CIVA. Der ehemalige Umspannwerk (Architekt: Emile Devreux, Fertigstellung: 1895) wurde ...
CIVA Der ehemalige Umspannwerk (Architekt: Emile Devreux, Fertigstellung: 1895) wurde ... © Jan Dimog
CIVA. ... 1998 vom Architekturbüro Garric-Negre-Altuna-Quirot zum Kulturzentrum umgebaut, in dem sich seit 1999 die CIVA befindet.
CIVA ... 1998 vom Architekturbüro Garric-Negre-Altuna-Quirot zum Kulturzentrum umgebaut, in dem sich seit 1999 die CIVA befindet. © Jan Dimog

Wer in Berlin mit dem Zug in Ost-West-Richtung fährt, bekommt die Hauptstadt als grandiose Kulisse zur Schau gestellt. Das liegt an der über 11 km langen Eisenbahnstrecke auf den Viaduktbögen, die vom westlichen Zentrum durch die historische Mitte über den Alexanderplatz bis zum Ostbahnhof führt. Der Kontrast der Berliner Stadtbahn zur Brüsseler Nord-Süd-Verbindungsbahn könnte nicht größer sein. Ein Großteil der Streckenlänge von 3,8 km verläuft unterirdisch und mit über 1.200 Zügen ist die sechsgleisige Strecke der am dichtesten befahrene Eisenbahntunnel der Welt. Für Brüssel ist diese Nord-Süd-Verbindung ein Trauma. Das erklärt mir Kuratorin Audrey Contesse, die für die Ausstellung „Unbuilt Brussels – (re)compose the city“ im CIVA verantwortlich ist. Die ungewöhnliche Dauer des Bauprojekts sowie die umfassenden Eingriffe im Stadtkern Brüssels seien massiv gewesen, so die Ausstellungsmacherin.
Von der Idee und Planung bis zur Umsetzung der Bahnstrecke dauerte es 116 Jahre (1836–1952). Die ersten Überlegungen hingen mit der belgischen Revolution von 1830 und der anschließenden Unabhängigkeit von den Niederlanden zusammen. Die Regenten Leopold I. und sein Nachfolger Leopold II. ließen die Hauptstadt Brüssel des jungen Landes ausbauen, dazu gehörte auch die Nord-Süd-Verbindung. Brüssels drei Kopfbahnhöfe erwiesen sich im Laufe des 19. Jahrhunderts als unpraktikabel, so dass mit der Überbauung des Flusses Senne in der Stadt auch der Bau des Tunnels ab 1911 begann. 1952 wurde der von Victor Horta entworfene und von Maxime Brunfaut vollendete Zentralbahnhof fertiggestellt, zwei Jahre später wurde die Nord-Süd-Verbindungsbahn eingeweiht.
Die Ausstellung präsentiert die Entstehung und die Geschichte dieser Verbindung mittels Modellen, Plänen und Zeichnungen von denen viele erstmals öffentlich gezeigt werden. Von über 500 Exponaten wählte Contesse etwas über 100 aus. Besonders faszinierend sind die Zeichnungen und Skizzen der Architekten und Städteplaner für den Verlauf der Strecke und die Gebäude wie z. B. den Südbahnhof (Brüssel-Midi) von Lucien de Vestel (1902–1967) oder die Albert-Bibliothek von Maxime Brunfaut (1909–2003): manche fein, präzise und klar an der jeweiligen Umgebung interessiert. Andere wiederum brachial, großmaßstäblich und pompös.
Was das alles mit dem heutigen Brüssel zu tun hat, zeigt die Ausstellung gleich zu Beginn mit den „Unbuilt“-Bildern. Nicht realisierte Entwürfe wurden in das heutige Stadtbild montiert und zeigen an ausgewählten Plätzen und Straßen wie Brüssel heute aussehen würde. Audrey Contesse sieht vieles als Inspiration für unsere Zeit, seien es die künstlerische Sprache der Zeichnungen oder die architektonischen Visionen. Die Diskussionsreihe zur Ausstellung zeigen das. Themen sind u. a. „Eine Stadt, die immer noch leer ist?“ oder „Von Klein Manhattan zu was?“
Das Trauma der Nord-Süd-Strecke, so die Kunsthistorikerin und Architektin Contesse, sei noch nicht überwunden. Wie das geschehen werden kann, zeigt auch „Unbuilt Brussels“ nicht. Aber welche Möglichkeiten und Ideen es gab und wie diese weiterentwickelt werden könnten – das schon.

Unbuilt Brussels. Blick über einen Teil der Ausstellungsfläche mit dem Modell im Vordergrund, der ...
Unbuilt Brussels Blick über einen Teil der Ausstellungsfläche mit dem Modell im Vordergrund, der ... © Jan Dimog
Unbuilt Brussels. ... eine Möglichkeit für die Nord-Süd-Verbindungsbahn darstellt: nämlich überirdisch auf einer gigantischen Brücke.
Unbuilt Brussels ... eine Möglichkeit für die Nord-Süd-Verbindungsbahn darstellt: nämlich überirdisch auf einer gigantischen Brücke. © Jan Dimog
Unbuilt Gare du Midi. Die Kollage zeigt den Entwurf der Zuidstation von Lucien de Vestel, 1936, eingebettet in das heutige Brussel.
Unbuilt Gare du Midi Die Kollage zeigt den Entwurf der Zuidstation von Lucien de Vestel, 1936, eingebettet in das heutige Brussel. © Marie Trossat, (re)compose Brussels, 2018
Unbuilt Cite Administrative. Kollage mit dem Verwaltungszentrum von Jacques Van Maldergem und René Péchère, 1960, eingebettet in das heutige Brüssel.
Unbuilt Cite Administrative Kollage mit dem Verwaltungszentrum von Jacques Van Maldergem und René Péchère, 1960, eingebettet in das heutige Brüssel. © Marie Trossat, (re)compose Brussels, 2018
Unbuilt Botanique Kruidtuin. Der Entwurf der Bibliothek Albert I. von Maxime Brunfaut, 1938, in das heutige Brüssel eingebettet.
Unbuilt Botanique Kruidtuin Der Entwurf der Bibliothek Albert I. von Maxime Brunfaut, 1938, in das heutige Brüssel eingebettet. © Marie Trossat, (re)compose Brussels, 2018
Unbuilt Horta. Mit dem Entwurf der Îlot Ravenstein von Victor Horta, 1928, eingebettet in das heutige Brüssel.
Unbuilt Horta Mit dem Entwurf der Îlot Ravenstein von Victor Horta, 1928, eingebettet in das heutige Brüssel. © Marie Trossat, (re)compose Brussels, 2018
Centre administratif ministeriel. Entwurf von Stanislas Jasinski (1901–1978), 1930
Centre administratif ministeriel Entwurf von Stanislas Jasinski (1901–1978), 1930 © Coll. AAM / CIVA, Brüssel
Bibliothek Albert I.. Entwurf von Maxime Brunfaut (1909-2003), 1938
Bibliothek Albert I. Entwurf von Maxime Brunfaut (1909-2003), 1938 © Coll. AAM/CIVA, Brüssel
Gare du Midi. Axonometrische Darstellung des Bahnhofsentwurfs von Lucien de Vestel (1902–1967), 1936
Gare du Midi Axonometrische Darstellung des Bahnhofsentwurfs von Lucien de Vestel (1902–1967), 1936 © Coll. AAM/CIVA, Brüssel
Bibliothek Albert I., Restaurant. Zeichnung von Renaat Braem (1910–2001) und Arthur Smte, 1938
Bibliothek Albert I., Restaurant Zeichnung von Renaat Braem (1910–2001) und Arthur Smte, 1938 © Coll. AAM/CIVA, Brüssel
Längsschnitt. von Victor Horta (1861–1947), 1929. Zu sehen ist auch die künftige Ravenstein-Galerie im Zentrum von Brüssel.
Längsschnitt von Victor Horta (1861–1947), 1929. Zu sehen ist auch die künftige Ravenstein-Galerie im Zentrum von Brüssel. © Coll. AAM/CIVA, Brüssel
Übersichtsplan. des nördlichen Teils der Universität in Brüssel von Victor Horta, 1929
Übersichtsplan des nördlichen Teils der Universität in Brüssel von Victor Horta, 1929 © Coll. AAM/CIVA, Brüssel
"Victor Horta and Brussels". Die Ausstellung (15.1.–31.12.2018) zeigt Schlüsselwerke des Jugendstil-Architekten und seines Erbes.
"Victor Horta and Brussels" Die Ausstellung (15.1.–31.12.2018) zeigt Schlüsselwerke des Jugendstil-Architekten und seines Erbes.

Die Ausstellung „Victor Horta and Brussels“ (15.1.–31.12.2018) wird ebenfalls im CIVA-Museum gezeigt. Sie präsentiert Schlüsselwerke des einflussreichen Architekten der für Brüssel prägenden Jugendstil-Ära, seine Arbeitsweise und mittels Zeichnungen und Plänen den Wert seines Erbes, das in vielen Straßenzügen auch heute noch präsent ist.

"The North-South Connection is generally seen as a trauma in the imagination of Brussels denizens, a major error and the result of a lack of a strong-willed and coherent urban policy."

Audrey Contesse, Kuratorin der Ausstellung Unbuilt Brussels

Unsere redaktionell unabhängige Recherchereise wurde ermöglicht durch die Tourismusagentur visit.brussels, bei der wir uns für die Koordination und Einladung bedanken.

Von Jan Dimog Autor, Redakteur und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .