"Ich habe mich nie von der Religion leiten lassen. Es treibt mich auch kein Idealismus. Mich beflügelt der pure Egoismus, die Verwirklichung meiner eigenen Existenz."

Gerrit Rietveld, 1964

"The Rietveld Schröder House in Utrecht was commissioned by Ms Truus Schröder-Schräder, designed by the architect Gerrit Thomas Rietveld, and built in 1924. This small family house, with its interior, the flexible spatial arrangement, and the visual and formal qualities, was a manifesto of the ideals of the De Stijl group of artists and architects in the Netherlands in the 1920s, and has since been considered one of the icons of the Modern Movement in architecture."

UNESCO, 2000

Dicht gedrängt steht die Gruppe am Eingang des Rietveld-Schröder-Haus. Es sind Mittzwanzigjährige und Pärchen dabei wie der Senior, der mit seiner Tochter gekommen ist, bunt Gekleidete wie Schwarzgewandete a la Hornbrillenintellektuelle. Gleich geht es zur Audioführung in die Welterbestätte in Utrecht, meiner letzten Station der dreiteiligen Mondrian to Dutch Design-Reise in den Niederlanden. Der erste Teil mit der Ausstellung „100 Jahre nach De Stijl“ in Leiden verband das Jetzt mit 1917, dem Gründungsjahr der Kunstbewegung. In Den Haag tauchte ich in die Welt von Piet Mondrian ein, einem der wichtigsten De Stijl-Charakter in der umfassend-detaillierten Ausstellung „Die Entdeckung von Mondrian“ im Gemeentemuseum. Utrecht ist meine letzte und zugleich auch die architektonische Station dieser Tour.

Truus Schröder, ausgebildete Pharmazeutin und wohlhabende Fabrikantentochter, mochte Rietvelds Arbeit und beauftragte ihn mit dem Entwurf eines Hauses für sich und ihre Kinder. 1924 war es fertiggestellt und war in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich wie z. B. die lichtdurchflutete Transparenz, die pragmatisch-detaillierten Einbaumöbel und seine bis dahin einzigartige Raumaufteilung. Bisher folgten Hausentwürfe dem Praktisch-quadratisch-gut-Konzept. Kasten und fertig. Rietveld hob das auf. Der Nukleus des Hauses war sein berühmter Rot-Blauer Stuhl (1918/1923), aus dem er das Gebäude heraus entwickelte. Das Resultat ist mehrteilig, feingliedrig und sehr hell. Dabei ist es erstaunlich einfach konzipiert. Der Grundriss ist ein Rechteck. Im Erdgeschoss sind die Zimmer um die Diele und den Eingangsbereich gruppiert. Der Wohnbereich im ersten Geschoss ist ebenfalls ein klarer, rechteckiger Raum, der es jedoch in sich hat. Hier entfaltet sich die wortwörtliche Magie des kleinen Hauses: es gibt …

" ... keine massive Wand, die innen und außen streng voneinander trennen würde; ein fließender Übergang zwischen Innen- und Außenraum wird dadurch erreicht, dass die Fassaden aus Einzelelementen dreidimensional gestaltet sind."

Ida van Zijl in "Gerrit Rietveld – Die Revolution des Raums", erschienen bei Vitra Design Museum

"Ich glaube, ich habe dieses Haus mehr geliebt als er. Es steckt so viel von mir darin, ich liebe die Atmosphäre dieses Ortes."

Truus Schröder, 1982
Rietveld-Schröder-Haus.  1924 nach dem Entwurf des niederländischen Architekten und Tischler Gerrit Rietveld erbaut. Es zählt zu den wichtigsten Bauwerken der De Stijl-Bewegung. 1976 wurde es als Rijksmonument unter Denkmalschutz gestellt, die UNESCO nahm es 2000 in die Liste des Welterbes auf.
Rietveld-Schröder-Haus 1924 nach dem Entwurf des niederländischen Architekten und Tischler Gerrit Rietveld erbaut. Es zählt zu den wichtigsten Bauwerken der De Stijl-Bewegung. 1976 wurde es als Rijksmonument unter Denkmalschutz gestellt, die UNESCO nahm es 2000 in die Liste des Welterbes auf. © Jan Dimog
Rietveld-Schröder-Haus.  Das Haus ist aus Ziegeln, Holz, Eisen und Glas auf einem Betonfundament errichtet.
Rietveld-Schröder-Haus Das Haus ist aus Ziegeln, Holz, Eisen und Glas auf einem Betonfundament errichtet. © Jan Dimog
Rietveld-Schröder-Haus.  Für Rietveld war es das erste Haus, das er baute. Die Auftraggeberin Truus Schröder mochte seine Arbeit und hatte klare Vorstellungen für ihr Haus. „Können die Wände auch verschwinden?“, fragte Truus Schröder den Architekten, als dieser getrennte Schlafzimmer für das Obergeschoss vorsah. Seine Antwort: „Aber mit Vergnügen, weg mit diesen Wänden!“
Rietveld-Schröder-Haus Für Rietveld war es das erste Haus, das er baute. Die Auftraggeberin Truus Schröder mochte seine Arbeit und hatte klare Vorstellungen für ihr Haus. „Können die Wände auch verschwinden?“, fragte Truus Schröder den Architekten, als dieser getrennte Schlafzimmer für das Obergeschoss vorsah. Seine Antwort: „Aber mit Vergnügen, weg mit diesen Wänden!“ © Jan Dimog
Rietveld-Schröder-Haus.  Bei meiner Audiotour wurde unsere Gruppe von einem Mitarbeiter des Museums begleitet. Dieser zelebrierte die Öffnung und Verwandlung des Wohnbereichs im ersten Stock zu einem einzigen, großen Raum, indem er die Trennwände zusammenklappte und –schob. Was für eine Raummetamorphose!
Rietveld-Schröder-Haus Bei meiner Audiotour wurde unsere Gruppe von einem Mitarbeiter des Museums begleitet. Dieser zelebrierte die Öffnung und Verwandlung des Wohnbereichs im ersten Stock zu einem einzigen, großen Raum, indem er die Trennwände zusammenklappte und –schob. Was für eine Raummetamorphose! © Jan Dimog
Rietveld-Schröder-Haus.  Rietveld setzte Farbe ein, um die räumliche Struktur seiner Arbeit zu betonen. Mit gezielten Eingriffen hob er die Beengung des Raums auf.
Rietveld-Schröder-Haus Rietveld setzte Farbe ein, um die räumliche Struktur seiner Arbeit zu betonen. Mit gezielten Eingriffen hob er die Beengung des Raums auf. © Jan Dimog
Rietveld-Schröder-Haus.  Im Museumsshop mit Minituren der von Rietveld geschaffenenen Stühle.
Rietveld-Schröder-Haus Im Museumsshop mit Minituren der von Rietveld geschaffenenen Stühle. © Jan Dimog
Prototyp eines Aluminium-Stuhls.  Im Museumsshop des Rietveld-Schröder-Hauses
Prototyp eines Aluminium-Stuhls Im Museumsshop des Rietveld-Schröder-Hauses © Jan Dimog

Gerrit Rietvelds Utrecht: Radtour zu den Wirkungsstätten

"Schöne Architektur erschafft schöne Menschen", erklärt Bart von Mierlo als wir am Wilhelminapark vor einem Gerrit Rietveld-Haus stehen. Bart ist Tourguide in Utrecht und wir sind mit dem Fahrrad zu wichtigen Stationen des Architekten, Tischler und Schreiner Gerrit Thomas Rietveld unterwegs. Der De Stijl-Mitbegründer beeinflusste vor allem den architektonischen Teil der Künstlergruppe. Vielfach wird das Rietveld-Schröder-Haus als dreidimensionales Mondrian-Gemälde interpretiert. Viele Jahrzehnte nach Fertigstellung heben sich die Rietveld-Bauten nach wie vor ab, gerade im Kontrast zu den Nachbarhäusern. Klare Linien, die berühmten Primärfarben, die feine Einfachheit. Die Bilder zu Rietvelds Erbe.

Werkstatt.  Rietveld  (im Lehnstuhl) und seine Mitarbeiter vor der Werkstatt in der Adriaen an Ostadelaan. Seit 1923 begann er seine Möbel zu bemalen. Berühmt wurde die rot-blaue Version dieses Stuhls.
Werkstatt Rietveld (im Lehnstuhl) und seine Mitarbeiter vor der Werkstatt in der Adriaen an Ostadelaan. Seit 1923 begann er seine Möbel zu bemalen. Berühmt wurde die rot-blaue Version dieses Stuhls. © Jan Dimog
Garage mit Chauffeurswohnung, 1928.  in Waldeck Pyrmontkade 20, unweit des Wilhelminaparks. Das Grundgerüst bildet ein Stahlskelett, das mit Mauerwerk ausgefacht und mit Betonplatten verkleidet wurde.
Garage mit Chauffeurswohnung, 1928 in Waldeck Pyrmontkade 20, unweit des Wilhelminaparks. Das Grundgerüst bildet ein Stahlskelett, das mit Mauerwerk ausgefacht und mit Betonplatten verkleidet wurde. © Jan Dimog
Huis Theissing, 1959.  Für das aus verschiedenen Betonblöcken zusammengesetzte Haus verwendete Rietveld die großformatigen B2-Betonblöcke.
Huis Theissing, 1959 Für das aus verschiedenen Betonblöcken zusammengesetzte Haus verwendete Rietveld die großformatigen B2-Betonblöcke. © Jan Dimog
"Seine besten Arbeiten ....  schuf Rietveld in den 1930er Jahren für Privatkunden ... Bei vielen freistehenden Einfamilienhäusern, die er zwischen 1931 und 1936 baute, kombinierte er rechtwinklige und zylindrische Volumen“, so Ida van Zijl im Buch "Gerrit Rietveld – Die Revolution des Raums" (bei Vitra Design Museum). Weiter heißt es zu Rietvelds Einfluss: „Er experimentierte als Erster mit den konstruktiven und ästhetischen Möglichkeiten und Eigenschaften der geschwungenen Form."
"Seine besten Arbeiten ... schuf Rietveld in den 1930er Jahren für Privatkunden ... Bei vielen freistehenden Einfamilienhäusern, die er zwischen 1931 und 1936 baute, kombinierte er rechtwinklige und zylindrische Volumen“, so Ida van Zijl im Buch "Gerrit Rietveld – Die Revolution des Raums" (bei Vitra Design Museum). Weiter heißt es zu Rietvelds Einfluss: „Er experimentierte als Erster mit den konstruktiven und ästhetischen Möglichkeiten und Eigenschaften der geschwungenen Form." © Jan Dimog
Einfluss.  Diese Wirkung sieht man auch an den nachfolgenden Architekturgenerationen, wie an diesem Haus unweit des Doms in der Innenstadt.
Einfluss Diese Wirkung sieht man auch an den nachfolgenden Architekturgenerationen, wie an diesem Haus unweit des Doms in der Innenstadt. © Jan Dimog

Gerrit Rietveld – Die Revolution des Raums bei Vitra Design Museum

Gerrit Rietveld – Die Revolution des Raums.  Rot-Blauer Stuhl, Entwurf Gerrit Rietveld, 1918.
Gerrit Rietveld – Die Revolution des Raums Rot-Blauer Stuhl, Entwurf Gerrit Rietveld, 1918. © VG Bild-Kunst, Bonn 2012, Foto: Andreas Sütterlin
Gerrit Rietveld.  eine der Schlüsselfiguren der Kunstbewegung De Stijl, wurde 1888 in Utrecht als Sohn eines Möbelbauers geboren. 1917 hatte Rietveld seine eigene Möbelschreinerei in Utrecht, in der er seinen Rot-Blauen Stuhl entwarf. Ursprünglich für die Massenproduktion konzipiert, war der Stuhl auf eine besonders einfache Konstruktion ausgelegt und erhielt schließlich 1919 die Primärfarben-Palette von De Stijl.
Gerrit Rietveld eine der Schlüsselfiguren der Kunstbewegung De Stijl, wurde 1888 in Utrecht als Sohn eines Möbelbauers geboren. 1917 hatte Rietveld seine eigene Möbelschreinerei in Utrecht, in der er seinen Rot-Blauen Stuhl entwarf. Ursprünglich für die Massenproduktion konzipiert, war der Stuhl auf eine besonders einfache Konstruktion ausgelegt und erhielt schließlich 1919 die Primärfarben-Palette von De Stijl. © Vitra Design Museum / THE LINK

Unsere Literaturempfehlung: die Monografie erschien zur gleichnamigen Ausstellung im Vitra Design Museum, Weil am Rhein. Das Buch mit 240 Seiten hat zahlreiche Bilder, Zeichnungen und Skizzen von den Möbeln von Rietveld, als auch von seiner Arbeit als Architekt. Es ist in insgesamt 10 Kapitel unterteilt und folgt ihm von seinen beruflichen Anfängen als Tischler von De Stijl über seinen als "flexiblen Funktionalismus" beschriebene Arbeitsweise in den 1930er-Jahren bis hin zur nationalen und internationalen Anerkennung seiner Leistungen und seines Einflusses. Inhaltliche Tiefe und detaillierte Kenntnisse sind in dieser Monografie mit großzügiger, klarer Gestaltung verbunden worden. Trotz seines Umfangs und seines Gewichts überzeugt die Publikation mit seiner ruhigen, qualitätsvollen Präzision, die Laien, Kenner und Fans zugleich anspricht.

"Jeder wahre schöpferische Akt (ob in Form einer Erfindung, eines Gebäudes, eines Gemäldes, von Tanz oder Musik) ändert die Einsichten, Wünsche und Bedürfnisse einer Ära und kollidiert mit den Forderungen und Ansprüchen früherer Zeiten, die fortbestehen. Ein schöpferischer Akt muss sich daher seinen Platz erobern, anstatt auf die herrschenden Ansprüche und Notwendigkeiten zu reagieren."

Gerrit Rietveld, 1927

Unsere redaktionell unabhängige Recherche wurde vom Niederländischen Büro für Tourismus & Convention (NBTC) zusammen mit Utrecht Marketing ermöglicht.

Von Jan Dimog Autor, Redakteur und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .