Gastbeitrag von Hakan Dağıstanlı.

Qibla. Die transluzente Gebetsnische
Qibla Die transluzente Gebetsnische © Hakan Dağıstanlı

Behruz Çinici brachte es auf den Punkt: "Die geistige Stagnation des Islam äußert sich durch den reaktionären Anspruch tradierter Formsprachen." Noch heute imitieren Moscheen landesweit ihre großen Istanbuler Vorbilder aus dem 17. Jahrhundert – der Blütezeit des osmanischen Klassizismus. Dementgegen vermochte Çinici 1989 mit seinem Entwurf in Ankara mit den gängigen Methoden türkischer Sakralarchitektur zu brechen. Behutsam, mit menschlichen Bezügen und ohne jegliche Anmaßung fügt sie sich gegenüber dem Parlamentsgebäude ein: eigenständig und doch Teil des Ganzen.

Ankara, das Gesicht der Republik

Perspektive. Wider islamischer Formsprache: Das Minarett wurde gänzlich mit einer Zypresse ersetzt.
Perspektive Wider islamischer Formsprache: Das Minarett wurde gänzlich mit einer Zypresse ersetzt. © Hakan Dağıstanlı

Fernab des schwülen Istanbuls schmiegt sie sich in den Schoß der trockenen Steppe Zentralanatoliens. Ankara, das Gesicht der Republik. Einst Bollwerk der türkischen Moderne, sollte das Stadtbild nach ihrer Hauptstadtwerdung dem kemalistischen Zeitgeist entsprechend nicht religiös geprägt sein. So auch das neue Regierungsviertel mitsamt der Ministerialbauten und der Großen Nationalversammlung. Bereits in der Frührepublik von Clemens Holzmeister entworfen, wurde das monumentale Parlamentsgebäude ohne Ruhe- und Gebetsräume in den 1960ern fertiggestellt.

"Die heutigen Armbanduhren sind moderne Minaretten!"

Gebetsraum. Lichtschlitze zwischen den Deckenstufen sorgen für eine natürliche Belichtung.
Gebetsraum Lichtschlitze zwischen den Deckenstufen sorgen für eine natürliche Belichtung. © Hakan Dağıstanlı
Kuppel. Die Quadratur des Kreises.
Kuppel Die Quadratur des Kreises. © Hakan Dağıstanlı

Welcher Typologie könnte also der Entwurf einer Moschee innerhalb des Parlamentskomplex nachgehen um den Ansprüchen und dem modernen Gründungsmythos der Hauptstadt gerecht zu werden? Çinici setzte neue Maßstäbe und griff tief in die Trickkiste: "Die heutigen Armbanduhren sind moderne Minaretten!" Dieser Auffassung nach ersetzte er das Minarett, aus dem zeitgerecht der Gebetsruf ertönt, gänzlich mit einer Zypresse. Ein weiteres Novum ist die Qibla-Wand. Traditionell einer nach Mekka orientierten Pforte gleich als mit Fliesen geschmückte Wandnische ausgebildet, wurde sie durch eine Frontalverglasung mit Sicht auf ein Wasserbassin innerhalb einer terrassierten Gartenanlage transluzent. Der architektonische Verweis auf Garten Eden ist unverkennbar.

Eine Zikkurat, gegossen in Beton

Säulengang. Osmanische Bezüge: Tiefblaue Iznik-Fayencen zieren die Kassettenmodule.
Säulengang Osmanische Bezüge: Tiefblaue Iznik-Fayencen zieren die Kassettenmodule. © Hakan Dağıstanlı
Schnittzeichnung.
Schnittzeichnung © Studio Çinici Mimarlik

Der Kuppelbau, der sich über die Epochen aus baukonstruktiven Nöten heraus entwickelte, wurde gemäß zeitgenössischer Bautechnologien neu interpretiert. Dabei bediente Çinici sich Jahrtausende alter Formen: die Dachkonstruktion aus Stahlbeton wirkt von außen wie eine ausgehöhlte Zikkurat, die mit der hügeligen Topographie des Grundstücks harmonisch in ein Wechselspiel eingeht. Zwischen den Deckenstufen sorgen schmale Aussparungen für die natürliche Belichtung des Gebetsraumes. Die Ansichten aus Sichtbeton gliedern sich aus kassettenhaften Modulen, die mit traditionellen Iznik-Fayencen verziert sind und dezente Bezüge zur osmanischen Ornamentik herstellen. Bespielt mit einem Springbrunnen und Seerosen wird der Vorplatz der Anlage zwischen der Moschee und dem Abgeordnetenhaus westlich durch einen kubistischen Säulengang aus Betonpfeilern definiert. Die hauseigene Bibliothek der Anlage befindet sich entlang des Gangs und umfasst explizit nur Werke religiöser Literatur. Gegossen in Beton meisterte der Architekt spielerisch die Gratwanderung zwischen Religion und laizistischem Staatswesen und erschuf ein Meisterwerk sakraler Formfindung. Funktionalität und Moderne bescherten dem Projekt hierfür den renommierten Aga Khan Award for Architecture. 2015 wurde der Antrag der Architektenkammer, die Moschee unter Denkmalschutz zu stellen, behördlich abgewiesen und somit der zukünftige Erhalt der Anlage als bedeutendes Erbe gefährdet.

Zum Bericht über die Wohnhaus-Bauten von Çinici Mimarlık am Bosporus: hier.

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