C/O Berlin. Das Amerika Haus in Berlin-Charlottenburg, der Standort von C/O Berlin seit Oktober 2014.
C/O Berlin Das Amerika Haus in Berlin-Charlottenburg, der Standort von C/O Berlin seit Oktober 2014. © David von Becker

Der Westen brummt. Sein altes, neues Herz ist der Bahnhof Zoo. Autofahrer hupen, Busse schnaufen und oben im Bahnhof rollen S-Bahnen quietschend ein. Rund um den Hardenbergplatz blicken Touristengruppen auf ihre Smartphones und hoffen auf Orientierung, Geschäftsleute und Angestellte eilen zwischen den Pulks entlang und hoffen auf grüne Ampelschaltungen. Schon 1974 war die nahe Joachimsthaler Straße laut einer Zählung der fußgängerreichste Ort in Westberlin. Das heutige Ziel der Menschen ist das alte, neue Westberlin: Gedächtniskirche und Tauentzienstraße, Bikini-Haus und der Zoo-Palast, Ku'damm und Apple-Store. Hochhäuser werden hier inzwischen auch gebaut.
Das feine, nüchterne Amerika Haus wirkt in dieser Entwicklung noch zurückgenommener und sachlicher – beinah wie ein Fünfzigerjahre-Zwischenruf in all dem "Der Westen ist zurück"-Getöse. Dabei war der Umzug der gemeinnützigen Fotostiftung C/O Berlin hierher und die Wiedereröffnung des Amerika Hauses im Herbst 2014 wie eine weitere Bestätigung des West-Spektakels. Was passt, denn Lärm und Unruhe sind Teil der Geschichte dieses International Style-Schmuckstücks. Hier diskutierte man hart und erbittert, das Gebäude wurde mit Eiern, Steinen und Molotow-Cocktails beworfen, mit Stacheldraht gesichert, RAF-Sympathisanten besetzten das Dach und der internationale Terror brachte das Kulturleben beinah völlig zum Erliegen.
Zur Wiedereröffnung des Hauses am 30. Oktober 2014 erschien die Publikation "Pop, Politik und Propaganda – Das Amerika Haus Berlin im Wandel der Zeit" von Hans Georg Hiller von Gaertringen, herausgegeben von der C/O Berlin Foundation im Hatje Cantz Verlag. Auf 168 Seiten und in sieben Kapiteln beleuchtet von Gaertringen die spannungsgeladene Geschichte eines politischen Bauwerks, um das immer wieder gerungen und gekämpft wurde. Es schien als Zentrum und Zielscheibe wie für die weltpolitischen und innerdeutschen Auseinandersetzungen gemacht. Wer noch nie den Bau gesehen, aber seine wilde Geschichte gehört hat, vermutet wahrscheinlich eine Aggressionsarchitektur, gewappnet für den Kampf im Kalten Krieg und für die Umerziehung der Westberliner. Und dann steht man vor diesem filigranen Transparenzhaus und sieht eine gebaute Einladung mit viel Glas.

Amerika Haus. Ansicht von oben, 1957
Amerika Haus Ansicht von oben, 1957 © Alliierten Museum Berlin und C/O Berlin
Amerika Haus, 1952. Bücherauto vor dem alten Amerika Haus
Amerika Haus, 1952 Bücherauto vor dem alten Amerika Haus © Alliierten Museum Berlin und C/O Berlin

"Es soll anziehen, auf sich aufmerksam machen, jedem Passanten signalisieren, dass er hier willkommen ist ... zugleich soll das Haus nicht pathetisch wirken, aber auch nicht alltäglich. Es soll nichts mit den ehrfurchtgebietenden Kulturtempeln der Vergangenheit gemein haben, aber auch nicht so banal wie eine Bankfiliale oder Grundschule aussehen."

Hans Georg Hiller von Gaertringen

Die Balance aus "Freundlichkeit und Feierlichkeit", so der Autor, passte gut zum Wunsch des Auftraggebers. Das Außenministerium der USA wollte ein Gebäude, das "new, clean, spectacular and American" war. Das Amerika Haus in Westberlin sollte wie die anderen 28 in Westdeutschland der Kulturpolitik, Demokratieerziehung und dem Kampf gegen den Kommunismus dienen. Dass sich die gradlinige, funktionale Architektur durchsetzte, verdanken wir auch dem Berliner Senatsarchitekten Bruno Grimmek (1902–1969), der für zahlreiche, wichtige Bauten in Westberlin verantwortlich war. So hatte der erfahrene Architekt die ersten neuen U-Bahnhöfe der Linien 6 und 9 und mehrere Gebäude auf dem Messegelände (z. B. die Schwermaschinenhalle, 1956) entworfen und geplant. Grimmek übernahm Elemente des Entwurfs von Gordon Bunshaft (1909–1990), dem Chefentwerfer des Chicagoer Büros Skidmore, Owings an Merrill (SOM), der aber bei der Umsetzung des Amerika Haus nicht zum Zug kam. Stattdessen passte Grimmek die Bunshaft-Ideen an. So legte der Berliner Wert auf eine klarere Trennung der einzelnen Bereiche. Foyer und Bibliothek wurden voneinander separiert, die Galerie kam in das Obergeschoss und der Ausstellungsraum schob sich nun als Kubus nach außen. Die Freistellung des langen Gebäuderiegels, der Wechsel von Glas und Ziegelwänden und die offene Raumgestaltung gehen auf den SOM-Planer zurück.
Die Reaktionen auf das Amerika Haus waren euphorisch. Die Berliner strömten zu den Lesungen und Ausstellungen. Sie sahen unter anderem den Schriftsteller Thornton Wilder, den Schauspieler Sidney Poitier und die Arbeiten von Lyonel Feininger und Frank Lloyd Wright. Eine Epoche und ein Mauerfall später reagierten Berliner und Hauptstadt-Besucher ähnlich verzückt. C/O Berlin war eingezogen. Als das Gebäude nach mehrjähriger Modernisierung wiedereröffnete, kamen am ersten Tag über 1500 Menschen in die neuen Räume von C/O Berlin. So knüpften die Macher nahtlos an die große Abschiedsdauerparty im Postfuhramt in Mitte an, wo C/O lange Zeit beheimatet war. Ich erinnere mich an lange Schlangen, noch längere Wartezeiten und Massenspektakel, aber auch an echtes Großinteresse an Fotografie und Fotokunst-Happenings. Eine Leistung von C/O Berlin, die angesichts der Bilderlawinen in den sozialen Netzwerken und der Instagramisierung des Alltags nicht hoch genug bewertet werden kann. Die C/O Berlin-Zeit in der Oranienburger Straße scheint lange her zu sein, auch die Wehmut, die mit dem Weggang der Kulturinstitution in diesem Teil von Mitte einherging, ist fort. Nun hat die Fotografie im Amerika Haus ein neues, wichtiges Zentrum. "Pop, Politik und Propaganda" ist hierfür die gelungene, konsequent in schwarzweiß gestaltete, Begleitung in ihrer Verbindung aus Inhalt, Ästhetik und Logik, aus Monografie, Geschichtsreise und Fotoessay.

Café. Im C/O Berlin, Amerika Haus
Café Im C/O Berlin, Amerika Haus © David von Becker
Ausstellungsraum. Im C/O Berlin, Amerika Haus
Ausstellungsraum Im C/O Berlin, Amerika Haus © David von Becker

"Die Qualitäten des Gebäudes, seine Offenheit, Leichtigkeit und Eleganz, waren uns von Anfang an bewusst. Deshalb sollte die Transparenz der Architektur erhalten bleiben bzw. wiederhergestellt werden, und der Originalzustand von 1957 sollte so weit wie möglich wiedergewonnen werden."

Felix Hoffmann, Kunsthistoriker und seit 2005 Hauptkurator von C/O Berlin, betreute die Umbauarbeiten im Amerika Haus.
Abstrakt. Die Lösung des Architekten Bruno Grimmek für die große Fläche des Kubus: eine Abstraktion der amerikanischen Flagge als Mosaik mit den originalgetreu wiederhergestellten Lettern.
Abstrakt Die Lösung des Architekten Bruno Grimmek für die große Fläche des Kubus: eine Abstraktion der amerikanischen Flagge als Mosaik mit den originalgetreu wiederhergestellten Lettern. © Jan Dimog
Neues Fotografiehaus. Seit Herbst 2014 ist C/O Berlin im Amerika Haus.
Neues Fotografiehaus Seit Herbst 2014 ist C/O Berlin im Amerika Haus. © Jan Dimog
Foyer. Licht und freundlich. Der Naturstein im Foyer, Solnhofener Plattenkalk, ist wieder sichtbar.
Foyer Licht und freundlich. Der Naturstein im Foyer, Solnhofener Plattenkalk, ist wieder sichtbar. © Jan Dimog
Perspektiven. Treppenhaus
Perspektiven Treppenhaus © Jan Dimog
Linienführung. Im Obergeschoss
Linienführung Im Obergeschoss © Jan Dimog
Ausschnitte. Treppenhaus im Foyer
Ausschnitte Treppenhaus im Foyer © Jan Dimog

"Ist das Amerika Haus ein dezentes, antihierarchisches Gebäude?"
"Nein, auf keinen Fall. Es kommt nicht ohne die große Geste aus. Der schwebende Kubus über der verglasten Eingangsfront will Wirkung entfalten. Es geht bei dem Gebäude nicht um Bescheidenheit."

Holger Sack, Architekt mit Schwerpunkt Denkmalpflege und Sanierung. Im Auftrag der senatseigenen Berliner Immobilien Management GmbH führte er die Sanierung des Amerika Hauses durch.

C/O Berlin verlässt das Postfuhramt ...

... und zieht nach mehrjähriger Modernisierung ins Amerika Haus.

Von Jan Dimog Autor, Blogger und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .