Stadt, Licht & Bewegung von Waref Abu Quba

Darmstadt sieht düster aus. Die Kamera fährt elegant hoch und senkt sich wieder in die Fläche. Dann setzen perkussive Piano-Töne ein und verfremdete Glockenklänge begleiten den Start, in dem die Kamera in die Repräsentationsbauten hineinzufliegen scheint. Mitte Juni hat der syrische Regisseur Waref Abu Quba seinen knapp 8 Minuten langen Kurzfilm online gestellt. Über 25.000 mal wurde "Stadt, Licht & Bewegung" bereits geschaut.
Nachdem er seine Heimat Syrien 2011 wegen des Krieges verlassen hat, kam er über Umwege in Jordanien und in den Vereinigten Arabischen Emirate 2014 nach Darmstadt. Zuvor hat der heute 31-Jährige Kunst in Damaskus studiert, Kunst ist seine Sprache geblieben. "Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte", erwidert er auf die Frage, was Kunst für ihn bedeutet. "Ich war neu in Deutschland, konnte die Sprache nicht und so habe ich gedacht: Kunst ist der Weg! Seit meiner Kindheit bin ich von Bilder fasziniert, sei es als Animation oder Videospiel – meine einzige Frage war: wie machen die das?"
Diese Frage beantwortete er autodidaktisch mit Hilfe des Internets und Anleitungsvideos. Doch bevor er sich dem Medium voll widmen konnte, kam die Emigration aus Syrien und die Ankunft in Darmstadt.
"Die Stadt ist nach über zweieinhalb Jahren meine zweite Heimat geworden, ich habe hier Freunde und Familie. Ich war zuvor noch nie in Deutschland oder überhaupt in Europa. Ich war von allem fasziniert: den Straßen, den Gebäuden, den Menschen. Ich wollte das Gefühl dieser ersten Tage einfangen, weil ich noch nicht daran gewöhnt war."
Was ihn besonders eingenommen hat, war der Jugendstil und die Tatsache, dass "es diesen architektonischen Mix aus alt und neu gibt, die nebeneinander bestehen können. Hinzu kommen ja noch gotische, barocke und Renaissance-Elemente. Was mich beschäftigt hat, war, dass Darmstadt ja nach dem Zweiten Weltkrieg zerstört war und danach so aufgebaut werden konnte wie zuvor. Ich denke, dass wir Syrer das in Syrien auch hinbekommen können und wir dem Land nach dem Krieg wieder seine Identität und sein Erbe wiedergeben können."

Langer Ludwig. Aus Stadt, Licht & Bewegung
Langer Ludwig Aus Stadt, Licht & Bewegung
Waref Abu Quba. Künstler und Filmemacher aus Syrien und Darmstadt
Waref Abu Quba Künstler und Filmemacher aus Syrien und Darmstadt
Hochzeitsturm. Aus Stadt, Licht & Bewegung
Hochzeitsturm Aus Stadt, Licht & Bewegung
Stadttheater. Aus Stadt, Licht & Bewegung
Stadttheater Aus Stadt, Licht & Bewegung
Mathildenhöhe. Aus Stadt, Licht & Bewegung
Mathildenhöhe Aus Stadt, Licht & Bewegung

"Ich mag die Mathildenhöhe. Ich mag Städte, die Berge haben, was daran liegt, dass ich aus einer bergigen Gegend in Syrien komme."

Waref Abu Quba

Seinen Film hat Abu Quba klassisch in drei Akte strukturiert. Der erste heißt "First Movement: Stadt / City", an den sich "Second Movement: Licht / Light" anschließt. Der letzte, schnelle und kinetische Akt "Third Movement: Bewegung / Movement" beendet das Stück, das auch musikalisch dreifach unterscheidbar ist. Markus Nestele, Suad Bushnaq und Abel Okugawa haben dem Film musikalisch eine ätherisch-kraftvolle Stimmung irgendwo zwischen Ambiente-Jazz und Klangkunst gegeben. Zusammengenommen gleicht "Stadt, Licht & Bewegung", der über einen Zeitraum von 18 Monaten entstanden ist, einem Spiel der Farben, Formen und Fantasien. Da Darmstadt Grundlage und Farbpalette für Abu Quba zugleich war, kann er seiner neuen Heimatstadt kein größeres Kompliment machen als das: Dear Darmstadt, ich mag deine Bauten und Anhöhen, dein Zentrum und Aussehn. Ich mag die Bewegung und den Himmel, deine Straßenbahnen und Jahrmärkte, den Stil und deine Denkmäler. Kein Wunder also, dass der Regisseur die Mathildenhöhe (mit darmstädtischen Sonnenuntergang) als einen seiner Lieblingsorte angibt. Das wiederum ist sehr undüster.

Farbpalette Darmstadt als Grundlage für eine filmische Liebeserklärung

. Aus Stadt, Licht & Bewegung
Aus Stadt, Licht & Bewegung
. Aus Stadt, Licht & Bewegung
Aus Stadt, Licht & Bewegung
Hochzeitsturm, Darmstadt.
Hochzeitsturm, Darmstadt © Hendrik Bohle

Zum Interview mit Waref Abu Quba (auf Englisch): hier

Von Jan Dimog Autor, Blogger und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .