Dranbleiben, weitermachen, sich entwickeln

"Die hässlichste Stadt der Niederlande", so titelte 2008 die überregionale Tageszeitung de Volkskrant (dt. die Volkszeitung) über Almere. Was sagt Marge Kleinenberg dazu? Sie ist Projektmanagerin der "De Nieuwe Bibliotheek". Das von Meyer en Van Schooten Architecten und Barry van Waveren geplante keilförmige Gebäude schiebt sich einem Schiff gleich auf dem zentralen Stadhuisplein. Hier sehe ich wenig von Hässlichkeit. Genauso wenig wie am Schipperplein, wo wir auf die Bauten von SANAA, Alsop und René van Zuuk Architekten blicken. Das Ganze sieht eher nach lustvollen, spielerischen Architekturabenteuern aus. Zukunftsgewandt und innovativ. Sie lächelt die Schlagzeile weg.
"Lass sie das schreiben. Ich lebe seit vielen Jahren in Almere, mein Sohn ist hier zur Welt gekommen." Sie erzählt, wie sich die Stadt gewandelt habe, wie ihr Sohn und mit ihm eine ganze Generation Almere präge und gestalte. Wie diese den Retortenort ganz selbstverständlich als ihre Heimat annehmen und anerkennen. Vielleicht ist auch das Almere: Hartnäckigkeit und Beständigkeit, gepaart mit Kreativität und Modernität. Die Entwicklungen von einer Pionierstadt mit kaum mehr als einigen Dutzend Häusern ab 1975 bis zur 200.000-Einwohnerstadt, die sich zu einem der wichtigsten Architekturorte der Niederlande gemausert hat, sprich für eben das: dranbleiben, weitermachen, sich entwickeln. Wir stehen in der Nähe der Casa Casla von Lanoire & Courrian Architectes aus Bordeaux, einem flachen Bau, der sich trotz Kantigkeit elegant gen Wasser und Himmel öffnet. Dahinter ist die Olstgracht mit Wohnhäusern im Stile der Amsterdamer Grachtenarchitektur. Marge Kleinenberg kommentiert die Olstgracht so: "Wir sollten Amsterdam nicht kopieren. Das sind wir nicht. Wir sind das da." Sie schaut auf den eckigen Casa Casla, den schwungvollen The Wave-Wohnblock, die Blob-Architektur des Urban Entertainment Centre von Alsop. Womit die Frage nach Schönheit mit Kühnheit und Eigenständigkeit beantwortet ist.

De Nieuwe Bibliotheek.
De Nieuwe Bibliotheek © Wim Ruigrok
De Nieuwe Bibliotheek.  Die an eine Hotellobby erinnernde Eingangshalle.
De Nieuwe Bibliotheek Die an eine Hotellobby erinnernde Eingangshalle. © Wim Ruigrok

In Almere Haven treffen wir mit Marie-Josée Röselaers eine ausgewiesene Almere-Expertin, die seit vielen Jahren als Stadtführerin und Kennerin der Architektur arbeitet. Ähnlich wie Kleinenberg weiß sie um Details, Anekdoten und die Raffinesse der almerischen Baukunst. Mit von ihr konzipierten Karten- und Informationsmaterialien geht es zur historischen Erkundung des ältesten Teils der Planstadt. Wir erfahren, dass der erste Pfahl für Wohnungen am 30. September 1975 eingeschlagen wurde. Die ersten Bewohner kamen am 30. November 1976. Der Stadtplaner Henk van Willigen war für Almere Havens Gestaltung zuständig, während der Hauptentwurf von Almere von Teun Koolhaas (1940–2007) stammt, dem Neffen von Rem Koolhaas. Bei dem letztgenannten weist sie auf einen blau-weißen Flachbau hin, der Polizeistation von Almere Haven.
"Das war das erste Gebäude überhaupt von Rem Koolhaas. Und es steht hier!", sagt sie sichtlich stolz. Dass nicht alles klug geplant war in der Anfangszeit veranschaulicht sie am Hafen.
"Almere Haven nennt sich Hafen, aber es gab überhaupt keinen Hafen. Der Stadtteil kehrte dem Wasser den Rücken zu. Erst später öffnete sich der Ort."
Die zahlreichen Restaurants, Cafés, Boote und Jachten geben dieser Öffnung Recht. Aber das gehört zum Lernprozess dazu. Nur weil es sich Planstadt nennt, ist nicht alles durchdacht und geplant. Im Gegenteil. Der andere Teil der Almere DNS ist seine freizügige Bau-Dir-Dein-Traumhaus-Einstellung. Dazu fahren wir nach "De Realiteit", einem Areal am anderen Ende von Almere. Denn hier wurde in den 1980er-Jahren die Phase der experimentellen Stadtarchitektur eingeläutet. Die Vorgaben für das Areal: die Gestaltung eines fantasievollen, temporären Hauses auf einem Stück Land mit jeweils 450 Quadratmetern. Befreit von strengen Bauauflagen, einem Flächennutzungsplan oder anderen Bedingungen entstanden hier 17 Bauten, die zum großen Teil noch immer stehen und inzwischen zur Pilgerstätte nicht nur für Anhänger der experimentellen Bauweise sind, sondern auch für diejenigen, die sehen wollen, wie kostengünstige, Energie sparende Gestaltung funktioniert. Dass diese Recycling-Architektur auch noch voller Fantasiekunst steckt, komplettiert es. Das Quartier ist eine Mischung aus Zauber, Natur und Baulust. Da gleicht ein Haus einer Amphibie, ein gläserner Erker streckt sich gen Himmel, ein Hobbithaus hockt sich in den Garten und wie das Gebäude mit dem Namen "Es fliegt ein Vogel unter unserem Haus" aussieht, muss man einfach selbst erleben. Oder wie es der Direktor des Architekturzentrums Casla, Ans van Berkum, in dem "Architekturguide Almere" formuliert: "Urban fabric is interwoven with nature."
Wie die Stadt mit der Natur verbunden werden kann: hier in De Realiteit ist es gelungen.

Almere Haven.
Almere Haven © Jan Dimog
Gooizicht Türme.
Gooizicht Türme © Hendrik Bohle
Golvend land.  De Architectengroep Gert-Jan Hendriks
Golvend land De Architectengroep Gert-Jan Hendriks © Hendrik Bohle
Polizeiwache.  Rem Koolhas. Sein erstes realisiertes Projekt.
Polizeiwache Rem Koolhas. Sein erstes realisiertes Projekt. © Hendrik Bohle
Polizeiwache.  Gradlinig, flach, weiß-blau.
Polizeiwache Gradlinig, flach, weiß-blau. © Hendrik Bohle
De Hulk.  Das ehemalige Bürogebäude wurde 1977 fertiggestellt und 2013 in ein Mehrfamilienhaus umgewandelt. Architekten: Rik Lagerwaard architect.
De Hulk Das ehemalige Bürogebäude wurde 1977 fertiggestellt und 2013 in ein Mehrfamilienhaus umgewandelt. Architekten: Rik Lagerwaard architect. © Hendrik Bohle
Corrosia.  Multifunktionshaus am zentralen Markt unter anderem mit Theater, Kino, Café, Galerie, Bürgeramt, Musikschule. Architekt: Rob Blom van Assendelft. Das Ursprungsgebäude wurde 1979 fertiggestellt und 2015 von Rik Lagerwaard umgebaut. Der Cortenstahl, der innerhalb von wenigen Monaten komplettt rostete, führte zum Namen des als Stadt-in-der-Stadt angelegten Baus. Spitzname: De Roestbak – Rostkasten
Corrosia Multifunktionshaus am zentralen Markt unter anderem mit Theater, Kino, Café, Galerie, Bürgeramt, Musikschule. Architekt: Rob Blom van Assendelft. Das Ursprungsgebäude wurde 1979 fertiggestellt und 2015 von Rik Lagerwaard umgebaut. Der Cortenstahl, der innerhalb von wenigen Monaten komplettt rostete, führte zum Namen des als Stadt-in-der-Stadt angelegten Baus. Spitzname: De Roestbak – Rostkasten © Hendrik Bohle
Corrosia.
Corrosia © Hendrik Bohle
Corrosia.
Corrosia © Hendrik Bohle
Der Beginn.  Luftaufnahme des späteren Stadtteils Schoolwerf mit den ersten Bauten in Almere Haven, zu sehen im Green story-Café. Architekt: Joop van Stigt
Der Beginn Luftaufnahme des späteren Stadtteils Schoolwerf mit den ersten Bauten in Almere Haven, zu sehen im Green story-Café. Architekt: Joop van Stigt
Schoolwerf.  Das erste Wohnviertel, entworfen von Joop van Stigt. Vier Gruppen von 20 bis 25 Sozialwohnungen gruppieren sich um einen offenen Platz und sehen von oben aus wie ein Kleeblatt.
Schoolwerf Das erste Wohnviertel, entworfen von Joop van Stigt. Vier Gruppen von 20 bis 25 Sozialwohnungen gruppieren sich um einen offenen Platz und sehen von oben aus wie ein Kleeblatt. © Hendrik Bohle
Schoolwerf.  Spitzname des Viertels: Blumenkohlviertel.
Schoolwerf Spitzname des Viertels: Blumenkohlviertel. © Hendrik Bohle
Schoolwerf.  Auch vierzig Jahre später eine beliebte Wohngegend.
Schoolwerf Auch vierzig Jahre später eine beliebte Wohngegend. © Hendrik Bohle
De Overloop.  Die Spitze des von Herman Hertzberger entworfenen Altersheims, fertiggestellt 1984.
De Overloop Die Spitze des von Herman Hertzberger entworfenen Altersheims, fertiggestellt 1984. © Jan Dimog
De Overloop.
De Overloop © Hendrik Bohle
Marktstraße.
Marktstraße © Jan Dimog
Marktstraße.
Marktstraße © Hendrik Bohle
Kirche De Goede Rede.  Fertigstellung 1979
Kirche De Goede Rede Fertigstellung 1979 © Jan Dimog
Kirche De Goede Rede.  Architectenbureau Steen, Tuinhof & Weerstra, Leeuwarden
Kirche De Goede Rede Architectenbureau Steen, Tuinhof & Weerstra, Leeuwarden © Hendrik Bohle
Café de Roef.  Das erste Lokal von Almere Haven, entworfen von Bram de Wild, fertiggestellt 1976
Café de Roef Das erste Lokal von Almere Haven, entworfen von Bram de Wild, fertiggestellt 1976 © Jan Dimog
Reedewaard.  Ehemaliges Rathaus, heute ein Seniorenhaus.
Reedewaard Ehemaliges Rathaus, heute ein Seniorenhaus. © Jan Dimog
Brink Wohnhaus.
Brink Wohnhaus © Jan Dimog
Häuser am zentralen Markt.
Häuser am zentralen Markt © Jan Dimog
Gooizicht.  Die Türme des direkt am Hafen gelegenen Wohnblocks.
Gooizicht Die Türme des direkt am Hafen gelegenen Wohnblocks. © Jan Dimog
De Realiteit.
De Realiteit © Jan Dimog
Boven de Zeespiegel.  Jan Wagenaar und Hans Weijsenveld, 1987
Boven de Zeespiegel Jan Wagenaar und Hans Weijsenveld, 1987 © Hendrik Bohle
Meerzicht.  Bureau Ir. Bart Jan van den Brink, 1988
Meerzicht Bureau Ir. Bart Jan van den Brink, 1988 © Hendrik Bohle
De naam van het huis.  H. Hammink, 1988
De naam van het huis H. Hammink, 1988 © Hendrik Bohle
Er vliegt een vogel onder ons huis.  Dick Bruijne, Gerard Koppelman, 1987
Er vliegt een vogel onder ons huis Dick Bruijne, Gerard Koppelman, 1987 © Jan Dimog
Cirkel.  Robbert Jan Wijntjes, 1987
Cirkel Robbert Jan Wijntjes, 1987 © Hendrik Bohle
Cargo.  Michiel van der Palen, Peter Claassens, 1989
Cargo Michiel van der Palen, Peter Claassens, 1989 © Hendrik Bohle
Spaceboxen.  In unmittelbarer Nähe zu Almere Stad stehen die von Mart de Jong konzipierten Studentenwohnungen.
Spaceboxen In unmittelbarer Nähe zu Almere Stad stehen die von Mart de Jong konzipierten Studentenwohnungen. © Hendrik Bohle
Spaceboxen.  Spacebox ist ein modulares Gebäudekonzept des niederländischen Architekten Mart de Jong. Die Einheiten können umgesetzt und gestapelt werden. Sie bestehen zum größten Teil aus Kunststoff und bieten rund 20 m² Platz. Die Konstruktionsprinzipien stammen aus dem Schiffs- und Flugzeugbau.
Spaceboxen Spacebox ist ein modulares Gebäudekonzept des niederländischen Architekten Mart de Jong. Die Einheiten können umgesetzt und gestapelt werden. Sie bestehen zum größten Teil aus Kunststoff und bieten rund 20 m² Platz. Die Konstruktionsprinzipien stammen aus dem Schiffs- und Flugzeugbau. © Jan Dimog
Modecentrum / Brandboxx.  Stichwort Box: unweit der Spaceboxen steht das von KOW geplante Modezentrum mit drei Gebäudeteilen. Im Bild: die sogenannte Fliegende Untertasse. Fertigstellung des Ensembles: 2003
Modecentrum / Brandboxx Stichwort Box: unweit der Spaceboxen steht das von KOW geplante Modezentrum mit drei Gebäudeteilen. Im Bild: die sogenannte Fliegende Untertasse. Fertigstellung des Ensembles: 2003 © Jan Dimog
Boat House.  Unsere Empfehlung für gute Küche und als Ausklang eines Almere-Erkundungstages.
Boat House Unsere Empfehlung für gute Küche und als Ausklang eines Almere-Erkundungstages. © Hendrik Bohle

Hausglück auf 50 Quadratmeter

Tiny Housing BouwEXPO.  Die nächste Stufe der Almere-Evolution
Tiny Housing BouwEXPO Die nächste Stufe der Almere-Evolution © Hendrik Bohle
"Living Free. Your Tiny House Almere".  Ob Profis, Laien, Architekten oder begabte Do-it-Yourself-Bastler: jede/r konnte sich bewerben bei 
"Tiny Housing BouwEXPO" bewerben.
"Living Free. Your Tiny House Almere" Ob Profis, Laien, Architekten oder begabte Do-it-Yourself-Bastler: jede/r konnte sich bewerben bei "Tiny Housing BouwEXPO" bewerben. © Jan Dimog
50 Quadratmeter.  "A Tiny House is an affordable and compact home that generally has a living area of less than 50m2" – so lautet die Tiny House-Definition, die gleichzeitig auch Bedingung für den Wettbewerb war.
50 Quadratmeter "A Tiny House is an affordable and compact home that generally has a living area of less than 50m2" – so lautet die Tiny House-Definition, die gleichzeitig auch Bedingung für den Wettbewerb war. © Jan Dimog
25 Gewinner.  Die 25 ausgewählten Projekte werden im Homeruspark im Stadtteil Almere Poort realisiert.
25 Gewinner Die 25 ausgewählten Projekte werden im Homeruspark im Stadtteil Almere Poort realisiert. © Jan Dimog
BouwEXPO 2016–2017.  Die 50 Quadratmeter-Häuser sind das Kernstück der Expo.
BouwEXPO 2016–2017 Die 50 Quadratmeter-Häuser sind das Kernstück der Expo. © Jan Dimog
Ausstellung.  Die hier gezeigten Modelle sind im von SANAA entworfenen Schouwburg in der Almerer Innenstadt zu sehen.
Ausstellung Die hier gezeigten Modelle sind im von SANAA entworfenen Schouwburg in der Almerer Innenstadt zu sehen. © Hendrik Bohle

Unsere Architekturreise wurde unterstützt von: "Niederländisches Büro für Tourismus & Convention" (NBTC) und "VVV Almere".

Von Jan Dimog Autor, Redakteur und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .