Die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war die große Zeit der Filmtheater. Zunächst nur kleine Schuhschachteln ergänzten später wahre Paläste die klassischen Theater. Unterhaltung war nun auch für die breite Bevölkerung erschwinglich. Entlang des Berliner Kurfürstendamms entstanden so vielfältige Häuser wie die Filmbühne Wien, das Gloria oder das Marmorhaus. Auch sie begründeten den Mythos der Filmmetropole Berlin. Die Plakate waren handgemalt. Vor den funkelnden Eingängen bildeten sich lange Schlangen. Mit der Verbreitung des Fernsehers in den Sechzigern und dem späteren Boom der Multiplex-Kinos kam der Niedergang. Viele Filmtheater mussten schließen. Schlangen bilden sich auch heute wieder vor den historischen Bauten. Allerdings kommen Computer, Smartphones und andere Klamotten in die Tasche, statt bewegte Bilder vor die Augen. Vom ehrwürdigen kinematographischen Charme blieb nicht viel übrig. Einzig die Astoria Filmlounge und das Cinema Paris haben ihren Platz nach einem Upgrade behaupten können. Am nahegelegenen Breitscheidplatz eröffnete glücklicherweise der legendäre Zoo-Palast nach einer gelungenen Neukonzeption.
Auch in der Tejo-Metropole reihten sich die meisten Lichtspielhäuser entlang einer der bedeutendsten Lissaboner Prachtstraßen. An und um die Avenida da Liberdade gab es jede Menge magischer Filmtheater. Einige dieser Häuser haben heute eine neue Funktion, andere begeistern noch immer mit fantastischen Reisen in andere Welten. Unser Spaziergang zu Lissabons legendären Lichtspielhäusern:

Teatro Tivoli

Das feine Teatro Tivoli war das Kino des Lissaboner Bürgertums. Der Kulturmäzen Frederico de Lima Mayer beauftragte den renommierten portugiesischen Architekten Raul Lino da Silva für den Entwurf des Lichtspielhauses. Zuvor hatte er in Großbritannien und Deutschland studiert und gearbeitet. Mit 1088 Sitzplätzen wurde es im November 1924 feierlich eröffnet. Mit einem neo-klassizistischen Schwung legt sich das Haus um die Straßenecke. Den Eingang krönt eine Kuppel mit Laterne. Gezeigt wurden große amerikanische Filmproduktionen von Chaplin, Strohheim und DeMille, als auch europäische Werke von Lubitsch und Murnau. In den Pausen konnte das Theater in einen Konzert- oder Ballettsaal verwandelt werden. In den 1940er Jahren fanden für Liebhaber auch Matineen klassischer Filme statt. 1994, im Kulturhauptstadtjahr Lissabons, fiel hier der letzte Vorhang. Gezeigt wurde eine restaurierte Fassung des Leoparden. Heute werden im Teatro Tivoli Veranstaltungen aller Art aufgeführt: Konzerte, Comedy, Ballett und vieles mehr.

Adresse: Avenida da Liberdade 182-188, Lissabon; Metro Avenida

www.teatrotivolibbva.pt

Teatro Tivoli um 1925.
Teatro Tivoli um 1925 © Arquivo Municipal de Lisboa
Teatro Tivoli.
Teatro Tivoli © Hendrik Bohle

Cinema São Jorge

Ein feiner Vorhang aus Beton schimmert durch das Grün der Bäume. Schräg gegenüber des Tivoli wurde 1950 das Cinema São Jorge errichtet. Sein Vorführsaal war damals der größte der Stadt. Unter der Leitung des Architekten Fernando Silva entstand das Haus innerhalb von nur drei Jahren. Eine breite Treppe führt in das sachliche Foyer. Darüber begrenzt ein schwarz-weißes Lichtband den weit auslandenden Balkon. Einer Loge gleich fällt von hier der Blick auf das städtische Treiben des breiten Boulevards. Das Haus war berühmt für seine perfekten Inszenierungen. Jede Vorführung wurde durch einen kräftigen Gongschlag eröffnet. Den Klöppel schwang stets ein ebenso kräftiger Athlet. Gezeigt wurden Filme von François Truffaut, Frederico Fellini und Pier Paolo Pasolini. Seine "120 Tage von Sodom" landeten aber auch hier weit hinten im Giftschrank. Mitte der Siebzigerjahre ging das Kino an die Cinema International Corporation (CIC). Das US-Unternehmen war zuständig für den Kinoverleih der Filmstudios Metro-Goldwyn-Mayer, Universal Pictures und Paramount Pictures im nicht-amerikanischen Raum. Der feierliche Saal wurde daraufhin in drei kleinere Vorführräume unterteilt. Ein üblicher Vorgang zu dieser Zeit. Ab 2001 blieb das Kino für einige Jahre geschlossen. Seit seiner Wiedereröffnung 2008 finden hier wieder Filmvorführungen und andere Veranstaltungen statt.

Adresse: Avenida da Liberdade 175, Lissabon; Metro Avenida

Cinema São Jorge

Cinema São Jorge um 1950.
Cinema São Jorge um 1950 © Armando Serôdio
Cinema São Jorge.
Cinema São Jorge © Hendrik Bohle
Cinema São Jorge.
Cinema São Jorge © Hendrik Bohle
Cinema São Jorge.
Cinema São Jorge
Cinema São Jorge.
Cinema São Jorge © Hendrik Bohle

Teatro Maria Vitória

Obwohl kein klassisches Lichtspielhaus sollte dieses kleine Revuetheater auf dieser Tour unbedingt erwähnt werden. Es liegt etwas zurückversetzt an der Avenida da Liberdade in der Nähe der Metrostation Avenida und markiert den Eingang des legendären Parque Mayer. Der Sommer-Vergnügungspark entstand im ehemaligen Garten des Stadtpalastes der Familie Lima Mayer. Von 1918 bis 1922 wurde hier zunächst ein Spielcasino betrieben. Am 1. Juli 1922 eröffnete das Theater schließlich nach Plänen des Bauhaus-Architekten Adolf Meyer. Das denkmalgeschützte Haus wurde damals in Anerkennung der populären Revue-Schauspielerin und Fado-Sängerin Maria Vitória benannt. Es war das Initial zur Entwicklung eines der beliebtesten Theaterviertel der Stadt. Es folgten weitere Theater: 1926 das Teatro Variedades, 1931 das Teatro Capitolio und 1956 das Teatro ABC. Bis auf das Teatro Maria Vitória sind allerdings alle Etablissements heute außer Betrieb und vom Abriss bedroht.

Adresse: Parque Mayer, Lissabon; Metro Avenida

Teatro Maria Vitória

Teatro Maria Vitória.
Teatro Maria Vitória © Hendrik Bohle
Teatro Maria Vitória.
Teatro Maria Vitória © Hendrik Bohle
Teatro Variedades.
Teatro Variedades © Hendrik Bohle

Teatro Condes

Knallrot markiert das Teatro Condes die nördliche Flanke des Praça dos Restauradores. Dessen Ecklage wir durch einen aufgesetzten Rundbau und ein Gips-Relief des Künstlers Arístides Vaz, auf dem Tragedia Cinema zu lesen ist, zusätzlich betont. Das Filmhaus wurde 1951 in der Hülle des alten Teatro da Rua dos Condos von dem portugiesischen Architekten Raul Tojal entworfen. Der schlichte Saal im Stil des Modernismus hatte ursprünglich zwei Balkonebenen. Das Condes verhalf unter anderem Filmstars wie Eleonora Duse zum Durchbruch. 1990 wurde es geschlossen und 2003 als Hard Rock Café wiedereröffnet. Vom ursprünglichen Innenausbau ist nach der vollständigen Entkernung leider nichts erhalten geblieben.

Adresse: Avenida da Liberdade 2, Lissabon

Hard Rock Café Lisboa

Teatro Condes.
Teatro Condes © Hendrik Bohle
Teatro Condes.
Teatro Condes © Hendrik Bohle
Teatro Condes.
Teatro Condes © Hendrik Bohle

Teatro Olímpia

Das Olímpia war das älteste Kino im Umkreis der Avenida da Liberdade. Es wurde am 22. April 1911 in der Rua dos Condes, unmittelbar hinter dem Teatro Condes, eröffnet. Bis in die 1920er Jahre wurden hier expressionistische Streifen wie etwa "Das Kabinett des Doktor Caligari" gezeigt. Große portugiesische Filme hatten hier ihre Uraufführung. Es fanden glamouröse Matineen und Konferenzen statt. Später verlor das Olímpia immer mehr an Bedeutung. Große Filmproduktionen bevorzugten noch größere Filmpaläste. Das Lichtspielhaus tauschte das í gegen ein y aus. Fortan bestimmten B-Movies das Programm. Nach der Nelken-Revolution 1974 spezialisierte man sich auf Pornos – erst hetero dann homo. Die Einrichtung blieb über fast hundert Jahre dieselbe. 2004 wurde das Haus endgültig geschlossen. Spätere Planungen zur Revitalisierung scheiterten bisher an der Finanzierung.

Adresse: Rua dos Condes, Lissabon

Cinema Olympia um 1911.
Cinema Olympia um 1911 © Restos Decoleccao

Teatro Éden

Was für eine Erscheinung. Auch nach dem ungelenken Umbau des Teatro Éden zu einem Groß-Hotel ist der Glamour des einst prächtigsten Filmhauses der Hauptstadt noch zu spüren. Leider sind nur noch Fassadenfragmente des Art déco-Gebäudes erhalten geblieben. Entworfen wurde es 1931 von den Architekten Cassiano Branco und Carlo Florencio Dias. Das Éden zählt zu den wichtigsten noch erhaltenen Bauwerken dieser Stilbewegung. Ursprünglich führte ein Fahrstuhl vom Parkett zu den einzelnen Etagen des Saals. Die Zuschauerränge waren damals noch hierarchisch streng getrennt. Das Bürgertum auf den oberen Etagen mit einem großräumigen Salon. Das gemeine Volk fand selbstverständlich darunter Platz. 1989 war Schluss. Wim Wenders nutze das brachliegende Gemäuer noch einmal als Drehort für seinen Film "Bis ans Ende der Welt". Dann stand es einige Jahre leer, bis es Mitte der Neunzigerjahre eine schonungslose Sanierung erhielt. Dort wo früher riesige Plakate das Filmprogramm ankündigten, riss man große Öffnungen ein. Dahinter entstand eine gewöhnliche Stahl-Glas-Fassade für die Hotelzimmer.

Adresse: Praça dos Restauradores 24, Lissabon

VIP Executive Éden Aparthotel

Teatro Éden um 1935.
Teatro Éden um 1935 © Arquivo Municipal de Lisboa
Teatro Éden um 1935.
Teatro Éden um 1935 © Arquivo Municipal de Lisboa
Teatro Éden um 1935.
Teatro Éden um 1935 © Arquivo Municipal de Lisboa
Teatro Éden.
Teatro Éden © Hendrik Bohle
Teatro Éden.
Teatro Éden © Hendrik Bohle
Teatro Éden.
Teatro Éden © Hendrik Bohle

Animatógrafo do Rossio

Das Kino unweit des Rossio am Ende der Rua dos Sapateiros zählt zu den drei ältesten Kinos der Stadt. Es wurde 1907 von den Brüdern José und Ernesto Cardoso Correia eröffnet. Gerade einmal hundert Zuschauer fanden hier Platz. Die reich dekorierte Jugendstilfassade mit ihren organischen Schwüngen ist mit Kacheln von Jorge Pinto verziert. Zudem schmücken dunkelgrüne, pseudo-barocke Holzschnitzereien den Kartenverkauf, der links und rechts vom Ein- und Ausgang gerahmt wird. Die Ansicht gilt als eines der repräsentativsten Beispiele der portugiesischen Ausprägung des Jugendstils. Nach einer Varietébühne und einem Kindertheater ist auch hier schließlich eine Peepshow mit Sexshop eingezogen.

Adresse: Rua dos Sapateiros, Lissabon

Animatógrafo do Rossio um 1907.
Animatógrafo do Rossio um 1907 © José Artur Leitão Bárcia
Animatógrafo do Rossio um 1970.
Animatógrafo do Rossio um 1970 © Armando Serôdio
Animatógrafo do Rossio.
Animatógrafo do Rossio © Hendrik Bohle

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .