"Der rechte Winkel ist das zum Handeln notwendige und ausreichende Werkzeug, weil er den Raum mit vollkommener Eindeutigkeit zu bestimmen dient."

Le Corbusier – Architekt, Architekturtheoretiker, Stadtplaner, Maler, Zeichner, Bildhauer und Möbeldesigner
Unité d'Habitation Firminy-Vert. Fünf Unités d’Habitation wurden realisiert: 1. 1947–1952 Cité Radieuse in Marseille. 2. 1950–1955 Cité Radieuse de Rezé bei Nantes (Länge:108 m, Breite: 19 m, Höhe: 52 m). 3. 1956–1958 Corbusierhaus in Berlin (Länge: 157 m,Breite: 23 m, Höhe: 53 m). 4. 1959–1961 Unité d’habitation de Briey in Briey. 5. 1965–1967 Unité d’Habitation de Firminy-Vert in Firminy (Länge: 130 m, Breite: 21 m, Höhe 50 m).
Unité d'Habitation Firminy-Vert Fünf Unités d’Habitation wurden realisiert: 1. 1947–1952 Cité Radieuse in Marseille. 2. 1950–1955 Cité Radieuse de Rezé bei Nantes (Länge:108 m, Breite: 19 m, Höhe: 52 m). 3. 1956–1958 Corbusierhaus in Berlin (Länge: 157 m,Breite: 23 m, Höhe: 53 m). 4. 1959–1961 Unité d’habitation de Briey in Briey. 5. 1965–1967 Unité d’Habitation de Firminy-Vert in Firminy (Länge: 130 m, Breite: 21 m, Höhe 50 m). © Jan Dimog
Maßstab. Schnitt einer Wohnung in der Unité d'Habitation mit dem von Le Corbusier entwickelten Proportionsschema
Maßstab Schnitt einer Wohnung in der Unité d'Habitation mit dem von Le Corbusier entwickelten Proportionsschema "Modulor". © Jan Dimog
Weite. Der Blick vom Dach der Unité d'Habitation auf Firminy-Vert und Firminy. Der von der Moderne begeisterte Bürgermeister Eugène Claudius-Petit engagierte Le Corbusier mit einem Team von Architekten für den Bau von mehreren Projekten und die Stadtplanung von Firminy-Vert. Hier sollte das
Weite Der Blick vom Dach der Unité d'Habitation auf Firminy-Vert und Firminy. Der von der Moderne begeisterte Bürgermeister Eugène Claudius-Petit engagierte Le Corbusier mit einem Team von Architekten für den Bau von mehreren Projekten und die Stadtplanung von Firminy-Vert. Hier sollte das "grüne Firminy" ab den 1950er-Jahren mit den Le Corbusier-Vorstellungen des menschlichen Wohnens entstehen. © Hendrik Bohle
Elemente. Auf dem Dach der Unité d'Habitation: Beton, Le Corbusiers Lieblingsmaterial und die Natur von Firminy, einer Kleinstadt unweit der Loire-Quellen und in unmittelbarer Nähe der großen Industriestadt Saint-Etienne.
Elemente Auf dem Dach der Unité d'Habitation: Beton, Le Corbusiers Lieblingsmaterial und die Natur von Firminy, einer Kleinstadt unweit der Loire-Quellen und in unmittelbarer Nähe der großen Industriestadt Saint-Etienne. © Jan Dimog
Unité d'Habitation. Auf dem Dach der Wohnmaschine, wo mal der Kinderspielplatz der Schule war.
Unité d'Habitation Auf dem Dach der Wohnmaschine, wo mal der Kinderspielplatz der Schule war. © Jan Dimog
Die Straße. Alle Maße der Unités waren nach dem von Le Corbusier entwickelten Maßsystem Modulor bestimmt worden, das auf dem Goldenen Schnitt basiert und natürliche, beim Menschen auftretende Maßrelationen berücksichtigt.
Die Straße Alle Maße der Unités waren nach dem von Le Corbusier entwickelten Maßsystem Modulor bestimmt worden, das auf dem Goldenen Schnitt basiert und natürliche, beim Menschen auftretende Maßrelationen berücksichtigt. © Jan Dimog
Maison de la Culture. Fertigstellung 1965
Maison de la Culture Fertigstellung 1965 © Hendrik Bohle
Maison de la Culture. Im Schnittpunkt der Achsen plante
Maison de la Culture Im Schnittpunkt der Achsen plante "Corbu" – so sein Spitzname in der Bevölkerung – ein Kulturzentrum, ein Stadium und eine Kirche: Bauten für Geist, Körper und Kult. © Jan Dimog
L'église Saint Pierre. Baubeginn 1970 und nach mehreren Bauetappen 2006 von José Oubrerie fertiggestellt.
L'église Saint Pierre Baubeginn 1970 und nach mehreren Bauetappen 2006 von José Oubrerie fertiggestellt. © Jan Dimog
Léglise Saint Pierre. Fusion der Formen und Akustik und wider des rechten Winkels.
Léglise Saint Pierre Fusion der Formen und Akustik und wider des rechten Winkels. © Jan Dimog

Überarchitekt, Großmeister, Baubeeinflusser: über ein halbes Jahrhundert nach dem Tod von Charles-Edouard Jeanneret alias Le Corbusier hat sich sein Erbe längst verselbstständigt. Er ist präsent und er polarisiert, er wird für das Glück und Desaster der Moderne verantwortlich gemacht, er hat Bauten geplant zu denen Scharen pilgern. Einfach weil er zum Kulturkanon gehört und man die Gebäude gesehen haben muss. Die Suchmaschinen präsentieren zwischen 2,5 bis über 12 Millionen Ergebnisse. Über 2200 Monografien und Malbücher, Bildbände und Fachbücher soll es über, mit und von ihm geben. Sein Name ist schon lange eine Marke, mit der man werben oder an der man sich abarbeiten kann. Pünktlich zum 50. Todestag 2015 veröffentlichten mehrere Autoren ihre Ergebnisse und Vorwürfe zu Le Corbusiers Verstrickungen in faschistischem Gedankengut. Der Journalist Xavier de Jarcy schrieb "Le Corbusier – ein französischer Faschismus" und erklärte im Gespräch mit Deutschlandradio, dass "Le Corbusier ein politischer Aktivist war, der seit den 1920er-Jahren faschistischen Gruppen angehörte und seine urbanistischen Theorien auf deren Ideen aufbaute."
De Jarcy und andere Autoren sorgten für viel Wirbel und beleuchteten einen Aspekt in Le Corbusiers Leben über den man wenig wusste oder wissen wollte. Denn in seinen Büchern hatte LC keinen Hehl aus seiner Verachtung für die Unordnung und das Unreine, für "die Fäulnis der alten Städte“ und sein Plädoyer für die "Säuberung von Paris" gemacht, denn "Paris ist krank". Das hatte er bereits in seinem Buch "Städtebau" klar formuliert. Die französische Originalausgabe erschien 1925 unter dem Titel "Urbanisme". Die deutsche Ausgabe erschien 1929 in der Übersetzung des Kunsthistorikers Hans Hildebrandt bei der Deutschen Verlags-Anstalt, ein Reprint wurde 1979 veröffentlicht. Der 50. Todestag war Anlass, das 288 Seiten-Werk mit einem Vorwort von Wolfgang Pehnt in einer Neuauflage zu veröffentlichen. Viele Jahre vor dem Athener Kongress "Die funktionale Stadt" 1933 hatte er in dem Buch seine Prinzipien moderner Stadtplanung, seine Stadtanalysen und utopischen Stadtentwürfe publiziert. Was sich an einigen Stellen des Buchs harsch und menschenfeindlich liest, wird in anderen Teilen prophetisch. Das fing bei seiner Voraussage für der Zukunft der Menschheit an, die er eng mit der Entwicklung der Groß- und Megastädte verband und hörte bei seinen Überlegungen zu künftigen Sechsstundentagen und den Stunden des Atemholens nicht auf.
Architekturkritiker und –historiker Wolfgang Pehnt plädiert im Vorwort von "Städtebau" das Buch wie eine der großen Fiktionen der Weltliteratur zu lesen, "die Glückversprechen und Unheilsdrohungen von Plato bis Kafka ... von Thomas Morus bis zu den zeitgenössischen High-Tech-Fabeln. In ihnen schreitet die menschliche Phantasie den Kreis des Denkbaren aus, und wir können uns angesichts der offen gelegten Alternativen miteinander verständigen, was wir wollen. Und was wir nicht wollen."

"Was bleibt denn von ihm? Sein Werk, nicht seine Freunde oder die Tatsache, dass er seiner Mutter schrieb, die Juden seien zu einflussreich. Das ist doch egal, nehmen Sie Voltaire, der war Antisemit und was bleibt von ihm? Voltaire!"

Paul Chemetov, französischer Architekt und Stadtplaner

Wolfgang Pehnts Hinweis hilft bei den Ausflügen in die manchmal unendlichen Weiten des LC-Kosmos, der vor Ideen, Konzepten und Vorhaben, vor Wiederholungen, Chaos und Anekdoten nur so strotzt. Mal mutet er einem vermeintlich unumstößliche Angaben und Verlautbarungen zu, dann wieder Kreativlyrik verbunden mit der Welt der Architekturskizzen. Es ist, als würde man ein fast 300-seitiges Notizbuch öffnen, das einen ungefiltert und ungebremst, kraftvoll und verwirrend in die LC-Schöpfung einsaugt. Dass ihn der Mensch an sich umtrieb und er hier über das "Menschenmaß" sinnierte, kann als Grundlagenüberlegung zu seinem "Modulor" verstanden werden, ein Proportionsschema, das er einige Jahre später entwickelte und von den Maßen des menschlichen Durchschnittskörpers ausgeht. Die 2,26 Meter Höhe und 1,83 Meter Breite machte er zur Basis seiner Projekte. Band 1 und 2 seines Modulor kamen in den 1950ern heraus und sind dank zahlreicher Skizzen, Zeichnungen und Kalkulationen die Bedienungsanleitung in den LC-Kosmos. Aber es wäre kein corbusierscher Gehirngalopp, wenn es auch in diesen beiden Büchern nicht Reflexionen, Nachdenkliches und Anekdotenhaftes gäbe, manchmal in harter Abgrenzung zu den Überlegungen der Geometrie und Mathematik, dann wieder in Harmonie mit der Architektur, die "ganz nah dem Menschen" ist.
Sicherlich am weitesten vom Menschen entfernt, war er in den Jahren des Faschismus. Seine Tiraden im Buch "Städtebau" über das kranke Paris und der Krebs, der die Stadt ersticken werde, bildeten eine Basis für seine späteren Verfehlungen. Der Journalist Xavier de Jarcy zitiert in seinem Buch "Le Corbusier – ein französischer Faschismus" Briefe des Architekten an seine Mutter: "Hitler kann sein Leben mit einem großartigen Werk krönen: der Neugestaltung Europas." Er sah das "Ende des parlamentarischen Geschwätzes" gekommen. Er äußerte Verständnis für Antisemitismus: "Die Juden haben jetzt eine schwere Zeit. Ich bin manchmal zerknirscht darüber. Aber es scheint, als hätte ihre Geldgier das Land korrumpiert."
Nach der deutschen Besetzung Frankreichs und der Installation des Vichy-Regimes, das mit dem Deutschen Reich kollaborierte, suchte Le Corbusier die Nähe zum Regime, das ihn zum Verantwortlichen für Städtebau in den zerstörten Gebieten Frankreichs ernannte. Zu seinem Netzwerk gehörten faschistische Freunde und Kreise. Rechtsextreme und Antisemiten protegierten seine Projekte. Nach dem Zweiten Weltkrieg sah das alles wie eine faschistische Phase aus, die aus seiner Biografie getilgt schien. Man kann das wie eine der zahlreichen Wendungen und Irrungen, Anekdoten und Reflexionen in seinen Büchern sehen. Heute ein Avantgardist, der Kubismus in seine Arbeit fließen lässt, morgen ein Faschist, der Ungeziefer, Unordnung, Unliebsames verachtet und vernichtet sehen möchte. Diese komplexe Bandbreite des Corbu-Denkens und Handelns zu beachten, ist wichtig, eben weil er über 50 Jahre nach seinem Tod einen so großen Einfluss übt, wie sich 2016 an der Entscheidung der Kommission der UNESCO zeigte, die 17 Standorte mit Le Corbusier-Bauten in sieben Ländern als Weltkulturerbe ausgewählt hat.
Ein Credo des österreichischen Architekten und Autoren Friedrich Achleitner lautete: "Bewertungen der Architektur sind aus dem Kontext der jeweiligen Zeit zu betrachten." So sieht das auch der Pariser Architekt Paul Chemetov, der Le Corbusiers Antisemitismus nicht bestreitet. Im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur jedoch verteidigt er diesen. Man müsse seine Irrungen in den historischen Kontext stellen, meint der 87-Jährige:
"Der überwiegende Teil der französischen Elite war vor dem Krieg fasziniert von autoritären Regimen, vor allem die Planer, Ingenieure usw. hielten sie für effizienter als die parlamentarische Demokratie mit ihren Schwächen."
Le Corbusier habe weder Pläne für KZ's entworfen noch sei er in eine Partei eingetreten. Außerdem sei er trotz seines Opportunismus, stets seiner Ästhetik treu geblieben, egal ob er für Stalin, Mussolini oder Vichy gearbeitet habe und letztlich zählt für Paul Chemetov nur das:
"Was bleibt denn von ihm? Sein Werk, nicht seine Freunde oder die Tatsache, dass er seiner Mutter schrieb, die Juden seien zu einflussreich. Das ist doch egal, nehmen Sie Voltaire, der war Antisemit und was bleibt von ihm? Voltaire!"
Und in Le Corbusiers Fall bleibt unter anderem: Firminy. In Teil 2 besuchen wir das einzige städtebauliche LC-Projekt in Europa mit mehreren von ihm geplanten Bauten. Bauten, die in ihrer Sichtbeton-Ästhetik strahlen. Strenge, harte, verspielte und durchdachte Gebäude, zu denen ein Zitat aus „Modulor 1“ gut passt:
"H I E R spielen
die G Ö T T E R!"
Bescheidenheit? Passt einfach nicht zu Le Meister.

Städtebau von Le Corbusier. Die deutsche Ausgabe erschien 1929 in der Übersetzung des Kunsthistorikers Hans Hildebrandt bei der Deutschen Verlags-Anstalt. Ein Reprint wurde 1979 veröffentlicht. Seit langem vergriffen, ist der 50. Todestag von Le Corbusier 2015 Anlass, das Werk mit einem Vorwort von Wolfgang Pehnt wieder lieferbar zu machen.
Städtebau von Le Corbusier Die deutsche Ausgabe erschien 1929 in der Übersetzung des Kunsthistorikers Hans Hildebrandt bei der Deutschen Verlags-Anstalt. Ein Reprint wurde 1979 veröffentlicht. Seit langem vergriffen, ist der 50. Todestag von Le Corbusier 2015 Anlass, das Werk mit einem Vorwort von Wolfgang Pehnt wieder lieferbar zu machen.
Der Modulor von Le Corbusier. Erschienen bei DVA
Der Modulor von Le Corbusier Erschienen bei DVA
Modulor 2 (1955) von Le Corbusier. Erschienen bei DVA
Modulor 2 (1955) von Le Corbusier Erschienen bei DVA

Le Corbusier 2.0 von Alix Bossard

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Von Jan Dimog Autor, Blogger und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .