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Gallariji-Ensemble in Valletta © Hendrik Bohle
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Gallarija in der Mittelalter-Stadt Mdina © Jan Dimog
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„Offener freitragender Austritt an Gebäudeobergeschossen, meist auf Deckenvorkragungen, mit Brüstungsabschluss nach außen.“ So erklärt das Wörterbuch der Architektur von Reclam den Balkon. Maltas Definition sieht ein wenig anders aus. Sie nennen ihre Balkone „Gallariji“ (Plural. Singular: „Gallarija“), was auf das Italienische zurückgeht. Von Austritt kann nicht die Rede sein, dazu ist der Raum zu schmal. Im Gegensatz zu einem Erker gleicht eine Gallarija einem Durchgang mit Platz für vielleicht zwei Stühle. Ihrer Popularität tut das keinen Abbruch. Die Gallariji gibt es in allen Farben, Variationen und Größen. Was auch ein Problem darstellt. Denn besonders in der raschen Urbanisierungszeit von 1960 bis weit in die 1990er-Jahre verfielen zahlreiche Gallariji. Oder die Bewohner erschufen fragwürdige Balkon-Interpretationen, die mancherorts wenig mit der stimmigen, eleganten Schönheit der Vorgängerbauten zu tun hatten. Da kann man Aluminium, Metall und Kunststoff noch so verzieren oder kaschieren – sie sind schlicht Gallariji-fremd.

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. Gallariji des Boutiquehotels Palazzo Prince d'Orange
Gallariji des Boutiquehotels Palazzo Prince d'Orange © Hendrik Bohle
. Am zentralen Platz Misrah San Gorg
Am zentralen Platz Misrah San Gorg © Hendrik Bohle
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. Teatru Manoel
Teatru Manoel © Hendrik Bohle
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Inzwischen haben die Behörden Regeln für die Gestaltung und Instandhaltung der Gallariji erstellt. Zudem gibt es Zuschüsse für die Restaurierung der Holzbalkone. So erstrahlen besonders in der UNESCO-Welterbestätte Valletta zahlreiche Gallariji in neuem, traditionellem Glanz. Für Boutiquehotels wie das Palazzo Prince d’Orange in der St. Paul’s Street sind sie ein besonderer Blickfang. Apropos Blicke: der ausgewiesene Malta- und Geschichtsfachmann Nick Ripard von Foundinmalta Guided Tours, den wir für eine Stadterkundung treffen, führt die Entstehung der Gallariji auf den türkisch-osmanischen Einfluss zurück. Geschützt hinter Vorhängen und vor Blicken fremder Männer dienten die Gallariji als Aussichtsplattform und Rückzugsort für die Frauen. Die Gallariji-Bauweise erlaubte es diesen trotzdem etwas vom Stadt- und Straßenleben mitzubekommen. Den Ursprung dieses Balkontypus verorten Historiker in Nordafrika, vor allem in Marokko. Dort sind sie als Mashrabiya bekannt, in Malta als "Muxrabija". Türkische Handwerksmeister verfeinerten und interpretierten die Muxrabija auf maltesische Art. Spätestens mit der Gallarija des Großmeisterpalastes begann die große Architekturkarriere des Holzbalkons. Nick Ripard begründet das mit den zwei langgestreckten Gallariji auf drei Seiten des flächenmäßig größten Gebäudes der Hauptstadt, die längere misst über 70 m. Diesen Gallariji wollten fortan alle Malteser nacheifern. Es dem Nachbarn gleichtun ist übrigens auch "sehr maltesisch", so Nick Ripard. Wenn am Ende alle einen Logenplatz haben, klingt das nach einer positiven Eigenschaft.

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. Der Großmeisterpalast in Valletta hat zwei Gallariji. Im Bild die längere mit über 70 m.
Der Großmeisterpalast in Valletta hat zwei Gallariji. Im Bild die längere mit über 70 m. © Hendrik Bohle
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Unsere architektonische Recherechreise wurde von Visit Malta, Air Malta und dem Palazzo Prince D’Orange unterstützt.

Unsere (architektonische) Bilderserie über Malta und die Gallariji finden Sie: hier.

Von Jan Dimog Autor, Blogger und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .