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Der Turm.  25°11‘38“N, 55°16‘41“E: The Burj, 2014, 180 x 174cm
Der Turm 25°11‘38“N, 55°16‘41“E: The Burj, 2014, 180 x 174cm © Tor Seidel
Die Türme.  25°03‘39“N, 55°08‘35“E: Jumeirah Lake Towers, 2013, 120 x 60cm
Die Türme 25°03‘39“N, 55°08‘35“E: Jumeirah Lake Towers, 2013, 120 x 60cm © Tor Seidel
Die Plakattafel.  25°10'47"N, 55°18'18E, Mega Billboard, Street 63, 2013
Die Plakattafel 25°10'47"N, 55°18'18E, Mega Billboard, Street 63, 2013 © Tor Seidel
Die Shoppingmall.  25°11‘51“N, 55°16‘43“E, Dubai Mall, The Aquarium, 2010, 70 x 147 cm
Die Shoppingmall 25°11‘51“N, 55°16‘43“E, Dubai Mall, The Aquarium, 2010, 70 x 147 cm © Tor Seidel
Die Community.  25°04‘41“N, 55°09‘23“E: Emirates Hills, Gated Community, 2010, 150 x 64cm
Die Community 25°04‘41“N, 55°09‘23“E: Emirates Hills, Gated Community, 2010, 150 x 64cm © Tor Seidel
Das Studio.  25°04‘43“N, 55°23‘54“E: Universal, Dubailand, cancelled 2009, 2014, 160 x 84cm
Das Studio 25°04‘43“N, 55°23‘54“E: Universal, Dubailand, cancelled 2009, 2014, 160 x 84cm
Die Baustellen.  25°11‘16“N, 55°15‘33“E: Business Bay, 2010, 70 x 50 cm
Die Baustellen 25°11‘16“N, 55°15‘33“E: Business Bay, 2010, 70 x 50 cm
The Boys.  25°13‘11“N, 55°16‘34“E: The Boys, 2014, 120 x 73cm
The Boys 25°13‘11“N, 55°16‘34“E: The Boys, 2014, 120 x 73cm © Tor Seidel
Der Vergnügungspark.  25°04‘22“N, 55°18‘13“E, 2013, Dubailand Global Village
Der Vergnügungspark 25°04‘22“N, 55°18‘13“E, 2013, Dubailand Global Village © Tor Seidel
Die Symmetrie.  25°08‘31“N, 55°11‘27“E, Burj al Arab, 2012
Die Symmetrie 25°08‘31“N, 55°11‘27“E, Burj al Arab, 2012 © Tor Seidel

1. Bitte beschreibe das übergeordnete Thema deiner Arbeiten und deine Philosophie in der Herangehensweise an die jeweiligen Themen.

Das "The Dubai" Buch ist eine Komposition aus dokumentarischer und inszenierter Fotografie. Ein ausschließlich dokumentarischer Ansatz hätte mich nicht befriedigt. Der Betrachter sieht, was er sehen will, der Fotograf bringt seine Sprache und Intention mit, schließlich sind Bilder über Dubai implizit bereits Werbeträger. 2008 fing ich an zu fotografieren, während der Wirtschaftskrise fand ich die meisten Motive. 2013 entwickelte ich dann die Komposition. Leitmotive sind unter anderem die Billboards, der Alltag im Luxus, das Leben in Megamalls … Um das etwas auszuführen: da ist zum einen die extreme Vermarktung aller öffentlichen Bereiche. Man möchte Dubai zu einer der exklusiven Metropolen der Welt machen, also entstehen außergewöhnliche Bauwerke. Generell wird die ganze Stadt als unnachahmliches Motiv herausgearbeitet, Dubai als Wort soll einen unverwechselbaren Klang haben. Die Selbstverständlichkeit dieser Stadt, ich würde sagen: als totales Hotel zu funktionieren, setze ich den vielen Widersprüchen gegenüber: stillgelegte Baustellen, im Meer liegende aufgegebene Inselornamente, Mega-Billboards, die Einsamkeit des Bewohners. Ich habe die Billboards fotografiert, verwaist und leergeworden in der Krise, die dann eine ganze andere Botschaft vermitteln: der Leere. Denn ich vermute eine gewisse Entleerung von Ethik und Moral in der Konsum- und Profitgier, welcher man hier besonders begegnet, also bekommen diese Billboards eine neue Bedeutung. Oder ich bevorzuge die naturgegeben hohen Standpunkte von Dächern, hier erscheint der Kontrast der vielen Tower innerhalb einer leeren Wüste besonders deutlich. Und in den inszenierten Bildern sieht man zumeist Personen, die nur den Rücken zeigen. Diese Bilder sind Anspielungen auf die Mittel und Gesten der Werbebranche, allerdings in der Umkehrung. Es gibt kein Lächeln, kein Gesicht, keinen definierten Bezug. Die Personen stehen oder sitzen verloren in einer Szene, so dass sich kein richtiger Sinn ergibt, sie scheinen ohne Inhalt, ohne Botschaft.

Das Singuläre an Dubai ist vielleicht eine Stadt als Projekt zu planen.

2. Was kann Fotografie bewirken bzw. was möchtest du mit ihr als Kunstform transportieren?

Fotografie als Kunstform steckt ständig in Missverständnissen. Man benötigt ein Konzept, um sich zu orientieren. Anders gesprochen: Fotografie als Kunstform kann sehr wohl politisch oder ethisch motivierte Haltungen transportieren. Häufig ist es eine Gratwanderung. Als Künstler befindet man sich nicht im ästhetisch luftleeren Raum oder in einer Shoppingmall. Dies nimmt zu in einer Zeit, in der von Apple Handybilder weltweit vermarket werden, die auf den ersten Blick hip und interessant erscheinen. Spätestens wenn die Unterzeile gelesen wird: fotografiert mit dem iPhone 6, sollte man überlegen. Da wird es kompliziert. Uns wird von Apple Fotografie als etwas überreicht, was eine reine ästhetische Geste ist, schön und sauber. Doch dahinter steht einzig das Interesse dieser Firma, ein Produkt zu verkaufen. Ein Künstler sieht die Geste des Selfie-Machens oder Apples weltweit platzierte Handy-Bilder mit anderen Augen und Gedanken. Ich habe mich mit "The Dubai" gefragt, was hinter der schieren Größe, hinter der Geste zum Überdimensionalen, zum Außerordentlichen steckt. Mich interessiert der Kontext, welcher nicht sichtbar ist, doch welchen solch spektakuläre Architektur trotzdem anzeigt. Die Frage, warum das sein muss und für welchen Preis. An dieser Schnittstelle kann man als Künstler anfangen zu arbeiten. Ich wollte mich also im Buchtitel schon abgrenzen vom Coffee Table Book-Charakter und gezielt auf den Anspruch der Stadtväter hinweisen, dass sie von einer Vision geleitet seien, diese Stadt so zu entwickeln wie sie ist und sein wird. Das singuläre an Dubai ist vielleicht, eine Stadt als Projekt zu planen. Wieweit das alles so wirklich geplant wurde, kann offenbleiben, entscheidend für mich ist, dass Dubai so realisiert wird.

... ich war sofort elektrisiert von der Atmosphäre ... dem verwirrenden Nicht-Ort ... "The Dubai" ist ein Buch, das viele Leute, die in Dubai leben, kaufen, weil es kein Hochglanz-Coffee Table Book mit Sonnenuntergängen und Spektakulärpanoramen ist. Sie wollen die Ironie, die Zwischenbilder, das was sie selbst auch wahrnehmen, was aber nicht ins Werbe-Image von Dubai passt.

3. Was zog dich nach Dubai? Welche Motivation steckt hinter "The Dubai"?

Ich kam 2008 zum ersten Mal im Zusammenhang mit einem Auftrag in Abu Dhabi nach Dubai und war sofort elektrisiert von der Atmosphäre, der allgemeinen Großbaustelle, dem verwirrenden Nicht-Ort. Dubai ist für meine Begriffe das spezifisch auf Tourismus orientierte Stadt-Projekt am Golf. Sehr viel was geplant und entwickelt wird, ist diesem Zwang unterworfen, besitzt kuriose und gigantische Qualitäten, Ausmaße und Ideen. "The Dubai" ist ein Buch, das viele Leute, die in Dubai leben, kaufen, weil es kein Hochglanz-Coffee Table Book mit Sonnenuntergängen und Spektakulärpanoramen ist. Sie wollen die Ironie, die Zwischenbilder, das was sie auch wahrnehmen, was aber nicht ins Werbe-Image von Dubai passt.

Jede Stadt am Golf ist bemüht, möglichst explosive Alleinstellungsmerkmale herauszustellen.

4. Wie siehst du die Evolution in der Architektur, im Städtebau und die grundsätzliche Entwicklung in den Emiraten?

Dadurch dass ich einige Architekten kenne und neue Entwicklungen und Projekte sehe oder auch fotografiert habe, würde ich eine grundsätzlich positive Entwicklung der Städte am Golf sehen, natürlich mit Vorbehalten. Denn: zum einen gibt es diesen Wettbewerb. Jede Stadt am Golf ist bemüht, möglichst explosive Alleinstellungsmerkmale herauszustellen. Katar, ein kleines Land mit den drittgrößten Erdgasreserven weltweit will das weltgrößte Museum – Dubai den zweiten, welthöchsten Tower – Abu Dhabi ein Louvre und ein Guggenheim. Im Westen versucht man das zu verstehen als Größenwahn, Nachholbedarf oder einfach Wettbewerbsehrgeiz unter den Golfstaaten. Kritisiert werden solche Prestigeprojekte, von welchen man meint, dass sie nur dem Zweck dienen sollen, das Image eines autokratischen Staates zu polieren, um den globalen und kulturellen Tourismus anzulocken. Martino Stierli, Chefkurator für Architektur und Design am MoMA, hat in diesem Zusammenhang eine interessante Debatte geführt, in der gerade solche Widersprüche diskutiert wurden.

"Going Global? The Art-Education-Speculation Complex" – The Museum of Modern Art

Am liebsten da, wo nichts geplant wird.

5. Wo ist dein Lieblingsort in den VAE und warum?

Der Strand, der Golf, am liebsten da, wo nichts geplant wird und er noch so ist wie vor 20 Jahren, unberührt. Die Wüste und das Gebirge welches den Oman und die VAE trennen und teilen. Dort die Wadis, auch Bootstouren vor der Küste, schließlich, das Erleben von Natur.

Selbstportrait.
Selbstportrait © Tor Seidel

Unsere Link-Empfehlungen mit weiteren Informationen:

Tor Seidel

The Dubai

Ausstellung zum Buch „The Dubai“: XVA Gallery Dubai, 4.9.2016 – 5.10.2016