"Ich habe mit den Materialien gerungen, mit den Formen, mit der ganzen Unternehmung. Ich habe alle im Vertrag festgehaltenen Konditionen erfüllt. Ich habe meine Arbeit erledigt. Ich fühle mich mehr als jemals zuvor mit dieser Arbeit, mit unserer Arbeit verbunden ... Und ich kann an nichts anderes denken, als dabei zu sein, wenn die Baumaßnahmen beginnen, für unsere große spirituelle Freude."

Le Corbusier, 28.1.1965 im Brief an Pfarrer Tardy, der für die Finanzierung der Kirche verantwortlich war.

L'église Saint-Pierre

Raumschiff, AKW-Turm, Schlot: Spitznamen bekam die Kirche bei der Fertigstellung und Eröffnung vor genau zehn Jahren zu Hauf. Dass es sie heute überhaupt gibt, ist einer Mischung aus Fügung, Zeitgeist und der Hartnäckigkeit seiner Befürworter zu verdanken, allen voran dem Bürgermeister Claudius-Petit, dem Architekten Oubrerie und der Le Corbusier-Stiftung. 42 Jahre sollte die Église-Irrfahrt bis zur Vollendung dauern. Dabei spielte sie in Le Corbusiers Stadtplanung für Firminy-Vert eine zentrale Rolle. Zusammen mit Louis Miquel und José Oubrerie hatte er die Kirche als vertikales Kernelement des Gesamtplans konzipiert. Nach Le Corbusiers Tod im August 1965 sollte es fünf Jahre dauern bis die Baumaßnahmen begannen. Nach Fertiggestellung des Erdgeschosses wurde der Bau 1974 gestoppt, 1976 fortgesetzt, um zwei Jahre erneut unterbrochen zu werden. Fortan rottete ein seltsamer Beton-Stumpen vor sich hin. Die Ruine wurde zusehends dunkler und erinnerte unfreiwillig an Firminys Vergangenheit als schmauchende Kohle-Eisenerzstätte.
Ein Vierteljahrhundert später war es wieder ein Bürgermeister, der etwas bewegen sollte. Im Sommer 2001 entschied Firminys Bürgermeister Dino Cinieri alle relevanten Akteure zusammenzurufen. Die Ruine stieg in den Rang eines regionalen Prestigeprojektes auf, nachdem zuvor ein Problem geschickt umgangen worden war. Denn eine öffentliche Finanzierung verträgt sich nicht mit Frankreichs laizistischen Grundsätzen. Seit 1905 verbietet ein Gesetz staatliche Gelder für religiöse Neubauten. Daraufhin wird die Église schnell zum "architektonischen Erbe" und von einer Kult- zu einer Kulturstätte deklariert. 2006 war es dann soweit: nach dreijähriger Bauzeit und unter der Aufsicht von José Oubrerie wurde die dritte Kirche von Le Corbusier eingeweiht. Die beiden anderen Sakralbauten des Atheisten Le Corbusier stehen in La Tourette und Ronchamps.
Nachdem wir mit der Site Le Corbusier-Repräsentantin Maelle Braquet zunächst das Maison de la Culture und die Unité d’Habition besucht haben, kommt nun die Zeit des Lichts. Am späten Vormittag stehen wir vor dem Sichtbeton-Konus.
Abgerundete Kanten.
Ein Zylinder und ein Quadrat ragen hervor.
Ein Bogen über dem Eingang, schief wirkende Regenrinnen.
Eine Rampe beschreibt theatralisch einen Halbbogen und führt zur Kuppel.
Der Eingang befindet sich im Erdgeschoss, wo auch das Museum untergebracht ist. Dort müssten wir normalerweise hin. Heute aber macht Maelle Braquet eine Ausnahme. Wir sollen die Rampe nehmen und uns beeilen. Sie öffnet die Le Corbusier-typische Drehtür und das Spiel kann beginnen. Das skulpturale Äußere von Saint Pierre weicht im Inneren einer Fusion aus Formen und Farben, aus Licht und Lauten. Das Raumgefühl scheint wie aufgehoben, unsere Schritte, unser Flüstern gleiten an den Wänden hinauf und hinab und in die Höhen. Was für eine Sphäre, was für eine elementare Raumwucht!
Unten bestimmen Kanzel, Kapelle und Altar die Kuppel. Hinter dem Altar fällt Licht durch drei Dutzend Minifenster, deren Metallprofile wellenförmige Reflektionen auf die Wände werfen. Die Zylinder aus massivem Plexiglas fügen sich zum Sternbild des Orion. So wie das Weltall ist das Innere eisig. Die roten und grünen, die blauen und gelben Lichtbänder, das durch die Öffnungen dringende Leuchten, die gekippten Betonwände – José Oubreries Interpretation der gemeinsam mit Le Corbusier erstellten Ideen passt zu dessen Ausspruch:
"In diesem unendlichen Raum kann jeder die nötige Stille finden, wenn man es so will, um die Tiefen seiner Seele auszuloten und um seine Geheimnisse freizusetzen."
Das wiederum ist ein anderer Le Corbusier als in einigen Stellen seines "Städtebau" und während des Vichy-Regimes. Hier wird er durch Oubrerie ein Lichtraum-Poet und ein sanfter Betonkopf, der in seinem späteren Leben vom rechten Winkel ließ und elegische Rundungen zulassen konnte. Mit Lichtkanonen.

L'église Saint-Pierre. Der Kegelbau ist auf einem quadratischen Grundriss errichtet mit aus dem Dach hervorstoßenden Lichtkanonen.
L'église Saint-Pierre Der Kegelbau ist auf einem quadratischen Grundriss errichtet mit aus dem Dach hervorstoßenden Lichtkanonen. © Hendrik Bohle
L'église Saint-Pierre. Die quadratische Grundfläche misst 25,5 Meter, die Kirche erreicht eine Höhe von 33,09 Meter.
L'église Saint-Pierre Die quadratische Grundfläche misst 25,5 Meter, die Kirche erreicht eine Höhe von 33,09 Meter. © Hendrik Bohle
L'église Saint-Pierre.
L'église Saint-Pierre "Kohleeimer" ist neben "UFO", "AKW-Turm" und "Schlot" auch eine gängige Bezeichnung der Kirche. © Jan Dimog
L'église Saint-Pierre. Die Betonwand ist 22 cm dick und an der Ostseite mit mehreren Dutzend Minifenstern versehen. Diese Fenster ...
L'église Saint-Pierre Die Betonwand ist 22 cm dick und an der Ostseite mit mehreren Dutzend Minifenstern versehen. Diese Fenster ... © Jan Dimog
L'église Saint-Pierre. ... an der Ostfassade sorgen mit ihren Metallprofilen für wellenförmige
Reflektionen auf die umliegenden Wände.
L'église Saint-Pierre ... an der Ostfassade sorgen mit ihren Metallprofilen für wellenförmige Reflektionen auf die umliegenden Wände. © Jan Dimog
L'église Saint-Pierre. Die Zylinder aus Plexiglas zeigen das Sternbild des Orion.
L'église Saint-Pierre Die Zylinder aus Plexiglas zeigen das Sternbild des Orion. © Jan Dimog
L'église Saint-Pierre. Die Lichtbänder werden in ihrer Linienführung durch die gekippten Betonwände verstärkt.
L'église Saint-Pierre Die Lichtbänder werden in ihrer Linienführung durch die gekippten Betonwände verstärkt. © Hendrik Bohle
L'église Saint-Pierre. Auf dem Dach lenken quadratische und runde
L'église Saint-Pierre Auf dem Dach lenken quadratische und runde "Lichtkanonen" die Strahlen der Sonne ins Innere des Konus. © Hendrik Bohle
L'église Saint-Pierre. Der Innenraum ist eisig. Hier wird nur selten geheizt.
L'église Saint-Pierre Der Innenraum ist eisig. Hier wird nur selten geheizt. © Hendrik Bohle
L'église Saint-Pierre. Insofern passt das Frostige zum von den Minifenstern geformten Sternenbild.
L'église Saint-Pierre Insofern passt das Frostige zum von den Minifenstern geformten Sternenbild. © Hendrik Bohle
L'église Saint-Pierre. Betreiber, Gralshüter und Vermarkter der Kirche sowie der anderen Le Corbusier-Bauten ist die Site Le Corbusier. Der wichtigste Unterstützer ist der Städteverbund
L'église Saint-Pierre Betreiber, Gralshüter und Vermarkter der Kirche sowie der anderen Le Corbusier-Bauten ist die Site Le Corbusier. Der wichtigste Unterstützer ist der Städteverbund "Firminy – Saint-Etienne Métropole". © Jan Dimog
L'église Saint-Pierre. Nach Aussagen der Site Le Corbusier ziehen die Bauten in Firminy-Vert bis zu 20.000 Besucherinnen und Besucher pro Jahr an.
L'église Saint-Pierre Nach Aussagen der Site Le Corbusier ziehen die Bauten in Firminy-Vert bis zu 20.000 Besucherinnen und Besucher pro Jahr an. © Jan Dimog
L'église Saint-Pierre. Teil der Arbeit der Site Le Corbusier ist die Organisation von Konzerten, Workshops und Veranstaltungen rund um Architektur und Le Corbusiers Werk.
L'église Saint-Pierre Teil der Arbeit der Site Le Corbusier ist die Organisation von Konzerten, Workshops und Veranstaltungen rund um Architektur und Le Corbusiers Werk. © Jan Dimog
L'église Saint-Pierre. Die Kuppel ist wie für Musikfestivals gemacht: die Akustik ist klar und auf eine monumentale Weise eindrücklich ...
L'église Saint-Pierre Die Kuppel ist wie für Musikfestivals gemacht: die Akustik ist klar und auf eine monumentale Weise eindrücklich ... © Jan Dimog
L'église Saint-Pierre. ... wie eine Fusion aus Formen und Farben, aus Klang und Körper.
L'église Saint-Pierre ... wie eine Fusion aus Formen und Farben, aus Klang und Körper. © Hendrik Bohle
L'église Saint-Pierre. Der für die Fertigstellung der Kirche verantwortliche Architekt und ehemalige Assistent von Le Corbusier, José Oubrerie, und weitere Verantwortliche der Denkmalpflege erklärten, dass der Bau trotz Konzessionen an die heutigen Bedingungen (Brandschutz, Sicherheitsvorschriften bei Notausgängen, Abflachung der Eingangsrampe für Behinderte, der Einbau eines Fahrstuhls) werkgetreu sei.
L'église Saint-Pierre Der für die Fertigstellung der Kirche verantwortliche Architekt und ehemalige Assistent von Le Corbusier, José Oubrerie, und weitere Verantwortliche der Denkmalpflege erklärten, dass der Bau trotz Konzessionen an die heutigen Bedingungen (Brandschutz, Sicherheitsvorschriften bei Notausgängen, Abflachung der Eingangsrampe für Behinderte, der Einbau eines Fahrstuhls) werkgetreu sei. © Jan Dimog
L'église Saint-Pierre.
L'église Saint-Pierre "Firminy bildet jetzt den wichtigsten Werkkomplex Le Corbusiers in Europa", so Jean-Louis Cohen, Historiker und Kenner von Le Corbusiers Arbeiten. © Jan Dimog

"Das Geheimnis meines Suchens muss man in meiner Malerei entdecken. In meiner Kindheit führte uns mein Vater über Berge und Täler und wies uns auf das hin, was er bewunderte: auf die Mannigfaltigkeit, die Kontraste, die erstaunliche Persönlichkeit der Dinge, und auf die trotzdem bestehende Einheit der Gesetze."

Le Corbusier, Modulor 2, erschienen bei DVA

Unsere Architekturreise wurde unterstützt von Auvergne-Rhône-Alpes Tourisme und Atout France.

Von Jan Dimog Autor, Blogger und Journalist, veröffentlicht am .