Joseph Bartz. Lehrt Bewegung in Berlin und anderswo.
Joseph Bartz Lehrt Bewegung in Berlin und anderswo. © Jan Dimog
Am Velodrom.
Am Velodrom © Jan Dimog
Am Velodrom.
Am Velodrom © Jan Dimog
Am Velodrom.
Am Velodrom © Jan Dimog
Am Velodrom.
Am Velodrom © Jan Dimog
Am Velodrom.
Am Velodrom © Jan Dimog
Am Velodrom.
Am Velodrom © Jan Dimog

Das Velodrom und die nahe Schwimmhalle sind olympisches Gelände. Zumindest war es so konzipiert. Der französische Architekt Dominique Perrault hatte es im Rahmen der Berliner Bewerbung für die Olympischen Spiele 2000 entworfen und geplant. Sein Konzept sah eine Parklandschaft mit etwa 100.000 m2 vor, in der die Hallen 17 m tief versenkt wurden. Entstanden sind urbane Sport-Amphitheater, die in der introvertierten Verborgenheit ihrer Massivität beraubt erscheinen. Da die Landschaft als Konzept in den Projekten des Architekten stets eine wichtige Rolle spielt, ist er sich mit der Anti-Zurschaustellung, nicht nur treu geblieben, sondern hat mit der zurückhaltenden Gebäude-Tarnung bewiesen, dass es auch anders geht: unsichtbar und damit eine weite, freie Fläche schaffend, dem Sport dienend, sich zur Stadt öffnend.
Den Zuschlag für Olympia bekam Sydney. Fast 20 Jahre nach der Fertigstellung der Sportstätten und der Anlage zeigt sich, dass das Perraultsche Konzept nicht nur städtebaulich funktioniert, sondern auch als Spielwiese der Möglichkeiten bei Sportlern und Spaziergängern überaus beliebt ist. Ein idealer Platz also für das Treffen mit Joseph Bartz, der als Bewegungstrainer in Berlin und international arbeitet. Am Velodrom trainiert er regelmäßig mit seiner Gruppe und wird nach unserem Gespräch seine Schüler treffen. Schnell kommen wir auf seinen Mentor zu sprechen. Der Israeli Ido Portal ist zu einer international gefragten Kompetenz in der Lehre der Bewegung avanciert und berät z. B. Conor McGregor, Mixed Martial Arts-Kämpfer und mehrmaliger Champion in diversen Gewichtsklassen. Für Ido Portal hat Joseph Bartz inzwischen auch Kurse be- und geleitet. Bei der Bewegung nach der Barthschen Definition geht es viel um Bewegungsintelligenz, –fähigkeit und –verbindung, "von Isolation zu Integration und von Integration zu Improvisation". Es beginnt mit dem Training isolierter Bewegungen, um diese später zu verbinden und in komplexere Muster zu integrieren.
"Um besser zu klettern, kann ich etwa bestimmte Bewegungen wie Klimmzüge, Hangwaage oder die Zugstemme für das Krafttraining isolieren. Später nutzen mir diese geschulten Muster am Fels oder an der Kletterwand. Weiterhin kann ich z. B. einzelne technische Bewegungen in Routen, welche mir schwerfallen, isolieren. Nun kann aus Integration wieder Isolation werden", erklärt er.

Kombiniertes horizontales und vertikales klettern

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© Joseph Bartz Training
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Womit hat das Ganze angefangen? Was war sein erster Sport draußen? "Ganz klar Parkour. Das war die erste Flamme um 2006. 2007 bin ich von Rostock nach Berlin gezogen. Parkour One war damals wichtig für mich." Parkour One ist die Vereinigung der deutschsprachigen Parkour-Community mit Regionalvertretungen in Berlin, Hamburg und weiteren Städten in Deutschland und der Schweiz. Danach beschäftigte sich Bartz mit "Natural Movement". Die "natürliche Bewegung" beschreibt eine mit natürlichen Mitteln erreichte, umfassende Fitness und wird oft barfuß, und nur mit einer kurzen Hose bekleidet, praktiziert. Durch natürliche Bewegungsmuster werden die Muskeln gestärkt. In dem ganzheitlichen Ansatz werden Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination nicht getrennt voneinander trainiert sondern gemeinsam.
Von der Natürlichkeit war der Weg zu Ido Portals ebenso ganzheitlichem Bewegungskonzept nicht mehr weit. Bei Bartz' Ansatz kommt noch das Urbane hinzu. Für ihn gehört beides zum Training: der Wald wie die Stadt, der Innenraum einer Boulderhalle wie die Parklandschaft des Velodrom. Je länger er sich mit Bewegung und seinen Facetten beschäftigte, desto mehr veränderte sich seine Sicht auf die Stadt. "Unser Blick hat einen bestimmten Filter. Wir sind ja so erzogen worden. Natürlich ist zum Beispiel das Geländer zum Festhalten da." Aber der neue, zusätzliche und veränderte Filter sieht in dem Geländer auch ein Trainingsgerät, sagt er.
"Ich kann das alles so nutzen und es im nächsten Moment umnutzen. Man hat die Freiheit und ist nicht an die Konformität gebunden."
Somit gleicht die Beschäftigung mit Bewegung einer Neuentdeckung der Stadt. Wer sagt, dass der Bürgersteig nicht für Bodenübungen gemacht ist? Können die Stufen auch als Sprungschanze genutzt werden? Ist eine Wand nur eine Wand oder der Platz für Dehnübungen und Handstände? Die Stadtnutzungsordnung hört sich in diesem Zusammenhang noch bürokratisch-entmenschlichter an als ohnehin schon, vor allem wer Bewegung so betrachtet wie Bartz. Für ihn wird die Stadt zur großen Entdeckungsfläche, voll mit Werkzeugen, Geräten, Möglichkeiten. Das gleiche gilt für die Natur, den Wald. Deshalb sind seine Lieblingsorte sowohl in Berlin als auch im Umland zu finden und im französischen Fontainebleau, wo er oft ist. Ihn ziehe das Echte und Einfache an.
Mittlerweile haben wir mehrere Runden gedreht. Die Gedanken und Begriffe um Bewegung und Entwicklung, um Authentizität und Simplizität scheinen hier noch mehr zu fliegen als sonst wo. Es liegt an dem Perraultfeld und daran wie unsichtbar-präsent die Bauten des Franzosen sind. Sie scheinen noch leichter, noch flüchtiger zu sein, wenn der Berliner Himmel sich so weit darüber spannt wie heute. Geradezu olympisch und passend zum Bewegungsdrang.

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© Joseph Bartz Training
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Training im Stadtraum

Von Jan Dimog Autor, Blogger und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .