"Das Betongrau dieser technischen Ruinen verschmolz nahezu mit dem Beigeton der fast pflanzenlosen felsigen Landschaft. Mit dem einfachen Mittel der Konturierung in weißem, breiten Pinselstrich beabsichtigte ich die Gesamterscheinung zu verändern. Zu meiner eigenen Überraschung entstand etwas mit archaisch prähistorischer Anmutung."

Eberhard Bosslet

1. Interventionen, die Verwendung von Architektur und Materialien aus dem industriellen Umfeld und die Neudimensionierung von Innen- und Außenräumen sind prägend für Ihr Werk – bitte beschreiben Sie wie es dazu kam und welche Einflüsse wichtig waren und noch sind.

Ich studierte von 1975–81 Malerei an der Hochschule der Künste Berlin, heute UdK, bei Raimund Girke. Während des Studiums regte sich in mir der Verdacht, dass Farbe und Farbstoffe in der Kunst nicht nur auf dem klassischen Malgrund Leinwand und Keilrahmen ihren wirkungsvollen Platz haben können.
Ich fing an "ungegenständliche" Körper wie Tafeln oder Glasscheiben mit Farbe zu beschichten.

VS-6.  1980, Farbe auf Holz, 6 x 60 x 100 mm
VS-6 1980, Farbe auf Holz, 6 x 60 x 100 mm
GFF-GBBW.  1980, Farbe auf Glas, 113 x 153 x 0,8 cm
GFF-GBBW 1980, Farbe auf Glas, 113 x 153 x 0,8 cm © Eberhard Bosslet

Privat und emotional motiviert reiste ich 1981/82 erstmalig auf die Kanarischen Inseln und verbrachte dort fünf Monate. Um die Inseln bis in die Tiefe erkunden zu können, kaufte ich mir einen Vesparoller. Mit diesem war ich täglich unterwegs und erlebte allerorts die durch Tourismus und Wirtschaftsentwicklung verursachten tiefgreifenden Veränderungen im ruralen und urbanen Raum.

Mobilien & Immobilen.  TF/I-5, 1982, Farbfoto
Mobilien & Immobilen TF/I-5, 1982, Farbfoto © Eberhard Bosslet
Mobilien & Immobilen.  TF/II-4, 1982, Farbfoto
Mobilien & Immobilen TF/II-4, 1982, Farbfoto © Eberhard Bosslet

Mir wurde bewusst, dass Haus bauen und wohnen in Verbindung mit Mobilität essenzielle Faktoren unserer Existenz sind. Auf meinen von reiner Neugierde und Zeitvertreib angetriebenen Touren fielen mir bald verlassene Beton-Hilfsbauwerke in Steinbrüchen, nahe neuer Straßen oder Hafenanlagen auf. Mit den Veränderungen einhergehend waren auch viele verlassene Wohnhäuser und Neubaustillstände zu sehen. Zuerst hatten es mir die Betonruinen, die als temporäre Begleitbauwerke der Infrastrukturbaumaßnahmen entstanden und zurückgeblieben waren, angetan.
Das Betongrau dieser technischen Ruinen verschmolz nahezu mit dem Beigeton der fast pflanzenlosen felsigen Landschaft. Ich beschloss diese Bauwerke einer neuen Aufmerksamkeit zuzuführen. Mit dem einfachen Mittel der Konturierung in weißem, breiten Pinselstrich beabsichtigte ich die Gesamterscheinung zu verändern.
Zu meiner eigenen Überraschung entstand etwas mit archaisch prähistorischer Anmutung. Der Stein war ins Rollen gekommen. Ich realisierte fortan viele dieser "Bauzeichnungen".

Bauzeichnung La Restinga II.  1983, Wandfarbe auf Beton, La Restinga, El Hierro, Kanarische Inseln, Spanien
Bauzeichnung La Restinga II 1983, Wandfarbe auf Beton, La Restinga, El Hierro, Kanarische Inseln, Spanien © Eberhard Bosslet
Reformierung IV.  1989, Wandfarbe auf Beton, Las Maretas, Tenerife, Kanarische Inseln, Spanien.
Reformierung IV 1989, Wandfarbe auf Beton, Las Maretas, Tenerife, Kanarische Inseln, Spanien. © Eberhard Bosslet
Begleiterscheinung II.  1984, Wandfarbe auf Fassade, Begleiterscheinung XI/Era II, 2008, Wandfarbe auf Fassade El Guincho, Tenerife, Kanarische Inseln, Spanien
Begleiterscheinung II 1984, Wandfarbe auf Fassade, Begleiterscheinung XI/Era II, 2008, Wandfarbe auf Fassade El Guincho, Tenerife, Kanarische Inseln, Spanien © Eberhard Bosslet
Begleiterscheinung XI.  2008, Wandfarbe auf Beton, Tias, Lanzarote, Kanarische Inseln, Spanien
Begleiterscheinung XI 2008, Wandfarbe auf Beton, Tias, Lanzarote, Kanarische Inseln, Spanien © Eberhard Bosslet

2. Ihre Kunst ist anlass- und raumbezogen und trägt gleichzeitig auch einen eigenen, autarken Kern in sich: wie realisieren Sie Ihre Werke? Wie ist die Herangehensweise anhand eines konkreten Projektes, das exemplarisch für Ihre Kunst steht, z. B. bei der Ausstellung "Chisme – Heavy Duty" im Museumsgebäude von Herzog & de Meuron in Santa Cruz de Tenerife?

Abgeleitet von den oben beschriebenen "sitespecific outdoor interventions" entwickelte ich diverse Werkreihen für den Ausstellungsbetrieb in Museen, Kunsthallen und Kunstvereinen. Meist raumgreifende Großskulpturen und raumrelationale Installationen, die erst vor Ort hergestellt werden. Materiell und inhaltlich haben diese Arbeiten mit Bauen und Konstruktion, mit urbanem Außen- und Innenraum zu tun. Ich verwende in meinen Werken ausschließlich Produkte und Technologien aus der industriellen und gewerblichen Wirklichkeit. Die eingesetzten Materialien sind dabei immer wesentliche, sichtbare und funktions-ästhetische Bestandteile meiner Werke.

Roundabout Canarias.  2014, Kies, Stahl, elektrische Steuerung, 200 x 590 x 770 cm, TEA Tenerife, Santa Cruz, Spanien
Roundabout Canarias 2014, Kies, Stahl, elektrische Steuerung, 200 x 590 x 770 cm, TEA Tenerife, Santa Cruz, Spanien © Eberhard Bosslet
Universal Mannheim.  1998, Beton, Stahl, 175 x 400 x 600 cm, Kunsthalle Mannheim
Universal Mannheim 1998, Beton, Stahl, 175 x 400 x 600 cm, Kunsthalle Mannheim © Eberhard Bosslet

Entweder basiert eine Werkreihe auf einer einfachen Konzeption im Umgang mit den eingesetzten Elementen, z. B. die Werkreihe Heimleuchten unter Verwendung lokaler öffentlicher Straßen-Festagsbeleuchtung ...

Heimleuchten Santa Cruz.  2014, Straßenfestagsbeleuchtung, 540 x 500 x 500 cm
TEA Tenerife, Santa Cruz, Spanien
Heimleuchten Santa Cruz 2014, Straßenfestagsbeleuchtung, 540 x 500 x 500 cm TEA Tenerife, Santa Cruz, Spanien © Eberhard Bosslet
Heimleuchten Speyer.  2006, elektrisches Licht,
Filzfabrik Melchior Hess, Speyer
Heimleuchten Speyer 2006, elektrisches Licht, Filzfabrik Melchior Hess, Speyer © Eberhard Bosslet

... oder es gibt eine Bauanleitung mit Konstruktionszeichnung und Stückliste für das zu realisierende Werk, wie z. B. in den Werkgruppen "Unterstützende Maßnahmen" und "Modulare Strukturen" in denen Schalungssysteme des Baugewerbes Anwendung finden.

Werk I 90/14 SC/STENHAND.  2014, Stahl, Holz, Gummi. 450 x 150 x 75 cm, TEA, Tenerife, Santa Cruz, Spanien
Werk I 90/14 SC/STENHAND 2014, Stahl, Holz, Gummi. 450 x 150 x 75 cm, TEA, Tenerife, Santa Cruz, Spanien © Eberhard Bosslet
Werk IV SK Saar.  2012, Aluminium, Stahl, Holz, Gummi. 530 x 460 x 315 cm, Schlosskirsche, Saarbrücken
Werk IV SK Saar 2012, Aluminium, Stahl, Holz, Gummi. 530 x 460 x 315 cm, Schlosskirsche, Saarbrücken © Eberhard Bosslet
Supporting Measures at Mercer Union.  2012, Stahl, Holz, Gummi, 320 x 700 x 1150 cm, Mercer Union, Toronto, Kanada
Supporting Measures at Mercer Union 2012, Stahl, Holz, Gummi, 320 x 700 x 1150 cm, Mercer Union, Toronto, Kanada © Eberhard Bosslet
Grundkredit Saar.  (Hintergrund) 2012, Stahl, Holz, Gummi, 399 x 150 x 150 cm. Vordergrund: Hochkant 90/09/12 Saar PERI, 2012. 220 x 600 x 55 cm, Saarland Museum, Moderne Galerie.
Grundkredit Saar (Hintergrund) 2012, Stahl, Holz, Gummi, 399 x 150 x 150 cm. Vordergrund: Hochkant 90/09/12 Saar PERI, 2012. 220 x 600 x 55 cm, Saarland Museum, Moderne Galerie. © Eberhard Bosslet

3. Vielfach gehen alle Werkbestandteile Ihrer Arbeiten an den Ort ihrer Herkunft zurück. Wie ist es dazu gekommen und warum ist das wichtig für Ihre Kunst? Sollte Kunst nicht von Dauer sein?

Alle Werke der vorgenannten Werkreihen werden für die jeweils spezifischen Räumlichkeiten konzipiert und vor Ort mit Hilfe von lokalen Sponsoren und Leihgebern von Material und Gerätschaften realisiert.
Die Werke basieren auf unterschiedlichen Konzeptionen. Sie werden von Fall zu Fall modifiziert und ähnlich einem Musik- oder Theaterstück neu interpretiert. Diese inszenierten und installierten Werke bekommen am Ort ihrer neuen Aufführung eine raumbezogene neue Dimension und einen Wandel in der Materialität, durch die vor Ort verfügbaren, ausgeliehenen Dinge und Gerätschaften.

Projektzeichnung, Werk IV SK Saar, 2012.
Projektzeichnung, Werk IV SK Saar, 2012 © Eberhard Bosslet
Projektzeichnung Expander XVIII/B 1990.
Projektzeichnung Expander XVIII/B 1990 © Eberhard Bosslet

Sofern die Werke nicht im Laufe der Ausstellung von jemanden erworben werden, gehen alle Werkbestandteile an den Ort ihrer Herkunft zurück. Das ist ressourcenschonend, kostengünstig und in Verbindung mit dem Aufführungscharakter dieser Skulpturen ein typisches Merkmal meiner künstlerischen Arbeitsweise. Sofern die Werke temporär geblieben sind, ist womöglich die Erinnerung von Dauer und die Kommunikation darüber mittels Sprache und Abbildungen.

4. Sie sind seit 1997 Professor für Skulptur und Raumkonzepte an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Wie haben sich im Laufe der vergangenen fast 20 Jahren Ihre Lehre, das Arbeitsumfeld, der Zugang und Anspruch der Studierenden verändert?

In den letzten 20 Jahren hat sich mir die Erkenntnis ergeben, dass es für den Erfolg eines Künstler von Vorteil ist, wenn er/sie soziale und kommunikative Kompetenz besitzt. Das Arbeitsumfeld, der Zugang und Anspruch der Studierenden hat sich merkwürdigerweise nicht verändert.

5. Wo ist Ihr Lieblingsort in Berlin und außerhalb der Stadt und warum?

Mein Lieblingsort in Berlin ist mein Zuhause in Friedrichshain. Es ist großzügig und ruhig im Erdgeschoss gelegen, hat riesige Schiebefenster zum Garten hin, der von meiner Frau zu "tropischer" Pflanzenpracht entwickelt wurde. Außerhalb Berlins halte ich mich gerne mit Sicht zum Meer auf.

"Mit Sicht zum Meer".
"Mit Sicht zum Meer" © Eberhard Bosslet

"Ich verwende in meinen Werken ausschließlich Produkte und Technologien aus der industriellen und gewerblichen Wirklichkeit. Die eingesetzten Materialien sind dabei immer wesentliche, sichtbare und funktions-ästhetische Bestandteile meiner Werke."

Eberhard Bosslet

Zum Download und mehr über Eberhard Bosslets Werke:

Von Jan Dimog Autor, Redakteur und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .