Bei Sakralbauten, insbesondere der Nachkriegsmoderne, hat die Nachbarstadt Essen ganz klar die Nase vorn mit herausragenden Beispielen von Otto Bartning, der Böhm-Dynastie und Rudolf Schwarz. Bochum kann da kaum mithalten, selbst wenn es neben der Johannes Kirche von Hans Scharoun noch über ein zweites Baudenkmal von außerordentlicher Bedeutung verfügt: Die Christuskirche direkt im Stadtzentrum.
Leicht ist der gedrungene Bau zu übersehen, wie er sich hinter dem neugotischen Turm beinahe wegzuducken scheint. Eine schlichte, etwas aus der Achse gekippte Backsteinfassade mit flachem Giebel und kleiner Kupfertür zeigt er zur Straße und gibt sich damit unspektakulär und kaum einladend. Eine zutiefst protestantische Zurückhaltung nach außen, die sich erst im Innenraum trotz vordergründiger Schmucklosigkeit auflöst. Die kristallin gefaltete Sichtbetondecke, die durch eine Schattenfuge fast schwebend auf den Backsteinwänden aufsitzt und die indirekte Lichtführung auf den Altarraum hin offenbaren hier die außerordentliche Meisterschaft des Architekten Dieter Oesterlen (1911–1994).
Die augenfälligste Besonderheit der Christuskirche ist, dass Oesterlen entschied, nur das kriegszerstörte Kirchenschiff abzureißen, den Turm jedoch stehen zu lassen und nicht zwischen beiden Bauteilen zu vermitteln. Zwar war Oesterlen, der in Stuttgart und Berlin, unter anderen bei Hans Poelzig, den er als seinen wichtigsten Lehrer bezeichnete, studierte, und nach dem Zweiten Weltkrieg den Ruf der Braunschweiger Schule mitbegründete, bereits erfahren in der Verbindung von historischer und moderner Bausubstanz, doch rankt sich um den Entwurf der Christuskirche noch ein kleiner architekturhistorischer Mythos: Zeitgleich mit Oesterlens Kirche in den Jahren 1957-59 baute Egon Eiermann in Essen das Ruhrkohlehaus II. Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass er Oesterlens Entwurf kannte und weiterhin nicht ausgeschlossen, dass sein überarbeiteter, realisierter Entwurf für die Gedächtniskirche in Berlin, in dem ebenfalls der Turm des kriegszerstörten Vorgängerbaus erhalten blieb, darauf basierte. Belegbar ist diese Vermutung allerdings nicht.

Christuskirche Bochum. Dieter Oesterlen war der Architekt der neuen Christuskirche, die ...
Christuskirche Bochum Dieter Oesterlen war der Architekt der neuen Christuskirche, die ... © Honke Rambow
Christuskirche Bochum. ... 1957 fertiggestellt wurde.
Christuskirche Bochum ... 1957 fertiggestellt wurde. © Honke Rambow

Im Inneren des Turms der Christuskirche befindet sich eine Gedenkhalle für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Bochumer. 1925 wurde mit ihrer Planung begonnen, 1931 war die aufwendige Mosaikausgestaltung abgeschlossen. Neben einer Liste der Namen befinden sich rechts und links der Tür die Feindstaaten Deutschlands, an der Wand gegenüber Christus umringt von den auferstehenden Helden. Den historisch mehr als suspekten Raum nahm der Konzeptkünstler Jochen Gerz zum Anlass, den Platz des europäischen Versprechens zu planen. Seit 2015 sind auf dem Vorplatz Steinplatten mit 14.726 Namen verlegt. Namen von Menschen, die ein Versprechen für Europa abgegeben haben. Die erste Platte wurde 2009 in der Gedenkhalle im Turm verlegt, so dass dort die Namen der im Krieg gegen die europäischen Nachbarn gefallenen Helden gespiegelt werden mit denen von Menschen, die sich für das friedliche Zusammenleben in Europa aussprechen.
Die Christuskirche ist heute eine Kirche ohne Gemeinde und wird von ihrem Pfarrer Thomas Wessel als „Kirche der Kulturen“ genutzt. Konzerte, sowohl mit Klassik wie Pop und Rock, Lesungen sowie Gottesdienste zu besonderen Anlässen bilden das Programm. Die Glocken der Christuskirche werden nur einmal im Jahr am 11. September von 14.46 bis 15.03 Uhr zum Gedenken an die Opfer des Terrors geläutet.

Christuskirche Bochum. Oesterlen zählt zu den bedeutendsten Architekten der Nachkriegsepoche in Deutschland.
Christuskirche Bochum Oesterlen zählt zu den bedeutendsten Architekten der Nachkriegsepoche in Deutschland. © Carsten Lissack
Christuskirche Bochum. Er begründete die "Braunschweiger Schule", die auf den besonderen Umgang mit im Krieg zerstörten Baudenkmalen bekannt wurde.
Christuskirche Bochum Er begründete die "Braunschweiger Schule", die auf den besonderen Umgang mit im Krieg zerstörten Baudenkmalen bekannt wurde. © Honke Rambow
Christuskirche Bochum. Er ergänzte und modernisierte Kirchen und andere Bauten und ...
Christuskirche Bochum Er ergänzte und modernisierte Kirchen und andere Bauten und ... © Honke Rambow
Christuskirche Bochum. ... zeigte so Wege jenseits der tabula rasa oder einer vermeintlich "echten" Rekonstruktion.
Christuskirche Bochum ... zeigte so Wege jenseits der tabula rasa oder einer vermeintlich "echten" Rekonstruktion. © Honke Rambow
Christuskirche. Konzert mit Lord of the Lost
Christuskirche Konzert mit Lord of the Lost © Sabine Michalak
Christuskirche. Konzert mit Dizsco Duo
Christuskirche Konzert mit Dizsco Duo © Stefan Tuschy
Christuskirche. Konzert mit Downliners Sekt
Christuskirche Konzert mit Downliners Sekt © Ayla Wessel
Christuskirche. Die Kirche als Hör-Raum mit über 850 Sitzplätzen und einer 60 Quadratmeter großen Bühne: keine Pfeiler, keine Seitenschiffe, kein kathedraler Hall-Effekt.
Christuskirche Die Kirche als Hör-Raum mit über 850 Sitzplätzen und einer 60 Quadratmeter großen Bühne: keine Pfeiler, keine Seitenschiffe, kein kathedraler Hall-Effekt. © Christuskirche Bochum

"Der Platz des europäischen Versprechens stellt Europa nicht als ein Werk der Vergangenheit dar, sondern als das 'hier und heute' unserer Vorstellungen und unseres Handelns."

Jochen Gerz, Künstler