Es gibt diese Orte, von denen haben wir ein universelles Bild, wir verbinden ein bestimmtes Lebensgefühl mit ihnen. Sehnsuchtsorte, die unbedingt besucht gehören. Und es gibt diese Plätze, die sagen einem nichts. Spontan jedenfalls. Zum Glück können wir reisen und verblüfft werden, von Städten, die einem bis dahin noch nichts gesagt haben, aber eben doch etwas zu sagen haben. So ein Ort ist die Industriestadt Saint-Étienne mit der man lange Zeit Tristesse und Eintönigkeit verband. Bekannt war sie vor allem als Kohlenkaff und Waffenschmiede. Ab dem 14. Jahrhundert hatte sich der kleine Ort am Rande des Zentralmassivs zu einem der Metallverarbeitungs-Zentren des Landes entwickelt. Die Wirtschaft brummte. Hier wurde die erste Bahnverbindung der Grande Nation gebaut. Mit der Krise der Montanindustrie in den 1970ern kam der große Schock. Die Arbeitslosigkeit stieg. Die Bevölkerungszahlen gingen zurück. Die Stadt schrumpfte.
Saint-Étienne war aber auch immer eine Stadt der Erfinder. Benoît Fourneyron entwickelte hier 1827 die erste praktikable Wasserturbine. Barthélemy Thimonnier erfand später die erste Nähmaschine. Die Fahrradindustrie hatte bis in die 1980er ihren wichtigsten Standort in der Region. Der erste serienreife Aluminium-Fahrradrahmen lief bei der Firma Vitus vom Band. Was liegt also näher, als sich der alten Traditionen zu besinnen und nach vorne zu blicken? Als einzige Stadt Frankreichs ist Saint-Étienne seit 2010 UNESCO-Design City und zählt damit zu einem weltweiten Netzwerk kreativer Städte. Viel hat sich verändert. Das historische Zentrum des 18. und 19. Jahrhunderts wurde behutsam saniert und das öffentliche Verkehrsnetz ausgebaut. Jede Menge Kunst hat den städtischen Raum in eine öffentliche Galerie verwandelt. Ein kluger Kniff, da in der zu Stein erstarrten Innenstadt kaum Grünflächen zu finden sind.

L’Arbre multicolore. Der bunte Baum von Philippe Million auf dem Vorplatz des Bahnhofs Châteaucreux steht in guter Gesellschaft neben den Nagel-Hockern
L’Arbre multicolore Der bunte Baum von Philippe Million auf dem Vorplatz des Bahnhofs Châteaucreux steht in guter Gesellschaft neben den Nagel-Hockern "Tempo" des Künstlers François Bauchet und den Blauen Pferden des Bildhauers Assan Smati. © Magali Stora
La Place Chavanelle. Der dreieckige Platz erhielt 2006 ein Facelift und ist seitdem eine wahre Open Air Galerie mit Werken vieler Künstlerinnen und Künstlern. Knallrot der Cube Gigogne von Balme Jérôme et Dorothée Noirbent.
La Place Chavanelle Der dreieckige Platz erhielt 2006 ein Facelift und ist seitdem eine wahre Open Air Galerie mit Werken vieler Künstlerinnen und Künstlern. Knallrot der Cube Gigogne von Balme Jérôme et Dorothée Noirbent. © Aurélie Sanchez
Gimme Shelter. Natalie Talec entwarf diese Unterkunft in Anlehnung an Le Corbusiers Modulor-Leitlinien. Die Künstlerin materialisiert die Möbel durch Licht.
Gimme Shelter Natalie Talec entwarf diese Unterkunft in Anlehnung an Le Corbusiers Modulor-Leitlinien. Die Künstlerin materialisiert die Möbel durch Licht. © Hendrik Bohle
Gimme Shelter. Die Installation steht auf dem Place d’armes vor dem Eingang zur Cité du Design.
Gimme Shelter Die Installation steht auf dem Place d’armes vor dem Eingang zur Cité du Design. © Jan Dimog

Kernstück der in Transformation befindlichen Stadt ist seit 2009 die Cité du Design (SCD). Das deutsch-französische Büro LIN Finn Geipel + Giulia Andi schuf auf dem Gelände eines beinahe vergessenen und von der Stadt abgewandten Ortes einen interdisziplinären Campus für alles Mögliche, zu dem auch die renommierte Ecole Supérieure d'Art et Design (ESADSE) gehört. Wo gestern noch isoliert gerüstet wurde, wird heute gelehrt, geforscht und experimentiert. Designer, Studierende, Kulturinteressierte, die Industrie und die Stadt sollen hier zusammenkommen, in einen Dialog treten, miteinander lernen und kreativ sein. LIN ergänzten die Gebäude einer ehemaligen Königlichen Waffenmanufaktur aus dem Jahr 1864 durch den 31 Meter hohen "Tour Observatoire" und eine multidisziplinäre Halle. "La Platine" ist das Symbol für den Aufbruch der Stadt. Sie verbindet die einzelnen Baukörper und Funktionen geschickt miteinander und wirkt als zentraler Treffpunkt des Areals.

"This Monospace will act as a switchboard that links communication facilities to the many programmes housed in various buildings throughout the site."

Finn Geipel und Giulia Andi von LIN

Langgestreckt und klar setzten die Architekten einen eindeutigen Kontrast zu den umliegenden, denkmalgeschützten Fabrikationsbauten. Durch die spiegelnden Oberflächen wirkt der Bau beinahe flüchtig. Das Tragwerk der multidisziplinären Halle besteht aus einem dreidimensionalen Stahl- und Aluminium-Netzwerk. Entwickelt wurde es vom schwäbischen Ingenieurbüro Werner Sobek. Das Gebäude ist mit gleichförmigen, gläsernen Trigonometrien umhüllt. Je nach saisonaler und programmatischer Anforderung filtern die verschiedenen Dreieckselemente natürliches Licht. Nachhaltig ist das silbrig schimmernde Schaltwerk zudem. Solarkraft deckt den Hauptanteil des eigenen Energiebedarfs. Im Inneren zu beiden Seiten der zur Stadt hin ausgerichteten Agora befinden sich Seminarräume, ein Auditorium, ein Restaurant und mehrere Ausstellungsräume. Eine Anspielung an die Pariser "Ecole des beaux Arts", konnten sich die Planer nicht verkneifen. Getrennt von den anderen Funktionen befindet sich auch hier ein Gewächshaus.

Cité du Design. LIN ergänzten die vorhandenen historischen Gebäude der ehemaligen Königlichen Waffenmanufaktur mit der
Cité du Design LIN ergänzten die vorhandenen historischen Gebäude der ehemaligen Königlichen Waffenmanufaktur mit der "Platine" und dem "Tour Observatoire" und fügten des Areal so zu einem neuen Ganzen. © Agence LIN Finn Geipel + Giulia Andi, Foto Christian Richters
Cité du Design. Hinter dem schmiedeeisernen Tor beginnt die neue Geschichte der Stadt.
Cité du Design Hinter dem schmiedeeisernen Tor beginnt die neue Geschichte der Stadt. © Hendrik Bohle
Cité du Design. Historische Fabrikationsbauten der ehemaligen Königlichen Waffenmanufaktur.
Cité du Design Historische Fabrikationsbauten der ehemaligen Königlichen Waffenmanufaktur. © Jan Dimog
Cité du Design. Historische Fabrikationsbauten der ehemaligen Königlichen Waffenmanufaktur.
Cité du Design Historische Fabrikationsbauten der ehemaligen Königlichen Waffenmanufaktur. © Jan Dimog
Cité du Design. Der
Cité du Design Der "Tour Observatoire" setzt in Form eines umgekehrten L ein weithin sichtbares Zeichen und ermöglicht während der Biennale einen besonderen Blick auf den Campus. © Jan Dimog
Cité du Design. Die Platine steht im klaren Kontrast zur historischen Bebauung.
Cité du Design Die Platine steht im klaren Kontrast zur historischen Bebauung. © LIN architectes Finn Geipel + Giulia Andi
Cité du Design. Die fünf Fassaden lassen die Halle beinahe flüchtig erscheinen.
Cité du Design Die fünf Fassaden lassen die Halle beinahe flüchtig erscheinen. © LIN Finn Geipel et Giulia Andi, Foto Jan-Oliver Kunze
Cité du Design. 14 000 gleichseitige Dreiecks-Paneele umhüllen den Bau.
Cité du Design 14 000 gleichseitige Dreiecks-Paneele umhüllen den Bau. © Hendrik Bohle
Cité du Design. Eine Hülle aus Glas und Aluminium.
Cité du Design Eine Hülle aus Glas und Aluminium. © Hendrik Bohle
Cité du Design. Sie filtert das natürliche Licht entsprechend der saisonalen und programmatischen Anforderungen.
Cité du Design Sie filtert das natürliche Licht entsprechend der saisonalen und programmatischen Anforderungen. © Jan Dimog
Cité du Design. Im Inneren der Platine werden öffentliche und nicht öffentliche Bereiche durch die Intensität des Lichts und räumliche Dimensionen definiert.
Cité du Design Im Inneren der Platine werden öffentliche und nicht öffentliche Bereiche durch die Intensität des Lichts und räumliche Dimensionen definiert. © Hendrik Bohle
Cité du Design. Die Agora ist der öffentlichste Raum und verbindet die Cité du Design mit der Stadt.
Cité du Design Die Agora ist der öffentlichste Raum und verbindet die Cité du Design mit der Stadt. © Jan Dimog
Cité du Design. Erstmalig in Frankreich findet hier noch bis zum 1. Januar 2017 eine Schau des Red Dot Design Awards statt, bei dem besonders klug gestaltetes Produktdesign ausgezeichnet wird.
Cité du Design Erstmalig in Frankreich findet hier noch bis zum 1. Januar 2017 eine Schau des Red Dot Design Awards statt, bei dem besonders klug gestaltetes Produktdesign ausgezeichnet wird. © Hendrik Bohle

Veränderungen gab es aber nicht nur im Stadtzentrum und auf dem Campus der Cité du Design. Auch an den Rändern sind in den vegangenen Jahren einige markante Neubauten entstanden, wie zum Beispiel der gelb leuchtende Superblock "Ilot Grüner" von Manuell Gautrand, das über die Stadtgrenzen hinaus geschätzte Musée d'art moderne et contemporain de Saint-Étienne Métropole von Didier Guichard oder der Zénith von Foster + Partners. Alle zwei Jahre im Frühjahr kommt die Welt zu Besuch. Seit 1998 findet in der Cité du Design die Biennale Internationale Design Saint-Étienne statt. Erklärtes Ziel ist es, zeitgenössisches Design zu fördern und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Dabei geben sich die alle zwei Jahre stattfindenden Ausgaben immer wieder ein neues Motto, das sich den aktuellen Gegebenheiten unserer Gesellschaft anpasst. Flugtickets sollten schon mal gebucht werden. Vom 9. März bis zum 9. April 2017 ist es wieder soweit. Bei der 10. Ausgabe ist das amerikanische Detroit zu Gast. Der vielversprechende Titel "Working Promesse, les mutations du travail" bedeutet "Veränderungen der Arbeitswelt" und passt gut zur Verwandlung dieser Stadt.

Ilot Grüner. Der Megablock im Osten des Zentrums öffnet sich zur Stadt hin mit drei monumentalen Toren.
Ilot Grüner Der Megablock im Osten des Zentrums öffnet sich zur Stadt hin mit drei monumentalen Toren. © Hendrik Bohle
Ilot Grüner. Gelb dominiert das Innere des Blocks.
Ilot Grüner Gelb dominiert das Innere des Blocks. © Jan Dimog
Ilot Grüner. Liegende und stehende Fensterformate wechseln sich ab.
Ilot Grüner Liegende und stehende Fensterformate wechseln sich ab. © Hendrik Bohle
Ilot Grüner. Sonnengelbe Lochfassade, Himmel und Glas
Ilot Grüner Sonnengelbe Lochfassade, Himmel und Glas © Jan Dimog
Musée d'art moderne et contemporain. Das Museum für moderne Kunst von Didier Guichard zeigt sich nach außen nüchtern schwarz.
Musée d'art moderne et contemporain Das Museum für moderne Kunst von Didier Guichard zeigt sich nach außen nüchtern schwarz. © Hendrik Bohle
Musée d'art moderne et contemporain. Dreimal jährlich finden hier wechselnde Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst statt.
Musée d'art moderne et contemporain Dreimal jährlich finden hier wechselnde Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst statt. © Hendrik Bohle
Musée d'art moderne et contemporain. Ein besonderes Schmuckstück auf dem Gelände des Museums ist ein Blasenhaus (Maison Bulle) aus dem französischen Feriendorf Gripp. Entworfen hat es der französische Architekt Jean-Benjamin Maneval in den frühen 1960er Jahren. Etwa 300 wurden produziert, von denen nur noch wenige erhalten sind. Die Polyester-Behausungen stehen ganz in der Tradition des berühmten Futuro des Finnen Matti Suuornen.
Musée d'art moderne et contemporain Ein besonderes Schmuckstück auf dem Gelände des Museums ist ein Blasenhaus (Maison Bulle) aus dem französischen Feriendorf Gripp. Entworfen hat es der französische Architekt Jean-Benjamin Maneval in den frühen 1960er Jahren. Etwa 300 wurden produziert, von denen nur noch wenige erhalten sind. Die Polyester-Behausungen stehen ganz in der Tradition des berühmten Futuro des Finnen Matti Suuornen. © Hendrik Bohle
Le Zénith. Größter Veranstaltungsort der Region Rhône-Alpes nach Entwürfen von Sir Norman Foster.
Le Zénith Größter Veranstaltungsort der Region Rhône-Alpes nach Entwürfen von Sir Norman Foster. © Philippon

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .