"Der dorische Peripteros ist das schönste Gebäude der Welt und aller Zeiten und die einzige, wahre, mathematisch gewiss beste Architektur."

Leo von Klenze (1784–1864), Architekt und Maler

Die Walhalla wird in Fotografien gerne aus der Ferne gezeigt. So wirkt der Tempel klein und mit der Umgebung verwachsen. Viele Besucher nähern sich der Ehrenhalle vom Parkplatz kommend von der Nordseite aus. Hier scheint sie wie ein gigantisches Säulenmonument, das sich über das Plateau gen Luft und Landschaft schiebt. Hier ist nichts klein oder unauffällig, aber auf diese Annäherungsweise wird das griechische Vorbild offensichtlich: eine Ringhalle mit einer umlaufenden Säulenstellung (Peripteros) nach dem Vorbild des Parthenon in Athen. Die Länge des klassizistischen Tempelbaus beträgt 66,7 Meter, er ist knapp 32 Meter breit und erreicht eine Höhe von 20 Metern.
Als die klassisch-antike Architektur ab der Mitte des 18. Jahrhunderts wiederauflebte, änderte sich das Erscheinungsbild vieler Städte in Europa fundamental. So waren Sankt Petersburg und Helsinki Schöpfungen des Klassizismus und als Zeichen des Neubeginns gedacht. Die wahre Größe des Klassizismus liegt jedoch nicht in seinen Kuppeln, Kolonnaden und der strengen Symmetrie, sondern vor allem in seiner vornehmen Zurückhaltung. Im 19. Jahrhundert zeigen einige der klassizistischen Bauten regionale Einflüsse. Das Vornehme wich der Repräsentation, Größe, Entschlossenheit.
Unbeirrbar zeigten sich auch Bauherr und Architekt der Walhalla, was seinen Grund in Nicht-Deutschland hatte. Denn Napoleon hatte 1806 nicht nur für das Ende des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation gesorgt, sondern auch für eine handfeste Identitätskrise, was wiederum den bayerischen König Ludwig I. stark beschäftigte. Was ist deutsch? Wer gehört dazu, wer nicht? Was ist Deutschland überhaupt?
Die Konsequenz dieser Fragen: er beauftragte den wichtigen klassizistischen Baumeister Leo von Klenze mit dem Entwurf einer Ruhmesstätte. Verdiente deutschsprachige Männer und Frauen sollten hier gewürdigt werden, damit …

" ... alle Teutschen, welchen Stammes sie auch seyen, immer fühlen, dass sie ein gemeinsames Vaterland haben".

Ludwig I. (1786–11868), Wittelsbacher und König der Bayern

Die Grundsteinlegung war 1830, am 18. Oktober 1842 wurde die Walhalla feierlich eröffnet. Sie ist das älteste Beispiel einer Gruppe monumentaler Gedenkbauwerke Deutschlands. Zu ihnen gehören die Berliner Siegessäule (1873), das Hermannsdenkmal bei Detmold (1875), das Niederwalddenkmal bei Rüdesheim am Rhein (Fertigstellung 1883), das Kyffhäuserdenkmal (1896), das Deutsche Eck in Koblenz (1897 Errichtung des Reiterstandbilds von Kaiser Wilhelm I.) und das Völkerschlachtdenkmal bei Leipzig (1913).
Eine klassizistisch-vornehme Zurückhaltung strahlt die Walhalla nicht aus, dazu ist sie auf Monumentalität, Macht, Massigkeit ausgelegt. Der Gesamteindruck ist gewaltig, vor allem wenn man den wuchtig-gestuften Unterbau mit einbezieht. Gleichzeitig wirkt der Tempel wie mit seiner Umgebung verbunden, so als ob die Walhalla auf eine natürliche Art hierhergehört, vor allem mit den weiten Ausblicken auf das Regensburger Donautal bis nach Straubing.
Innen misst die Walhalla 48,5 Meter Länge bei einer Breite von 14 Metern und einer Höhe von 15,5 Metern. Karyatidenpaare, Stützpfeiler in Form weiblicher Gewandfiguren, tragen das Gebälk, auf dem die tragenden Dachbinder der Kassettendecke liegen. Durch drei Öffnungen strahlt Licht hinein. Ein Fries umzieht den gesamten Innenraum. An den Marmorwänden stehen auf Sockeln oder Konsolen die weißen Marmorbüsten der deutschen Persönlichkeiten. Bei der Eröffnung 1842 wurden 96 Büsten aufgestellt. Seit 1962 werden diese in Abständen von fünf bis sieben Jahren ergänzt. Die Auswahl erfolgt durch den bayerischen Ministerrat auf Empfehlung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Insgesamt sind es jetzt 130 Persönlichkeiten. Kandidaten müssen mindestens 20 Jahr tot sein und sollten ihre Verdienste eher in der Politik, der Wissenschaft oder Kultur haben. Ob YouTube- und Instagram-Celebrities jemals hier reinkommen? Zumal der Platz eh begrenzt ist und ein Um- und Ausbau mehrfach ausgeschlossen wurde. Aber wer weiß schon was in 100 Jahren ist. 2010 kam die Büste des Dichters Heinrich Heine in die Halle. Über den Klenze-Ludwig-Bau schrieb dieser mal:

"Bei Regensburg läßt er erbaun/ Eine marmorne Schädelstätte/ Und er hat höchstselbst für jeden Kopf/ Verfertigt die Etikette"

Heinrich Heine (1797–1856), Dichter, Journalist, Schriftsteller

Vielleicht ein Trost für den Dichter: die "Schädelstätte" ist ziemlich multikulti. Unter den Geehrten gibt es unter anderem Polen, Schweden, Russen und Balten, die Büsten sind aus italienischem Marmor, die Architektur ist griechisch-dorisch und der Name ziemlich nordisch. Wer trotzdem nichts mit dieser Art von Heldenverehrung anfangen kann, konzentriert sich auf die konsequent umgesetzte Architektur und den sie umgebenden Raum. Das wiederum ist majestätisch, prachtvoll und strahlt Würde aus. Nicht das Schlechteste für eine 175-jährige Ehrenhalle mit Köpfen aus aller Herren (und Damen) Länder.

Symmetrie.  Die Walhalla ist ein beliebtes Reiseziel und Stätte der Erinnerung. Sie wurde von 1830 bis 1842 errichtet.
Symmetrie Die Walhalla ist ein beliebtes Reiseziel und Stätte der Erinnerung. Sie wurde von 1830 bis 1842 errichtet. © Jan Dimog
Strenge.  Der Tempel gilt als herausragendes Beispiel klassizistischer Architektur des 19. Jahrhunderts.
Strenge Der Tempel gilt als herausragendes Beispiel klassizistischer Architektur des 19. Jahrhunderts. © Jan Dimog
Verbindung.  Sie wird als gelungene Synthese zwischen den Gestaltungsformen der Antike und dem Stand der Bautechnik des 19. Jahrhunderts angesehen.
Verbindung Sie wird als gelungene Synthese zwischen den Gestaltungsformen der Antike und dem Stand der Bautechnik des 19. Jahrhunderts angesehen. © Jan Dimog
Ebenmaß.  Unter König Ludwig I. wurde die Walhalla von Hofbaumeister Leo von Klenze geplant.
Ebenmaß Unter König Ludwig I. wurde die Walhalla von Hofbaumeister Leo von Klenze geplant. © Jan Dimog
Skulpturenschmuck.  Das vollplastische Giebelfeld.
Skulpturenschmuck Das vollplastische Giebelfeld. © Jan Dimog
Erinnerung.  In der Gedenkstätte werden bedeutende Deutsche und mit der Historie Deutschlands verbundene Persönlichkeiten durch Marmorbüsten und Gedenktafeln geehrt.
Erinnerung In der Gedenkstätte werden bedeutende Deutsche und mit der Historie Deutschlands verbundene Persönlichkeiten durch Marmorbüsten und Gedenktafeln geehrt. © Jan Dimog
Barrierefreiheit.  Die Rampe wurde 2011 für Gehbehinderte, Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen im Zuge ...
Barrierefreiheit Die Rampe wurde 2011 für Gehbehinderte, Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen im Zuge ... © Jan Dimog
Sanierungsfall.  ... der umfangreichen Sanierungsarbeiten an dem Tempel eröffnet. Das Bauwerk war in vielen Bereichen beschädigt, was statische Ursachen hatte oder auf Witterungseinflüsse zurückzuführen war. Die umfangreichen Instandsetzungsmaßnahmen kosteten ...
Sanierungsfall ... der umfangreichen Sanierungsarbeiten an dem Tempel eröffnet. Das Bauwerk war in vielen Bereichen beschädigt, was statische Ursachen hatte oder auf Witterungseinflüsse zurückzuführen war. Die umfangreichen Instandsetzungsmaßnahmen kosteten ... © Jan Dimog
Erweiterung.  ... über 13 Millionen Euro und wurden 2014 abgeschlossen.
Erweiterung ... über 13 Millionen Euro und wurden 2014 abgeschlossen. © Jan Dimog
Anlass.  "... einen Ehrentempel des Vaterlandes für die rühmlich ausgezeichneten Teutschen", so Ludwig I. zu seiner Motivation für den Bau.
Anlass "... einen Ehrentempel des Vaterlandes für die rühmlich ausgezeichneten Teutschen", so Ludwig I. zu seiner Motivation für den Bau. © Hendrik Bohle
Wiederentdeckung.  Die Architektur ist nach dem Vorbild des Parthenon in Athen konzipiert.
Wiederentdeckung Die Architektur ist nach dem Vorbild des Parthenon in Athen konzipiert. © Hendrik Bohle
Charakterköpfe.  Derzeit werden in der 130 herausragende Persönlichkeiten "teutscher Zunge" in Form von Marmorbüsten ...
Charakterköpfe Derzeit werden in der 130 herausragende Persönlichkeiten "teutscher Zunge" in Form von Marmorbüsten ... © Hendrik Bohle
Oberlicht.  ... und weitere 64 Menschen ...
Oberlicht ... und weitere 64 Menschen ... © Hendrik Bohle
Marmorbüsten.  ... durch Gedenktafeln geehrt.
Marmorbüsten ... durch Gedenktafeln geehrt. © Hendrik Bohle
Muster.  Boden und ...
Muster Boden und ... © Jan Dimog
Verschiedenartigkeit.  ... Wände bestehen aus ...
Verschiedenartigkeit ... Wände bestehen aus ... © Jan Dimog
Muster.  ... verschiedenen Marmorarten.
Muster ... verschiedenen Marmorarten. © Jan Dimog
Bildhauerkunst.  Einer von 12 Marmorsesseln im Innenraum, geschaffen von dem Bildhauer Ernst Mayer.
Bildhauerkunst Einer von 12 Marmorsesseln im Innenraum, geschaffen von dem Bildhauer Ernst Mayer. © Hendrik Bohle
Gestein.  Architekt Leo von Klenze errichtete den Bau aus Kelheimer Kalkstein.
Gestein Architekt Leo von Klenze errichtete den Bau aus Kelheimer Kalkstein. © Hendrik Bohle
Geometrie.  Die Gesamtanlage mit Unterbau ist ...
Geometrie Die Gesamtanlage mit Unterbau ist ... © Hendrik Bohle
Perspektiven.  ... 125 Meter lang ...
Perspektiven ... 125 Meter lang ... © Hendrik Bohle
Maßstäblichkeit.  ... und 55 Meter hoch.
Maßstäblichkeit ... und 55 Meter hoch. © Jan Dimog
Hierarchie.  Ein Tempel dorischer Ordnung mit einem Grundriß von 17 zu 8 Säulen.
Hierarchie Ein Tempel dorischer Ordnung mit einem Grundriß von 17 zu 8 Säulen. © Jan Dimog
Rhythmus.  Machtvoll und monumental.
Rhythmus Machtvoll und monumental. © Jan Dimog

"Man sage mir nicht, Walhalla sei ein Ort aller Deutschen, ein Einheitspunkt. Gehet hin und suchet sie alle - Ihr werdet manchen nicht finden."

Ferdinand Gregorovius (1821–1891), Schriftsteller und Historiker, 1843

Von Jan Dimog Autor, Redakteur und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .