leicht wirken die drei pastell-pinken Bushaltestellen besonders vor dem monumentalen Groothandelsgebouw, einem der Symbole des Wiederaufbaus der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg. Die zarten Stahldächer stehen direkt neben dem Bahnhof auf je vier schlanken Stützen. Sie wölben sich nach innen und außen wie Stoffe im Wind. Ein konstruktiver Kniff, der es ermöglichte, die Dächer besonders dünn zu gestalten. Die Baldachine sind angeblich die dünnsten der Welt. Auf jeden Fall sind sie ein wirklich schöner Ort zum Warten.

Busstation.  Eine Windböe scheint die feinen Stahldächer aufzublähen.
Busstation Eine Windböe scheint die feinen Stahldächer aufzublähen. © Hendrik Bohle
Busstation.  Passende Beinamen waren mal wieder schnell gefunden. Die Rotterdamer nennen ihre pastell-pinkigen Bushaltestellen liebevoll: Kissen oder Hängematte.
Busstation Passende Beinamen waren mal wieder schnell gefunden. Die Rotterdamer nennen ihre pastell-pinkigen Bushaltestellen liebevoll: Kissen oder Hängematte. © Hendrik Bohle

3. Calypso

Entwurf: Alsop Architects, Fertigstellung 2013

Der Kruisplein trifft direkt auf den Haupteingang des Bahnhofs. Die Verlängerung des Westersingels ist damit Teil der alten sogenannten Feuerlinie. Das Kanalsystem verhinderte das Übergreifen der verheerenden Brände auf die Stadteile jenseits des Wassers nach den Bombardierungen. Diese sind noch heute eher durch kleinteilige Bauten des 19. Jahrhunderts geprägt. Das Zentrum hingegen dominieren verschieden-maßstäbliche Nachkriegskompositionen. Calypso ist ein multifunktionaler Mega-Wohnkomplex mit 400 Apartments hinter den geknickten Fassaden. Im ebenen Sockel befinden sich Büros, Shops und Restaurants.

Calypso.  Die Fassade ist lediglich mit Paneelen aus Rot- und Grauabtönungen verkleidet. Die Wände des Innenraums sind nicht geneigt.
Calypso Die Fassade ist lediglich mit Paneelen aus Rot- und Grauabtönungen verkleidet. Die Wände des Innenraums sind nicht geneigt. © Hendrik Bohle
Calypso.  Die kupferverkleidete "Pauluskerk" verweist auf die Turmspitze eines zerstörten Vorgängerbaus an dieser Stelle.
Calypso Die kupferverkleidete "Pauluskerk" verweist auf die Turmspitze eines zerstörten Vorgängerbaus an dieser Stelle. © Jan Dimog

4. Schouwburgplein

Entwurf: West 8, Fertigstellung 1997

Als konzeptuelle Leere beschreibt der Landschaftsarchitekt Adriaan Geuze seine Idee für den lange Zeit brachliegenden Theaterplatz hinter dem Calypso-Komplex. Entstanden ist ein frischer interaktiver Stadtraum, der sich entsprechend der Veranstaltungen und Jahreszeiten verändern lässt. Der vorherrschende Metallboden reflektiert die wechselnden Lichtstimmungen und bildet einen robusten Untergrund für wechselnde Aktivitäten. Betongrau korrespondiert mit der Bewölkung. Epoxy-Beschichtungen, Holz und Gummi definieren weitere Zonen. Am markantesten ragen rote Mastleuchten in den Himmel. Die hydraulischen Kragarme wurden schnell zum Wahrzeichen des Platzes - einer Bürger-Bühne vor der städtischen Schaubühne.

07_Schauwbourgplein 01 © Hendrik Bohle.  Je nach Wetterlage verleiht der reflektierende Metallboden dem Platz eine besondere Atmosphäre.
07_Schauwbourgplein 01 © Hendrik Bohle Je nach Wetterlage verleiht der reflektierende Metallboden dem Platz eine besondere Atmosphäre. © Hendrik Bohle
Schauwbourgplein.  Die hydraulischen Mastleuchten lassen sich durch den Einwurf einer Münze in verschiedene Positionen bringen. Die Technik befindet sich unter dem Platzboden.
Schauwbourgplein Die hydraulischen Mastleuchten lassen sich durch den Einwurf einer Münze in verschiedene Positionen bringen. Die Technik befindet sich unter dem Platzboden. © Hendrik Bohle

5. Coolsingel Pavillons

Entwurf: Mei Architects, Fertigstellung 2015

Die Zentren der modernen Städte waren in den 1970er Jahren eher monofunktional geplant. Alles war dem Autoverkehr untergeordnet. Räume mit Aufenthaltsqualität waren schwer zu finden. Als Antwort darauf wurde im Rahmen der C70 das Rotterdamer Stadtzentrum im Jahr 1970 in eine riesige Ausstellung verwandelt. Entlang des Coolsingel Boulevards entstanden mehrere Pavillons, die auch nach der Veranstaltung noch einige Zeit blieben, nach und nach aber wieder verschwanden. Eine neue goldene McDonalds-Filiale knüpft nun an alte Zeiten an. Die mit Lochblech verpixelte Fassade schimmernd besonders bei Nacht.

Coolsingel Pavilions.  Einer der wenigen alten Pavillons aus den 1970ern mit bewegter Kamindach-Landschaft.
Coolsingel Pavilions Einer der wenigen alten Pavillons aus den 1970ern mit bewegter Kamindach-Landschaft. © Hendrik Bohle
Coolsingel Pavilions.  Große Glasflächen geben den Blick auf die weiße Stahlwendeltreppe im Inneren des neuen Pavillons frei.
Coolsingel Pavilions Große Glasflächen geben den Blick auf die weiße Stahlwendeltreppe im Inneren des neuen Pavillons frei. © Hendrik Bohle

Timmerhuis

6. Entwurf: OMA, Fertigstellung 2015

Eine riesige Wolke scheint in der Rodezand, einer Parallelstraße des Coolsingels, zu schweben. Reflektierendes Glas, bedruckt und klar, lässt das Gebäude flimmern. Der ephemere Erweiterungsumbau des Stadstimmerhuis ruht auf nur zwei gewaltigen Turmkonstruktionen. Das gesamte Erdgeschoss ist somit frei von Stützen. Das weiße Stahltragwerk kontrastiert dialogisch mit dem Beton der Nachkriegsmoderne. Große Atrien schieben sich auf allen Ebenen in die Struktur, Treppentopographien verbinden die einzelnen Bereiche als Treffpunkt. Ein guter Nebeneffekt dient es doch der sportlichen Ertüchtigung.

Timmerhuis.  Die Fassade spiegelt den Himmel und schimmert in Blau- und Grauabtönungen.
Timmerhuis Die Fassade spiegelt den Himmel und schimmert in Blau- und Grauabtönungen. © Hendrik Bohle
Timmerhuis.  Im Erdgeschoss öffnet sich eine öffentliche Passage der Stadt. Atrien und Leerräume lassen den Bau auch im Inneren leicht, licht und luftig wirken.
Timmerhuis Im Erdgeschoss öffnet sich eine öffentliche Passage der Stadt. Atrien und Leerräume lassen den Bau auch im Inneren leicht, licht und luftig wirken. © Hendrik Bohle

7. Markthal

Entwurf: MVRDV, Fertigstellung 2014

Sie wirkt zwar etwas klobig, aber die neue Rotterdamer Markthalle avancierte schnell zu einer der neuen Sehenswürdigkeiten der Stadt. In der doppelten Hülle des hufeisenförmigen Zwitterbaus sind 228 Apartments untergebracht. Jedes mit Blick auf die Stadt und das Marktgeschehen mit 100 Ständen und Restaurants. Im Untergeschoss befinden sich zudem ein Supermarkt und ein Parkhaus. Den Architekten MVRDV ging es darum, ein neues multifunktionales Konzept für zukünftige Wohntypologien zu entwickeln. Manchmal müssen Experimente einfach gewagt werden.

Markthal.  Außen Wohnungen, innen Obst. Die neue Markthalle ist 120 m lang, 70 m breit und 40 m hoch.
Markthal Außen Wohnungen, innen Obst. Die neue Markthalle ist 120 m lang, 70 m breit und 40 m hoch. © Hendrik Bohle
Markthal.  Ein quietschbuntes Kunstwerk von Arno Coenen und Iris Roskam verschönert den Innenraum. Abgebildet sind Produkte, die an den Ständen zum Verkauf stehen.
Markthal Ein quietschbuntes Kunstwerk von Arno Coenen und Iris Roskam verschönert den Innenraum. Abgebildet sind Produkte, die an den Ständen zum Verkauf stehen. © Hendrik Bohle

8. Blaakse Bos

Entwurf: Piet Bloom, Fertigstellung 1984

Piet Blooms Kubus-Häuser sind bereits seit 1984 Pilgerstätte. Vorher hatte er ähnliche Konzepte in Hengelo und Helmond erprobt. Blaakse Bos (Blaakse Brücke) ist eigentlich eine gewaltige Fußgängerbrücke, die den Marktplatz mit der Stadtbibliothek verbindet. Ursprünglich waren 74 "Baum-Häuser" als Sozialwohnungen geplant. Umgesetzt wurde nur 51. Es gab finanzielle Schwierigkeiten. Die würfelförmigen Baukörper stehen auf einer Ecke und werden je über einen Stahlbeton-Stamm erschlossen. In jedem Modul befindet sich eine Wohnung. Irgendwie schräg.

Blaakse Bos.  Das Brückenbauwerk überspannt die vielbefahrene Hauptstraße Blaak.
Blaakse Bos Das Brückenbauwerk überspannt die vielbefahrene Hauptstraße Blaak. © Hendrik Bohle
Blaakse Bos.  Die untere Ebene ist öffentlich zugänglich. In den oberen Kuben befinden sich Wohnungen.
Blaakse Bos Die untere Ebene ist öffentlich zugänglich. In den oberen Kuben befinden sich Wohnungen. © Hendrik Bohle

9. Erasmusbrug

Entwurf: Van Berkel & Bos, Fertigstellung 1996

Ein Spiel gegeneinander wirkender Kräfte, eingefroren in einem sinnlichen Gleichgewicht. Bis ins kleinste Detail konstruierten Ben van Berkel und Caroline Bos (UN Studio) eine perfekte Verschmelzung von Ingenieurskunst und Architektur – sieht man mal von einigen notwendigen Nachjustierungen ab, die aufgrund von heftig auftretenden Schwingungen kurz nach Ihrer Eröffnung vorgenommen werden mussten. Die Erasmusbrücke verbindet das alte Stadtzentrum nördlich der Maas mit den neuen Entwicklungsgebieten im Süden. Schöner kann eine Insel nicht erschlossen werden.

Erasmusbrücke.  Für die Rotterdamer ist sie einfach nur "der Schwan".
Erasmusbrücke Für die Rotterdamer ist sie einfach nur "der Schwan". © Hendrik Bohle
Erasmusbrücke.  Eleganter Brückenschlag über die Nieuwe Maas.
Erasmusbrücke Eleganter Brückenschlag über die Nieuwe Maas. © Hendrik Bohle

10. De Rotterdam

Entwurf: OMA, Fertigstellung 2013

Und immer wieder OMA. So ganz einfach lässt sich der Komplex nicht einordnen, der beim Überqueren der Erasmusbrücke ins Blickfeld rückt. Verschiedene Kubaturen drängen und schieben gegeneinander. Eine kraftvolle Anspielung auf den ehemaligen Container-Hafen. De Rotterdam selbst wurde nach einem Passagierschiff benannt, das bis 1971 Rotterdam mit Manhattan verband. Passt gut zu Koolhaas und der vertikalen Stadt, verfasste er doch bereits 1975 sein Standardwerk "Delirious New York". Auf jeden Fall hat De Rotterdam Signalwirkung für den gesamten Stadtteil. Einfach großartig.

De Rotterdam.  OMA's gestapelter Dreifachturm zwischen Renzo Piano's KPN Tower (links) mit LED-Fassade und Alvaro Siza's New Orleans Tower (rechts).
De Rotterdam OMA's gestapelter Dreifachturm zwischen Renzo Piano's KPN Tower (links) mit LED-Fassade und Alvaro Siza's New Orleans Tower (rechts). © Hendrik Bohle
De Rotterdam.  Wie gestapelte Container türmt sich die Gebäude-Phalanx in die Höhe.
De Rotterdam Wie gestapelte Container türmt sich die Gebäude-Phalanx in die Höhe. © Hendrik Bohle

11. Kop van Zuid

Die alte Hafeninsel wurde schon vor Jahrzehnten zugunsten der neuen Hafenanlagen stromabwärts vor den Toren der Stadt aufgegeben. Lange wurde an Masterplänen gefeilt, die nun nach und nach umgesetzt werden. Einige wenige historische Gebäude blieben erhalten, wurden restauriert und umgebaut, wie beispielsweise das ehrwürdige Hotel New York mit Art Nouveau Motiven oder das tonnengedeckte Kreuzfahrtterminal der Holland-America Line (Van den Broek & Bakema). Die neuen Türme "Mini-Manhattans" entwarfen fast ausschließlich international fest etablierte Architekten und Studios.

Kop van Zuid.  Eine Architektur-Galerie rund ums Wilhelminaplein mit World Port Center von Foster + Partners, Montevideo von Mecanoo, De Rotterdam von OMA, New Orleans von Alvaro Siza Vieira und dem Luxor Theater von Bolles + Wilson (von links nach rechts).
Kop van Zuid Eine Architektur-Galerie rund ums Wilhelminaplein mit World Port Center von Foster + Partners, Montevideo von Mecanoo, De Rotterdam von OMA, New Orleans von Alvaro Siza Vieira und dem Luxor Theater von Bolles + Wilson (von links nach rechts). © Hendrik Bohle

Unsere architektonische Recherchereise wurde von Rotterdam Partners unterstützt. Übernachtet haben wir im nhow Rotterdam, in der berühmten Vertikalstadt von OMA.

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .