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Es gibt Städte, die auf den ersten Blick gefallen und gefällig sind. Weil sie malerisch an einem Fluss liegen. Weil sie eine malerische Altstadt haben. Weil sie vielleicht sogar beides kombinieren können. So eine Stadt ist Marl ganz und gar nicht, weder gefällig noch gefallsüchtig. Marl stand für Mut, für Gestaltungswillen und war wie die kleine Verwandte einer anderen Retortenstadt, die es als städtische Gedankengeburt zur Hauptstadt Brasiliens brachte: Brasília. Zur Kapitale wurde die Kohle- und Chemiewerkestadt nicht erkoren. Aber ähnlich wie die südamerikanische Planstadt avancierte Marl zu einem Symbol für den neuen Menschen, die neue Architektur, die neuen Stadtvisionen des 20. Jahrhundert.
Das am nördlichen Rand des Ruhrgebiets gelegene Marl entstand als Zusammenschluss kleinerer Dörfer und Siedlungen der dort arbeitenden Bergleute und Chemiearbeiter. Bevölkerungsprognosen prophezeiten Marl eine Entwicklung hin zur Großstadt, so dass ab den 1960er-Jahren eine moderne Mitte mit Rathaus, Wohnhochhäusern und Einkaufszentrum geplant und gebaut wurde. Der Aufbruch wurde in Beton gegossen. Bald lebten hier mit über 90.000 Menschen (1975) doppelt so viele wie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg (40.000 Einwohner). Zwei florierende Zechen und ein großes Chemiewerk ermöglichten die Entstehung von „Brasília der BRD“: Marl hatte mit der „insel“ die modernste Volkshochschule des Landes, Scharoun baute seine berühmte, organische Schule, das Rathaus sah aus wie eine Weltraumstation und die Stadt hatte den Grimme-Preis. Dann folgten Zechenschließungen und Strukturwandel.
Heute ist Marl sichtbar gealtert, spürbar abgekämpft, deutlich gezeichnet und doch: diese Großzügigkeit. Diese Fläche. Dieser weite Himmel. Diese Kunst. Wer auf dem Creiler Platz steht, hat an diesem Sommertag all das für sich. Selbst wenn viele Menschen und Fahrradfahrer zugleich über den Platz eilen, spazieren, fahren – er bleibt in seiner Geräumigkeit wie eine breit ausgestreckte Stadtleerfläche. Oder wie eine urban-luftige Ebene. Denn zu dieser Stadt und seinem Zentrum gehören mindestens und stets zwei Interpretationsmöglichkeiten: wir sind hier im Herzen eines Betonmonsters der Spätmoderne, das unregelmäßig schlägt. Oder: wir dürfen eine Zeitreise in die visionären Stadtträume der 1960er erleben, wie es sie in dieser konzentrierten Form nur wenige gibt. Denn Architektur, Stadtplanung und die Gestaltung des Raums sind immer auch Spiegelbilder der jeweiligen Zeit, ihrer Kühnheit oder Verzagtheit, ihrer Stärke und Schwäche.

Zeitreise in die Visionsarchitektur der Boomstadt

Ich entschließe mich für die Zeitreise in die Nachkriegsmoderne und ins Wirtschaftswunderland. Damals machte die klare Linienführung der Klassischen Moderne neuen Ideen Platz. Damals wie auch schon zuvor in den 1930ern war es erneut Le Corbusier, der die Gestaltungsmöglichkeiten der Architektur erweiterte und vorantrieb. Marl wirkt wie eine Reflektion dieser Fortschritte, der neuen städteplanerischen Ideen und der gesellschaftspolitischen Entwicklungen. Nach dem Zusammenschluss mehrerer Gemeinden wuchs die neue Stadt rasant. Man setzte auf die locker bebaute Autostadt und auf die Le Corbusier-Trennung von Arbeit und Leben mit viel Grün. An den Rändern: Zechen, Chemieindustrie, Gewerbe. Im Zentrum: Luft und reale Luftschlösser und viel Grün. Die Mitte der Stadt wird von der Landesstraße L798 und der Herzlia-Allee umschlossen und durchzogen, unterstützt von der Hervester- und Bergstraße, die einen schwungvollen Bogen mitten hinein ins Herz beschreiben: dem Rathaus. Womit wir bei einem der Protagonisten der Marlwerdung sind: dem Bürgermeister Rudolf Heiland, SPD-Mitglied, Antifaschist und Widerständler im Dritten Reich. Der selbständige Kaufmann war von 1946 bis zu seinem Tod 1965 Marler Bürgermeister. Als Wirtschaftswundermeister prägte er das Zusammenwachsen der Marler Ortsteile und vor allem die Bauprojekte. Die Einnahmen der Gewerbesteuer, besonders der Chemischen Werke Hüls, gaben ihm die Möglichkeiten aufwendig und ambitioniert zu planen und zu beauftragen. Mit ihm wurden in der Stadtmitte das Rathaus von den Architekten van den Broek und Bakema (Fertigstellung 1967), die Hügelhäuser und die Schule von Hans Scharoun (Fertigstellung 1970) geschaffen.

Beim Rundgang um das Rathaus denke ich an Eugène Claudius-Petit, den Bürgermeister von Firminy. In der französischen Kleinstadt in der Region Auvergne-Rhône-Alpes war es ebenfalls ein entscheidungsfreudig-aktives Stadtoberhaupt, das von Stadtplanungsvisionen beseelt war und diese auch umsetzte. In seinem Fall mit Le Corbusier, der in den 1960ern Firminy-Vert gestaltete, die einzige umgesetzte Stadtplanung des Überarchitekten in Europa und heutige Pilgerstätte für Architektur-Enthusiasten. Während Firminys Betonattraktionen sich kompakt um die fantastische Kirche Église Saint-Pierre gruppieren, ist die Marler Moderne über das Stadtgebiet verteilt.

"Marl baut die Gedanken der offenen Gesellschaft, eine Gesellschaft, in der jeder das Recht hat, sich das Leben nach eigener Façon zu gestalten und davon zu zeugen mittels gebauter Formen. So wird die Marler Stadtkrone sowohl deuten wie einladen, bestimmen wie fragen, umschließen wie öffnen, dienen und anregen sowie den Einzelnen zur Zusammenarbeit einladen und mittels Zusammenarbeit zu besseren Bedingungen für den Einzelnen führen, zur Persönlichkeit führen."

Jacob Berend Bakema, 1964, Architekt

Rathaus, Skulpturenmuseum Glaskasten, Marler Stern

Rathaus Marl.
Rathaus Marl "Eines der erregendsten Vorgänge auf dem Gebiet des Städtebaus unserer Zeit", so das Urteil der Fachzeitschrift Architektur und Wohnform. © Jan Dimog
Rathaus Marl. Der Gebäudekomplex steht am Creiler Platz Nr. 1, benannt nach der französischen Partnerstadt Creil.
Rathaus Marl Der Gebäudekomplex steht am Creiler Platz Nr. 1, benannt nach der französischen Partnerstadt Creil. © Jan Dimog
Rathaus Marl. Die Türme waren aufgrund ihrer Hängekonstruktion eine architektonische Neuheit und waren die ersten Hängehochhäuser der Bundesrepublik Deutschland.
Rathaus Marl Die Türme waren aufgrund ihrer Hängekonstruktion eine architektonische Neuheit und waren die ersten Hängehochhäuser der Bundesrepublik Deutschland. © Jan Dimog
"Les fleurs du mal" "Die Blumen des Bösen" heißt es an der Fassadenkante des Rathauses, über dem 1982 eröffneten Skulpturenmuseum und der Freitreppe zum Standesamt – eine Installation des Lichtkünstlers Mischa Kuball, der den Titel des Gedichtzyklus von Baudelaire mit dem Wortspiel Blumen für Marl verbindet. © Jan Dimog
Rathaus Marl. Zugang zum Standesamt
Rathaus Marl Zugang zum Standesamt © Jan Dimog
Rathaus Marl. Das Spannbeton-Faltwerkdach des Sitzungstrakts ist 60 Meter lang und 28 Meter breit.
Rathaus Marl Das Spannbeton-Faltwerkdach des Sitzungstrakts ist 60 Meter lang und 28 Meter breit. © Jan Dimog

"Der heutige Tag ist ein Tag denkwürdiger, geschichtlicher Bedeutung. Ich darf als Bürgermeister die Bürger dieser Stadt recht herzlich begrüßen, denn sie sind Grundlage und Sinn des heutiges Tages ... Ich bin der Meinung, dass auch die Zukunft aus unseren Bauten, die wir heute bauen ... so ein Rathaus wie dieses ja für Jahrhunderte gebaut ist."

Rudolf Heiland, Bürgermeister von Marl, 1954

"Und nun bin ich am Schluß doch noch mal ein frecher Kerl, bitte, bitte, bauen wir doch drei Türme, wenn es geht, denn Sie wissen, drei Türme können einen Raum schaffen und zwei nur eine Linie“, bat der Architekt Bakema die Entscheider des Rathausbaus. Aus den ursprünglich vier Türmen wurde nichts, es wurde die Linie mit zwei Dezernatstürmen gebaut. Trotzdem ist das Ergebnis so wie der Bauherr, die Stadt Marl, vorgegeben hatten: fließend, offen, funktional. Die Anlage besteht aus dem Ratstrakt, dem Publikumsgebäude und den zwei Türmen mit 34,60 Meter bzw. 42,60 Meter Höhe. Die Form dieser Stahlbetonbauten mit vorgehängten Aluminiumfassaden ergibt sich durch die Konstruktion mit schlankem Fuß, auskragenden Geschossen und das durch Freigeschosse abgesetzte Dach. Die Türme wurden als Hängehochhäuser gebaut, die ersten ihrer Art in der BRD. Bei diesem Verfahren wird aus dem Fundament heraus ein Betonkern mit Treppen und Aufzugsschächten gebaut. Dann wird nach und nach jedes Geschoss von oben nach unten angehängt. Leider waren die Hängeglieder nicht robust genug. Witterung und Umweltbelastungen machten die von Kritikern als kühne Konstruktion angesehenen Türme zu Sanierungsfällen. Hinzu kamen veraltete Technik, die Verstärkung der Statik und die fehlende Wärmedämmung. Abriss oder Sanierung? Das war die Diskussion, die es auch bei der Scharoun-Schule gab.

Neon-Stück (Angst). Auffällig und beeindruckend: die ungewöhnliche Dichte von erstklassigen, nationalen und internationalen Kunstwerken im Marler Zentrum. Teilweise wurden die Werke vor dem Bau des Rathaus und der Eröffnung des Skulpturenmuseums 1982 erworben. Das Foto zeigt eine Arbeit des deutschen Malers, Bildhauers und Multimedia-Künstlers Ludger Gerdes (1954–2008).
Neon-Stück (Angst) Auffällig und beeindruckend: die ungewöhnliche Dichte von erstklassigen, nationalen und internationalen Kunstwerken im Marler Zentrum. Teilweise wurden die Werke vor dem Bau des Rathaus und der Eröffnung des Skulpturenmuseums 1982 erworben. Das Foto zeigt eine Arbeit des deutschen Malers, Bildhauers und Multimedia-Künstlers Ludger Gerdes (1954–2008). © Jan Dimog
Rathaus Marl. Sitzbank auf dem Vorplatz, dem Creiler Platz.
Rathaus Marl Sitzbank auf dem Vorplatz, dem Creiler Platz. © Jan Dimog
Rathaus Marl. Sitzbank auf dem Vorplatz, dem Creiler Platz.
Rathaus Marl Sitzbank auf dem Vorplatz, dem Creiler Platz. © Jan Dimog
Skulpturenmuseum Glaskasten. Gloriole, 1996, von Eberhard Bosslet
Skulpturenmuseum Glaskasten Gloriole, 1996, von Eberhard Bosslet © Jan Dimog

Unser Interview mit Eberhard Bosslet, Bildender Künstler und Professor für Skulptur und Raumkonzepte.

Rathaus Marl.
Rathaus Marl "7-1973", Raumturm mit Lichtraster von William Brauhauser © Jan Dimog
Skulpturenmuseum Glaskasten. Tor zu Baalbek, 1977, von Carl Bucher
Skulpturenmuseum Glaskasten Tor zu Baalbek, 1977, von Carl Bucher © Jan Dimog
Marler Stern. Bürgermeister Dr. Ernst Immel und Dr. Carl Schätzle, Geschäftsführer der City-Bau KG, legten am 25.4.1972 den Grundstein für den Bau des Stadtzentrums. In den folgenden Jahren entstanden u. a. das Einkaufszentrum Marler Stern mit Europas größtem Luftkissendach, das Karstadt-Kaufhaus, die Gebäude der insel-VHS, das Riegelhaus, das Parkhaus und der zentrale Busbahnhof über der Bergstraße.
Marler Stern Bürgermeister Dr. Ernst Immel und Dr. Carl Schätzle, Geschäftsführer der City-Bau KG, legten am 25.4.1972 den Grundstein für den Bau des Stadtzentrums. In den folgenden Jahren entstanden u. a. das Einkaufszentrum Marler Stern mit Europas größtem Luftkissendach, das Karstadt-Kaufhaus, die Gebäude der insel-VHS, das Riegelhaus, das Parkhaus und der zentrale Busbahnhof über der Bergstraße. © Jan Dimog
Marler Stern.
Marler Stern © Jan Dimog
Marler Stern.
Marler Stern © Jan Dimog
Grimme-Institut. Beispiel für die Nachkriegsmoderne der 1950er-Jahre, entworfen von Günter Marschall und ...
Grimme-Institut Beispiel für die Nachkriegsmoderne der 1950er-Jahre, entworfen von Günter Marschall und ... © Jan Dimog
Grimme-Institut. ... gleichzeitig die modernste Volkshochschule der Bundesrepublik Deutschland.
Grimme-Institut ... gleichzeitig die modernste Volkshochschule der Bundesrepublik Deutschland. © Jan Dimog
Grimme-Institut. Transparenz, Leichtigkeit und die gelungene Mischung aus Glas, Stahl und Klinker machen den Bau aus, der 2005 saniert wurde.
Grimme-Institut Transparenz, Leichtigkeit und die gelungene Mischung aus Glas, Stahl und Klinker machen den Bau aus, der 2005 saniert wurde. © Jan Dimog
Wohnen Ost und Wohnen West. Mit Grüßen von ...
Wohnen Ost und Wohnen West Mit Grüßen von ... © Jan Dimog
Wohnen Ost und Wohnen West. ... Le Corbusiers Unité d’Habitation.
Wohnen Ost und Wohnen West ... Le Corbusiers Unité d’Habitation. © Jan Dimog

"Die wichtigste Aufgabe der Erziehung ist die Einordnung des Individuums in die Gemeinschaft, seine Entwicklung zu einer persönlichen Verantwortung mit dem Ziel der Qualitätssteigerung, so dass eine Gemeinschaft nicht additiven, sondern potenzierenden Charakters entsteht. Es geht dabei nicht um Wissensvermehrung, sondern um Erlebnisvermittlung und Bewusstseinsbildung, damit der Einzelne den echten Kontakt zum öffentlichen Leben und Beziehung zur politischen Gemeinschaft finden kann."

Hans Scharoun, Architekt, 1961

Scharounschule Marl und die Wohnhügelhäuser

"Ein Schulbau sollte nicht Symbol politischer Macht oder Ergebnis technischer oder künstlerischer Perfektion sein. Wie jedes andere Gebäude sollte eine Schule eine Vorstellung von Leben vermitteln, die dem universalen Prinzip der Demokratie entspricht", so Scharoun zu seinen Vorstellungen zum Schulbau. Die im Stile der organischen Architektur konstruierte Scharounschule Marl mit einer Aula für 522 Personen, einer Turnhalle und Klassenräumen wurde 1970 fertiggestellt. Das Organische erschließt sich bei einer Draufsicht auf das Gelände: fünf Gebäudeflügel ragen wie Strahlen aus der Mitte hervor und sind asymmetrisch angeordnet, die einzelnen Klassenbereiche wabenförmig und pavillonartig gestaltet.
Organische Architektur schön und gut. Aber auch hier machte sich der gesellschaftlich-wirtschaftliche Wandel bemerkbar. Abriss oder Altersheim? Die Antwort: Architekten, Denkmalschützer und Bürger schlossen sich zusammen, um die Schule nicht nur zu erhalten, sondern um sie auch zu sanieren. Im Sommer 2015 war das Gebäude rundumerneuert. Die Fahrt zur Schule durch den Stadtteil Drewer wird durch die Bergarbeiter-Siedlungen geprägt: gradlinig-unauffällige Flachbauten mit viel Grünflächen. Wie Wohn-Natur-Inseln, bei denen die großen, mehrspurigen und für Marl typischen Straßen plötzlich fern sind.
Südwestlich davon verhält es sich ähnlich. Von den verkehrsreichen Achsen Herzlia-Allee und Hochstraße kommend, wird es in der Kreuzstraße schnell einfamilienhausig, vorgartenidyllisch, carportig. Dann beschreibt der Weg eine Linkskurve und plötzlich wird es für hiesige Verhältnisse beinah monumental: die Wohnhügelhäuser türmen sich auf. Seit 1965 entstanden hier die ersten Wohnberge Europas, eine Kombination aus Einfamilienhäusern, Höhe und Verdichtung. Erstmals wurde ein Haustyp umgesetzt, bei dem die Grundfläche nach oben hin abnimmt und die Geschosse zurücktreten. Die von den Stuttgarter Architekten Roland Frey, Hermann Schröder, Klaus Schmidt entwickelte Idee wurde von der Neuen Marler Baugesellschaft (NEUMA) aufgenommen und realisiert. 1966 wurde ein viergeschossiges Gebäude als Schüttbetonbau mit dreieckigem Querschnitt mit vier großen Wohnungen im Erdgeschoss errichtet. Im zurücktretenden ersten Obergeschoss gab es ebenfalls vier, aber kleinere Wohnungen, im zweiten Obergeschoss noch zwei Wohnungen und im dritten Obergeschoss nur noch eine Wohnung.
Nach anfänglichem Zögern ob der ungewöhnlichen Zuschnitte, nahmen die Marler den Wohnhügel schnell an. Bis 1982 entstanden in direkter Nachbarschaft drei weitere Häuser dieser Art. In der Spiegel-Ausgabe Nr. 31 des Jahres 1968 hieß es dazu:

"Es bedarf gleichsam der Lupe, die wenigen Beispiele vorbildlichen deutschen Wohn-Baus auszumachen, so etwa Terrassenhäuser wie in Marl, einige Bauten im West-Berliner Hansaviertel, neuerdings das Münchner Wohnzentrum Arabella-Park oder die Wohnhochhäuser Max und Moritz in München-Solln."

Der Spiegel, 1968

Was beim Gang durch diese liebevoll gepflegten Wohnpyramiden auffällt, ist eben das: die den Häusern zugeneigte Zuwendung. Die Terrassen sind üppig begrünt, die Eingänge hübsch gehalten und die Fenster zeigen von Spitzgardinen bis zu Plissees alles, bloß nicht Vernachlässigung oder Unansehnliches. Hier stellt sich die Frage nach einem Abriss nicht. Im Gegenteil. Die Ausführungen der für den ersten Wohnhügel zuständigen Architekten klingen prophetisch. Jedenfalls so, dass sie ein halbes Jahrhundert nach wie vor aktuell sind:

"Der Wohnungsbau hat heute insbesondere die zunehmende Verknappung des Baulandes und die immer stärkere Motorisierung zu berücksichtigen. Dabei sind aber Wohnformen zu finden, die trotz notwendiger Verdichtung der Wohngebiete dem Leben einer Familie Raum geben und so variabel sind, daß sie der Vielfalt unserer Gesellschaft gerecht werden können."

Roland Frey, Hermann Schröder, Klaus Schmidt, Architekten aus Stuttgart, 1967

Vielfalt unserer Gesellschaft? Notwendige Verdichtung? Die Ideen für das alte Moderne-Marl klingen aktuell. Keineswegs abgedroschen. Die Retortenstadt mag zwar in die Jahre gekommen sein. Und manche der Utopien 50 Jahre später überkommen sein. Aber Marl passt sich an, hat es schon immer gemacht. Auch in den fetten Jahren, wo das viele Geld in die Visionsarchitekturen mündete. Und als die Stadt zu schrumpfen begann, stellten sich die Menschen der drängenden Frage: abreißen oder erhalten? Zunächst muss man kalkulieren, was angesichts des Not-Haushaltssituation schwierig war und bleibt. Trotzdem soll der schlechte bauliche Zustand des Rathauses behoben und das Stadtzentrum mit einem umfassenden Maßnahmenpaket aufgewertet werden. Die Sanierung des Rathauses soll ca. 39 Mio. Euro kosten.
Zu dieser Stadt gehören mindestens und stets zwei Interpretationsmöglichkeiten: das alte Wirtschaftswunderland und mit ihr der Aufbruchswille nebst passender Großarchitektur ist längst passé. Abrissbirne her! Andererseits gibt es hier beeindruckende Beispiele einer radikalen Formulierung architektonischer Utopien. Genauso schützenswert wie anderswo märchenhaft-malerische Altstädte. Außerdem: welche Stadt in NRW und Deutschland kann schon eine direkte Verwandtschaft mit Brasília vorweisen, der Retortenstadt des 21. Jahrhunderts schlechthin? Familie kann man sich nicht aussuchen.

Scharounschule. Von Hans Scharoun entworfen, seit 2004 denkmalgeschützt und 2015 saniert.
Scharounschule Von Hans Scharoun entworfen, seit 2004 denkmalgeschützt und 2015 saniert. © Jan Dimog
Wohnhügel 1. Im Kreuzviertel. Erstmals wurde ein Haustyp umgesetzt, bei dem die Grundfläche nach oben hin abnimmt ...
Wohnhügel 1 Im Kreuzviertel. Erstmals wurde ein Haustyp umgesetzt, bei dem die Grundfläche nach oben hin abnimmt ... © Jan Dimog
Wohnhügel. ... und die Geschosse zurücktreten ...
Wohnhügel ... und die Geschosse zurücktreten ... © Jan Dimog
Wohnhügel. Die von den Stuttgarter Architekten Roland Frey, Hermann Schröder, Klaus Schmidt entwickelte Idee wurde von der Neuen Marler Baugesellschaft (NEUMA) aufgenommen und realisiert.
Wohnhügel Die von den Stuttgarter Architekten Roland Frey, Hermann Schröder, Klaus Schmidt entwickelte Idee wurde von der Neuen Marler Baugesellschaft (NEUMA) aufgenommen und realisiert. © Jan Dimog
Wohnhügel. 1966 wurde ein viergeschossiges Gebäude als Schüttbetonbau mit dreieckigem Querschnitt mit vier großen Wohnungen im Erdgeschoss errichtet ...
Wohnhügel 1966 wurde ein viergeschossiges Gebäude als Schüttbetonbau mit dreieckigem Querschnitt mit vier großen Wohnungen im Erdgeschoss errichtet ... © Jan Dimog
Wohnhügel. Im zurücktretenden ersten Obergeschoss gab es ebenfalls vier, aber kleinere Wohnungen ...
Wohnhügel Im zurücktretenden ersten Obergeschoss gab es ebenfalls vier, aber kleinere Wohnungen ... © Jan Dimog
Wohnhügel. ... im zweiten Obergeschoss noch zwei Wohnungen und im dritten Obergeschoss nur noch eine Wohnung.
Wohnhügel ... im zweiten Obergeschoss noch zwei Wohnungen und im dritten Obergeschoss nur noch eine Wohnung. © Jan Dimog
Wohnhügel. Von Geschoss zu Geschoss veringern sich die Grundflächen.
Wohnhügel Von Geschoss zu Geschoss veringern sich die Grundflächen. © Jan Dimog
Wohnhügel. Das Erdgeschoss hat die größte Gebäudetiefe mit fast 42 Meter. Das dritte OG ist knapp 10 Meter tief.
Wohnhügel Das Erdgeschoss hat die größte Gebäudetiefe mit fast 42 Meter. Das dritte OG ist knapp 10 Meter tief. © Jan Dimog
Wohnhügel. Aufgeräumt und liebevoll bis ins Detail wie hier die Noppenmatte in einem Eingangsbereich.
Wohnhügel Aufgeräumt und liebevoll bis ins Detail wie hier die Noppenmatte in einem Eingangsbereich. © Jan Dimog
Wohnhügel. Der erste gebaute Wohnhügel der BRD war eine ungewöhnliche und mutige Weiterentwicklung einer Wohnform. Symbolisch für Marls Architektur-Utopien.
Wohnhügel Der erste gebaute Wohnhügel der BRD war eine ungewöhnliche und mutige Weiterentwicklung einer Wohnform. Symbolisch für Marls Architektur-Utopien. © Jan Dimog

"Wir sollen uns also einfache und klare Ziele setzen, nämlich der Wohnkultur zu dienen dadurch, dass wir möglichst vielfältige Wohnformen planen und durchführen."

Dr. Günther Marschall, Stadtplaner und Architekt.

Von Jan Dimog Autor, Redakteur und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .