"Roher Beton“, so lautet die Übersetzung des französischen Wortes für Sichtbeton "béton brut". Fotograf und Student der Berliner "Neuen Schule für Fotografie" Denis Barthel nähert sich diesem Architekturstil der Moderne in seinem Langzeitprojekt "Brutalist Berlin" mit Schwarzweißbildern. THE LINK war das erste Medium, das seine Serie 2016 präsentierte. Fast ein Jahr später zeigen wir weitere Impressionen und wollten wissen wie sich seine rohen Betonbilder entwickelt haben.

Klinikum Am Urban.
Klinikum Am Urban © Denis Barthel
Akademie der Künste.
Akademie der Künste
Institut für Hygiene und Mikrobiologie.
Institut für Hygiene und Mikrobiologie © Denis Barthel
Tschechische Botschaft.
Tschechische Botschaft
Reineke-Fuchs-Grundschule.
Reineke-Fuchs-Grundschule © Denis Barthel
Haus Plettner.
Haus Plettner © Denis Barthel
Forschungseinrichtung für experimentelle Medizin FEM.
Forschungseinrichtung für experimentelle Medizin FEM © Denis Barthel
Campus Benjamin Franklin.
Campus Benjamin Franklin © Denis Barthel

Die Schärfung von Brutalist Berlin

"Brutalist Berlin hat sich im Lauf des letzten Jahres sehr gut entwickelt. Nach inhaltlicher und stilistischer Schärfung sowie verschiedenen Features befindet sich Brutalist Berlin inzwischen in der Abschlussphase, die fehlenden Bauten werden bis März, April fotografiert sein, so dass das Projekt dann nach eineinhalb Jahren fotografisch abgeschlossen ist. Spannend war es bisher kaum rezipierte Bauten wie das Haus Plettner oder die St. Richard, Apostel-Johannes-Kirche oder auch Innenansichten fotografisch systematisch erschließen zu können. Inzwischen beginnt die Planung der Auswertung, also hin zu einer Veröffentlichung, einer Ausstellung und dergleichen."

Kompromisslos, radikal, brutal

"Die Recherche der Bauten hat im wesentlichen bereits im Vorfeld anhand von Literatur und Internetquellen stattgefunden, das Feedback aus dem Team des Deutschen Architekturmuseums half sehr, die Liste fokussierter zu fassen. Zentraler Bezugspunkt ist die klassische Definition von Reyner Banham, nach der die Transparenz des Grundrisses, die Zurschaustellung der Konstruktion, die Materialsichtigkeit sowie eine kompromisslose und radikale, "brutale" Haltung essentiell sind. Allerdings habe ich trotzdem auch Bauten aufgenommen, die diesen Werten nur teilweise entsprachen, wenn z. B. bereits eine intensive Rezeption im brutalistischen Diskurs eingesetzt hatte, z. B. beim Rotaprint-Gebäude, das nur durch einen Baustopp unverputzt blieb und so brutalistisch lesbar wurde oder signifikante Elemente am Bau eine Aufnahme rechtfertigten – so beim Pallasseum oder der Tschechischen Botschaft."

Berlins Umgang mit dem brutalistischen Erbe

"Brutalistische Bauten haben es wegen Ihrer Größe und Radikalität nirgends leicht, der Sanierungsbedarf des Materials verschärft diese Frage. Insgesamt geht es dem Berliner Bestand aber recht gut. Wenn Nutzungskonzepte bestehen und sie zugleich als erhaltenswert klassifiziert werden – Corbusier-Haus, Akademie der Künste, Haus Plettner, Rotaprint, Campus Benjamin Franklin – dann haben die Bauten es eigentlich geschafft. Auch die vielen Sakralbauten sind recht sicher, hier ist die einzige Gefahr, das Gemeinden irgendwann zu klein werden und den Bau nicht mehr nutzen können, das trifft momentan am ehesten noch auf die Dankeskirche im Wedding zu. Richtig schwierig ist es nur für den "Mäusebunker", der hohe Sanierungsbedarf und eine fehlende Nachnutzung dürften Hänskas Bau in naher Zukunft gefährlich werden, auch die Zukunft der Tschechischen Botschaft ist leider noch offen. Verloren ist bisher nur die Suarezwache: Isolierung, Verputz und Bemalung haben sie unkenntlich gemacht, sie musste ich aus dem Projekt ausschließen."

Was der aktuelle Beton-Hype bedeutet

"Der aktuelle Hype kann zumindest helfen, das Bewusstsein dafür zu schärfen, das diese Bauten erhaltenswert sind. Langlebig wird der Hype nicht sein, aber wenn er den Brutalismus als erhaltenswert etabliert und seine Erschließung befördert, dann ist das eigentlich nur gut. In Berlin ist zwar kein Fall akut, aber in Fällen wie der Hamburger Postpyramide oder dem Kulturzentrum Mattersburg im Burgenland gibt es ja die sehr konkrete Gefahr, wichtige Bauten zu verlieren. Da ist es gut, dass Initiativen zum Erhalt auf eine interessierte Öffentlichkeit treffen. Zugleich beschleunigt sich auch die Erschließung des Bestandes, wenn für kommende Literatur zum Thema auch ein Publikum da ist. Da ist Großbritannien mit den zahlreichen Veröffentlichungen zwar deutlich weiter, aber auch in Deutschland gibt es zum Glück inzwischen auch Initiativen wie Brutalismus im Rheinland, die sich um eine Art regionale Inventarisierung verdient machen."

Von Jan Dimog Autor, Blogger und Journalist, veröffentlicht am .