"Wien ist die gute Melange: halb Tradition, halb Innovation und mit einer Haube aus Kreativität und Gemütlichkeit."

Stefanie Villgratter, Architekturführer Wien
Müllverbrennungsanlage Spittelau.  Friedensreich Hundertwasser: Fassadengestaltung 1989
Müllverbrennungsanlage Spittelau Friedensreich Hundertwasser: Fassadengestaltung 1989 © Alex Halada
Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit, 1976.  Fritz Gerhard Mayr und Fritz Wotruba
Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit, 1976 Fritz Gerhard Mayr und Fritz Wotruba © Philipp Meuser
Wirtschaftsuniversität Wien.  Das "Library & Learning Center LLC" von Zaha Hadid Architects
Wirtschaftsuniversität Wien Das "Library & Learning Center LLC" von Zaha Hadid Architects © iStockphoto Creativemarc
Bahnhof City West.  Neumann + Steiner, 2011
Bahnhof City West Neumann + Steiner, 2011 © Philipp Meuser
Zeltdach-Konstruktion.  Architekten Tillner & Willinger
Zeltdach-Konstruktion Architekten Tillner & Willinger © Philipp Meuser
Großer Kassensaal, Postsparkasse.  Otto Wagner, 1906 / 1912
Großer Kassensaal, Postsparkasse Otto Wagner, 1906 / 1912 © Jörg Eggers
Schwimmhalle Amalienbad.  Karl Schmalhofer, Otto Nadel, 1926
Schwimmhalle Amalienbad Karl Schmalhofer, Otto Nadel, 1926 © Magistrat der Stadt Wien
Bahnorama.  Im Ausstellungspavillon präsentieren die Investoren die Transformation des ehemaligen Sackbahnhofs Wien-Süd zum neuen Durchgangsbahnhof Wien Hbf. Der Temporärbau stammt von RAHM Architekten und dem Büro architects pla.net.
Bahnorama Im Ausstellungspavillon präsentieren die Investoren die Transformation des ehemaligen Sackbahnhofs Wien-Süd zum neuen Durchgangsbahnhof Wien Hbf. Der Temporärbau stammt von RAHM Architekten und dem Büro architects pla.net. © Philipp Meuser

Wien reloaded: in der österreichischen Hauptstadt wird gebaut wie zuletzt vor 100 Jahren. Mit dem neuen Wiener Hauptbahnhof ist einer der modernsten Bahnhöfe des Kontinents entstanden. Dominique Perrault hat mit den DC Towers die größten Gebäude Österreichs geplant, das gläsern-zerschnittene Sofitel Vienna Stephansdom Hotel (2010) von Jean Nouvel steht am Donaukanal und Coop Himmelb(l)aus Wohnturm (2001) lehnt sich lässig an den alten Gasometer. Zu diesem Dreiklang passt das Library and Learning Centre der Wirtschaftsuniversität Wien (2013) von Zaha Hadid Architects, das sich in seiner schrägen Mehrkantigkeit aus dem Zentrum des Campus’ hervorschraubt.
Diese Entwicklungen mit international bekannten Gestaltern als auch lokalen Büros nimmt der wuchtige lexigrafische Bildband "Architektur in Österreich im 20. und 21. Jahrhundert" auf. Die Neuausgabe des Referenzwerks zu 150 Jahren österreichischer Architektur wurde überarbeitet und um fast 100 Projekte erweitert. Ursprünglich als Katalog zur "a_schau", der Dauerausstellung über die österreichische Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts im Architekturzentrum Wien (Az W) konzipiert, ist es nun zu einem eigenständigen Werk geworden, das über die Ausstellung hinausweist. Der Bildband zeigt mit umfassendem Bild- und Planmaterial und erläuternden Texten historische Bezüge ebenso auf wie aktuelle Tendenzen. Die Meilensteine zu Beginn des Buchs ordnen Wiens Entwicklung strukturiert ein: das "Rote Wien" von 1919–1934 und der Austrofaschismus (1934–1945) sind ebenso Bestandteil wie die "Utopien" (1958–1973) und zeitgenössischen Projekte. Insgesamt gleicht es mit der thematischen und chronologischen Tiefe und Einordnung einem architekturwissenschaftlichen Standardwerk. Getreu der Aussage des Architekten, Kritikers und Autors Friedrich Achleitner, dass "Bewertungen der Architektur aus dem Kontext der jeweiligen Zeit zu betrachten sind."
Ähnlich profund ist der vor genau zwei Jahren erschienene Architekturführer Wien von Stefanie Villgratter (beim Berliner Verlag DOM publishers, September 2014) – ein in Buchform gegossenes Konzentrat der wienerischen Architektur. Selbstverständlich erhält man in diesem Buch die gewohnte Genauigkeit und Breite der inzwischen zweifach ausgezeichneten Architekturführer-Reihe: Informationen und Projektbeschreibungen zu den Prachtbauten wie zur Show-Architektur Wiens. Was diese Publikation von anderen der Reihe unterscheidet, ist sein interdisziplinärer Ansatz. Architektur findet nicht im luftleeren Raum statt. Architektur ist mittendrin, Teil des Ganzen, eine Kunst, die mit anderen Kunstformen und Disziplinen kommuniziert. Daher haben sich Stadtplaner, Architekten und Filmemacher auf die Spurensuche nach Projekten von Hans Hollein und Coop Himmelb(l)au, Delugan Meissl und Querkraft gemacht. Die Autorin ergänzt die Rundgänge mit Tipps zu Filmen, Kaffeehäusern und Würstelbuden. Dankenswerterweise kommt schon nach wenigen Seiten die erste Kaffeepause (S. 26): Café im Palmengarten. Die im fürsorglich-gemütlichen Ton gehaltenen Routenbeschreibungen ("Nach dem Verlassen des Stadtparks ... gelangen wir zum MAK ... zur Kirche am Steinhof fahren wir wieder mit der Linie 49. Wir gehen dann die Waidhausenstraße entlang des Baumgartner Friedhofs den Hügel hinauf bis zum Flötzersteig ...") macht Villgratters Buch zu einer gesamtkulturellen Wienmission, in der die Stadt als Filmkulisse ganz selbstverständlich neben dem Gotikbarockjugendstil-Superglanz und dem Bauspektakel der vergangenen Jahren auftritt. Ja, Berlin, Du bist so wunderbar. Aber diese inzwischen zweitgrößte Stadt im deutschsprachigen Raum (noch vor Hamburg!): sie ist prächtig. Wien, Du Wunderbub.

Secession 1897–1898.  Josef Maria Olbrich
Secession 1897–1898 Josef Maria Olbrich © Achleitner Archiv, Wien
Krematorium, 1921–1922.  Clemens Holzmeister
Krematorium, 1921–1922 Clemens Holzmeister © Architekturzentrum Wien, Sammlung. Foto Margherita Spiluttini
Turmhotel Seeber / Parkhotel Hall.  Lois Welzenbacher / Henke Schreieck Architekten
Turmhotel Seeber / Parkhotel Hall Lois Welzenbacher / Henke Schreieck Architekten © Architekturzentrum Wien, Sammlung. Foto Margherita Spiluttini
Wettbewerbsprojekt Weltausstellungs-Pavillon für Paris, 1936–1937.  Oswald Haerdtl
Wettbewerbsprojekt Weltausstellungs-Pavillon für Paris, 1936–1937 Oswald Haerdtl © Architekturzentrum Wien, Sammlung
Z-Sparkassen-Filiale, 1975–1979.  Günther Domenig
Z-Sparkassen-Filiale, 1975–1979 Günther Domenig © Architekturzentrum Wien, Sammlung
Bellevue, 2009.  Peter Fattinger, Veronika Orso, Michael Rieper
Bellevue, 2009 Peter Fattinger, Veronika Orso, Michael Rieper © Foto Peter Fattinger

"Oft wirkt es, als hätten sich die Gebäude vor dem Fotografen wie etwas in die Jahre gekommene Models noch einmal in Pose geworfen – für ein letztes, intimes Porträt."

Amira Ben Saoud, Autorin, DJ, Veranstalterin und Chefredakteurin "The Gap"

Während also diese zwei dicken Bänder schwelgen und schwärmen, während sie Geschichte, Größe und das Gestalten an sich zelebrieren, inszeniert Kurt Prinz das Gegenteil. Demontage. Destruktion. Den Tod von Gebäuden. Über Jahre hat er Abrisse fotografiert. Wo etwas Neues entstehen soll, muss vorher etwas weichen. Vor dem Ruhm und dem Spektakel werden bestehende Strukturen aus dem Stadtbild herausgebrochen. Vor Zaha kommt die Zerstörung. Dass der Verfall, die Abbruchstellen, das Niederreißen zu Wien gehört, damit es später so eindrücklich glänzen kann, zeigt die "Sezierte Architektur". Das im neu gegründeten Wiener Verlag TEXT/RAHMEN erschienene Buch stellt den Bildern Texte von Amira Ben Saoud und Philipp Markus Schörkhuber voran. Im Interview mit dem Fotokünstler Prinz erklärt er: "Ich möchte mit meinen Bildern die Vergänglichkeit einer Stadt beschreiben. Außerdem auch die Zerbrechlichkeit ihrer Strukturen, die wir viel zu leicht für unzerstörbar halten."
Die vermeintlich unvergänglichen Bauten zeigt er im Zustand des Untergangs. Sichtbare Armierung, bröckelnder Beton, aufgesprungene Estriche, fehlende Wände, nackte Räume, Geröllhalden. Das alles gehörte mal zu einem Bahnhof, einem Multiplexkino, einem Postamt, einer Fabrik. Dass diese fotografisch-chronistische Arbeit teilweise gefährlich ist, viel Geduld und Feingefühl zugleich erfordert, erläutert Prinz im Interview. Bei der Betrachtung der Bilder tritt diese Mühe in den Hintergrund. Das fotografierte Ableben wird zur Hommage an Vergänglichkeit und Übergang, an ein Wien der Ruinen und ein Wien der Wiederauferstehung. Wien, Du Wunderstadt.

Altes Postgebäude, Rochusmarkt.
Altes Postgebäude, Rochusmarkt © Kurz Prinz
AUA-Gebäude, Oberlaa.
AUA-Gebäude, Oberlaa © Kurz Prinz
AUA-Gebäude, Oberlaa.
AUA-Gebäude, Oberlaa © Kurz Prinz
Südbahnhof.
Südbahnhof © Kurz Prinz
GKS und GKP Wohnheim, Steinhof.
GKS und GKP Wohnheim, Steinhof © Kurz Prinz
Gerhard Hanappi Stadion.
Gerhard Hanappi Stadion © Kurz Prinz
Hauptpostamt Westbahnhof.
Hauptpostamt Westbahnhof © Kurz Prinz
Imax Kino.
Imax Kino © Kurz Prinz
Industriegebiet Atzgersdorf.
Industriegebiet Atzgersdorf © Kurz Prinz
Jugendgerichtshof Rüdengasse.
Jugendgerichtshof Rüdengasse © Kurz Prinz
Kaiserin Elisabeth Spital.
Kaiserin Elisabeth Spital © Kurz Prinz
Neuapostolische Kirche.
Neuapostolische Kirche © Kurz Prinz
OPEC Gebäude.
OPEC Gebäude © Kurz Prinz
OPEC Gebäude.
OPEC Gebäude
Südbahnhof.
Südbahnhof © Kurz Prinz
Südbahnhof.
Südbahnhof © Kurz Prinz
Südbahnhof.
Südbahnhof © Kurz Prinz
Südbahnhof.
Südbahnhof © Kurz Prinz
Südbahnhof.
Südbahnhof © Kurz Prinz
Südbahnhof.
Südbahnhof © Kurz Prinz
Tarbuk Gründe.
Tarbuk Gründe © Kurz Prinz
Südbahnhof.
Südbahnhof © Kurz Prinz

"Die Rolle von Architektur als Teil von Kultur wird leider immer noch unterschätzt. Dabei liegt es auf der Hand, welch großen Anteil sie daran hat, dass wir Konzerte, Ausstellungen und Theateraufführungen genießen können – was wären sie ohne jene Gebäude, die für solche spezifischen Nutzungen konzipiert sind und ein ansprechendes Ambiente schaffen?"

Hannes Swoboda, Vorstandspräsident, Architekturzentrum Wien

Von Jan Dimog Autor, Redakteur und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .