" ... auf der Straße nach Sintra, immer näher an Sintra, auf der Straße nach Sintra, immer ferner mir selbst."

Fernando Pessoa

"Berg des Mondes" nannten die Römer den schmalen Höhenzug im Westen ihrer ehemaligen Provinz Lusitanien. Ein überwirklicher Ort. Schon seit Jahrhunderten eine Quelle der Legenden und fantastischen Geschichten. Es folgten Mauren, Mönche und der portugiesische Adel. Heute ist die weitläufige Park- und Kulturlandschaft Sintra Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Das kleine beschauliche Städtchen Sintra schmiegt sich dicht an den Fuß des Gebirges. Ein malerisches Gassengeflecht umkreist das Zentrum, den Platz der Republik mit dem Palácio Nacional. Unverkennbar richten sich seine beiden pyramidenförmigen Schlote erhaben über den mächtigen Küchengewölben auf. Der frühere Hausherr des Palastes, Manuel I., ließ hier gerne vier Hirsche gleichzeitig schmoren. Sein Beiname "der Glückliche" verrät dabei viel über dieses besondere Fleckchen Erde. Aber auch außerhalb der Stadt gibt es jede Menge Zauberhaftes zu entdecken.

Majestätisch.  Die Sommerresidenz der portugiesischen Könige der Palácio Nacional de Sintra ist das Herz der Stadt.
Majestätisch Die Sommerresidenz der portugiesischen Könige der Palácio Nacional de Sintra ist das Herz der Stadt. © Cascais Tourism

Palácio Nacional da Pena

Zuckrig thront der Palácio Nacional da Pena auf dem Rücken des Mondbergs. Der Weg dorthin ist eng und kurvig. Busse schieben sich durchs dichte Grün. Tuk-Tuks ächzen die geschwungenen Straßen hinauf. Zwischendurch blinzeln windschiefe Villen, verwunschene Parks und die kaltgrauen Zinnen des Castelo dos Mouros durchs Geäst. Die mächtige maurische Festungsanlage wurde im 8. Jahrhundert errichtet und nach wechselnden Eroberungen 1147 schließlich vollständig durch die Portugiesen eingenommen. Die Wehranlage verfiel in den folgenden Jahren. Erst 1860 fand eine Renovierung der Ruinen statt. Heute schlängelt sich das gewaltige Gemäuer drachengleich um zwei Bergspitzen des Sintra-Gebirges. Ihm gegenüber erstrahlt der Star des Berges. Der märchenhafte Pena-Palast ist eine wahre Explosion aus Farben und Formen. Zurückhaltung können andere. Hier quietscht es gelb und knallt es rot. Zwiebeltürmchen, Zinnen, Zähne fletschende Fabelwesen, hölzerne Brücken und Tore ziehen die Besucher in eine verborgene Traumwelt. Wären da nicht die Touristenmassen, die sich knipsend durch die Anlage schieben.

"Ich bin nach Italien, Sizilien, Griechenland und Ägypten gereist, aber ich habe niemals irgendetwas gesehen, was Pena gleicht. Dies ist der wahre Garten Klingsors - und hier, oben darüber, ist die Burg des Heiligen Grals."

Richard Strauss

Der portugiesische König Fernando II. und seine Frau Dona Maria II. ließen den Palast zwischen 1842-54 auf den Mauern einer Klosteranlage aus dem sechzehnten Jahrhundert errichten. Sein glücklicher Vorgänger Manuel I. hatte "Nossa Senhora da Pena" 1503 dem Hieronymus-Orden gestiftet. 1755 verursachte ein Erdbeben schwere Schäden. Die Anlage verfiel in den folgenden Jahren, bis sie Dom Fernando II., ein Spross der Familie Sachsen Coburg-Gotha, 1838 erwarb. Bei der Renovierung und Erweiterung wurden die Hauptfassade des Konvents, die Kapelle und der Kreuzgang erhalten. Baron von Eschwege, der Architekt des Schlosses, bediente sich einem Baukasten verschiedener historisierender Stile. Kompromisslos vermischte er Neorenaissance, Neugotik, Manuelinik, Barock und Rokoko mit maurischen Elementen. Heute sind der Palast und seine Parkanlagen das vollständigste Beispiel romantischer Architektur in Portugal. Der Parque da Pena erstreckt sich auf etwa 200 Hektar. Über vierzig Jahre wurde an ihm gebaut. Ursprünglich als Englischer Garten gedacht, erinnert er mit seiner reichhaltigen Vegetation, seinen Vögelbrunnen, knorrigen Brücken und Säulentempeln heute eher an einen verträumten Märchenwald. Zudem ist er von außerordentlicher wissenschaftlicher Bedeutung, denn vor seiner Errichtung gab es hier nur kargen Fels. Den höchsten Punkt des Sintragebirges markiert auf 592 Metern das Hohe Kreuz, in Stein gemeißelt und mit einer gewundenen Säule versehen.

Magisch.  Der Palácio Nacional da Pena thront auf dem "Berg des Mondes" und überblickt die saftig grüne Kulturlandschaft bis hin zum Atlantik.
Magisch Der Palácio Nacional da Pena thront auf dem "Berg des Mondes" und überblickt die saftig grüne Kulturlandschaft bis hin zum Atlantik. © Cascais Tourism
Palácio Nacional da Pena.  Ein zuckriger Mix aus Formen und Farben.
Palácio Nacional da Pena Ein zuckriger Mix aus Formen und Farben. © Hendrik Bohle
Palácio Nacional da Pena.  Jede Menge Zinnen, Minarette und andere Türmchen bestimmen die Silhouette des Schlosses.
Palácio Nacional da Pena Jede Menge Zinnen, Minarette und andere Türmchen bestimmen die Silhouette des Schlosses. © Jan Dimog
Palácio Nacional da Pena.  Der Blick fällt weit ins Land.
Palácio Nacional da Pena Der Blick fällt weit ins Land. © Hendrik Bohle
Palácio Nacional da Pena.  Wasserspeiende Fabelwesen ...
Palácio Nacional da Pena Wasserspeiende Fabelwesen ... © Hendrik Bohle
Palácio Nacional da Pena.  ... grellgelbe Zwiebeltürmchen ...
Palácio Nacional da Pena ... grellgelbe Zwiebeltürmchen ... © Jan Dimog
Palácio Nacional da Pena.  ... und scharfkantige Zinnen kontrastieren mit dem märchenhaften Naturraum.
Palácio Nacional da Pena ... und scharfkantige Zinnen kontrastieren mit dem märchenhaften Naturraum. © Jan Dimog
Palácio Nacional da Pena.  Kachelkunst auf dem Boden des Innenhofs der ehemaligen Klosteranlage.
Palácio Nacional da Pena Kachelkunst auf dem Boden des Innenhofs der ehemaligen Klosteranlage. © Jan Dimog
Palácio Nacional da Pena.  Aufwendiger Wandschmuck im Inneren.
Palácio Nacional da Pena Aufwendiger Wandschmuck im Inneren. © Hendrik Bohle

Quinta da Regaleira

Nur wenige Kilometer weiter nördlich glaubt man die sanfte Stimme Galadriels zu hören. Jeder Stein ist mit Bedeutung aufgeladen. Die Herrin des Elbenwaldes aus der Tolkien-Welt "Herr der Ringe" scheint über dem geheimnisvollen Grün zu schweben, durchwoben von steinernen Brücken, Brunnen und Wasserfällen. Ein besonderer Zauber liegt in der labyrinthischen Anlage. Als könne man alles Weltliche hinter sich lassen, sobald man die eisernen Tore durchschreitet. Der ganze Berg ist durchzogen von Höhlen, Grotten und Gängen. Ein unterirdischer Turm windet sich 27 Meter in die Tiefe. Der Weg weckt alchemistische Assoziationen. Die Stufen scheinen Himmel und Erde miteinander zu verbinden. An seinem Fuße führen mehrere Gänge in die Dunkelheit. An deren Ende rauschen Wasserfälle, Seen und verwunschene Terrassen. Der Millionär António Augusto ließ das Anwesen Anfang des 19. Jahrhunderts mit Hilfe des Theaterarchitekten Luigi Manini Wirklichkeit werden.

Quinta da Regaleira.  Rätselhaft romantisches Privatschloss.
Quinta da Regaleira Rätselhaft romantisches Privatschloss. © Cascais Tourism
Quinta da Regaleira.  Tuk Tuks ächzen über die Straßen durchs dichte Grün hinauf.
Quinta da Regaleira Tuk Tuks ächzen über die Straßen durchs dichte Grün hinauf. © Hendrik Bohle
Quinta da Regaleira.  Ein neugotischer Grottentraum gestrandet im Elbenwald.
Quinta da Regaleira Ein neugotischer Grottentraum gestrandet im Elbenwald. © Jan Dimog
Quinta da Regaleira.  Mystisch
Quinta da Regaleira Mystisch © Jan Dimog
Quinta da Regaleira.  Der unterirdische Turm weckt alchemistische Assoziationen.
Quinta da Regaleira Der unterirdische Turm weckt alchemistische Assoziationen. © Jan Dimog
Quinta da Regaleira.  Zauberhafte Recherchen
Quinta da Regaleira Zauberhafte Recherchen © Hendrik Bohle
Quinta da Regaleira.  Ein elbisches Pflanzenreich ...
Quinta da Regaleira Ein elbisches Pflanzenreich ... © Jan Dimog
Quinta da Regaleira.  ... mit Seen und Grotten.
Quinta da Regaleira ... mit Seen und Grotten. © Jan Dimog

"Wo Natur und Kunst einander wundervoll ergänzen."

Hans Christian Andersen

Palácio de Seteais

In unmittelbarer Nachbarschaft des Feenwaldes erstrahlt vor einer breiten Rasenlandschaft der "Palast der sieben Seufzer" in neoklassizistischem Weiß. Der Palácio de Seteais wurde zwischen 1783 und 1787 für den niederländischen Konsul Daniel Gildemeester errichtet, der zu jener Zeit das Monopol für Diamantenexporte hielt. Anders als sein Nachbar wurde dieser feierlich anmutende Bau im Laufe der Jahre klar symmetrisch ausgebaut. Ein monumentaler Bogen, verziert mit den Bronzeabbildungen des Königspaares und einer lateinischen Gedenkschrift, verbindet den West- und Ostflügel des Palastes miteinander. Dahinter erstreckt sich eine weitläufige Terrasse mit einem hinreißenden Panorama. Seit 1954 ist in dem Palast ein Luxus-Hotel untergebracht.

Palácio de Seteais.  Palast der sieben Seufzer
Palácio de Seteais Palast der sieben Seufzer

Palácio de Monserrate

Wahrscheinlich ist diese Parkanlage mit seinem maurisch und gotisch anmutenden Palast die Schönste in Sintra. Viele ließen sich hier nieder, unter ihnen der englische Schriftsteller und Baumeister William Beckford. Den größten Einfluss auf die Gestalt des Anwesens hatte aber Sir Francis Cook. Er ließ Mitte des 19. Jahrhunderts den Palast und den 33 Hektar großen Park auf einem ehemaligen Land- und Obstgut in seiner jetzigen Form gestalten. Besonders bemerkenswert sind die abwechslungsreichen Szenarien und der reichhaltige Pflanzenbestand aus aller Welt. Neben der "portugiesischen Fauna", wie Mäusedorn und Korkeiche, wurden hier Pflanzen von allen fünf Kontinenten kombiniert. Mehr als 2.500 Spezies wachsen hier. Zurecht erhielt der Park 2013 den European Garden Award.

Palácio de Monserrate.  Definitiv eine der Schönheiten von Sintra
Palácio de Monserrate Definitiv eine der Schönheiten von Sintra © Hendrik Bohle
Palácio de Monserrate.  Maurische Anklänge mit ordentlich Gotik drin.
Palácio de Monserrate Maurische Anklänge mit ordentlich Gotik drin. © Jan Dimog
Palácio de Monserrate.  Ein (Bogen)Hauch von Indien.
Palácio de Monserrate Ein (Bogen)Hauch von Indien. © Jan Dimog
Palácio de Monserrate.  Der Hauch als Ornamentik.
Palácio de Monserrate Der Hauch als Ornamentik. © Hendrik Bohle
Palácio de Monserrate.  Artenreiche Parklandschaft
Palácio de Monserrate Artenreiche Parklandschaft © Hendrik Bohle
Palácio de Monserrate.  Formenreiche Spitzbögen
Palácio de Monserrate Formenreiche Spitzbögen © Jan Dimog
Palácio de Monserrate.  Deckenkunst auf die Spitze getrieben.
Palácio de Monserrate Deckenkunst auf die Spitze getrieben. © Hendrik Bohle
Palácio de Monserrate.  Deckenkunst mal mit dem kräftigen Strich, mal mit dem feinen Pinsel. Wie hier.
Palácio de Monserrate Deckenkunst mal mit dem kräftigen Strich, mal mit dem feinen Pinsel. Wie hier. © Hendrik Bohle
Palácio de Monserrate.  Das leicht geschwungene Treppenhaus mit feinem Dekor.
Palácio de Monserrate Das leicht geschwungene Treppenhaus mit feinem Dekor. © Hendrik Bohle
Palácio de Monserrate.  Stichwort: feiner Wanddekor.
Palácio de Monserrate Stichwort: feiner Wanddekor. © Jan Dimog
Palácio de Monserrate.  Ein Meer aus feinziseliertem Blüten- und Blumenfiguren.
Palácio de Monserrate Ein Meer aus feinziseliertem Blüten- und Blumenfiguren. © Hendrik Bohle

"Lo! Cintra's glorious Eden intervenes in variegated maze of mount and glen."

Lord Byron

Die Architekturrecherche wurde unterstützt von Visit Cascais und TAP Portugal. Wir danken Pura Communications für die Mitorganisation.

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .