Von Karen Grunow

Keinen Meter konnte man auf das Grundstück gucken, "so zugewachsen war es", erinnert sich der Halber Willi Schwabe. Der einst so prachtvolle Bahnhof in seinem Heimatort, als Empfangsgebäude für die preußischen Könige und späteren Kaiser 1865 durch den Architekten August Orth realisiert, wurde seit 1994 nicht mehr genutzt.
Verlassen, vergessen, verkommen – bis eines Tages ein Neuseeländer mit dem Rad vorbeikam. Peter Macky war auf dem Weg von Berlin nach Dresden. Er beschloss, den Bahnhof zu kaufen. Das war 2010. Seitdem kämpft er für dieses Gebäude und immer wieder auch mit sich. Schwamm überall, fehlerhafte Sanierungen durch seine früheren Architekten – oft war Peter Macky kurz davor, von diesem Bahnhof abzulassen. Doch es gab und gibt viele, die ihm helfen und Mut machen.
Allen voran Willi Schwabe, der 1957 im Bahnhofsgebäude nebenan seine Eisenbahner-Ausbildung begann. Damals war der einstige Kaiserbahnhof längst ein Wohngebäude. Schon nach dem Ersten Weltkrieg wurden hier Büros und bald eine Wohnung eingerichtet, ab 1947 entstand auch in der oberen Etage Wohnraum. "Hier waren immer Eisenbahner-Familien", erinnert sich Willi Schwabe. Gepflegt sei es damals gewesen. Nun ist Schwabe sozusagen Peter Mackys Mann vor Ort. "Ohne Willi hätte ich aufgegeben", sagte der Neuseeländer, der während der Wintermonate stets in seiner Heimat weilt, einmal. "Ohne Peter wäre der Bahnhof jetzt eine Ruine", sagt Schwabe.

"Ohne Willi hätte ich aufgegeben", sagte der Neuseeländer, der während der Wintermonate stets in seiner Heimat weilt, einmal. "Ohne Peter wäre der Bahnhof jetzt eine Ruine", sagt Schwabe.

Es war wie ein finaler Akt, als Macky 2014 auf den Berliner Architekten Stefan Zappe traf. Mit ihm und seinem Team fand er endlich die Fachleute, die sich von dem waghalsigen Projekt genauso begeistern ließen wie er und Schwabe und all die anderen Unterstützer im Schenkenländchen. Dem Schwamm, der sich ausgebreitet hatte, wurde endgültig der Garaus gemacht, Fehler wurden beseitigt. Ein restauratorisches Gutachten entstand, das Grundlage wurde für die umfangreichen Arbeiten durch das Restauratorenkollektiv Schwarzer/Ricken, das maßgeblich am Wiederaufbau des Neuen Museums in Berlin beteiligt war. Ähnlich wie dort befürworteten Klaus Ricken und Hartmut Schwarzer zunächst, das Fragmentarische der Decken- und Wandmalereien in Vestibül, Gefolgesaal und Kaisersaal sichtbar zu lassen. "Wir haben uns dann aber doch entschieden, eine komplette Restaurierung mit allen Oberflächen zu machen", erklärte Klaus Ricken in der Endphase der Arbeiten vor einem Jahr. Rund 25 Prozent der Oberflächen, schätzte er, waren gänzlich verloren. Dadurch, dass der Kaiserbahnhof jedoch jahrzehntelang als Wohnhaus genutzt worden war, wurden die prachtvollen Deckendekore unter eingezogenen Decken verborgen und so geschützt.

Das Besucherzentrum der Sparrenburg in Bielefeld als Vorbild

Kaiserbahnhof in Halbe.
Kaiserbahnhof in Halbe © Karen Grunow
Kaiserbahnhof.  Im September 2014
Kaiserbahnhof Im September 2014 © Karen Grunow
Kaiserbahnhof.  Im November 2015
Kaiserbahnhof Im November 2015 © Karen Grunow
Kaiserbahnhof.  Im Juli 2016
Kaiserbahnhof Im Juli 2016 © Karen Grunow
Kaiserbahnhof.
Kaiserbahnhof © Karen Grunow
Kaiserbahnhof.
Kaiserbahnhof © Karen Grunow
Kaiserbahnhof.
Kaiserbahnhof © Karen Grunow
Kaiserbahnhof.  Um 1915, Fotoarchiv von Peter Macky
Kaiserbahnhof Um 1915, Fotoarchiv von Peter Macky
Kaiserbahnhof.
Kaiserbahnhof © Karen Grunow
Peter Macky.  Im Juli 2015. Der ehemalige Anwalt hat Jura an der Universität von Auckland, Neuseeland studiert. Er hat unter anderem in Paris und London gelebt. Seit einigen Jahren ist er Mitbetreiber von Easy Cycling Tours, einem Anbieter für Fahrradtouren in und um Berlin.
Peter Macky Im Juli 2015. Der ehemalige Anwalt hat Jura an der Universität von Auckland, Neuseeland studiert. Er hat unter anderem in Paris und London gelebt. Seit einigen Jahren ist er Mitbetreiber von Easy Cycling Tours, einem Anbieter für Fahrradtouren in und um Berlin. © Karen Grunow

150 Jahre Berlin-Görlitzer Eisenbahn

In diesem Jahr gibt es die über Königs Wusterhausen geführte Strecke der Berlin –  Görlitzer Eisenbahn 150 Jahre, es wäre für alle Beteiligten grandios gewesen, wenn nun auch die Wiedereröffnung des Bahnhofs hätte gefeiert werden können. Trotz aller Erfolge ist das Bauprojekt allerdings noch nicht soweit. Es fehlte lange die definitive Zusage der Deutschen Bahn, dass Peter Macky ein kleines Grundstück gleich neben seinem Bahnhof kaufen kann. Monate ging es hin und her, bis im November 2016 endlich der Kaufvertrag unterzeichnet werden konnte. Die Bauarbeiten stagnierten deshalb. Die Planungen jedoch nicht.
Ein modernes kleines Servicegebäude soll auf dem zusätzlichen Grundstück errichtet werden, um das Innere des Kaiserbahnhofs nicht mit Toiletteneinbauten und Küche verschandeln zu müssen. Denn in den eindrucksvollen Räumen des Orth-Baus sollen ein Café und ein Ausstellungsbereich entstehen, der Kaiserbahnhof kann künftig außerdem für Seminare genutzt werden. Und für das Standesamt des Schenkenländchens kann hier eine Außenstelle eingerichtet werden. Der angegliederte Neubau soll schlicht werden, betont Architekt Zappe, aber dennoch mit einer eigenen Ästhetik. Er habe kürzlich erst in Bielefeld das Besucherzentrum der Sparrenburg besichtigt, erzählt er, ein kleiner eingeschossiger Bau von Max Dudler aus Stampfbeton. Als er dort so beobachtete, wie gut man mit den Angeboten in dem Gebäude auf die vielen Radtouristen eingestellt ist, inspirierte das Zappe für den in Halbe geplanten Neubau. "Man könnte auch in die Küche einen kleinen Ausschank integrieren mit Außenbewirtung an der Nordseite", überlegt er nun. Das würde nicht nur Radfahrer ansprechen, sondern auch die Bahnreisenden, die daneben zu den Gleisen laufen. Mit dem Neubau würde dann auch der Ausbau der oberen Etage des historischen Gebäude zu einer Ferienwohnung realisiert werden. Die Baugenehmigung für den kleinen Anbau liegt nun vor. Peter Macky hat sich mittlerweile um Fördergelder aus dem EU-Programm Leader beworben, für das Kriterien wie die Schaffung von Arbeitsplätzen, der modellhafte Charakter oder die Bewahrung des ländlichen Kulturerbes relevant sind. Auf wenige Bauwerke in der näheren Region passt all das so sehr wie beim Kaiserbahnhof. Die Liste der denkmalgeschützten Bau- und Bodendenkmale in der Gemeine Halbe ist sehr übersichtlich. Bekannt ist der Ort heute vor allem durch die Kampfhandlungen am Ende des Zweiten Weltkriegs, als hier und in den Wäldern und Nachbarorten die so genannte Halber Kesselschlacht tobte. Der Waldfriedhof, die größte Kriegsgräberstätte in der Bundesrepublik, erinnert daran.

So manche sagen über Peter Macky, er sei verrückt, aber sie sagen es mit allergrößter Sympathie.

Die Landschaftsplanerin Christa Ringkamp, die mit ihrem Büro Hortec unter anderem Projekte zu Unesco-Welterbestätten gartendenkmalpflegerisch betreute, hat einen Entwurf für den Garten des Kaiserbahnhofs vorgelegt. Einem Plan von 1877 zufolge gab es symmetrisch angeordnete Parterres, die wieder entstehen sollen mit Rosenbüschen und Rasenflächen. Kräuterbeete und Streuobstwiesen können im hinteren Teil des Gartens und zur Straße hin angelegt werden. Eine halbrunde Terrassenanlage wird am Bahnhofsgebäude entstehen. Trist sieht es derzeit vor allem vor dem Bahnhofsgelände aus. Wilde Parkplätze, tiefe Löcher, eine wenig gepflegte Grünanlage – schlicht kein Ort, an dem man verweilen möchte. Halber Gemeindevertreter setzen sich nun dafür ein, dass hier ein Klimaparkplatz entsteht mit Spiel- und Ruhearealen.
"Ich hoffe noch auf Sommer 2018, aber möglicherweise wird es Sommer 2019, bis der Bahnhof eröffnet werden kann“, sagte kürzlich Macky, der ein umfangreiches Buch über seinen Bahnhof plant. Im Dezember 2018 jedenfalls möchte er gern ein hochherrschaftliches Festmahl in Anlehnung an ein Diner des Kaisers anno 1876 veranstalten, mit Nachfahren der damaligen zumeist adligen Gäste.
"Das gleiche Menü, der gleiche Sitzplan", stellt er sich dazu vor. Eine der besonderen Aktionen, die er zur für 2018 erhofften Wiedereröffnung des Bahnhofs inszenieren möchte. Schon jetzt wird der Kaiserbahnhof immer wieder mal belebt durch Konzerte oder Baustellenrundgänge etwa zum Tag des offenen Denkmals. Das Interesse gerade der Halber ist jedes Mal groß. So manche sagen zwar über Peter Macky, er sei doch verrückt, aber sie sagen es mit allergrößter Sympathie für diesen Mann, der trotz herber Rückschläge bei der Restaurierung in den vergangenen Jahren beharrlich sein Projekt weiterverfolgt. Ob es nun 2018 oder 2019 wird, ist Peter Macky mittlerweile beinahe egal. Er spürt: Es wird und wächst. Glücklich sagt er: "Ich bin sehr begeistert und optimistisch."

"Ich bin sehr begeistert und optimistisch."

Peter Macky, Ex-Anwalt und Eigentümer des Kaiserbahnhofs von Halbe.

Von Karen Grunow Journalistin, Autorin und Kunsthistorikerin, veröffentlicht am .