Marta Herford – Gehryford
Perlen der Provinz:
Redaktionell überarbeitet und aktualisiert am 11. September 2026.
Wogenspiel
Blick von der Goebenstraße
Schornsteinsonne
Die Rundungen der rotbraunen Klinkerfassade
Schluchtenwelle
Klinker und Edelstahl treffen in den eng geführten Zwischenräumen der Baukörper aufeinander
Kooperationsform
Unterschiedlich geneigte und gekrümmte Klinkerflächen
Seegang
Geschwungene Dachkante mit der darunterliegenden Klinkerwand
Aufstellung
Klinkerwände, Edelstahlkörper und auskragende Dachflächen als skulpturales Ensemble
Stahlname
Der Schriftzug „Marta Herford“ ist aus einer Metallfläche herausgeschnitten.
Wirbel
Da wölbt es sich. Vom Herforder Hauptbahnhof kommend schwingen und rollen, gleiten und kippen die Klinker- und Stahl-eingefassten Kubaturen des Marta hin und her. Das Museum für Kunst, Architektur, Design in der Goebenstraße und an der Aa, einem Seitenfluss der Werre, ist sowohl großer Auftritt als auch westfälische Bescheidenheit. Es lugt mehr aus der Dachlandschaft hervor, als dass es hervorsticht bzw. hervorwellt. Natürlich weiß es um seinen Sonderstatus, ist ja ein Gehry, dem laut New York Times, "most acclaimed American architect since Frank Lloyd Wright …". Kurz danach kürte ihn das Glamour-Magazin Vanity Fair zum "most important architect of our age." Womit wir beim Thema sind: Pomp und Pracht. In Ostwestfalen-Lippe, kurz OWL. Bei Bielefeld. Am Teutoburger Wald. Ja, ich muss es so formulieren. Ostwestfälisch geprägte Menschen wie ich kennen Attribute wie Bodenständigkeit und Bedächtigkeit, aber auf keinen Fall Vanity Fair, New York Times und schon gar keine Starchitekten. Da hilft es, dass Gehry diese Bezeichnung ablehnt. Er ist Architekt, der Architektur macht.
Aber so einfach ist es natürlich nicht. Vor allem nicht, wenn Neues entstehen soll, Aufsehenerregendes, wenn Landespolitik, Visionäres und OWL zusammenkommen. Ausgangspunkt war Mitte der 1990er-Jahre die Idee, der regional bedeutenden Möbel- und Küchenindustrie ein eigenes Haus zu geben. Aus dem geplanten „Haus des Möbels“ entwickelte sich ein Museum, das Kunst, Architektur und Design zusammenführt. Nach Jahren des Planens, Verwerfens und Ringens wurde das Gebäude am 7. Mai 2005 eröffnet. Der damalige Name MARTa verband Museum, Art und Ambiente beziehungsweise Architektur; seit 2015 heißt das Haus schlicht Marta.
Strömung
Geschwungene Wände und Oberlicht führen die Bewegung der Außenarchitektur im Innenraum fort.
Holzleben
Warme Holzoberflächen im Inneren des Museums
Ausschnitt
Ein Lichtschacht lenkt Tageslicht in die gekrümmten Ausstellungsräume.
Schimmerbewegung
Lichtreflexe auf den gebogenen Metallflächen und der gläsernen Brüstung
Metallglanz
Gebogene Metallflächen und eine rote Pendelleuchte prägen den Innenraum unter dem verglasten Dach.
Sachlichkeit
Im Foyer kontrastieren rechte Winkel und klare Flächen mit den bewegten Gehry-Galerien.
Wellenschlag
Das Marta besteht aus rund 400 Tonnen Stahl und 180.000 rotbraunen Klinkersteinen. Hinter der bewegten Ziegelfassade liegen in Form gebrachte Stahlbetonwände. Die Ausstellungsfläche für zeitgenössische Kunst, Architektur und Design umfasst rund 2.500 Quadratmeter.
Kern des Ensembles ist eine ehemalige Textilfabrik der Firma Ahlers, die Walter Lippold 1959 entwarf. Gehry ließ ihre Grundstruktur weitgehend bestehen und umgab sie mit neuen Ausstellungsräumen. Gerade Linien und rechte Winkel des Bestands treffen auf geneigte Wände, organische Baukörper und eine bewegte Dachlandschaft.
Zur Goebenstraße zeigt sich das Marta weitgehend geschlossen. Der rotbraune Klinker bindet die skulpturalen Formen an die regionale Bautradition, während die Edelstahlflächen der Dächer beinahe schwerelos darüberliegen. Unten Ostwestfalen, oben Gehry.
Krümmung
Nach den großen Bogengesten draußen führt der vergleichsweise enge Eingang in eine Folge sehr unterschiedlicher Räume. Wände neigen und krümmen sich, Galerien öffnen überraschende Durchblicke, dazwischen sorgen rechtwinklige Bereiche für Ruhe. Besonders deutlich wird der Wechsel in den Gehry-Galerien: Hohe Lichtschächte lassen Tageslicht in die bewegten Raumkörper fallen.
Dieses Spiel aus Enge und Weite, Bewegung und Ruhe kann irritieren. Dann wieder wirkt es befreiend – wie ein großes Durchatmen. Weite Welt an der Aa: Das ist die Gehryisierung Herfords. Oder, umgekehrt, die Herfordisierung der Gehry-Fans. Auch deshalb bleibt das Marta eine unserer „Perlen der Provinz“.
Läuft
Nevin Aladağs langer Teppichläufer steigt vom Boden bis zur Decke des Ausstellungsraums auf.
Hängend
Der aufsteigende Teppichläufer verbindet Boden, Wand und Höhe des gekrümmten Galerieraums.
Aufgespießt
Eine von Stäben durchstoßene Arbeit von Cai Guo-Qiang hängt frei im Ausstellungsraum.
Gelockt
Nahaufnahme einer filigranen, aus Draht und Metallteilen aufgebauten Arbeit von Nadia Kaabi-Linke.
Fragmentiert
Pravdoliub Ivanovs Teppich löst sich an der Wand in einzelne Fragmente auf.
Belegt
Der Teppichläufer von Nevin Aladağ folgt der gekrümmten Wand des Ausstellungsraums.
Ausstellungsarchiv: Magie und Macht
Die 2016 gezeigte Ausstellung „Magie und Macht – Von fliegenden Teppichen und Drohnen“ widmete sich dem Traum des Menschen vom Fliegen. Sie untersuchte, wie sich Sehnsucht, technische Möglichkeiten und politische Kontrolle miteinander verbinden – und wie aus dem Traum ein Albtraum werden kann. Ein langes, in den Raum aufsteigendes Zeremonienband von Nevin Aladağ und ein zerfaserter Teppich von Pravdoliub Ivanov trafen auf Arbeiten über Drohnen und Überwachungssysteme. Videos, Fotografien, Skulpturen und Installationen verwandelten die alte Flugsehnsucht in eine gesellschaftspolitische Erzählung. Die Ausstellung war bis zum 5. Juni 2016 im Marta Herford zu sehen.
Aktualisierung 2026: Frank Gehry und die Cool School
Mit „Mindset Los Angeles – Frank Gehry und die Cool School“ richtet das Marta Herford den Blick erneut auf seinen Architekten. Die Ausstellung untersucht Gehrys Verbindungen zur Kunstszene der amerikanischen Westküste und zeigt rund 150 Arbeiten sowie frühe Zeichnungen und Modelle. Sie ist vom 27. Juni 2026 bis zum 10. Januar 2027 zu sehen.
Marta Herford – Museum für Kunst, Architektur, Design
Architektur: Frank Owen Gehry. Bauzeit: 1998–2005. Eröffnung: 7. Mai 2005. Integrierter Bestand: ehemalige Textilfabrik der Firma Ahlers, Walter Lippold, 1959.
Adresse: Goebenstraße 2–10, D-32052 Herford.