"Es gibt ein altes und ein neues Zeitbewusstsein. Das alte richtet sich auf das Individuelle. Das neue richtet sich auf das Universelle. Der Streit des Individuellen gegen das Universelle zeigt sich sowohl in dem Weltkriege wie in der heutigen Kunst."

Manifest I von De Stijl, 1918

Eine Zeitschrift macht Design- und Kunstgeschichte. Als der Architekt und Schriftsteller Theo van Doesburg von Utrecht nach Leiden zog und dort das Kunstjournal "De Stijl" gründete und 1917 erstmalig publizierte, entwickelte es sich schnell zur Plattform einflussreicher Künstler. Mit dabei waren Piet Mondrian, Gerrit Rietveld, J.J.P. Oud, Cornelis van Eesteren, Bart van der Leck, Jan Wils – Maler, Architekten, Bildhauer, Dichter. Ein neuer, universeller Stil, der das Verlangen einer modernen Gesellschaft widerspiegelte – das war es, was die Kreativen von De Stijl suchten. Bei dieser Erkundung beschränkten sie sich nicht auf die Malerei, Bildhauerei und Architektur. Möbeldesign und –bau, Kleidung, Reklame, Straßen und ganze Städte waren ebenfalls Teil ihre Neudefinitionen. Stahlskelette, Betonkonstruktionen und Fensterspiegelfassaden gelten als wichtige Impulse für die fortschrittlichen Ideen der De Stijlisten.
100 Jahre nach der Erstausgabe des Magazins "De Stijl" wirken die geometrisch-abstrakten Bauhaus-verwandten Formen in Kunst und Architektur nach wie vor so wie damals konzipiert: puristisch, reduziert, konzentriert. Während es 2017 also vor Selfiemanie und Digitaldröhnen nur so Trump-etet, erscheinen die Kombinationen rot-gelb-blau und schwarz-grau-weiß wie eine Besinnung, ein Innehalten und ein Weniger ist mehr-Flüstern.
Und weil De Stijl 2017 nichts von seiner Wirkungskraft verloren hat, prägten NBTC Holland Marketing gemeinsam mit diversen Partnern das Jubliläumsmotto "Mondrian bis Dutch Design". Überall im Land finden zu dieser Marke Ausstellungen und Veranstaltungen statt. Für meine Recherchereise hat mir das holländische Tourismusbüro eine Recherchereise mit drei Städten zusammengestellt, die exemplarisch für De Stijl stehen: Leiden, Den Haag und Utrecht.

Maison d’Artiste.  Leiden ist die Geburtsstadt von "De Stijl". Das Museum De Lakenhal zeigt die Open-Air-Ausstellung "100 Jahre nach De Stijl".
Maison d’Artiste Leiden ist die Geburtsstadt von "De Stijl". Das Museum De Lakenhal zeigt die Open-Air-Ausstellung "100 Jahre nach De Stijl". © Jan Dimog
Maison d’Artiste.  Glanzpunkt der Freiluftausstellung im Stadtzentrum ist ein Nachbau eines von Theo van Doesburg im Jahre 1923 geschaffenen Modells für ein Wohn- und Künstlerhaus.
Maison d’Artiste Glanzpunkt der Freiluftausstellung im Stadtzentrum ist ein Nachbau eines von Theo van Doesburg im Jahre 1923 geschaffenen Modells für ein Wohn- und Künstlerhaus. © Jan Dimog
Maison d’Artiste.  Das Maison d’Artiste wurde nie realisiert und das Modell ging verschollen. Auf Grundlage von Fotografien des Modells gelang es dem Architekturprofessor Mick Eekhout und Studenten der Universität Delft, einen Nachbau im Maßstab 1:5 zu rekonstruieren.
Maison d’Artiste Das Maison d’Artiste wurde nie realisiert und das Modell ging verschollen. Auf Grundlage von Fotografien des Modells gelang es dem Architekturprofessor Mick Eekhout und Studenten der Universität Delft, einen Nachbau im Maßstab 1:5 zu rekonstruieren. © Jan Dimog
Maison d’Artiste.  Die Experten schafften es, aus den Schwarzweißfotos die Originalfarben zu rekonstruieren, so dass das Gebäude nun in voller, bunter De Stijl-Pracht erstrahlt. Das Maison d’Artiste steht bis zum 27. August direkt auf dem Platz "Het Gerecht", um die Ecke der Kirche Pieterskerk. Der Zugang ist frei.
Maison d’Artiste Die Experten schafften es, aus den Schwarzweißfotos die Originalfarben zu rekonstruieren, so dass das Gebäude nun in voller, bunter De Stijl-Pracht erstrahlt. Das Maison d’Artiste steht bis zum 27. August direkt auf dem Platz "Het Gerecht", um die Ecke der Kirche Pieterskerk. Der Zugang ist frei. © Jan Dimog
Open Air Museum De Lakenhal.  Wo steht De Stijl und welchen Einfluss hat die Kunstrichtung heute? Wie interpretieren zeitgenössische Kreative den 100 Jahre alten Stil? Diese Themen und Fragen rund um De Stijl beschäftigten die Projektmanagerin und Kuratorin Resi van der Ploeg zusammen mit den Künstlern und Gastkuratoren Iemke van Dijk und Guido Winkler. Am Ende des ersten monatigen Arbeitsprozesses stand die Auswahl der 20 holländischen und internationalen Künstler*innen fest. Die Entstehung der Wandbilder glich einem Kunstcamp, so die van Dijk und Winkler, in dem sich die Kreativen gegenseitig inspirierten. Im Bild: Architectural Butterfly von Brent Hallard.
Open Air Museum De Lakenhal Wo steht De Stijl und welchen Einfluss hat die Kunstrichtung heute? Wie interpretieren zeitgenössische Kreative den 100 Jahre alten Stil? Diese Themen und Fragen rund um De Stijl beschäftigten die Projektmanagerin und Kuratorin Resi van der Ploeg zusammen mit den Künstlern und Gastkuratoren Iemke van Dijk und Guido Winkler. Am Ende des ersten monatigen Arbeitsprozesses stand die Auswahl der 20 holländischen und internationalen Künstler*innen fest. Die Entstehung der Wandbilder glich einem Kunstcamp, so die van Dijk und Winkler, in dem sich die Kreativen gegenseitig inspirierten. Im Bild: Architectural Butterfly von Brent Hallard. © Jan Dimog
Open Air Museum De Lakenhal.  Untitled 2017, Terry Haggerty
Open Air Museum De Lakenhal Untitled 2017, Terry Haggerty © Jan Dimog
Open Air Museum De Lakenhal.  Towards Zero II, Justin Andrews
Open Air Museum De Lakenhal Towards Zero II, Justin Andrews © Jan Dimog
Open Air Museum De Lakenhal.  Untitled, Linda Arts
Open Air Museum De Lakenhal Untitled, Linda Arts © Jan Dimog
Open Air Museum De Lakenhal.  Shimmer, Sanne Bruggink
Open Air Museum De Lakenhal Shimmer, Sanne Bruggink © Jan Dimog
Open Air Museum De Lakenhal.  Contrary Motion, Gilbert Hsiao
Open Air Museum De Lakenhal Contrary Motion, Gilbert Hsiao © Jan Dimog
Open Air Museum De Lakenhal.  Mural #11 (Seesaw), Rob de Oude
Open Air Museum De Lakenhal Mural #11 (Seesaw), Rob de Oude © Jan Dimog
Open Air Museum De Lakenhal.  Wild Stijl, Matthew Deleget
Open Air Museum De Lakenhal Wild Stijl, Matthew Deleget © Jan Dimog
Open Air Museum De Lakenhal.  Untitled, Wall Painting No 446, Jan van der Ploeg
Open Air Museum De Lakenhal Untitled, Wall Painting No 446, Jan van der Ploeg © Jan Dimog

"Inspired by spaces and geometrical forms, Brent Hallard (*1957) manipulates both the image and the arrangement of the object, so the observers and their perception could be challenged. His abstract art is minimalistic and exploring monochromatic expression. He sticks to minimalism, as the forms of a square and rectangle are making his art widely recognizable."

Museum De Lakenhal, 2017, zur geometrisch-räumlichen Arbeit des australischen Künstlers Brent Hallard

Open Air Museum de Lakenhal in Leiden

Die Kreativen lachen ein wenig gequält, als wir auf dem Het Gerecht-Platz mit dem "Maison d'Artiste" stehen. Die Qual rührt nicht vom Nachbau des von Theo van Doesburg geschaffenen Wohn- und Künstlerhaus. Im Gegenteil, die Künstler und Gastkuratoren Iemke van Dijk und Guido Winkler zusammen mit der Kuratorin und Projektmanagerin Resi van der Ploeg sind sichtlich stolz auf den Nachbau. Mit Windschutzscheiben-Rakeln wischen sie es trocken und säubern es von Verschmutzungen. Um das Modell im Maßstab von 1:5 wurden Spielburgen und Kindertheater aufgebaut. Kinder rennen umher, Erwachsene wachen über die Szenerie. Für meine Kreativ-Begleitung wird das Künstlerhaus zu sehr in den Hintergrund gerückt. Für mich ist die Konstruktion trotzdem sehr präsent wie auch die berühmtesten Insignien von De Stijl: die horizontalen und vertikalen Linien in Primärfarben. Bei meiner Drei-Städte-Tour durch Leiden, Den Haag und Utrecht werde ich diese Konturen in vielfältiger Form erleben. Sie sind überall: an den Fassaden von Warenhäusern und Bürobauten, an Taschen und Fahrzeugen, auf Bürgersteigen und USB-Speichersticks. Insofern stellen Hüpfburgen und Kindertheater keine Gefahr dar. Das Maison d'Artiste wurde vom Architekturprofessor Mick Eekhout und Studierenden der Universität Delft rekonstruiert. Das Modell ist Teil der Open-Air-Ausstellung des Museums "De Lakenhal" mit dem Motto "100 Jahre nach De Stijl". 20 internationale und nationale Künstler*innen schufen monumentale Wandbilder auf Grundlage der vor 100 Jahren postulierten Kunstrichtung. Die Werke stehen unweit des Maison d'Artiste. Zu sehen sind grafisch-abstrakte Bilder mit Kraft und Wirkung, die so verschieden sind wie die Urheber*innen, mal träumerisch-tänzelnd, mal irritierend-entschlossen und immer wieder mit der Wahrnehmung und der Subjektivität spielend. Zum Beispiel, die geometrisch-räumliche Arbeit von Brent Hallard, die passenderweise auch noch "Architectural Butterfly" heißt. Der Architekturschmetterling besteht aus vier Farbflächen, die sich gegenseitig beeinflussen und die Wahrnehmung des Betrachters verändern. Raum, Farben und Perspektiven werden tatsächlich zu einem Flügelwesen, der sehr frei erscheint.
Van Dijk, Winkler und van der Ploeg betonen beim Gespräch, dass es ihnen auch um den heutigen Stand und Wert von De Stijl geht. Wie hat sich die Kunstrichtung weiterentwickelt? Wo steht sie heute? Bei der Umsetzung beschäftigte sie auch das Wechselspiel aus öffentlichem Raum und Kunst. Denn ursprünglich sollten die Wände in einem eher postindustriellen Umfeld stehen. Umso stärker fällt der jetzige Auftritt aus. Der "De Stijl 2.0 Global" scheint auf dem Pieterskerkhof zunächst wie ein von Herrenhaus-Architektur in Backstein umrahmter Kunstfremdkörper zu sein. Doch wenn von den Spaziergängern, Flaneuren und Vorbeieilenden die meisten stoppen, innehalten und das obligatorische Selfie machen, scheinen die drei Macher*innen etwas richtig gemacht zu machen. Was Iemke van Dijk gerne bestätigt: "Ich liebe es, wenn die Leute mit der Kunst interagieren. Manche vollführen artistische Einlagen zu ihren Fotos, manche bleiben minutenlang vor einem Wandbild stehen."
Das wiederum klingt souverän und nach Kunst, die im Jahr 2017 angekommen ist. Und nach einer gelungenen Bestandsaufnahme. Die abstrakte Kunst des 21. Jahrhunderts scheint hellwach zu sein, ohne die De Stijl-Gedankenwelt des 20. Jahrhunderts zu vergessen.

Im Gespräch.  (von rechts nach links) mit Kuratorin Resi van der Ploeg, THE LINK-Redakteur Jan Dimog, Gastkuratoren und Künstler Iemke van Dijk und Guido Winkler. Letztgenannte betreiben die Kunst- und Kuratorenplattform IS-projects.org.
Im Gespräch (von rechts nach links) mit Kuratorin Resi van der Ploeg, THE LINK-Redakteur Jan Dimog, Gastkuratoren und Künstler Iemke van Dijk und Guido Winkler. Letztgenannte betreiben die Kunst- und Kuratorenplattform IS-projects.org. © THE LINK

"Die neue Kunst hat das, was das neue Zeitbewusstsein enthält ans Licht gebracht: gleichmäßiges Verhältnis des Universellen und des Individuellen."

Manifest I von De Stijl, 1918

Unsere redaktionell unabhängige Recherche wurde vom Niederländischen Büro für Tourismus & Convention (NBTC) zusammen mit Leiden Marketing ermöglicht.

Von Jan Dimog Autor, Redakteur und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .