"Ein faszinierendes Eintauchen in die Architektur", so beschreibt der YouTube Kanal des amerikanischen Arts & Culture Bureau die Zusammenstellung an aktuell 53 Architekturdokumentationen. Was sie auf ihrer Seite präsentieren, ist nichts Geringes als ein großartiges Filmarchiv der globalen Großarchitektur. Die von ARTE France und Les Film d'Ici produzierten Dokumentationen erkunden und erklären architektonische Errungenschaften der Welt. Die bis 26-minütigen Filme thematisieren Bauten und Projekte, die über Landesgrenzen und ihre Zeit hinaus, signifikant und wichtig waren und sind. Die in englischer Sprache besprochenen Architekturausflüge bestechen durch exzellente Qualität und sind an manchen Stellen cinematografische Verneigungen vor den vorgestellten Kreativen und Kreationen. Wir widmen uns dreien der über 50 Dokumentationen.

Centre Georges-Pompidou, Paris

Der Auftrag

Der französische Staatspräsident Georges Pompidou regierte von 1969 bis 1974. Eine seiner ersten Maßnahmen war der Beschluss des Baus eines neuen staatlichen Kunst- und Kulturzentrums.

Die Architekten und der Ingenieur

Die jungen Architekten Renzo Piano aus Italien und Richard Rogers (England) reichten ihren Entwurf mit der Nummer 493 kurz vor Abgabeschluss ein – und waren damit erfolgreich. Wichtig: der Beitrag des Ingenieurs und Mathematikers Peter Rice, dessen Lösungen und Berechnungen essentiell waren für die Realisierung des Projekts.

Die Architektur

Monstrosität und Beleidigung: so bezeichneten die Pariser den Eiffelturm. Fast ein Jahrhundert später hatte sich die Beschimpfungskreativität nicht weiterentwickelt, dafür aber die Architektur. Denn was nun ebenfalls als ungeheurer Affront geschmäht wurde, war vielmehr ein architektonischer Sprung – über den architektonischen Diskurs um Modernismus und Postmoderne. Die offenen Stockwerke des mehrgeschossigen Gebäudes werden von einem Eisen-Stahl-Außenskelett gestützt. Gebäudetechnik und Erschließung sind sichtbar an den Außenseiten angeordnet. Tragwerk und Rohre sind dabei farblich unterscheidbar: Tragwerk und Belüftungsrohre sind weiß, Rolltreppen rot, Elektrik gelb, Wasserrohre blau und Rohre der Klimaanlage grün. 2017 feiert der bahnbrechende Bau, der eine Generation von Architekten, Ingenieuren und Künstlern fasziniert hat, 40-jähriges Jubiläum. Zeit für eine Paris-Reise zum "Monster" bzw. zur La Raffinerie, wie die Hauptstädter das Centre Georges-Pompidou nennen.

Centre Pompidou.
Centre Pompidou © Jan Dimog
Centre Pompidou.  Wurde 1977 eröffnet. Länge: 165,4 m, Breite: 60 m, Höhe: 42 m. Deckenhöhe der Stockwerke: 7 m. Baukosten: etwa 500 Millionen Franc (ca. 76 Millionen Euro).
Centre Pompidou Wurde 1977 eröffnet. Länge: 165,4 m, Breite: 60 m, Höhe: 42 m. Deckenhöhe der Stockwerke: 7 m. Baukosten: etwa 500 Millionen Franc (ca. 76 Millionen Euro). © Jan Dimog

Jüdisches Museum, Berlin

Der Auftrag

Auftraggeber war die Stiftung Jüdisches Museum Berlin. Zum 300. Jahrestag der Jüdischen Gemeinde zu Berlin 1971 entstand die Idee einer Neugründung des Berlin Museums. Aus der Jüdischen Abteilung des ehemaligen Berlin-Museums für Berliner Geschichte sollte das neue Jüdische Museum entstehen. Der Weg von der Idee, noch in der Zeit vor dem Mauerfall 1989 im Westteil Berlins ein Jüdisches Museum zu gründen, bis zur Konzeption seiner Dauerausstellung war lang und von Kontroversen geprägt.

Der Architekt

Daniel Libeskind gewann 1989 mit seinem Entwurf den ersten Preis des Wettbewerbs für die Erweiterung.

Die Architektur

Das Jüdische Museum Berlin besteht aus zwei Gebäuden, dem barocken Altbau des Kollegienhauses und dem Libeskind-Neubau im Stil des Dekonstruktivismus. Beide Häuser haben keine oberirdisch sichtbare Verbindung. Sie sind durch das Untergeschoss miteinander verbunden. Oberirdisch an den Altbau ist ein weiterer Neubau angeschlossen, der als Gruppeneingang und Garderobe dient und einen Zugang zum Garten hat. 2007 eröffnete das Museum den ebenfalls von Libeskind entworfenen neuen Glashof. Seit 2012 wird das Ensemble durch die gegenüberliegende Akademie des Jüdischen Museums Berlin in der ehemaligen Blumengroßmarkthalle ergänzt.
Er habe das Gebäude nicht erfinden und recherchieren müssen, so Libeskind zu seinem Museumsentwurf. Besonders eindrucksvoll sind die Leerräume – die Voids – und die Übergänge mit den drei Achsen der deutsch-jüdischen Erfahrung. Fenstereinschnitte durchziehen die Zinkverkleidung der Fassade. Das Zickzack, die Fragmente und Linien stehen für die deutsch-jüdischen Beziehungen. Hinzu kommen Schrägen, Asymmetrie, Winkel und der labyrinthische Garten. Gleichzeitig habe ich in diesem Bau nicht das Gefühl in einer der Vergangenheit verhafteten Dauererinnerung zu sein – das Gebäude steht auch klar im Jetzt und Hier. Es macht, so das Museum in einer Erklärung, "die Kontinuität und Hoffnung auf ein Miteinander sicht- und fassbar."

Ensemble.  Luftaufnahme Jüdisches Museum Berlin, Altbau und Libeskind-Bau
Ensemble Luftaufnahme Jüdisches Museum Berlin, Altbau und Libeskind-Bau © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Günter Schneider
Zinkverkleidet.  Die Fassade des Jüdischen Museums Berlin
Zinkverkleidet Die Fassade des Jüdischen Museums Berlin © Hendrik Bohle
Glashof.  Innenansicht Jüdisches Museum Berlin
Glashof Innenansicht Jüdisches Museum Berlin © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe
Außenansicht.  Jüdisches Museum Berlin
Außenansicht Jüdisches Museum Berlin © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Deutscher Pavillon, Barcelona

Der Auftrag

Die Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie der Weimarer Republik: dafür sollte der Ausstellungspavillon auf der Weltausstellung 1929 in Barcelona stehen. Der Pavillon sollte symbolisch diese Stärke und Modernität ausstrahlen.

Der Architekt

"Weniger ist mehr", deklarierte Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969). Sein Ziel waren kontemplative, nüchterne Räume und Flächen, die eine Architektur der Offenheit und Ehrlichkeit zeigen sollten. Beim Bau des Pavillons folgte der damals 40-jährige Star der deutschen Architektur auch dieser Leitlinie: "Wir müssen wegkommen von der Kälte des Funktionalismus."

Die Architektur

Ein Mysterium: der Pavillon existierte lange Zeit nur als Fotografie. Wie alle temporären Konstruktionen der Weltausstellung wurde es 1930 kurz nach dem Ende der Schau abgerissen. Zum Glück gab es die Bilder. Von 1981 bis 1986 wurde der Pavillon als Replik wiederaufgebaut. Was sieht der Besucher? Raster, Linien und Kanten. Marmor, Travertin und Onyx. Stahl, Glas und Wasser. Dreifache Dreiklänge, die zu einer Komposition zusammenfinden, die ich zunächst einfach zu dechiffrieren finde. Es gibt Bauten, die sind so: Kasten und Klotz, verstanden. Und dann gibt es solche, die vermeintlich simpel zu begreifen sind. Da ist ein Bau, der wie ein Empfangsgebäude für Festivitäten aussieht. Wie ein filigranes Gartenhaus der Bauhaus-Ära. Beides lässt sich hier finden. Die Irritationen, die Sprünge, die versetzten Wände, die Nicht-Linearität: all das kommt beim Pavillon schubweise. Wer in einem Zen-Garten in Japan war, kennt das Gefühl: schön! Leicht zu erfassen. Doch je länger man das Gesamtspiel betrachtet, desto mehr entdeckt man. Die puristische Raffinesse, eine rätselhafte Offenheit, eine Symmetrie, in die leichte, kaum wahrnehmbare Störungen eingewoben sind. Dieses Jahr ist der Neubau 30 Jahre alt geworden. Vor der Reise zum vierzigsten Jubiläum des Centre Pompidou im nächsten Jahr, sollte zuvor noch ein Ausflug nach Barcelona drin sein.

Deutscher Pavillon Barcelona.
Deutscher Pavillon Barcelona © Jan Dimog
Deutscher Pavillon Barcelona.
Deutscher Pavillon Barcelona © Hendrik Bohle
Klanginstallation "Microtonal Wall" im Pavillon.  Von Tristan Perich. Jeder der 1500 Lautsprecher spielt eine eigene mikrotonale Frequenz. Die temporäre Wand ist im Juni 2016 installiert worden.
Klanginstallation "Microtonal Wall" im Pavillon Von Tristan Perich. Jeder der 1500 Lautsprecher spielt eine eigene mikrotonale Frequenz. Die temporäre Wand ist im Juni 2016 installiert worden. © Fundacio Mies van der Rohe
Klanginstallation "Microtonal Wall" im Pavillon.
Klanginstallation "Microtonal Wall" im Pavillon © Fundacio Mies van der Rohe

"Wo echte Konstruktion auf echte Inhalte trifft, entstehen echte Werke ..."

Ludwig Mies van der Rohe, (1886–1969), deutsch-amerikanischer Architekt

Von Jan Dimog Autor, Redakteur und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .