Schon vor der Entdeckung des schwarzen Goldes war Dubai einer der bedeutendsten Handelsplätze in der Golfregion. Während des 19. Jahrhunderts erlebte die Stadt durch die Perlentaucherei einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Unter unvorstellbar harten Bedingungen verbrachten Taucher monatelang auf ihren Schiffen, um die wertvolle Ware zu heben. Die japanische Zuchtperle beendete Ende der 1930er die ertragreiche Expansion. Der Handel brach ein. Dubais Creek war aber auch wichtiger Umschlagplatz anderer wertvoller Güter: Gewürze, Gold, Stoffe. Die weit verzweigten Souks entlang des Wasserarms waren prall gefüllt. Prachtvolle Häuser im Altstadtviertel Al Bastakiya erzählen noch heute vom damaligen Reichtum. Und sie zeugen von der langen wirtschaftlichen Bande des herrschenden Al Maktoum Clans mit seinen arabischen und persischen Nachbarn.

Dubai.  Um 1930 hatte Dubai etwa 20.000 Einwohner, von denen etwa 25 Prozent Einwanderer waren.
Dubai Um 1930 hatte Dubai etwa 20.000 Einwohner, von denen etwa 25 Prozent Einwanderer waren. © Hendrik Bohle
Dubai.  Der Creek mit Deira im Westen, Al Shindaya im Osten und Al Bastakiya im Süden. Der Hafen "Mina Rashid" wurde künstlich aufgeschüttet und 1972 eröffnet.
Dubai Der Creek mit Deira im Westen, Al Shindaya im Osten und Al Bastakiya im Süden. Der Hafen "Mina Rashid" wurde künstlich aufgeschüttet und 1972 eröffnet. © Hendrik Bohle

Um die Seele der Wüsten-Diva zu ergründen, sollte man mit einer der vielen Abras über den Creek tuckern. An beiden Ufern des Meeresarms erstreckt sich das historische Dubai. Auf der östlichen Seite liegt Deira mit seiner Landspitze Al Ras ("die Spitze"). Deira bestand im frühen 20. Jahrhundert aus etwa 1.600 Häusern und einem großen Souk mit 350 Geschäften, heute ein beliebtes Touristenziel. Seine Einwohner waren immer international. Araber, Perser, Belutschen und andere Ethnien strömten in die Stadt. Lebten und arbeiteten hier. Bunte Holzschiffe, vollgepackt mit Waren, schunkeln auch heute noch im seichten Gewässer des Creeks. Vor allem die vielen Expats aus Südostasien machen das Viertel weiterhin zu einem der authentischsten Orte der Stadt.

Abras.  Es sitzt sich gut auf den hölzernen Wassertaxis, die unentwegt zwischen den Ufern pendeln. Etwa 20 Personen finden auf der sonnengeschützen Bank Platz – immer umweht von einer leichten Brise.
Abras Es sitzt sich gut auf den hölzernen Wassertaxis, die unentwegt zwischen den Ufern pendeln. Etwa 20 Personen finden auf der sonnengeschützen Bank Platz – immer umweht von einer leichten Brise. © Hendrik Bohle
Dubai Municipality Building.  Das im arabischen Stil errichtete Gebäude am Eingang des Gewürz-Souks war von 1957 bis 1964 Sitz der Stadtverwaltung. Im Erdgeschoss befanden sich Ladengeschäfte. Heute zeigt hier eine bescheidene, aber eindrucksvolle Foto- und Kurzfilm-Ausstellung den Aufstieg Dubais.
Dubai Municipality Building Das im arabischen Stil errichtete Gebäude am Eingang des Gewürz-Souks war von 1957 bis 1964 Sitz der Stadtverwaltung. Im Erdgeschoss befanden sich Ladengeschäfte. Heute zeigt hier eine bescheidene, aber eindrucksvolle Foto- und Kurzfilm-Ausstellung den Aufstieg Dubais. © Hendrik Bohle
Spice Souk Deira.  Es duftet nach Kardamom, Zimt und Nelken, nach getrockneten Zitronen, Mandeln und Pistazien. Schon seit Jahrzehnten wird in den Souks gehandelt - auf Hindi, Farsi und Urdu und wenn es sein muss natürlich auch auf Englisch.
Spice Souk Deira Es duftet nach Kardamom, Zimt und Nelken, nach getrockneten Zitronen, Mandeln und Pistazien. Schon seit Jahrzehnten wird in den Souks gehandelt - auf Hindi, Farsi und Urdu und wenn es sein muss natürlich auch auf Englisch. © Hendrik Bohle
Heritage House.  Das Wohnhaus des reichen Perlenhändlers, Sheikh Ahmed Bin Dalmouk, wurde um 1890 von einem Vorbesitzer errichtet und in den Folgejahren stetig erweitert. Erst ab 1935 im Besitz Ibrahim Al Said Abdullahs wurde es zu einem regionaltypischen Familienhaus umgestaltet. Verwendet wurden nur die feinsten Materialien. Dekorative Motive und künstlerische Elemente wurden hinzufügt. Nach aufwendigen Restaurierungen eröffnete die Anlage 2000 als "Heritage House".
Heritage House Das Wohnhaus des reichen Perlenhändlers, Sheikh Ahmed Bin Dalmouk, wurde um 1890 von einem Vorbesitzer errichtet und in den Folgejahren stetig erweitert. Erst ab 1935 im Besitz Ibrahim Al Said Abdullahs wurde es zu einem regionaltypischen Familienhaus umgestaltet. Verwendet wurden nur die feinsten Materialien. Dekorative Motive und künstlerische Elemente wurden hinzufügt. Nach aufwendigen Restaurierungen eröffnete die Anlage 2000 als "Heritage House". © Hendrik Bohle
Al Ahmadiya School.  Die erste Schule Dubais wurde 1912 gegründet und als traditionelles Lehmgebäude errichtet. Noch bis 1962 wurden hier um die 800 Schüler in 21 Schulklassen unterrichtet.
Al Ahmadiya School Die erste Schule Dubais wurde 1912 gegründet und als traditionelles Lehmgebäude errichtet. Noch bis 1962 wurden hier um die 800 Schüler in 21 Schulklassen unterrichtet. © Hendrik Bohle
Al Ahmadiya School.  Zwölf Klassenzimmer umschließen einen zentralen Innenhof. Nach einer sorgfältigen Restaurierung wurde die Lehranstalt 1994 als "Museum of Education" wiedereröffnet.
Al Ahmadiya School Zwölf Klassenzimmer umschließen einen zentralen Innenhof. Nach einer sorgfältigen Restaurierung wurde die Lehranstalt 1994 als "Museum of Education" wiedereröffnet. © Hendrik Bohle

Südwestlich des Creeks liegt die älteste Siedlung. Bur Dubai bedeutet wörtlich übersetzt "Festland Dubai" und ist ein Verweis auf die traditionelle Trennung des Gebiets durch den Creek mit Deira auf der einen und Bur Dubai auf der anderen Seite. Historisch setzt sich Bur Dubai aus allen Stadtteilen zwischen dem westlichen Ufer des Gewässers und Jumeirah zusammen. Dazu gehören auch die bedeutenden Viertel Al Shindagha und Al Bastakiya.

Al Shindagah.  Al Shindagah liegt auf einer Landzunge zwischen Creek und Golf und gilt als Keimzelle der Stadt. Hier ließen sich die ersten Beduinen aus der Liwa Oase nieder. Seit einigen Jahren werden die Gebäude behutsam saniert. Im Diving und Heritage Village erfährt man viel über traditionelle Bau- und Lebensweisen.
Al Shindagah Al Shindagah liegt auf einer Landzunge zwischen Creek und Golf und gilt als Keimzelle der Stadt. Hier ließen sich die ersten Beduinen aus der Liwa Oase nieder. Seit einigen Jahren werden die Gebäude behutsam saniert. Im Diving und Heritage Village erfährt man viel über traditionelle Bau- und Lebensweisen. © Hendrik Bohle
Saeed Al Maktoum House.  Scheich Saeed Al Maktoum (1912 – 1958), der Großvater des heutigen Herrschers, lebte in diesem bescheidenen Palast zusammen mit den sechs Familien seines Clans. Traditionell kühlten Windtürme die dreißig Räume des Gebäudes. Hundert Jahre nach seiner Errichtung wurde der Palast 1996, nach aufwendigen Rekonstruktionsmaßnahmen als Museum wiedereröffnet. Die ursprüngliche Bausubstanz besteht aus lokalem Korallenstein, der mit einem weichen Farush-Gips aus Sand, Kalk und etwas Zement beschichtet ist.
Saeed Al Maktoum House Scheich Saeed Al Maktoum (1912 – 1958), der Großvater des heutigen Herrschers, lebte in diesem bescheidenen Palast zusammen mit den sechs Familien seines Clans. Traditionell kühlten Windtürme die dreißig Räume des Gebäudes. Hundert Jahre nach seiner Errichtung wurde der Palast 1996, nach aufwendigen Rekonstruktionsmaßnahmen als Museum wiedereröffnet. Die ursprüngliche Bausubstanz besteht aus lokalem Korallenstein, der mit einem weichen Farush-Gips aus Sand, Kalk und etwas Zement beschichtet ist. © Hendrik Bohle
Jumaa and Obaid Bin Thani House.  Das Haus wurde 1916 errichtet und befindet sich in direkter Nachbarschaft zum Saeed Al Maktoum House. Die Anlage hat wegen seiner Menge an architektonischen Details einen besonderen historischen und künstlerischen Wert, wie beispielsweise der traditionelle hölzerne Sicht- und Sonnenschutz (Mashrabiya).
Jumaa and Obaid Bin Thani House Das Haus wurde 1916 errichtet und befindet sich in direkter Nachbarschaft zum Saeed Al Maktoum House. Die Anlage hat wegen seiner Menge an architektonischen Details einen besonderen historischen und künstlerischen Wert, wie beispielsweise der traditionelle hölzerne Sicht- und Sonnenschutz (Mashrabiya). © Hendrik Bohle
Bin Zayed Mosque.  Die erste Moschee in Al Shindagah wurde 1964 auf nur 125 Quadratmetern errichtet.
Bin Zayed Mosque Die erste Moschee in Al Shindagah wurde 1964 auf nur 125 Quadratmetern errichtet. © Hendrik Bohle
Architecture Museum.  Die Dauerausstellung gibt einen guten Einblick in die traditionelle Baukultur des Landes.
Architecture Museum Die Dauerausstellung gibt einen guten Einblick in die traditionelle Baukultur des Landes. © Hendrik Bohle
Wehrturm.  Viele der alten Wachtürme aus Korallen- und Lehmstein waren vor wenigen Jahren noch in einem sehr schlechten Zustand und mussten aufwendig renoviert und restauriert werden. Die meisten wurden sogar vollkommen neu errichtet.
Wehrturm Viele der alten Wachtürme aus Korallen- und Lehmstein waren vor wenigen Jahren noch in einem sehr schlechten Zustand und mussten aufwendig renoviert und restauriert werden. Die meisten wurden sogar vollkommen neu errichtet. © Hendrik Bohle
Al Fahidi Fort.  Das 1799 aus Lehmziegeln erbaute Al Fahidi Fort ist die älteste Befestigungsanlage der Stadt und beheimatet heute das Dubai Museum.
Al Fahidi Fort Das 1799 aus Lehmziegeln erbaute Al Fahidi Fort ist die älteste Befestigungsanlage der Stadt und beheimatet heute das Dubai Museum. © Hendrik Bohle

"Was gut für die Kaufleute ist, ist gut für Dubai."

Scheich Rashid Bin Saeed Al Maktoum

Das historische Viertel Al Bastakiya liegt am südlichen Ufer des Creek. Benannt ist es nach sunnitischen Kaufleuten, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus der Region rund um die südpersischen Städte Lingeh und Bastak auf die arabische Seite des Golfs auswanderten. Mithilfe ihrer traditionellen Bautechniken schufen sie ein architektonisch zusammenhängendes Quartier, das bis heute Dubais Identität prägt. Al Bastakiya steht nicht zuletzt für die damalige Weitsicht der herrschenden Familie Dubais, einen Ort zu schaffen, an dem Kaufleute zusammenkommen konnten, um Handel zu treiben. Allerdings verfiel das alte Handelszentrum mit seinen prächtigen Residenzen über die Jahre. Erst in den 1990er-Jahren erkannte man seine Bedeutung und begann mit der behutsamen Restaurierung der Bauten sowie der Revitalisierung der Freiflächen. Die Außenräume wurden mit minimalen Interventionen sehr flexibel gehalten, um wechselnde kulturelle Aktivitäten zu ermöglichen und Aufenthaltsqualitäten in einer Stadt zu schaffen, in der historische Freiräume nicht so leicht zu finden sind.

Sharif Sultan Al Ulama House.  Das 1930 im Auftrag von Mohammad Sharif Sultan Al Ulama, dem damaligen Dubaier Handelsrichter, errichtete Haus beherbergt heute die Historical Buildings Section und informiert über die Entwicklung von Al Bastakiya. Es wurde 1997 von der Dubai Municipality renoviert.
Sharif Sultan Al Ulama House Das 1930 im Auftrag von Mohammad Sharif Sultan Al Ulama, dem damaligen Dubaier Handelsrichter, errichtete Haus beherbergt heute die Historical Buildings Section und informiert über die Entwicklung von Al Bastakiya. Es wurde 1997 von der Dubai Municipality renoviert. © Hendrik Bohle
Al Bastakiya.  Das restaurierte Viertel ist heute nicht nur ein großes Freilichtmuseum ...
Al Bastakiya Das restaurierte Viertel ist heute nicht nur ein großes Freilichtmuseum ... © Hendrik Bohle
Al Bastakiya.  ... in dem neben der Häuser aus Kalkstein, Lehm und Muscheln und der einzigen Reste der historischen Stadtbefestigung zu sehen sind, ...
Al Bastakiya ... in dem neben der Häuser aus Kalkstein, Lehm und Muscheln und der einzigen Reste der historischen Stadtbefestigung zu sehen sind, ... © Hendrik Bohle
Al Bastakiya.  ... sondern auch ein beliebtes Kunstquartier, in dem Dubaier Architekturgeschichte auf zeitgenössische Kunsträume trifft.
Al Bastakiya ... sondern auch ein beliebtes Kunstquartier, in dem Dubaier Architekturgeschichte auf zeitgenössische Kunsträume trifft. © Hendrik Bohle
"Degenerative Disarrangement".  Straßenreparaturen werden in Dubai, wie so vieles in der Metropole, unter großem Zeitdruck erledigt. Es kommt zu Fehlern. Schon ein einziger Pflasterstein, falsch eingesetzt, kann die gesamte Struktur durcheinander bringen. Für Dubai’s Ordnungsliebe ein No-Go, für den in Beirut geborenen indischen Künstler Vikram Divecha eine Einladung zur Schaffung seiner prämierten Installation im Innenhof von Haus 33 in Al Bastakiya.
"Degenerative Disarrangement" Straßenreparaturen werden in Dubai, wie so vieles in der Metropole, unter großem Zeitdruck erledigt. Es kommt zu Fehlern. Schon ein einziger Pflasterstein, falsch eingesetzt, kann die gesamte Struktur durcheinander bringen. Für Dubai’s Ordnungsliebe ein No-Go, für den in Beirut geborenen indischen Künstler Vikram Divecha eine Einladung zur Schaffung seiner prämierten Installation im Innenhof von Haus 33 in Al Bastakiya. © Vikram Divecha

Dieser Artikel enthält Auszüge aus dem neuen „Architekturführer Vereinigte Arabische Emirate“ (bei DOM publishers erschienen) von Jan Dimog und Hendrik Bohle. Unser Buch ist seit September 2016 im Handel und kann in Buchläden und online bestellt werden. Weitere Eindrücke zum Architekturführer finden Sie: hier. Im Mai haben wir den Architekturführer vorab und exklusiv auf der internationalen Buchmesse von Abu Dhabi vorgestellt. Der Bericht dazu (auf Englisch): hier.

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .