"Auf der Nordseite der Stalinallee entsteht nach den Ost-Berliner Plänen das 'gesellschaftlich wichtigste Bauwerk': ein Uraufführungs-Filmtheater. Der Kinosaal im Obergeschoß soll 600 Personen Platz bieten, mit Rundhorizont und modernster Breitwandtechnik ausgestattet werden. Im Erdgeschoß will man unter anderem eine Bibliothek mit Lesesaal, Vortrags- und Ausstellungsräumen einrichten."

Der Tagesspiegel, Januar 1960
Klarheit.  50 Jahre Kino International wurde mit einer DEFA-Filmreihe und einer technischen Rundum-Erneuerung gefeiert.
Klarheit 50 Jahre Kino International wurde mit einer DEFA-Filmreihe und einer technischen Rundum-Erneuerung gefeiert. © Yorck Kinogruppe / Daniel Horn
Formen.  Das Foyer
Formen Das Foyer © Yorck Kinogruppe / Daniel Horn
Eingang.  Die Treppenhalle
Eingang Die Treppenhalle © Yorck Kinogruppe / Daniel Horn
Einladung.  Saaleingang
Einladung Saaleingang © Yorck Kinogruppe / Daniel Horn
Licht.  Detail der Inneneinrichtung
Licht Detail der Inneneinrichtung © Yorck Kinogruppe / Daniel Horn
Konturen.  Die Saaldecke
Konturen Die Saaldecke © Yorck Kinogruppe / Daniel Horn
Symmetrie.  Der Saal
Symmetrie Der Saal © Yorck Kinogruppe / Daniel Horn

In diesem Kino habe ich das Aufblühen von Maxim Oliveros begleitet, den heranrollenden Planeten Melancholia gefürchtet und in The Human Scale einiges über maßvolle Architektur gelernt. Transgender-Filme in Manila, dänische Düsternis oder Dokumentarstücke über humanistische Urbanisten: als Programmkino mit der Attitüde eines Premierenhauses hat es das Kino International (KI) immer wieder geschafft mich nachhaltig sowohl mit den Filmen als auch mit diesem Vorzeigebau der DDR zu verbinden. Was auch daran liegt, dass mir Design und Architektur, Säle und Atmosphäre der Lichtspielhäuser fast genauso wichtig sind wie die in ihnen vorgeführten Dramen, Tragödien und Abenteuer. Das KI ist mindestens so eigenwillig und exzentrisch wie die Filmfiguren und Drehbücher, so filmreif klingt auch seine Geschichte. Zu dieser Story liefert der Architekt und Bauhistoriker Dietrich Worbs in seinem Buch "Das Kino International in Berlin" Hintergründe, Analysen und eine Einordnung, die dem Prestigebau gerecht wird. In sieben Kapiteln begibt er sich zunächst zur Filmgeschichte der DDR, zur städtebaulichen Planung der Stalinallee bis er den Bau und die Gestaltung des Kino International thematisiert. Er rundet das Ganze mit Ausflügen zum Fassadenrelief, filmischen Darbietungen und der Zeit nach 1990 ab, als sich das Kino einen Namen machte als Haus mit engagiertem Programm und vielfältigen Veranstaltungen.
1963 wurde das heute denkmalgeschützte Gebäude als multifunktionaler Veranstaltungsort nach den Entwürfen von Josef Kaiser, der vorher bereits das Kino Kosmos und das Café Moskau entworfen hatte, in zwei Baujahren fertiggestellt. In Zusammenarbeit mit dem Architekten Heinz Aust planten sie das Kino als dreigeschossigen, mit hellem Sandstein verkleideten, Stahlbetonskelettbau. Auffälligstes Merkmal ist die über das Erdgeschoss überkragende Panoramabar mit der großen Glasfläche, so dass sich dadurch auch die unterschiedlichen Grundrissmaßen der Geschosse mit 38 m x 35 m (EG) und 47 m x 35 m im Obergeschoss erklären. Der Kinosaal kragt stützenfrei neun Meter über das Erdgeschoss. Zur "Inszenierung des Raumes" schreibt Dietrich Worbs: "Die Vorentscheidung, den Kinosaal ins Obergeschoß zu legen und im Inneren Treppenwege vom Erdgeschoß ins Obergeschoß zu führen, ist vom Architekten bewusst getroffen worden, um die Wegeführung differenziert im Raum gestalten zu können."

"Der blockhafte, vorspringende Baukörper des Kinos International besteht aus dem eingeschossigen Sockelbau und dem darüber nach Norden und Süden auskragenden Saalbau ... die Höhe des Baukörpers steigt schräg von 16,35 Metern im Norden auf 17,35 Meter an der Karl-Marx-Allee an. Diese Schräge verleiht dem Bau – zusammen mit dem auskragenden Foyer – sein dynamische Gestalt, die noch verstärkt wird durch die geschwungene Trennlinie zwischen dem Sockel und dem Obergeschoss, die die Fußbodenlinie des Zuschauerraums außen an den Seitenfassaden andeutet."

Dietrich Worbs

Worbs fasst den Entwurf positiv zusammen. "Das Gebäude mit Kino, Bibliothek und Klub ist ein in sich schlüssiger Entwurf des Architekten Josef Kaiser, der die funktionellen Nutzungsanforderungen, deren räumliche Gestaltung und konstruktive Umsetzung in seiner "Raumplan"-Lösung überzeugend miteinander zum Ausgleich bringt." Besonders hebt er die Front des Gebäudes hervor, bei der die "Kinobesucher ein Teil der baulichen Inszenierung sind und selbst mitspielen. Vor allem hinter der großen Glaswand treten sie als Akteure auf, wie Schauspieler auf einer Kino-Leinwand im Breitwandformat."
Dass Worbs auch die Schwächen des Entwurfs (tote Räume, hoher konstruktiver Aufwand für das Tragwerk, enorme Verkehrsflächen) beleuchtet, spricht für die breite Genauigkeit des Buchs. Das Ergebnis seiner siebenjährigen Arbeit an der Publikation ist ein umfassendes Porträt eines Baus aus einem anderen, vergangenen Gesellschaftssystem, das uns Worbs auf eine wissenschaftlich-akkurate Weise näherbringt. Dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist, zeigt sich an dieser KI-Studie. Es sind auch und vor allem die gesellschaftlichen Umstände, die architektonische Nische, die Josef Kaiser gefunden hatte und auszufüllen wusste, der geglückte Übergang in die Nachwendezeit und der jetzige, für Berlins Kinolandschaft wichtige Status des KI.
Unzählige DEFA-Premieren, Bälle und Bankette wurden hier gefeiert. Eine besonders bemerkenswerte Premiere gab es am 9. November 1989. Das Thema Homosexualität war bis dahin im DDR-Film noch nicht dargestellt worden. Und doch wurde an diesem geschichtsträchtigen Donnerstag der DEFA-Film "Coming out" von Heiner Carow gezeigt – am Tag der Maueröffnung. Die kommende Zeit tat dem International gut. Es wurden weiterhin Premieren gefeiert, legendäre Partys und vor allem wurden Filmkunst, Indie-Produktionen, Art House, Dramen, Tragödien und Abenteuer gezeigt. Draußen und im Einklang mit der großen Glasfassade hängen handgemalte Kinoplakate. Der KI-Betreiber Yorck-Kino GmbH meint zu den Plakaten: "Zeitlos und einzigartig – wie die Kinodiva selbst." Stimmt.

Ausblick.  Die Panoramabar
Ausblick Die Panoramabar © Yorck Kinogruppe / Daniel Horn
Stimmung.  Die Panoramabar
Stimmung Die Panoramabar © Yorck Kinogruppe / Daniel Horn
Fest.  2013 feiert das Kino International 50-jähriges Jubiläum.
Fest 2013 feiert das Kino International 50-jähriges Jubiläum. © Yorck Kinogruppe / Daniel Horn
Das Kino International in Berlin.  Das Cover des bei Gebr. Mann Verlag erschienen Sachbuchs von Dietrich Worbs
Das Kino International in Berlin Das Cover des bei Gebr. Mann Verlag erschienen Sachbuchs von Dietrich Worbs Coverfoto von Erik-Jan Ouwerkerk

"Die Besucher der Berliner Filmfestspiele, ja, alle Gäste des Kinos erfahren vor und nach dem Film die Raum- und Bewegungsinszenierung Josef Kaisers als sinnliches, körperliches Raumerlebnis ... Nach der Filmvorführung verlassen die Zuschauer den Saal unten neben der Bühne, steigen über die seitlichen Treppen hinab, gehen durch die Ausgänge ins Freie, verweilen auf dem Vorplatz oder verschwinden nach dem intensiven Erlebnis von Raum und Film in der Tiefe der Großstadt."

Dietrich Worbs

Von Jan Dimog Autor, Redakteur und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .