Wogenspiel.
Wogenspiel © Jan Dimog
Schornsteinsonne.
Schornsteinsonne © Jan Dimog
Schluchtenwelle.
Schluchtenwelle © Jan Dimog
Kooperationsform.
Kooperationsform © Jan Dimog
Seegang.
Seegang © Jan Dimog
Aufstellung.
Aufstellung © Jan Dimog
Stahlname.
Stahlname © Jan Dimog

Wirbel

Da wölbt es sich. Vom Herforder Hauptbahnhof kommend schwingen und rollen, gleiten und kippen die Klinker- und Stahl-eingefassten Kubaturen des Marta hin und her. Das Museum für Kunst, Architektur, Design in der Goebenstraße und an der Aa, einem Seitenfluss der Werre, ist sowohl großer Auftritt als auch westfälische Bescheidenheit. Es lugt mehr aus der Dachlandschaft hervor, als dass es hervorsticht bzw. hervorwellt. Natürlich weiß es um seinen Sonderstatus, ist ja ein Gehry, dem laut New York Times, "most acclaimed American architect since Frank Lloyd Wright …". Kurz danach kürte ihn das Glamour-Magazin Vanity Fair zum "most important architect of our age." Womit wir beim Thema sind: Pomp und Pracht. In Ostwestfalen-Lippe, kurz OWL. Bei Bielefeld. Am Teutoburger Wald. Ja, ich muss es so formulieren. Ostwestfälisch geprägte Menschen wie ich kennen Attribute wie Bodenständigkeit und Bedächtigkeit, aber auf keinen Fall Vanity Fair, New York Times und schon gar keine Starchitekten. Da hilft es, dass Gehry diese Bezeichnung ablehnt. Er ist Architekt, der Architektur macht. Aber so einfach ist es natürlich nicht. Vor allem nicht, wenn Neues entstehen soll, aufsehenerregendes, wenn Landespolitik, Visionäres und OWL aufeinanderstoßen. Denn das war die Basis Mitte der 1990er-Jahre, als der damalige Wirtschaftsminister von NRW, Wolfgang Clement, meinte, in Herford müsse ein Haus des Möbels her. Tatsächlich ist die Region ein Zentrum der deutschen Möbel- und Küchenindustrie mit Marken wie Poggenpohl, SieMatic und Nobilia. Zwei von drei in Deutschland verkauften Küchen kommen aus den Kreisen Herford und Gütersloh, wo mit Miele zudem ein führender Haushaltsgerätehersteller sitzt. Möbeldesign und –produktion ist das eine, was anderes ist es, diesen eine Stätte zu geben. Was folgte war eine knappe Dekade des Planens und Verwerfens, des Ringens und Verhandelns, der Fehlkalkulation und Kostenexplosion. Bürgermeister kamen und gingen, Proteste blieben. Aus dem Haus wurde ein Museum und 2005 als MARTa eröffnet. M für Museum, "Art" für Kunst und A für Ambiente bzw. Architektur. Seit 2015 heißt das Museum schlicht Marta. Kleingeschrieben.

Strömung.
Strömung © Jan Dimog
Holzleben.
Holzleben © Jan Dimog
Ausschnitt.
Ausschnitt © Jan Dimog
Schimmerbewegung.
Schimmerbewegung © Jan Dimog
Metallglanz.
Metallglanz © Jan Dimog
Sachlichkeit.
Sachlichkeit © Jan Dimog

Wellenschlag

Das Marta besteht aus 400 Tonnen Stahl und 180.000 roten Klinkersteinen. Unter den Klinkern befinden sich Stahlbetonwände, die zuvor in Form gebracht wurden. Die Ausstellungsfläche für zeitgenössische Kunst, Design und Architektur beträgt 2.500 Quadratmeter. Zur Goebenstraße ist das Marta fensterlos und scheint wie ein "typischer" Gehry. Ein dekonstruktivistisches Formenspiel zwischen Fantasie-Figur und abstrakter Asymmetrie. Zugleich wirkt das Ensemble durch die Verwendung des rotbraunen Klinkers, der aus rein gestalterischen Gründen eingesetzt wurde, erdverwachsen und ortstypisch. Unten OWL-Style, oben Chrysler Building-Skulptur.

Krümmung

Nach den großen Bogen-Gesten draußen, geht es vom gequetschten Eingangsbereich in die Säle. Jeder Raum ist anders. Sie bewegen sich mit den Wellenschlägen draußen, krümmen und biegen sich. Gefolgt von rechtwinkliger Nüchternheit. Dann wieder der Gegensatz in den Gehry-Galerien, dem großartigen Dom, wo das Licht durch große und hohe Schächte hineinfließen kann. Es ist dieses Wechselspiel von Formen und Linien, das mal irritiert, weil es belanglos scheint und dann wieder so wirkt wie nach einer Fahrt durch einen Tunnel: befreiend. Ein großes Durchatmen. Weite Welt-Gefühl an der Aa. Das klingt nach ostwestfälischer New York Vanity-Interpretation, nach gehrysiertem Herford. 60.000 Menschen besuchen Marta jährlich, viele aus dem Bundesgebiet und Ausland. Eine erstaunliche Zahl angesichts von 68.000 Einwohnern in der Kleinstadt. Und möglicherweise der Beweis, dass es auch umgekehrt geht: die Herfordisierung der Gehry-Fans, an die der Hinweis geht – OWL birgt noch weitere Perlen der Provinz.

Läuft.
Läuft © Jan Dimog
Hängend.
Hängend © Jan Dimog
Aufgespießt.
Aufgespießt © Jan Dimog
Gelockt.
Gelockt © Jan Dimog
Fragmentiert.
Fragmentiert © Jan Dimog
Belegt.
Belegt © Jan Dimog

Die Ausstellung "Magie und Macht – Von fliegenden Teppichen und Drohnen" thematisiert den Traum des Menschen vom Fliegen. Dass sich Wünsche in Albträume verwandeln können, zeigt die Schau in einer zunächst leichten und locker wirkenden Art, wie man dem Teppich als Abziehbild für die Flug-Sehnsucht mitspielen kann. Erst als überlanges, himmelstürmendes Zeremonien-Band (von Nevin Aladag), dann als Total-Zerfledderung (Pravdoliub Ivanov). Durch die Verquickung mit Drohnen und Überwachungssystemen werden die Videos, Fotografien, Skulpturen und Rauminstallationen der 40 renommierten Kunstschaffenden zu einer clownesk-verwirrenden Parabel. Eben noch Märchen, jetzt die Schärfe unserer Zeit. Noch bis 5. Juni 2016.

Von Jan Dimog Autor, Blogger und Journalist, veröffentlicht am .