Kurvenreich windet sich die Landstraße hoch in den Taunus. In der Ferne blitzen die Türme der kosmopolitischen Finanzkapitale in den Himmel. Im Vordergrund gedeihen Kartoffeln und grasen Kühe. Am Rande der Ortschaft Langenhain, hinter einem typisch tristen Siedlungsgebiet der 1970er Jahre, überrascht der betonweiße Sakralbau der Bahai. Es ist eines von weltweit acht "Häusern der Andacht" und das bislang einzige auf dem europäischen Kontinent. Bis zu seiner Errichtung war es allerdings ein beschwerlicher Weg.

Haus der Andacht. Der Bahai-Tempel am Rande der Ortschaft Langenhain der Gemeinde Hofheim am Taunus.
Haus der Andacht Der Bahai-Tempel am Rande der Ortschaft Langenhain der Gemeinde Hofheim am Taunus. © Hendrik Bohle
Haus der Andacht. Beten inmitten der Natur.
Haus der Andacht Beten inmitten der Natur. © Hendrik Bohle

Die Furcht vor dem Fremden, dem Unbekannten ist in Deutschland offenbar tief verwurzelt. Als die Bahai sich Anfang der 1950er auf die Suche nach einem Ort für ihren neuen Tempel machten, fiel die Wahl schnell auf den Raum Frankfurt am Main. Im Herzen Europas sollte er stehen. Ein spiritueller Ort der Einkehr, der Andacht, des Innehaltens und der Freundschaft. Bis es schließlich soweit war, sollte es noch zehn weitere Jahre dauern. An die 120 Grundstücke wurden besichtigt, mehr als 30 Kaufverhandlungen geführt, gefolgt von zermürbenden Zu- und Absagen. Die Mauer des Widerstands und des offenen Protests schien kaum zu durchbrechen. Quer durch die Amtsstuben, Gerichte und die Bevölkerung verlief die Ablehnung. Selbst die Amtskirche lief Sturm.
"In Langenhain sitzt auf jedem Dach ein Teufel", wetterte der protestantische Pfarrer. Die Bahai blieben geduldig. Nach zähen Verhandlungen fanden sie schließlich Unterstützung bei dem Bürgermeister und der Gemeinde von Langenhain im Taunus. Das Grundstück lag perfekt auf einer Anhöhe über dem Rhein-Main-Gebiet, damals noch frei von umgebenden Gebäuden und mit einem unverstellten Blick über die weite Ebene. "Als Kind spielte ich häufig im Garten des Tempels. Damals konnte ich hier noch das Zentrum von Frankfurt sehen. Heute sind die Bäume zu hoch geworden", schwärmt die sehr freundliche Gastgeberin des Informationszentrums Fariba Dorner bei meinem Besuch.

Haus der Andacht. Die Fläche der Tempel-Anlage lag bei Baubeginn bei 29.068 Quadratmetern.
Haus der Andacht Die Fläche der Tempel-Anlage lag bei Baubeginn bei 29.068 Quadratmetern. © Hendrik Bohle
Haus der Andacht. Der Bau steht 363 Meter über Normal Null.
Haus der Andacht Der Bau steht 363 Meter über Normal Null.
Haus der Andacht. Dreimal neun Pfeiler tragen die Kuppel und begrenzen den Innenraum.
Haus der Andacht Dreimal neun Pfeiler tragen die Kuppel und begrenzen den Innenraum. © Hendrik Bohle
Haus der Andacht. Neun Wege führen strahlenförmig zu den neun Eingängen des Hauses.
Haus der Andacht Neun Wege führen strahlenförmig zu den neun Eingängen des Hauses. © Hendrik Bohle
Die Kuppel. Die elliptische Kuppel misst im Inneren eine Höhe von 28 Metern.
Die Kuppel Die elliptische Kuppel misst im Inneren eine Höhe von 28 Metern. © Hendrik Bohle
Die Fassade. Der Sockel ist umlaufend verglast.
Die Fassade Der Sockel ist umlaufend verglast. © Hendrik Bohle
Die Fassade. Die Glasfassade springt leicht zurück.
Die Fassade Die Glasfassade springt leicht zurück. © Hendrik Bohle

Für den Entwurf des "Muttertempels Europas" wurde ein Wettbewerb ausgelobt. Die Anforderungen an die grundlegende Gestaltung des Baus waren eng. Jedes Haus der Andacht muss demnach über einem überkuppelten, zentralen Grundriss errichtet werden und über neun Tore erschlossen sein. Neunzehn Architekten reichten ihre Vorschläge ein. Am Ende fiel die Wahl auf den noch jungen Frankfurter Teuto Rocholl. Kern seines konsequenten Entwurfs ist die allseitige Auflösung der Innenraumwände, um eine fließende Verbindung des Innen- und Außenraums zu erreichen. Über allem scheint die elliptische Kuppel zu schweben, getragen von drei mal neun Pfeilern, die auch den Innenraum begrenzen. 27 Rippen streben vom Fußboden bis hinauf in einen Betonring, der die Laterne trägt. Stolze 28 Meter misst der Andachtsraum an seiner höchsten Stelle. Das statische Skelett besteht im Wesentlichen aus Stahlbeton-Fertigteilen, die in den Niederlanden gefertigt wurden. Ein regelmäßiges System aus 540 rautenförmigen, verglasten Öffnungen lässt das Sonnenlicht hereinfließen. Licht und Schatten überzeichnen lebhaft den Raum, geben der Kuppel Plastizität und lassen sie feierlich und leicht wirken. Die gesamte Tempelanlage ist eine gebaute Inszenierung, eine Verbindung aus Gebet und Natur, eine Willkommensgeste an alle, die beten wollen, gleich welcher Spiritualität, ethnischer oder kultureller Herkunft. Die Bahai selbst sehen sich nicht als Missionare. Ihrer Meinung nach sei die Menschheit längst reif, selbst für ihre geistige Entwicklung zu sorgen. Mir kommen da gelegentlich Zweifel.

"Obwohl das Haus der Andacht, äußerlich betrachtet, ein stoffliches Gefüge ist, hat es geistige Wirkung. Es schmiedet Bande der Einheit von Herz zu Herz; es ist ein Sammelpunkt für die Menschenseelen."

Teuto Rocholl, Architekt

Aus anfänglicher Ablehnung ist Interesse und Akzeptanz erwachsen. Selbstbewusst wirbt die Gemeinde am Ortseingang mit ihrem besonderen Tempel. Heute schwärmen die Menschen aus der Region von der offenen, warmherzigen Atmosphäre. 1987 wurde das "Haus der Andacht" vom Bundesland Hessen schließlich zum hessischen Kulturdenkmal erhoben. Ein wichtiges Zeichen für gegenseitige Wertschätzung und Toleranz. Ein wichtiges Zeichen gerade jetzt in erbärmlichen Pegida-Zeiten.

Das Modell. Eigentlich wünschte sich der Architekt farbiges Glas für die Einfassung des Betraums.
Das Modell Eigentlich wünschte sich der Architekt farbiges Glas für die Einfassung des Betraums. © Hendrik Bohle
Das Modell. Die Sitzreihen sollten auf verschiedenen Ebenen angeordnet werden. Das entsprach aber nicht der Vorstellung der Auftraggeber. Sie wünschten sich einen möglichst neutralen Raum ohne hierarchisch aufgeteilte Zonen.
Das Modell Die Sitzreihen sollten auf verschiedenen Ebenen angeordnet werden. Das entsprach aber nicht der Vorstellung der Auftraggeber. Sie wünschten sich einen möglichst neutralen Raum ohne hierarchisch aufgeteilte Zonen. © Hendrik Bohle
Der Umgang. Große Glasflächen verbinden Natur und Gebetshaus.
Der Umgang Große Glasflächen verbinden Natur und Gebetshaus. © Hendrik Bohle
Der Umgang. Der Durchmesser der Grundfläche des Umgangs beträgt 48 Meter.
Der Umgang Der Durchmesser der Grundfläche des Umgangs beträgt 48 Meter. © Hendrik Bohle
Der Gebetsraum. Die Gebetsrichtung der Pflichtbetenden und somit häufig auch die Ausrichtung der Bestuhlung ist durch die Lage zum Wallfahrtsort Akkon in Westgaliläa bestimmt. Dort starb der Religionsbegründer Baha'ullah 1892.
Der Gebetsraum Die Gebetsrichtung der Pflichtbetenden und somit häufig auch die Ausrichtung der Bestuhlung ist durch die Lage zum Wallfahrtsort Akkon in Westgaliläa bestimmt. Dort starb der Religionsbegründer Baha'ullah 1892. © Hendrik Bohle
Der Gebetsraum. Ein heller, feierlicher Raum.
Der Gebetsraum Ein heller, feierlicher Raum. © Hendrik Bohle
Der Gebetsraum. Er ist umlaufend verglast und öffnet sich mit neun Türen in alle Himmelrichtungen.
Der Gebetsraum Er ist umlaufend verglast und öffnet sich mit neun Türen in alle Himmelrichtungen. © Hendrik Bohle
Der Gebetsraum. Er soll allen offenstehen, gleich welcher Spiritualität, ethnischer oder kultureller Herkunft.
Der Gebetsraum Er soll allen offenstehen, gleich welcher Spiritualität, ethnischer oder kultureller Herkunft. © Hendrik Bohle
Die Kuppel. Den Schlussstein der Tempel-Kuppel schmückt stets die arabische Kalligraphie des
Die Kuppel Den Schlussstein der Tempel-Kuppel schmückt stets die arabische Kalligraphie des "Größten Namens", was übersetzt soviel bedeutet wie "O Herrlichkeit des Allherrlichen". © Hendrik Bohle
Die Kuppel. Ein Spiel aus Licht und Schatten.
Die Kuppel Ein Spiel aus Licht und Schatten. © Hendrik Bohle
Die Kuppel. Besteht aus 540 rautenförmigen Glasscheiben.
Die Kuppel Besteht aus 540 rautenförmigen Glasscheiben. © Hendrik Bohle

Ein zentraler Kuppelbau öffnet sich im Sockel mit neun Toren in alle Himmelsrichtungen. Er soll die Offenheit der Gemeinde auch gegenüber Anhängern anderer Religionen symbolisieren.

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .