Baudenkmäler sind Orte des Zeitreisens und des Träumens, Orte der Erinnerungen und des Geschichtenerzählens. Zwischen all den Berliner Brachen, den mehr und weniger gelungenen Neubauten, den Wohnexperimenten, Regierungsbauten und Büroklötzen findet man immer wieder überraschend Historisches. Manche Orte sind öffentlich zugänglich, andere bleiben uns wiederum verschlossen. Der Fotograf Wolfgang Reuss und der Autor Dietrich Worbs haben solche Orte aufgespürt und sie dokumentarisch für uns festgehalten. Bauten und Gärten vom frühen 18. Jahrhundert bis in die Nachkriegsmoderne. Dabei geht es den beiden nicht nur um die Abbildung und fachkundige Beschreibung der Architekturen, sondern auch um die Geschichten ihrer Bewohner. Bereits 2005 zeigte die Wilmersdorfer Galerie Taube Fotos und Texte der beiden in einer Ausstellung.

"In den Denkmalen dieser Stadt spiegelt sich das ganze menschliche Leben wieder: Wohnen, Arbeiten, Erholen, Zerstreuen, Lernen, Vergnügen, Verehren des Sakralen und schließlich Sterben und Ausruhen vom Leben."

Dietrich Worbs

Die Aufnahmen sind nicht glattgebügelt und hochglanzretuschiert. Sie zeigen durchgehend auch Spuren ihrer jeweiligen Bestimmungen. Immer sind Menschen zu sehen, inszeniert oder scheinbar ungestellt. In der Fotografie eines vornehmen Wohnhauses an der Schlossstraße sind etwa auch Spuren ihrer Geschichte zu sehen. Nachträglich installierte Stromleitungen und dunkle Einfärbungen an den Wänden verweisen auf die Bildhängung vorheriger Bewohner. Wir erfahren von Zwischennutzungen in der Friedrichshainer Schultheiss-Patzenhofer-Brauerei, vom Arbeiten im Funkturm-Restaurant, vom Wohnen im Alvar-Aalto-Haus und von der Urnenhalle des Friedenauer Friedhofs, einem "Ort, wo die Toten sind", wie ihn Uwe Johnson in seinem Roman "Jahrestage" beschrieb.
Die Auswahl der Fotografien erscheint auf den ersten Blick etwas willkürlich. Inszeniertes reiht sich an Schnappschusshaftes. Bürgerhäuser reihen sich an Cafes, Kirchen, Bahnhöfe, Gärten und Lichtspieltheater. Aber gerade die konsequent gleichberechtigte Darstellung der einzelnen Werke (je eine Seite Text und eine Seite Fotografie) machen den Band so stark. Kleinmaßstäbliches wie der Charlottenburger Kandelaber hat ebenso viel zu erzählen, wie das gigantische Tropenhaus des Botanischen Gartens in Dahlem. Leider erfährt der Leser wenig über den Hintergrund der Verfasser und es bleibt unklar, über welchen Zeitraum die Fotografien entstanden sind.
Dennoch ist "Leben im Denkmal" eine wertvolle Dokumentation Berliner Baukunst. Sie hilft dabei, zu verstehen, dass Architektur mehr ist als Gestaltung und Material, dass Denkmale nicht nur Verweis auf Vergangenes sein müssen, sondern sehr wohl, "um- und weitergenutzt", in die Zukunft weisen können. Es sind ihre gelebten Geschichten, die sie ausmachen. Ihre Anwesenheit appelliert an jeden, genauer hinzuschauen, sich zu interessieren und sich für ihren Erhalt einzusetzen, um sie auch für die nächsten Generationen zu sichern.

Bürgerhaus in Charlottenburg. Bauten des Barock (18. Jahrhundert)
Bürgerhaus in Charlottenburg Bauten des Barock (18. Jahrhundert) © Wolfgang Reus
Künstlerhaus zum St. Lukas an der Fasanenstraße. Bauten des Historismus, zweite Hälfte des 19 Jahrhunderts.
Künstlerhaus zum St. Lukas an der Fasanenstraße Bauten des Historismus, zweite Hälfte des 19 Jahrhunderts. © Wolfgang Reus
Kant-Garagen-Palast in Charlottenburg. Bauten der klassischen Moderne (1918–1933)
Kant-Garagen-Palast in Charlottenburg Bauten der klassischen Moderne (1918–1933) © Wolfgang Reus
Wohnen an der Stalinallee. Bauten der Nachkriegsmoderne (1945–1989)
Wohnen an der Stalinallee Bauten der Nachkriegsmoderne (1945–1989) © Wolfgang Reus
Wohnhaus in Frohnau. Bauten der Nachkriegsmoderne (1945–1989)
Wohnhaus in Frohnau Bauten der Nachkriegsmoderne (1945–1989) © Wolfgang Reus
Leben im Denkmal. von Wolfgang Reuss und Dietrich Worbs, erschienen bei Gebr. Mann Verlag Berlin
Leben im Denkmal von Wolfgang Reuss und Dietrich Worbs, erschienen bei Gebr. Mann Verlag Berlin

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .