Rotterdam feiert sich. Hochoffiziell mit Ahmed Aboutaleb, dem muslimischen Bürgermeister von Rotterdam, dem ersten seiner Art in einer westeuropäischen Großstadt. Klingt exotisch? Geen ("nein"), ist nur der typische Rotterdam-Stijl. Diese Stadt beschreitet neue Wege, nicht nur in der Politik, sondern vor allem in der Architektur. Im Zweiten Weltkrieg wurde ihr Zentrum am 14. Mai 1940 bei einem deutschen Luftangriff und den darauf folgenden Bränden beinah vollständig zerstört. 260 Hektar waren vernichtet, um die 800 Menschen starben, 80.000 wurden obdachlos. Das alte Rotterdam war verschwunden, spätestens mit weiteren Attacken, diesmal durch amerikanische Bombenangriffe. Was nach dem Krieg einsetzte, war Rotterdams Neuerfindung: radikal, kreativ, umwälzend. Der neue Hafen avancierte in der Nachkriegsära zum modernsten des Kontinents und löste New York in den 1960er-Jahren als größten Hafen der Welt ab. Der städtebauliche Neustart zeigte sich auch im Fehlen von Neo-Historismus oder gar einer Altstadtsehnsucht. Die Rotterdamer Architekturseele ist ein dem Himmel zugewandter Vertikalismus und das Aufeinandertreffen möglichst konträrer Kubaturen. Heute zeigt sich die 600.000-Einwohner-Stadt als Platz der Debatten, Ideen und des Fortschritts, ohne die Probleme einer Großstadt wie z. B. die im Vergleich zum Landesschnitt hohe Arbeitslosigkeit zu verschweigen. In erster Linie jedoch hat in diesem Mai das Feiern oberste Priorität.

Formenspiel. The Stairs von MVRDV
Formenspiel The Stairs von MVRDV © Hendrik Bohle
Filigranität.
Filigranität © Jan Dimog
Steilvorlage.
Steilvorlage © Jan Dimog
Highlight. 'Now we create a new lookout where people can enjoy the unique views of this newly built city. From the cranes in the harbour, to the new city centre, the North and Blijdorp Zoo. Fun for everyone,' says Anouk Estourgie of 'Rotterdam celebrates the city!'.
Highlight 'Now we create a new lookout where people can enjoy the unique views of this newly built city. From the cranes in the harbour, to the new city centre, the North and Blijdorp Zoo. Fun for everyone,' says Anouk Estourgie of 'Rotterdam celebrates the city!'. © Jan Dimog
Treppengänger. 29 m hoch, 57 m lang und 180 Stufen:
Treppengänger 29 m hoch, 57 m lang und 180 Stufen: "The Stairs" bzw. "DeTrap", im Auftrag von "Rotterdam celebrates the city!" © Jan Dimog

'With this installation and in our exhibition we show what this city could look like if we do that in many places, engaging a series of our existing buildings and giving access to their roofs, to create a new, much more interactive, three dimensional and denser urban topography for the next city generation.'

Winy Maas, MVRDV

Es knirscht und ächzt. Nachdem wir am Eröffnungstag einige Minuten in der Schlange gewartet haben, lässt uns der professionell-freundlich dreinschauende Sicherheitsbeauftragte zusammen mit vielen Weiteren auf die Stufen. Das Geräusch und Gewicht der mehreren Dutzend Treppengänger auf den Planken klingt nach einem schwer arbeitenden Treppenwesen. Es knarrt, schnarrt und brummt. Ausgedacht hat sich das Wesen MVRDV. Der Titel steht als Abkürzung für die Nachnamen der Architekten Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries. Kennzeichen des Büros ist seine Experimentierfreudigkeit, Formenradikalität und die "Schichten-Architektur", die möglichst komprimiert und durchdacht mehrere Funktionen miteinander verknüpft. Eher symbolisch, denn extrem ist "The Stairs" gedacht. Die von Bürgermeister Aboutaleb am 16. May 2016 eröffnete Treppenkonstruktion ist in Gedenken an den Neubeginn konzipiert. Die 180 Stufen führen vom Stationsplein direkt am Rotterdam Hauptbahnhof zum Dach des Groothandelsgebouw (von Maaskant / van Tijen, 1945 – 1952. Restaurierung 2000 – 2005 durch van Stigt), das in der Nachkriegszeit zur Ikone des Neubeginns wurde. Das Gerüst reagiert auf die Winkelspiele des Hauptbahnhofs, das nach seiner Neugestaltung (Team CS mit Benthem Crouwel, Meyer & Van Schooten, West 8, 1999–2013) schnell einen architektonischen Lieblingsplatz bei Besuchern und Einheimischen hatte. Das temporäre Stufenkonstrukt schafft die Verbindung zwischen neuer Ikone und historischem Monument und ist zugleich ein Verweis auf die Wiederaufbauleistung der Hafenstadt. Oben angekommen und leicht außer Atem zeigt sich Rotterdam in seiner ganzen windigen Vertikalpracht. Böen und Windstöße ruckeln am Treppenwesen und ziehen an den Frisuren. Der Rotterdamer an sich lässt sich nicht davon irritieren. Im Gegenteil, er und sie lachen, machen die obligatorischen Stufenselfies und freuen sich, dass sie in dieser Stadt leben. Mehr Symbolik geht nicht.

.
© Hendrik Bohle
.
© Hendrik Bohle
.
© Jan Dimog
.
© Hendrik Bohle
.
© Jan Dimog
.
© Hendrik Bohle
.
© Hendrik Bohle
.
© Hendrik Bohle
.
© Hendrik Bohle
.
© Hendrik Bohle

MVRDV: Profil und Projekte

Unsere architektonische Recherchereise wurde von Rotterdam Partners organisiert und unterstützt.

Unsere Link-Empfehlungen:

MVRDV

Rotterdam celebrates the city!

Von Jan Dimog Autor, Blogger und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .