Immer mehr Menschen ziehen in die Städte. Diese wachsen in Rekordzeit und mit ihnen die Herausforderungen. Der Raum wird knapp. Verkehr, Umweltverschmutzung, Lärm und soziale Spannungen nehmen zu. Zeit für intelligente Antworten auf die drängendsten Fragen einer zunehmend urbanisierten Welt. Die Replik der siebten Internationalen Architekturbiennale Rotterdam (IABR): Vielfalt, Flexibilität, Offenheit, weltumspannend und undogmatisch. Die IABR stellt vor allem die wirtschaftlichen Möglichkeiten einer Stadt in den Vordergrund. Folglich ist der Titel der Biennale "The next economy" Anleitung und Anregung zugleich. Dazu stellt die IABR nüchtern fest, dass die Zukunft, die in den Städten liegt, längst begonnen hat. Was im Eingangsbereich der Biennale und im Ausstellungskatalog in großen gewichtigen Worten beschrieben wird, ist längst Realität des 21. Jahrhunderts. Unsere Welt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten rasant urbanisiert, über die Hälfte der Menschheit sind heute Städter.

Wo werde ich arbeiten? Weißt Du, was ich brauche?

Dass diese Entwicklung mit Konflikten, aber auch mit Lösungen verbunden ist, zeigt sich am Rotterdamer Stadtteil Katendrecht im Bezirk Feijenoord. Nach der Eingemeindung des Dorfes in das Rotterdamer Stadtgebiet und dem Ausbau mehrerer Hafenbecken verwandelte es sich schnell in ein Seemannsquartier. Die Verlagerung des Hafens in Richtung Nordsee und die Einführung der Containerwirtschaft führten zu sozialen Spannungen. Katendrecht verband man fortan mit Drogen, Prostitution und mit der größten Chinatown Europas. Dann begann Rotterdam 2007 mit der Verwandlung der Halbinsel. Sie verbesserten die Infrastruktur, eine neue Brücke kam hinzu, Schulen, Wohnungen wurden gebaut, Platz für Gewerbe geschaffen. Knapp ein Jahrzehnt später sieht Katendrecht beinah wie eins der typischen idyllischen hafenmusealen Großstadtgebiete in Zentrumsnähe aus. In den alten Lagerhallen Fenixloods ist nun die Fenix Food Factory mit Restaurants, Cafés und Lebensmittelläden, alles lokal und sehr bio. Daneben entstehen die Felixlofts. Das einzig Raue des ehemals herben Quartiers sind die Lagerhallen, in denen die Biennale stattfindet. Somit liefert Katendrecht den Besuchern Anschauungsmaterial für die Themen Gentrifizierung, Verdrängung, Luxussanierung und Stadtplanung. Gleichzeitig will die Ausstellung Impulse, vor allem in Hinblick auf die Stadtwirtschaft und ihre Chancen setzen. Gleich im Eingangsbereich begrüßen den Besucher Videos mit Kindern, die fragen:
"Wo werde ich arbeiten?"
"Weißt Du, was ich brauche?"

.
© Hendrik Bohle
.
© Hendrik Bohle
.
© Jan Dimog
.
© Hendrik Bohle
.
© Hendrik Bohle
.
© Hendrik Bohle
.
© Jan Dimog
.
© Jan Dimog
.
© Jan Dimog
.
© Jan Dimog
.
© Jan Dimog
.
© Jan Dimog

Die Antworten sind alles andere als linear oder einfach

Der Blick in den Ausstellungsraum zeigt das Potenzial der Stadt als globaler Wirtschaftsmotor: sie ist groß, divers und sehr verschieden, abhängig von der Region, des Kontinents, der Entscheider und der Menschen. Die Antworten auf die Kinderfragen sind also alles andere als linear oder gar einfach. Das zeigt sich schon an der Palette der 58 präsentierten Projekte. Diese reichen von "Guest Curators" mit Initiativen in Afrika und China, "Call for projects" in Toronto, Hongkong, Manila und vielen weiteren Orten, sowie dem Abschnitt "Ateliers" und anderen Punkten wie z. B. dem Auditorium, wo regelmäßige Veranstaltungen stattfinden wie auch im Konferenzraum am anderen Ende der Halle. Viele der Exponate sind in ihrer Aufmachung anschaulich. So verdeutlicht "Utopia as an option. Indexing social affairs for the next economy" anhand des Gebäudemodells des niederländischen Sozialministeriums in Den Haag die Verknüpfungen von Kultur und Struktur, von Architektur und Wohlfahrtsstaat. Je tiefer die Blicke in das Modell gehen, desto mehr offenbart sich dem Besucher und desto komplexer zeigt sich das Bild der (sozialen) Verbindungen. Anhand eines Drehtellers wie er in chinesischen Restaurants zum Einsatz kommt, wird in "China’s Turn" die dramatische Immobilienkrise versinnbildlicht. Die Gerichte sind hier Statistiken, die zeigen, dass 60 Millionen Wohnungen im Reich der Mitte leer stehen bei gleichzeitiger Abhängigkeit der Wirtschaft von der Baubranche.
Der Film "Living Necropolis: A case study in humane ephemeral city" zeigt den von 1.000 Menschen bewohnten städtischen Friedhof Navotas im Norden der philippinischen Hauptstadt Manila mittels Drohnenaufnahmen. Der in zahlreichen Reportagen bekannt gewordene Friedhof ist ein besonders faszinierendes Beispiel für informelle Architektur und den enormen Bedarf an Wohnraum in der Megacity.

.
© Jan Dimog
.
© Hendrik Bohle
.
© Hendrik Bohle
.
© Hendrik Bohle
.
© Jan Dimog
.
© Jan Dimog
.
© Hendrik Bohle
.
© Hendrik Bohle
.
© Hendrik Bohle
.
© Jan Dimog

Mikrokreditfinanzierte Graswurzelbewegungen, Start-ups und Social Entrepreneurships in Afrika

Der Besucher taucht in die verschiedensten (Stadt)Welten und Analysen ein, lernt, dass es weltweit lokale und regionale Lösungen gibt für die mannigfachen Probleme der jeweiligen urbanen Räume. Mit großflächigen Bewegbildern, Fotografien, Zeichnungen, Grafiken und Modellen gelingt der Ausstellung die Annäherung an das, was Stadträume im 21. Jahrhundert ausmachen. Doch bei der Fülle und Bandbreite der vorgestellten Projekte verliert sich die Schau. Wer einen Fokus, gar eine Art Anleitung wünscht, wird sie nicht bekommen. Und ist auch nicht die Intention. Es ist eine kaleidoskopische Zusammenstellung mit Vorhaben, Ideen und Projekten in ausgewählten urbanen Räumen. Trotzdem bleibt die Frage nach der "Next economy". Wie sieht die nun aus? Wie definiert sich die Stadtwirtschaft? Wird die Cityconomy aus Fehlern des vergangenen Jahrhunderts lernen und das 21. Jahrhundert positiv beeinflussen?
Die Antworten darauf geben afrikanische Initiativen und Aktionen. Es sind mikrokreditfinanzierte Graswurzelbewegungen, Start-up-Unternehmer oder vom Gedanken des Social Entrepreneurship beeinflusste Kampagnen, die auf die Kraft der Nachbarschaften und Bottom-up-Prozesse setzen. Das "Suame Magazine" in Kumasi, der zweitgrößten Stadt Ghanas, ist ein "industrielles Ökosystem" der vollständigen Autowiederverwertung entstanden, das für das ganze westliche Afrika wichtig geworden ist. Bei der Mobilfunktechnologie spricht man mittlerweile vom "mobilen Wirtschaftswunder" in vielen afrikanischen Ländern. Der Finanzdienst M-Pesa wurde in Kenia entwickelt und ermöglicht die Geldüberweisung via SMS. Afrikanische Unternehmen sind führend, wenn es um mobilen Geldtransfer geht. Kein Wunder, dass über die verschiedenen mobilen Geldplattformen Afrikas pro Monat mehr Transaktionen abgewickelt werden als über PayPal.
Der Raum den die Biennale Afrika einräumt, ist berechtigt und wichtig. Der Kontinent steht damit stellvertretend für die Entwicklungen der Stadträume auch in den bevölkerungsreichen Ländern Asiens und Lateinamerikas. Die Entwicklungen der dortigen Megacities werden global noch stärker spürbar als ohnehin schon. Der Sog der Städte ist ungebrochen und wird bleiben. Wenn eine Biennale zeigen kann, dass es Werkzeuge gibt, um den Sog intelligent und nachhaltig zu steuern, indem Ideen und Erfolgsgeschichten geteilt werden – umso besser. Schließlich hat die Zukunft längst begonnen. Es wird Zeit, diese Zukunft in die Gegenwart zu übertragen.

.
© Jan Dimog
.
© Jan Dimog

Unsere architektonische Recherchereise wurde von Rotterdam Partners unterstützt.

Von Jan Dimog Autor, Blogger und Journalist, veröffentlicht am .