"Lehm ist einer der wichtigsten Baustoffe der uns bei der Überwindung des Dilemmas der fossilen Konsumgesellschaft helfen kann."

Eike Roswag-Klinge
Eike Roswag-Klinge. Architekt, Mitinitiator und Geschäftsführer bei Ziegert Roswag Seiler Architekten Ingenieure
Eike Roswag-Klinge Architekt, Mitinitiator und Geschäftsführer bei Ziegert Roswag Seiler Architekten Ingenieure © Daniela Friebel

1. Bitte beschreiben Sie die Philosophie von Ziegert Roswag Seiler Architekten Ingenieure und warum Ihnen Pionierprojekte und Nachhaltigkeit wichtig sind?

Gebäude verbrauchen in unserer Kultur 50–60% aller in Anspruch genommenen fossilen, also meist CO2 belasteten, endlichen Ressourcen. Naturbaustoffe sind in der westlichen Kultur, aber auch international eine wichtige Alternative. Daher forschen, planen und realisieren wir als Team aus Architekten und Ingenieuren mit eigenem Baustofflabor an Gebäuden aus Lehm, Holz, Bambus und anderen Naturbaustoffen. Unser Niedrigenergiehaussystem aus Holz und Lehm steuert über die verwendeten Materialien die Raumluftfeuchte und reduziert Schadstoffe. Die so realisierten Wohn- Verwaltungs- und Produktionsgebäude können auf mechanische Lüftung verzichten und trotzdem zu Plusenergiehäusern werden.
Da in die eher kleinteilige "Industrie" der Naturbaustoffe bislang nur wenig Forschungsmittel gesteckt wurden, ist es wichtig auf unterschiedlichsten Feldern Pionierarbeit zu leisten und in Modellvorhaben wie dem Firmengebäude der Flexim GmbH umzusetzen. Dieses wurde mit einem sehr hohen Anteil an Holz, Holzwerkstoffen und mit klimaaktiven Oberflächen realisiert. Trotz höchster energetischer Standards kann das Gebäude in wesentlichen Bereichen des Gebäudes auf Lüftungsanlagen verzichten.
Als Team aus Architekten und Ingenieuren arbeiten wir in agiler Organisation mit einem Netzwerk an Fachleuten und können so unkompliziert komplexe Fragestellungen erörtern und lösen.

2. Wie realisieren Sie die Herangehensweise, die, wie auf Ihrer Firmenhomepage steht, "bestrebt ist, lokale und natürliche Ressourcen zu nutzen"? Bitte konkretisieren Sie dies anhand eines Projektes.

Am bildhaftesten wird die lokale Materialverwendung an unseren Schulen in Asien und Afrika. Dort nutzen wir Lehm und Bambus aus dem direkten Umfeld und bauen mit Handwerkern die meist Eltern der Schüler sind. Diese Menschen leben ganz offensichtlich im Einklang oder im Kreislauf mit der Natur.
Ähnlich wirkt es sich aus wenn wir eine Feuerwehr in Holzbauweise in Brandenburg realisieren, deren Baustoffe aus einem Radius von 80 km kommen. Vergleichbar und energetisch optimiert wirkt das Werkstattgebäude der Artis GmbH in Berlin-Tempelhof, das zwischen einem neuen Wohngebiet und einer Konzerthalle entstanden ist und Ruhe für die Wohnnutzung zusichert. Man könnte auch sagen, dass in der Vergangenheit laute und "dreckige" Produktionsstätten heute als cleane, effiziente Gebäude in die Stadt zurückkehren können und wie bei Artis den etwas lauteren Kulturstandort vor den neu zuziehenden Wohnnutzern schützt. Wie Gebäude im Kreislauf mit der Natur und dem Lebenszyklus entstehen und wirken können, zeigt auch die Torfremise in Schechen bei Rosenheim. Dort wurde eine alte Remise mit Holz und Lehm zu einem modernen Niedrigstenergiehaus umgebaut, das ohne Lüftungstechnik klimaneutral betrieben wird.
Wir sehen Architektur sowohl im internationalen aber auch heimischen Kontext als möglichen Treiber einer postfossilen Gesellschaft. In dem Wandel sehen wir die Chance das Architektur im Dialog wieder mehr an den Menschen und die Gesellschaft heranrücken und Veränderung bewirken kann.

Jahili Fort Al Ain, Abu Dhabi. Bauherr
Abu Dhabi Authority for Culture and Heritage (ADACH), Fertigstellung: Dezember 2008
Jahili Fort Al Ain, Abu Dhabi Bauherr Abu Dhabi Authority for Culture and Heritage (ADACH), Fertigstellung: Dezember 2008 © Torsten Seidel
Jahili Fort Al Ain, Abu Dhabi. Generalplanung, Architektur, Interieur: Roswag & Jankowski Architekten. Ausstellungsgestaltung, Grafikdesign: Roswag & Jankowski Architekten, Christiane Liebert, Dipl.-Des. (FH).
Jahili Fort Al Ain, Abu Dhabi Generalplanung, Architektur, Interieur: Roswag & Jankowski Architekten. Ausstellungsgestaltung, Grafikdesign: Roswag & Jankowski Architekten, Christiane Liebert, Dipl.-Des. (FH). © Torsten Seidel
Jahili Fort Al Ain, Abu Dhabi. Ausgezeichnet mit dem Terra Award: 1st International Prize for Contemporary Earthen Architectures. Preisträger der Kategorie:
Jahili Fort Al Ain, Abu Dhabi Ausgezeichnet mit dem Terra Award: 1st International Prize for Contemporary Earthen Architectures. Preisträger der Kategorie: "Interior Layout & Design" – The International Architecture Awards – The Chicago Athenaeum (Preisträger) © Torsten Seidel

3. Zum Gewinn des Terra Awards für das Jahili Fort in Al Ain, Abu Dhabi gratulieren wir! Wie wichtig ist Ihnen der Preis und wie haben sich die Arbeiten an dem Fort gestaltet?

Lehm ist einer der wichtigsten Baustoffe, der uns bei der Überwindung des Dilemmas der fossilen Konsumgesellschaft helfen kann. Immerhin lebt die Hälfte der Menschheit in Lehmhäusern, wenngleich dies in den meisten Fällen einfache Hütten in schlechtem Zustand in den Ländern des globalen Südens sind. Von daher ist der Terra Award eine sehr wichtige Auszeichnung, die Bauherren und Architekten motivieren wird sich mit dem Material auseinander zu setzen. Wir sind natürlich sehr glücklich mit Jahili Fort zum Kreis der Preisträger zu gehören.
Das Arbeiten in anderen Kulturen bringt immer besondere Herausforderungen, da wir ja auch Erfahrungen aus unserer Kultur in die Projekt einbringen sollen und wollen. Ich glaube, uns ist dies in Abu Dhabi recht gut gelungen. Wir haben das Projekt in einem dialogischen Entwurfs- und Bauprozess in allen Phasen mit dem Auftraggeber und Partnern aus unseren Netzwerken gemeinsam realisiert. Wir haben uns in der Gestaltung möglichst nah am historischen Original gehalten, da dies der erste historische Lehmbau ist der einer neuen, ganzjährigen Nutzung als Museum zugeführt wurde. Unser Beitrag war vorrangig das architektonische Konzept und der sensible Umgang mit dem "Denkmal" im Kontext der heutigen Weltkulturerbestätte Al Ain. Die Anerkennung des Projektes zeigt wie relevant ein so kleines, feines Denkmalpflegeprojekt in der Welt der Hochhaustürme strahlt und hoffentlich den Einheimischen ein wenig mehr Vertrauen in ihre eigene Tradition und Kultur gibt.

Zu unserem Bericht über die ersten Terra Awards für zeitgenössische Lehmarchitektur: hier

"Wir sehen Architektur sowohl im internationalen aber auch heimischen Kontext als möglichen Treiber einer postfossilen Gesellschaft."

Eike Roswag-Klinge

4. Sie haben Projekte in Pakistan und Bangladesch realisiert. Wie unterscheidet sich das Arbeiten dort von Vorhaben in Deutschland bzw. Europa?

Der Aga Khan Award for Architecture für die Schule in Bangladesch hat uns verschiedene Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit islamisch geprägten Ländern eröffnet, die wir als sehr sinnhaft ansehen. Aktuell realisieren wir im Nordirak mit einer kurdischen NGO ein Trauma-Zentrum für Kinder und Frauen. Auch hier beziehen wir uns auf die lokale Bautradition und schaffen ein Vorbild für deren Transformation. Die Tätigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit hängt immer von den lokalen Partnern, in unserem Falle meist kleineren NGOs ab. Wenn das Projekt nicht in der "Ownership" der Menschen vor Ort liegt kann sich kein Erfolg einstellen. Wir haben von den Menschen das dialogische Arbeiten auf Augenhöhe oder "equal level" wie unser Partner Kiran Vaghela aus Indien zu sagen pflegt gelernt.
Diese Methode eines partizipativen Prozesses begleitet uns in Berlin in der Umsetzung von Gewerbebauten, aber auch Gutachten für den Berliner Senat. Hier haben wir es oft mit komplexen Strukturen von Beteiligten zu tun die gut moderiert werden müssen, um alles Wissen und die Potentiale der Beteiligten für die Projekte zu aktivieren. Die Lösung unserer großen Zukunftsfragen werden wir nur im offen transparenten inter- und transdisziplinären Dialog aller Beteiligter und Experten lösen können.

5. Wo ist Ihr Lieblingsort in Berlin und außerhalb der Stadt und warum?

Ich liebe mein gutes, altes, alternativ-multikulturelles Kreuzberg 36, also die Oranienstraße und ihr Umfeld, wo wir in einem ehemals besetzten Haus wohnen. Auch das Büro in der Schlesischen Straße ist für uns und unser Team zu Fuß und per Fahrrad gut zu erreichen.
Außerhalb von Berlin haben sich über die Zeit der Teilung wunderbare Naturräume erhalten, die auf kurzem Wege per Bahn erreichbar sind. Richtige Entspannung finde ich im Paddelboot auf kleinen naturbelassenen Kanälen und im Zelt in totaler Ruhe wie z. B. im Quellgebiet der Havel. Spiegelnde Wasseroberflächen, das stille Dahingleiten des Kanus und einen kleinen stahlblauen Eisvogel beim Fischen zu beobachten, lässt einen zur Ruhe kommen und Entspannung finden.

"Wir spüren, dass die neue Idee vom Lehmhausbau bereits große Hoffnung und Zuversicht geweckt hat, dass sich die Wohnsituation der Armen auf dem Land verbessern wird."

Paul Tigga, Leiter von Dishikha, der bengalischen Partnerorganisation beim Bau der Schule in Rudrapur, Dezember 2005
METI School. Neubau eines zweigeschossigen Schulgebäudes in Lehm- und Bambusbauweise
Ort: Rudrapur, Bezirk Dinajpur, Bangladesch. Von Anna Heringer (Entwurf / Konzeption), Eike Roswag
METI School Neubau eines zweigeschossigen Schulgebäudes in Lehm- und Bambusbauweise Ort: Rudrapur, Bezirk Dinajpur, Bangladesch. Von Anna Heringer (Entwurf / Konzeption), Eike Roswag © Kurt Hörbst / Anzenberger
METI School. Bauherr
Dipshikha/METI (Modern Education and Training Institute), Bangladesch in Kooperation mit Partnerschaft Shanti - Bangladesch
e.V. und Päpstlichem Missionswerk der Kinder (PMK). Bauzeit: September bis Dezember 2005
METI School Bauherr Dipshikha/METI (Modern Education and Training Institute), Bangladesch in Kooperation mit Partnerschaft Shanti - Bangladesch e.V. und Päpstlichem Missionswerk der Kinder (PMK). Bauzeit: September bis Dezember 2005 © Kurt Hörbst
Habitat Initiative Cabo Delgado, Mosambik. Neubau von 11 Vorschulen und Gemeindehäusern in Dörfern der Region Cabo Delgado im armen Norden Mosambiks unter Verwendung lokaler Baumaterialien: Lehm, Bambus und Palmblätter.
Habitat Initiative Cabo Delgado, Mosambik Neubau von 11 Vorschulen und Gemeindehäusern in Dörfern der Region Cabo Delgado im armen Norden Mosambiks unter Verwendung lokaler Baumaterialien: Lehm, Bambus und Palmblätter. © Paula Holtz
Habitat Initiative Cabo Delgado, Mosambik. Innenansicht B24 Pilotprojekt 25 de Junho. Auftraggeber und Träger des Projektes Aga Khan Foundation (AKF), Fertigstellung der 11 Schulen: Dezember 2010.
Habitat Initiative Cabo Delgado, Mosambik Innenansicht B24 Pilotprojekt 25 de Junho. Auftraggeber und Träger des Projektes Aga Khan Foundation (AKF), Fertigstellung der 11 Schulen: Dezember 2010. © Paula Holtz
Therapiezentrum für Frauen und Kinder, Chamchamal, Nordirak. 1. Bauphase: März–August, 2016
Therapiezentrum für Frauen und Kinder, Chamchamal, Nordirak 1. Bauphase: März–August, 2016 © Roswag Architekten
Therapiezentrum für Frauen und Kinder, Chamchamal, Nordirak. Auftraggeber und Träger des Projektes: Jiyan Foundation for Human Rights.
Therapiezentrum für Frauen und Kinder, Chamchamal, Nordirak Auftraggeber und Träger des Projektes: Jiyan Foundation for Human Rights. © Roswag Architekten
Neubau Firmengebäude Flexim, Berlin. Architektur: Roswag Architekten. Tragwerksplanung: Ziegert | Seiler Ingenieure und IBRF GmbH
Neubau Firmengebäude Flexim, Berlin Architektur: Roswag Architekten. Tragwerksplanung: Ziegert | Seiler Ingenieure und IBRF GmbH © Roswag Architekten
Neubau Firmengebäude Flexim, Berlin. Bauherr: Flexim GmbH, Fertigstellung
Ende 2016
Neubau Firmengebäude Flexim, Berlin Bauherr: Flexim GmbH, Fertigstellung Ende 2016 © Roswag Architekten
Wohnen und Arbeiten in der Torfremise, Schechen. Bauherr und umfassende Selbstbaumaßnahmen: Stefanie und Emmanuel Heringer. Architekten, Nachhaltigkeits- und Energiekonzept
Roswag Architekten, mit Guntram Jankowski (LP 1– 5).
Wohnen und Arbeiten in der Torfremise, Schechen Bauherr und umfassende Selbstbaumaßnahmen: Stefanie und Emmanuel Heringer. Architekten, Nachhaltigkeits- und Energiekonzept Roswag Architekten, mit Guntram Jankowski (LP 1– 5). © Roswag Architekten
Wohnen und Arbeiten in der Torfremise, Schechen. Fertigstellung: Dezember, 2013. Ausgezeichnet mit dem Fritz Bender Baupreis 2016
Wohnen und Arbeiten in der Torfremise, Schechen Fertigstellung: Dezember, 2013. Ausgezeichnet mit dem Fritz Bender Baupreis 2016 © Roswag Architekten

"Der Lehm ist unser aller Bruder."

Volksmund, Litauen

Von Jan Dimog Autor, Blogger und Journalist, veröffentlicht am .