"The Tugendhat Villa in Brno is one of the most original projects completed by Mies van der Rohe. He was able to fully implement his design in accordance with his intentions due to the ideal cooperation with the highly cultured Tugendhat family. The furniture was designed by the architect and some pieces were intended for specific locations. There is no other similar architectural work of the European production by Mies van der Rohe that has been preserved with such integrity."

UNESCO World Heritage, 2001

Berühmte Häuser zu besuchen, kann ernüchternd oder einschüchternd sein. Im Fall der Villa Tugendhat ist es eher einladend, was auch an Petr Dvořák liegt. Mit dem Sprecher der Villa Tugendhat sitze ich auf der Terrasse mit Blick auf den weitläufigen Garten, die Silhouette von Brno (dt. Brünn) und auf das Haus. Dvořák arbeitet seit 2006 in der Villa und hat seitdem erlebt wie es immer populärer wurde für Touristen, Kultur- und Städtereisenden. So sehr, dass die Haustouren auf Monate ausgelastet seien. Zwar können Interessierte ohne Buchung in den Garten, aber wer in Brünn ist, sollte definitiv eine Hausführung einplanen und drei bis vier Monate im Voraus reservieren. Wie reagieren die Gäste auf das Gebäude? Laut Dvořák ist das Publikum sehr vielfältig und komme aus Übersee, Asien und allen Teilen Europas, natürlich auch viele Architekten, Designer und Kunsthistoriker. Aber es gebe auch Leute, die mit Skepsis ins Innere treten und mit Begeisterung herauskommen. "Viele sind überrascht wie modern das Haus ist", so der Sprecher.
Als ich mich später einer Führung anschließe, weiß ich was er mit der Verschiedenheit der Gäste meint: alt und jung, Tschechen und Nicht-Tschechen, offensichtliche Architekturfans und Innendesignkenner. Was die heutige fünfzehnköpfige Gruppe eint, ist der Wow-Effekt, vor allem im knapp 240 Quadratmeter großen Wohn- und Leseraum. Hier erklärt der Tourguide die Raffinesse und Pracht der lichtdurchfluteten Beletage. Da sind die ineinanderfließenden Funktionsbereiche, die Einrichtung aus Makassar-Ebenholz aus dem indonesischen Sulawesi, die berühmte Onyxwand, die Samt-Vorhänge, die Barcelona und Brno Sessel, die Freischwinger und die elektrischen Fensterheber. Das Hebesystem ermöglicht die versenkbaren Glaswände. Als die Fenster herunterfahren und der Raum und der weitläufige Garten eins werden, wird klar, was Greta Tugendhat meinte, als sie das Haus 1969 zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg besuchte:

"Vom ersten Moment an haben wir das Haus innig geliebt. Wenn wir alleine waren, saßen wir in der Bibliothek, während wir den Abend mit Freunden lieber direkt vor den Fenstern verbrachten. Wir haben das Haus sogar mehr im Frühling und Sommer genossen. Als die Kinder klein waren, waren wir sehr häufig auf der Terrasse … wo sie die gesamte Fläche als Spielplatz genutzt haben."

Das Haus des jüdischen Unternehmerpaares Greta und Fritz Tugendhat, entwarf der Architekt Ludwig Mies van der Rohe zwischen 1928 und 1929. Die Pläne entstanden in Zusammenarbeit mit seiner Partnerin und Kollegin Lilly Reich (1885–1947) wie die zeitgleich erbauten Direktorenvillen Lange und Esthers in Krefeld.

Erstmals nutzte man in einem Privathaus in der damaligen Tschechoslowakei eine Konstruktion aus Stahlträgern mit genietetem Kreuzprofil. Die Stahlskelettstruktur ermöglichte den freien Grundriss. Die Konzentration auf Klarheit und die Reinheit des Materials sind die wichtigsten Merkmale des Hauses. Hinzu kommt der Einbau der damals neuesten technischen Möglichkeiten mit den Fensterhebern, der Klimaanlage und der Warmluftheizung. Das Haus beeindruckt auch mit der Topografie bzw. der Nutzung der Lage. Es steht quer zu einem Abhang und erscheint zur Straße in nordöstlicher Richtung als eingeschossiger, bescheidener, transparenter Pavillon. Zur steil abfallenden Gartenseite und in südwestlicher Richtung jedoch zeigt sich das Gebäude mit seiner großflächigen Glasfront mit einer Geste der einladenden Offenheit. Die Brünner Landschaftsarchitektin Grete Roder-Müller war für die Gestaltung des über 6.500 qm großen Gartens verantwortlicht, der heute in seiner wohldosierten Lebendigkeit das Haus ergänzt ohne sich als Grünzusatz zu verstecken. Im Gegenteil, gerade die Lage, Topografie und das Panorama sind für das Haus wichtige Komponenten für seine lichte Großzügigkeit und selbstbewusste Eleganz, die es erst viele Jahrzehnte später wiedergewinnen sollte.
Denn die Bewohner mussten ihr Land schon wenige Jahre nach Bezug des über 900 qm großen Hauses verlassen und emigrierten erst in die Schweiz und dann nach Venezuela. Danach beschlagnahmte die Gestapo das Gebäude, das während des Zweiten Weltkrieges beschädigt wurde. Die Rote Armee nutzte das Haus ebenso wie ein Kinderkrankenhaus und aus dem 240 qm großen Wohnzimmer wurde eine Turnhalle mit Turngeräten an den Wänden. Viele Jahre wurde die Bedeutung des architektonischen Meisterwerks übersehen, ignoriert, missachtet. Bei der Geschichte des Hauses geht es auch um die fehlende Anerkennung als Kulturdenkmal. Die kam erst ab den 1980er-Jahren, als das Gebäude zum ersten Mal renoviert wurde, allerdings auf die rabiate Achtzigerjahre-Methode: man ersetzte Originalteile, sämtliche Möbel wurden ausgetauscht, Fliesen wurden abgeschlagen, die Einrichtungen in den Bädern landeten auf dem Müll. Seit 1994 ist das Haus als Denkmal der modernen Architektur in Brünn für die Öffentlichkeit zugänglich. Von 2010–2012 wurde die Villa denkmalgerecht saniert. Auf das Ergebnis ist Sprecher Petr Dvořák stolz, da das Haus nun zu einem großen Teil wieder so aussieht wie bei der Fertigstellung 1930. Das liegt auch an der detektivischen Arbeit der Beteiligten, z. B. des Kunsthistorikers Miroslav Ambroz, der die Ebenholzwand des Wohnbereichs in einer Brünner Universitätsmensa fand.

Die Öffnung des Kulturdenkmals

Diese letzte, behutsame Sanierung hat zur Offenheit beigetragen, Haus und Garten wirken einladend und kapseln sich nicht für ein Expertenpublikum ab, im Gegenteil. Die Verantwortlichen haben das Programm des Hauses erweitert. Heute ist es auch Veranstaltungsort und Treffplatz, es gibt Konzerte, Filmvorführungen, Lesungen und Workshops, auch für Jugendliche und Kinder. Diese lernen über das Mies van der Rohe-Prinzip des “Less is more”, erfahren warum für den Architekten “Gott in den Details steckt” und wie das Zusammenspiel von Architektur und Natur in der Anlage funktioniert. Eine gute Vorgehensweise, um künftigen Baumeistern den Flow der funktionalistischen Ikone näherzubringen.

Villa Tugendhat. Entwurf: Ludwig Mies van der Rohe, Lilly Reich. Fertigstellung: 1930
Villa Tugendhat Entwurf: Ludwig Mies van der Rohe, Lilly Reich. Fertigstellung: 1930 © Jan Dimog
Villa Tugendhat. Die funktionalistische Architektur der Villa Tugendhat zählt zu den wichtigsten Bauten der Moderne ...
Villa Tugendhat Die funktionalistische Architektur der Villa Tugendhat zählt zu den wichtigsten Bauten der Moderne ... © Jan Dimog
Villa Tugendhat. ... zu denen auch u. a. Le Corbusiers Villa Savoye, Frank Lloyds Wrigths Robie House und ...
Villa Tugendhat ... zu denen auch u. a. Le Corbusiers Villa Savoye, Frank Lloyds Wrigths Robie House und ... © Jan Dimog
Villa Tugendhat. ... das Haus Schminke von Hans Scharoun zählen.
Villa Tugendhat ... das Haus Schminke von Hans Scharoun zählen. © Jan Dimog
Villa Tugendhat. Auftraggeber war das Unternehmerehepaar Grete und Fritz Tugendhat
Villa Tugendhat Auftraggeber war das Unternehmerehepaar Grete und Fritz Tugendhat © Jan Dimog
Villa Tugendhat. Das Haus ist seit 2001 UNESCO Weltkulturerbe. Von 2010–2012 wurde es grundsaniert. Das Haus und der Garten erhielten ihre ursprüngliche Gestalt.
Villa Tugendhat Das Haus ist seit 2001 UNESCO Weltkulturerbe. Von 2010–2012 wurde es grundsaniert. Das Haus und der Garten erhielten ihre ursprüngliche Gestalt. © Jan Dimog
Villa Tugendhat. Der Eingangsbereich mit der gebogenen Milchglaswand, außen glatt, innen geätzt.
Villa Tugendhat Der Eingangsbereich mit der gebogenen Milchglaswand, außen glatt, innen geätzt. © Jan Dimog
Villa Tugendhat. In den Innenräumen stehen Originalmöbel mit Nachbildungen. Die Türen sind so hoch wie die Raumhöhen von fast drei Metern.
Villa Tugendhat In den Innenräumen stehen Originalmöbel mit Nachbildungen. Die Türen sind so hoch wie die Raumhöhen von fast drei Metern. © Jan Dimog
Villa Tugendhat. Das Elternbad von Fritz und Grete Tugendhat mit Tageslicht. Die ursprüngliche Sanitärausstattung wurde in der ersten Instandsetzung in den 1980ern zerstört.
Villa Tugendhat Das Elternbad von Fritz und Grete Tugendhat mit Tageslicht. Die ursprüngliche Sanitärausstattung wurde in der ersten Instandsetzung in den 1980ern zerstört. © Jan Dimog
Villa Tugendhat. Die halbrunde Wand aus Makassar-Ebenholz im Wohnbereich. Der Kunsthistoriker Miroslav Ambroz fand einen Teil der originalen Wand durch Zufall.
Villa Tugendhat Die halbrunde Wand aus Makassar-Ebenholz im Wohnbereich. Der Kunsthistoriker Miroslav Ambroz fand einen Teil der originalen Wand durch Zufall. © Jan Dimog
Villa Tugendhat. Der Hauptwohnraum des Hauses mit 237 qm Größe ist die Beletage. Links: die Onyxwand, im Vordergrund eine Chaiselongue aus rubinrotem Samt (MR 100).
Villa Tugendhat Der Hauptwohnraum des Hauses mit 237 qm Größe ist die Beletage. Links: die Onyxwand, im Vordergrund eine Chaiselongue aus rubinrotem Samt (MR 100). © Jan Dimog
Villa Tugendhat. Sitzgruppe mit drei Barcelona-Sessel und einem Barcelona-Hocker mit smaragdgrünem Lederpolster. Die drei Tugendhat-Sesseln gegenüber sind aus Rodierstoff.
Villa Tugendhat Sitzgruppe mit drei Barcelona-Sessel und einem Barcelona-Hocker mit smaragdgrünem Lederpolster. Die drei Tugendhat-Sesseln gegenüber sind aus Rodierstoff. © Jan Dimog
Villa Tugendhat. Mehr Glaswand denn Fenster: die Scheiben können vollständig in den Boden versenkt werden. Neben der Architektur spielt der Einbau der damals neuesten Technik eine wichtige Rolle im Haus.
Villa Tugendhat Mehr Glaswand denn Fenster: die Scheiben können vollständig in den Boden versenkt werden. Neben der Architektur spielt der Einbau der damals neuesten Technik eine wichtige Rolle im Haus. © Jan Dimog
Villa Tugendhat. Ein Teil des Kellers wurde zu einem Ausstellungsraum mit kleinem Museumsshop umgebaut. Die Dauerausstellung zeigt Pläne, Skizzen, Fotografien der Architekten und Planer sowie weitere Informationen über die Tugendhats bis 1938. Die Dauerausstellung kann übrigens auch ohne Führung besucht werden.
Villa Tugendhat Ein Teil des Kellers wurde zu einem Ausstellungsraum mit kleinem Museumsshop umgebaut. Die Dauerausstellung zeigt Pläne, Skizzen, Fotografien der Architekten und Planer sowie weitere Informationen über die Tugendhats bis 1938. Die Dauerausstellung kann übrigens auch ohne Führung besucht werden. © Jan Dimog
Villa Tugendhat. Der Entwurf von Mies und Lilly Reich entstand in Zusammenarbeit mit dem Architekten Sergius Ruegenberg (1903–1996), der auch mit Hans Scharoun, Bruno Paul und Karl Schneider gearbeitet hat. Der Eingang an der Straße führt in die dritte Etage des Hauses.
Villa Tugendhat Der Entwurf von Mies und Lilly Reich entstand in Zusammenarbeit mit dem Architekten Sergius Ruegenberg (1903–1996), der auch mit Hans Scharoun, Bruno Paul und Karl Schneider gearbeitet hat. Der Eingang an der Straße führt in die dritte Etage des Hauses. © Jan Dimog
Villa Tugendhat. Flach und bescheiden: zur Straße in nordöstlicher Richtung erscheint das Haus als eingeschossiger und transparenter Pavillon.
Villa Tugendhat Flach und bescheiden: zur Straße in nordöstlicher Richtung erscheint das Haus als eingeschossiger und transparenter Pavillon. © Jan Dimog

Brünns vier Parade-Villen

Im kompakten Zentrum der zweitgrößten Stadt Tschechiens gibt es zahlreiche, sehr gut erhaltene Gebäude im Stil des Funktionalismus. Vier Stadthäuser spielen in diesem Zusammenhang eine Sonderrolle. Die Villa Tugendhat ist in diesem Quartett sicherlich der bekannteste Bau. Der Besuch der anderen drei lohnt sich, weil sie stellvertretend für eine Ausrichtung der funktionalistischen und der Jugendstil-Architektur, für den damaligen Zeitgeist und für die Umbrüche in Politik, Gesellschaft und Gestaltung stehen.

Villa Löw-Beer, Alexander Neumann, 1903

Der Fabrikant Moritz Fuhrmann war der Auftraggeber der Jugendstil-Villa, die der Textilunternehmer Alfred Löw-Beer 1913 kaufte. Einen Teil des Grundstücks schenkte er seiner Tochter Grete für den Bau ihres Hauses. Mit ihrem Mann beauftragte sie einen der bekanntesten deutschen Architekten der damaligen Zeit: Mies van der Rohe. Dieser entwarf mit Lilly Reich die Villa Tugendhat.

Villa Löw-Beer. Entwurf: Alexander Neumann, Fertigstellung: 1903. Die Jugendstilvilla ist Teil des Brünner Villen-Quartetts mit den Häusern Tugendhat, Stiassni und Jurkovič.
Villa Löw-Beer Entwurf: Alexander Neumann, Fertigstellung: 1903. Die Jugendstilvilla ist Teil des Brünner Villen-Quartetts mit den Häusern Tugendhat, Stiassni und Jurkovič. © Jan Dimog

Villa Stiassni, Ernst Wiesner, 1929

Zusammen mit der Villa Tugendhat ist das Haus Stiassni eines der bedeutendsten Wohnbauten der Zwischenkriegsjahre. Die funktionalistische Villa mit dem drei Hektar großen Garten entwarf der tschechoslowakische Architekt Ernst Wiesner (1890–1971) für die Familie des jüdischen Textilunternehmers Alfred Stiassni. Das Haus mit den Hauptwohnbereichen orientiert sich zum abschüssigen Grundstück, während er den Bereich mit der Küche, den Räumen für die Angestellten usw. in die entgegengesetzte Richtung setzte. Von außen ist das Haus schlicht und linear mit leicht mediterraner Anmutung. In der Innengestaltung jedoch bestand Hermine Stiassni auf eine üppig-schlossartige Ausstattung. Das Paar mit Tochter Susanne bewohnte das Haus neun Jahre und floh 1938 vor der drohenden Okkupation durch die Deutschen nach London. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude als Herberge für Staatsgäste und Politiker genutzt. Es kamen u. a. der Mitbegründer der Tschechoslowakei, Minister- und Staatspräsident Edvar Beneš (1884–1948), der indonesische Präsident Sukarno, der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser oder der kubanische Führer Fidel Castro. 2009 begann die umfassende Renovierung des Hauses mit 560 qm Wohnfläche, die drei Jahre dauerte. Ende 2014 wurde das Kulturdenkmal für die Öffentlichkeit geöffnet. Heute befindet sich hier auch das Methodische Zentrum für moderne Architektur (MCMA). Ziel der Institution ist die Dokumentation und Forschung über Architekturdenkmäler des 20. Jahrhunderts, um ihren Schutz kontinuierlich zu verbessern.

Villa Stiassni. Entwurf. Ernst Wiesner, Fertigstellung: 1929
Villa Stiassni Entwurf. Ernst Wiesner, Fertigstellung: 1929 © Jan Dimog
Villa Stiassni. Das Haus des jüdischen Textilunternehmers Alfred Stiassni stellt einen der bedeutendsten Wohnbauten der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg dar.
Villa Stiassni Das Haus des jüdischen Textilunternehmers Alfred Stiassni stellt einen der bedeutendsten Wohnbauten der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg dar. © Jan Dimog
Villa Stiassni. Das später auch als Regierungsvilla bezeichnete Haus wurde 2014 nach mehrjähriger Sanierungszeit wiedereröffnet.
Villa Stiassni Das später auch als Regierungsvilla bezeichnete Haus wurde 2014 nach mehrjähriger Sanierungszeit wiedereröffnet. © Jan Dimog
Villa Stiassni. Bei der linear-ornamentfreien Außengestaltung setzten sich Alfred Stiassni und der Brünner Architekt Wiesner durch. Für die Innengestaltung jedoch wollte Hermine Stiassni Üppigkeit, Zierde und höfische Erlesenheit. Bekam sie auch.
Villa Stiassni Bei der linear-ornamentfreien Außengestaltung setzten sich Alfred Stiassni und der Brünner Architekt Wiesner durch. Für die Innengestaltung jedoch wollte Hermine Stiassni Üppigkeit, Zierde und höfische Erlesenheit. Bekam sie auch. © Jan Dimog
Villa Stiassni. Das Ehepaar mit der Tochter bewohnte das Haus ...
Villa Stiassni Das Ehepaar mit der Tochter bewohnte das Haus ... © Jan Dimog
Villa Stiassni. ... nur neun Jahre. 1938 flohen sie aus Angst vor der drohenden Okkupation durch die Nazis nach London.
Villa Stiassni ... nur neun Jahre. 1938 flohen sie aus Angst vor der drohenden Okkupation durch die Nazis nach London. © Jan Dimog
Villa Stiassni. Die Gestapo nutzte das Gebäude als Sitz. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente es repräsentativen Zwecken und als Gasthaus für politische Prominenz.
Villa Stiassni Die Gestapo nutzte das Gebäude als Sitz. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente es repräsentativen Zwecken und als Gasthaus für politische Prominenz. © Jan Dimog
Villa Stiassni. Dauerausstellung über die Historie des Hauses im Küchentrakt.
Villa Stiassni Dauerausstellung über die Historie des Hauses im Küchentrakt. © Jan Dimog
Villa Stiassni. Die Verbindung aus Loggia und der Wohnterrasse an der Süd- und Ostfassade des Haues mit Blick auf den drei Hektar großen Garten.
Villa Stiassni Die Verbindung aus Loggia und der Wohnterrasse an der Süd- und Ostfassade des Haues mit Blick auf den drei Hektar großen Garten. © Jan Dimog

Villa Jurkovič, Dušan Jurkovič, 1906

Der eigenwilligste Bau des Villenquartetts steht am Hang oberhalb des Flusses Svratka im Brünner Viertel Žabovřesky. Es unterscheidet sich deutlich von der gläsernen Tugendhat-Kantigkeit, vom üppigen Löw-Beer-Jugendstil und von der mediterranen Eleganz der Villa Stiassni. Der Architekt Dušan Jurkovič (1868–1947) entwarf ein Haus, das für eine Umbruchsphase in der Baukunst des Landes und für den Jugendstil der Brünner Art steht, in ihrer Bedeutung ähnlich wie die Villa Tugendhat für den funktionalistischen Hausbau. Jurkovič war durch die Wiener Moderne und die englische Arts and Crafts Movement inspiriert, einer britischen Bewegung in der Kunst und Architektur, die sich auf das traditionelle Wohnen und das Handwerk besann und die freie und angewandte Kunst verband. Die Grundkonzeption des Hauses geht von der Typologie des Cottage in England aus. Außen fällt der Arkadeneingang mit Terrasse auf. Jurkovič verkleidete die Fachwerkkonstruktion mit Korkplatten. Herz des Hauses ist die zentrale Halle, um den er im ersten Obergeschoss eine Galerie anlegte. Salons für die Damen und die Herren wie später bei den Stiassnis gibt es hier nicht. Stattdessen gruppiert er zwei große Nischen in den großen Raum, der wie eine Halle wirkt, eine für Frauen, die andere für Männer. Trotz der Separierung bleiben sie zumindest visuell in Kontakt. Die Farbenpracht und Formenvielfalt war Jurkovič’ ebenso wichtig wie die Lichtstimmung. Er war vom Ergebnis sehr überzeugt. Der auch als "Dichter des Holzbaus" bezeichnete Architekt, Möbeldesigner und Ethnograph präsentierte das Haus nach Fertigstellung als "Gesamtkunstwerk".

Villa Jurkovič. Entwurf: Dušan Jurkovič, Fertigstellung: 1906.
Villa Jurkovič Entwurf: Dušan Jurkovič, Fertigstellung: 1906. © Jan Dimog
Villa Jurkovič. Hausmuseum und Jugendstil-Denkmal
Villa Jurkovič Hausmuseum und Jugendstil-Denkmal © Jan Dimog
Villa Jurkovič. Ein Teil der zentralen Halle
Villa Jurkovič Ein Teil der zentralen Halle © Jan Dimog
Villa Jurkovič. Farbenpracht der Sitznische in der Halle
Villa Jurkovič Farbenpracht der Sitznische in der Halle © Jan Dimog
Villa Jurkovič. Die temporäre Ausstellung "Being Dušan Jurkovič" von A1 Architekten ist noch bis April 2019 zu sehen.
Villa Jurkovič Die temporäre Ausstellung "Being Dušan Jurkovič" von A1 Architekten ist noch bis April 2019 zu sehen. © Jan Dimog
Villa Jurkovič. Die gelungene Dauerausstellung präsentiert das Leben und Wirken des slowakischen Architekten, Möbelgestalters und Ethnografen.
Villa Jurkovič Die gelungene Dauerausstellung präsentiert das Leben und Wirken des slowakischen Architekten, Möbelgestalters und Ethnografen. © Jan Dimog
Villa Jurkovič. Seit 2006 ist das Haus Jurkovič Teil der Mährischen Galerie. Die Sanierung des Hauses dauerte mehrere Jahre und wurde von Transat architekti verantwortet. Seit April 2011 ist es für die Öffentlichkeit zugänglich.
Villa Jurkovič Seit 2006 ist das Haus Jurkovič Teil der Mährischen Galerie. Die Sanierung des Hauses dauerte mehrere Jahre und wurde von Transat architekti verantwortet. Seit April 2011 ist es für die Öffentlichkeit zugänglich. © Jan Dimog

Industriemetropole der Moderne

Die Textilindustrie und die funktionalistische Architektur haben einander in Brünns stürmischer Stadtentwicklung nach dem Ersten Weltkrieg bedingt. Denn die Wirtschaft boomte, zahlreiche Fabrikanlagen entstanden, Menschen zogen in die boomende Stadt. Die Verantwortlichen – vom Stadtarchitekten bis zu den Ratsherren – entwickelten einen ehrgeizigen städtebaulichen Plan, der das Ziel hatte dem Bevölkerungswachstum und der Wirtschaftskraft Rechnung zu tragen sowie aus dem Schatten der Hauptstadt Prag zu treten. Man baute kreativ, fortschrittlich und mit großer Geste. Brünn wurde architektonisch zu einer der progressivsten Städte Europas mit Cafés, Lokalen, Einkaufshäusern, Villen und einem Messegelände aus Glas und mit neuartigen Grundrissen und kubisch, klar und konzentriert. Ein fotografischer Streifzug durch Brünns Stadtzentrum.

Hotel Avion. Entwurf: Bohuslav Fuchs, Fertigstellung: 1927. Eines der schmalsten Hotels Europas. Seit 2017 wird das Hotel rekonstruiert.
Hotel Avion Entwurf: Bohuslav Fuchs, Fertigstellung: 1927. Eines der schmalsten Hotels Europas. Seit 2017 wird das Hotel rekonstruiert. © Jan Dimog
Bahnhofspost. Entwurf: Bohuslav Fuchs, Fertigstellung: 1939
Bahnhofspost Entwurf: Bohuslav Fuchs, Fertigstellung: 1939 © Jan Dimog
Bat'a Einkaufszentrum. Entwurf: Vladimír Karfík, Fertigtellung: 1931
Bat'a Einkaufszentrum Entwurf: Vladimír Karfík, Fertigtellung: 1931 © Jan Dimog
Bata Shopping Centre. Karfík (1901–1996) zählt zu den wichtigsten Architekten der Tschechoslowakei, der u. a. auch das Hochhaus bzw. Haus Nr. 21 in Zlín entworfen hat.
Bata Shopping Centre Karfík (1901–1996) zählt zu den wichtigsten Architekten der Tschechoslowakei, der u. a. auch das Hochhaus bzw. Haus Nr. 21 in Zlín entworfen hat. © Jan Dimog
Mährische Bank. Entwurf: Ernst Wiesner, Bohuslav Fuchs, Fertigstellung: 1930. Fuchs (1895–1972) war Architekt und Stadtplaner und einer der prägendsten Baumeister seiner Heimatstadt Brünn.
Mährische Bank Entwurf: Ernst Wiesner, Bohuslav Fuchs, Fertigstellung: 1930. Fuchs (1895–1972) war Architekt und Stadtplaner und einer der prägendsten Baumeister seiner Heimatstadt Brünn. © Jan Dimog
Café Era. Entwurf: Josef Kranz, Fertigstellung: 1929. Die Funktionen im Haus sollten auch an der Fassade ablesbar sein. Das Lokal ist nur wenige Gehminuten von der Villa Tugendhat entfernt.
Café Era Entwurf: Josef Kranz, Fertigstellung: 1929. Die Funktionen im Haus sollten auch an der Fassade ablesbar sein. Das Lokal ist nur wenige Gehminuten von der Villa Tugendhat entfernt. © Jan Dimog
Cafe Era. Der gebürtige Brünner Franz (1901–1968) war auch im Büro von Bohuslav Fuchs beschäftigt. Für das Café liess sich Kranz von ...
Cafe Era Der gebürtige Brünner Franz (1901–1968) war auch im Büro von Bohuslav Fuchs beschäftigt. Für das Café liess sich Kranz von ... © Jan Dimog
Cafe Era. ... der Kunst- und Architekturbewegung De Stijl in den Niederlanden inspirieren. Nach einer aufwendigen Restaurierung ist das Gebäude seit 2011 in Form und Funktion wieder das Ursprungscafé der 1930er-Jahre.
Cafe Era ... der Kunst- und Architekturbewegung De Stijl in den Niederlanden inspirieren. Nach einer aufwendigen Restaurierung ist das Gebäude seit 2011 in Form und Funktion wieder das Ursprungscafé der 1930er-Jahre. © Jan Dimog
Hotel Grandezza. Entwurf: Vladimir Fischer, Fertigstellung: 1915. Fischer (1870–1947) wirkte viele Jahre in Brünn, wo er auch als Dekan und Rektor an der Technischen Hochschule arbeitete.
Hotel Grandezza Entwurf: Vladimir Fischer, Fertigstellung: 1915. Fischer (1870–1947) wirkte viele Jahre in Brünn, wo er auch als Dekan und Rektor an der Technischen Hochschule arbeitete. © Jan Dimog
Hotel Grandezza. Das Gebäude war zunächst die Kyrill-und-Methodius-Vorschusskasse, bevor es für mehrere Jahre grundsaniert und als Boutiquehotel eröffnet wurde.
Hotel Grandezza Das Gebäude war zunächst die Kyrill-und-Methodius-Vorschusskasse, bevor es für mehrere Jahre grundsaniert und als Boutiquehotel eröffnet wurde. © Jan Dimog

Unsere redaktionell unabhängige Recherchereise wurde organisiert und ermöglicht durch die Tschechische Zentrale für Tourismus – CzechTourism und von TIC BRNO.

Von Jan Dimog Autor, Redakteur und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .