KW.  Die Kunst-Werke Berlin wurden Anfang der 1990er-Jahre von Klaus Biesenbach und einer Gruppe junger Kunstinteressierter in einer ehemaligen Margarinefabrik in Berlin-Mitte gegründet.
KW Die Kunst-Werke Berlin wurden Anfang der 1990er-Jahre von Klaus Biesenbach und einer Gruppe junger Kunstinteressierter in einer ehemaligen Margarinefabrik in Berlin-Mitte gegründet. © Hendrik Bohle
KW.  Heute zählen sie zu den etabliertesten Berliner Orten zeitgenössischer Kunst. Das spiegelnde Café Bravo im Innenhof konzipierte der amerikanische Bildhauer, Konzept- und Videokünstler Dan Graham.
KW Heute zählen sie zu den etabliertesten Berliner Orten zeitgenössischer Kunst. Das spiegelnde Café Bravo im Innenhof konzipierte der amerikanische Bildhauer, Konzept- und Videokünstler Dan Graham. © Hendrik Bohle

Eine lange knallrote Zunge in Gestalt einer Fußmatte empfängt die Besucher auf dem Innenhof der Kunst-Werke. Sie ist Teil einer Auftragsarbeit der deutschen Künstlerin Judith Hopf anlässlich Ihrer derzeitig gezeigten Schau „Stepping Stairs“. Zusammen mit einer blonden Mähne und zwei Sonnenvisieren, wie sie auch John Hejduk an seinem Gebäude „Berlin-Masque“ in der Kreuzberger Charlottenstraße einsetzte, wird die Grimasse nun dauerhaft an der Fassade zu sehen sein. Hopfs Installation ist als Geste der Animation des scheinbar Unbelebten zu verstehen. In ihrem „Kampf gegen die Grauheit“ bezieht sich die Künstlerin unmittelbar auf zwei Gleichgesinnte, die sie nach eigener Aussage besonders inspiriert und begleitet haben. Neben dem amerikanischen Architekturtheoretiker Hejduk ist dies die deutsche Künstlerin Annette Wehrmann. Ihre Installation „Luftschlangen“ ist in der dritten Etage der KW zu sehen. Repliken ihrer mit persönlichen Texten bedruckten Papierstreifen spannen einen Raum visueller Poesie. Ergänzt werden sie durch Audioaufnahmen ihrer Lese-Performances, in denen die 2010 verstorbene Künstlerin Alltagsbeobachtungen mit philosophischen und ästhetischen Fragestellungen als gesellschaftspolitische Kritik miteinander verknüpfte.
„Stepping Stairs“ ist vor allem als Kritik an den gebauten Raum und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Dynamiken zu verstehen. Hopf verwendet in ihren Arbeiten seit vielen Jahren beständig alltägliche Materialien wie Ziegel, Beton, Glas und Verpackungsmüll. Werkstoffe, die der zivilisierte Mensch als selbstverständlich betrachtet. Sie selbst möchte keinen zusätzlichen Müll produzieren, sagt sie. In der Haupthalle errichtete Hopf Mauern aus gebrannter Erde, eine Anspielung auf die Berliner Mauer. Hinzu kommen Ziegel-Skulpturen, die sie aus zuvor errichteten Mauerwerksverbänden herausarbeitete. Mit Birnen, Bällen und erhobenen Zeigefingern verweist sie auf die lähmenden Kohl-Jahre und lässt zugleich ausreichend Interpretationsspielraum zur gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Situation. Hinzu hängte sie schwarze Stoffstrukturen, in denen Kurzfilme von ihr zu sehen sind. Hejduks Hochhaus bekommt hier seinen zweiten Auftritt. Neben ihren Ziegel- und Filmarbeiten als Kritik an der gebauten Umwelt und ihren gesellschaftlichen Folgen, bezieht Judith Hopf in „Stepping Stairs“ auch Stellung zu der Vereinnahmung des Menschen durch die Digitalisierung. Am Eingang der Ausstellung und in der Vorhalle lungern die „Laptop Men“. Platt gewalzte Stahlskulptur-Hybride aus Mensch und Laptop, scheinbar verschmolzen als Folge eines übermäßigen Technologiekonsums. Die gebürtige Karlsruherin lebt seit 25 Jahren in Berlin und hat international erfolgreich ausgestellt. An der Spree ist sie erstmalig in einer Soloschau zu sehen. Es wurde auch Zeit.

Stepping stairs.  Im Innenhof realisierte Judith Hopf eine Auftragsarbeit, die unverkennbar eine Anspielung an John Hejduks Kreuzberger Gebäudekomplex „Berlin-Masque“ darstellt. Die Installation mit langer, roter Zunge und blondem Haar verbleibt dauerhaft an der Fassade des Innenhofs.
Stepping stairs Im Innenhof realisierte Judith Hopf eine Auftragsarbeit, die unverkennbar eine Anspielung an John Hejduks Kreuzberger Gebäudekomplex „Berlin-Masque“ darstellt. Die Installation mit langer, roter Zunge und blondem Haar verbleibt dauerhaft an der Fassade des Innenhofs. © Hendrik Bohle
Berlin-Masque.  Der amerikanische Architekturtheoretiker John Hejduk inspirierte Hopf bei ihrer Arbeit. Insbesondere auch sein olivgrüner Beitrag zur IBA 1987 in der Kreuzberger Charlottenstraße.
Berlin-Masque Der amerikanische Architekturtheoretiker John Hejduk inspirierte Hopf bei ihrer Arbeit. Insbesondere auch sein olivgrüner Beitrag zur IBA 1987 in der Kreuzberger Charlottenstraße. © Hendrik Bohle
Stepping Stairs.  Untitled (Pair of Arms)
Stepping Stairs Untitled (Pair of Arms) © Hendrik Bohle
Stepping Stairs.  Die Laptop Men, Hybride aus Mensch und Laptop, sind eine Kritik an die zunehmende Vereinnahmung des Menschen durch die Digitalisierung.
Stepping Stairs Die Laptop Men, Hybride aus Mensch und Laptop, sind eine Kritik an die zunehmende Vereinnahmung des Menschen durch die Digitalisierung. © Hendrik Bohle
Stepping Stairs.  Mit Birnen, Bällen und erhobenen Zeigefingern verweist Hopf auf die lähmenden Kohl-Jahre und verweist zugleich auf die heutige gesellschaftliche Situation.
Stepping Stairs Mit Birnen, Bällen und erhobenen Zeigefingern verweist Hopf auf die lähmenden Kohl-Jahre und verweist zugleich auf die heutige gesellschaftliche Situation. © Hendrik Bohle
Stepping Stairs.  Die Skulpturen arbeitete sie aus zuvor errichteten Ziegelsteinmauern heraus.
Stepping Stairs Die Skulpturen arbeitete sie aus zuvor errichteten Ziegelsteinmauern heraus. © Hendrik Bohle
Luftschlangen.  Neben Hejduk bezieht sich Hopf auf ihre frühere Kollegin Annette Wehrmann. Die Installation „Luftschlangen“ ist auf der 3. Etage zu sehen.
Luftschlangen Neben Hejduk bezieht sich Hopf auf ihre frühere Kollegin Annette Wehrmann. Die Installation „Luftschlangen“ ist auf der 3. Etage zu sehen. © Hendrik Bohle
Luftschlangen.  Wehrmann tippte persönliche Beobachtungen, verbunden mit philosophischen und ästhetischen Betrachtungen mit der Schreibmaschine auf das schmale Papier.
Luftschlangen Wehrmann tippte persönliche Beobachtungen, verbunden mit philosophischen und ästhetischen Betrachtungen mit der Schreibmaschine auf das schmale Papier. © Hendrik Bohle

Kritischer Manierismus gegen die erstarrte Klassizität der Architektur

In der zweiten und dritten Etage wird ein Duo gefeiert, dass der breiteren Öffentlichkeit leider bisher weniger bekannt ist. Die Anti-Funktionalisten Trix und Robert Haussmann gehören zu den wichtigsten eidgenössischen Architekten und Designern des 20. Jahrhunderts. In der bemerkenswerten Monographie „The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective“ sind verknotete Sitzmöbel zu sehen, mit Nägeln gespickte Sitzflächen und Hocker aus Leuchtstoffröhren, die schön leuchten, aber bei Belastung drohen, zu zersplittern. Auch auf dem „Choco-Chair“ mit geschmolzenen Beinen und schräger Sitzfläche mag man kaum Platz nehmen. Die exzentrische Stuhl-Serie entstand 1967 mit der Gründung der „Allgemeinen Entwurfsanstalt“ in der Frühphase ihrer gemeinsamen Schaffens und anlässlich der vom Schweizerischen Werkbund initiierten Aktion Chair Fun. Seit mehr als 50 Jahren setzen sich die Ausnahmekreativen mit ästhetischen Konventionen forschend und produzierend auseinander, indem sie sich bewusst dem allgemeinen Leitgedanken „form follows function“ widersetzen. Mit ihrem Konzept des kritischen Manierismus (Manierismo Critico) richten sich die Architektin Trix Haussmann-Högl und der Innenarchitekt Robert Haussmann auch klar gegen die erstarrte Klassizität in der Architektur. Ihre „Allgemeine Entwurfsanstalt“ ist für die Schweiz das, was die Gruppe Memphis um Ettore Sottsass in Italien war. Über 650 Projekte haben sie gemeinsam realisiert. Dazu zählen postmoderne Züricher Raumwunder wie das ShopVille im Hauptbahnhof, die Da Capo Bar und die Kronenhalle Bar sowie die Damenboutique Weinberg. Fragmente dieser Inneneinrichtung sind nun auch in Berlin zu sehen.

Illusionen, Erotik und eine gelungene Komposition

Auf der zweiten Etage kann man durch merkwürdig verschobene Holz-Segmentbögen streifen, auf die die Haussmanns feine Marmorstrukturen malen ließen. Ähnlich illusionistisch gingen sie auch bei ihren künstlerisch und handwerklich gefertigten Möbelexperimenten vor. Allansichtige Schrank-Skylines mit Einlegearbeiten und Spiegelflächen sind in der ersten Etage zu bestaunen.
„The Log-O-Rithmic Slide Rule“ ist ein Gestaltungsinstrument, dass das Paar seit 1980 weiterentwickelt hat. Adjektive aus der Welt der Architektur lassen sich wie bei einem Rechenschieber scheinbar endlos miteinander in Beziehung setzen. Was in der Sprache beginnt, kann im Entwurf fantasievoll fortgeführt werden. Der schwedische Künstler Karl Holmquist setzte das Haussmannsche Gestaltungswerkzeug auf beiden Etagen in einer poetisch-typographischen Tapete um. Seine Arbeit Untitled (A LOG-O-RITHMIC SLIDE RULE EXERCISE ...) (2012) spielt nach Aussage der KW mit dem erotischen Potential der subversiven Neukombinationen von Trix und Robert Haussmann.
„The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective“ zeigt auf zwei Ausstellungsetagen Werke aus dem Privatarchiv der Haussmanns, aus der Privatsammlung Peter Rütlisberger und Hauptarbeiten aus der Sammlung des Museums für Gestaltung in Zürich. Die sehr gelungene Komposition der Haussmannschen Exponate, Modelle und Zeichnungen in Kombination weiterer Werke zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler vermittelt sehr anschaulich und kraftvoll die Relevanz ihres Schaffens für das europäische Design und die Architektur des 20. Jahrhunderts.

The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective.  Die monographische Schau des Schweizer Duos ist vom 10. Februar bis zum 29. April 2018 zu sehen.
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective Die monographische Schau des Schweizer Duos ist vom 10. Februar bis zum 29. April 2018 zu sehen. © Hendrik Bohle
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective.  Auf zwei Etagen sind Werke aus dem Privatarchiv der Haussmanns, aus der Privatsammlung Peter Rütlisberger und Hauptarbeiten aus der Sammlung des Museums für Gestaltung in Zürich zu sehen.
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective Auf zwei Etagen sind Werke aus dem Privatarchiv der Haussmanns, aus der Privatsammlung Peter Rütlisberger und Hauptarbeiten aus der Sammlung des Museums für Gestaltung in Zürich zu sehen. © Hendrik Bohle
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective.  Anlässlich dieser Ausstellung stellten sie ihr Konzept eines kritischen Manierismus vor, der sich gegen die erstarrte Klassizität in der Architektur richtet.
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective Anlässlich dieser Ausstellung stellten sie ihr Konzept eines kritischen Manierismus vor, der sich gegen die erstarrte Klassizität in der Architektur richtet. © Hendrik Bohle
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective.  Allansichtige Schrank-Skylines mit Einlegearbeiten und Spiegelflächen sind in der ersten Etage zu sehen.
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective Allansichtige Schrank-Skylines mit Einlegearbeiten und Spiegelflächen sind in der ersten Etage zu sehen. © Hendrik Bohle
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective.  Im Rahmen der Ausstellung installierte Petra Blaisse ihren goldenen Vorhang Jubilee in Gold (2017), der als ausstellungsarchitektonisches Element den Raum gliedert und die manieristischen Strategien der Haussmannschen Verfremdung aufnimmt.
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective Im Rahmen der Ausstellung installierte Petra Blaisse ihren goldenen Vorhang Jubilee in Gold (2017), der als ausstellungsarchitektonisches Element den Raum gliedert und die manieristischen Strategien der Haussmannschen Verfremdung aufnimmt. © Hendrik Bohle
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective.  Der Maso Chair entstand im Rahmen der vom Schweizerischen Werkbund initiierten Aktion Chair Fun (1967 / 2012), ...
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective Der Maso Chair entstand im Rahmen der vom Schweizerischen Werkbund initiierten Aktion Chair Fun (1967 / 2012), ... © Hendrik Bohle
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective.  ... sowie Trio aus original Thonet-Stühlen (1967) und ...
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective ... sowie Trio aus original Thonet-Stühlen (1967) und ... © Hendrik Bohle
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective.  ... der Neon-Stuhl aus Leuchtstoffröhren (1967 / 2012).
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective ... der Neon-Stuhl aus Leuchtstoffröhren (1967 / 2012). © Hendrik Bohle
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective.  Der schwedische Künstler Karl Holmquist setzte das Haussmansche Gestaltungswerkzeug auf beiden Etagen in einer poetisch-typographischen Tapete um.
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective Der schwedische Künstler Karl Holmquist setzte das Haussmansche Gestaltungswerkzeug auf beiden Etagen in einer poetisch-typographischen Tapete um. © Hendrik Bohle
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective.  Was in der Sprache beginnt, kann im Entwurf fantasievoll fortgeführt werden.
The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective Was in der Sprache beginnt, kann im Entwurf fantasievoll fortgeführt werden. © Hendrik Bohle

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .