"Städte für Menschen" von Jan Gehl – Der Menschenfreund
Buchwelten:
Diese Besprechung erschien am 4. Juli 2016. Buchdaten und Faktenboxen wurden im Oktober 2026 aktualisiert; einzelne Text- und Bildangaben wurden korrigiert.
Wie das geht, untersucht Jan Gehl seit 50 Jahren. Gerade wurde er im dänischen Pavillion der 15. Architekturbiennale in Venedig geehrt. Passt gut! Zumal der künstlerische Leiter der einflussreichen Architekturschau, der chilenische Architekt Alejandro Aravena, die diesjährigen Teilnehmerländer dazu aufgerufen hatte, von den ökonomischen und sozialen Herausforderungen ihrer Städte zu berichten. "Reporting from the Front", so der kämpferische Titel.
Gehls erstes Buch „Leben zwischen Häusern“ erschien 1971. 2010 folgte „Cities for People“; Jovis veröffentlichte 2015 die deutsche Ausgabe „Städte für Menschen“. Darin bündelt Gehl seine Untersuchungen zum öffentlichen Raum und erläutert, wie sich Straßen, Plätze und Quartiere am menschlichen Maßstab orientieren können.
Städte für Menschen
Jan Gehl betrachtet Straßen, Plätze und Quartiere aus der Perspektive der Menschen, die sie nutzen.
Städte für Menschen
Fotos, Grafiken und Beispiele erläutern seine Planungsprinzipien für lebendige, sichere, nachhaltige und gesunde Städte.
»Zuerst gestalten wir die Städte, dann prägen diese uns.«
Jan Gehl
Gehl seziert selbst Megacities kleinmaßstäblich und detalliert, um die jeweils passenden Behandlungen zu finden. Dabei spielen Raum und Gestaltung eine ebenso gewichtige Rolle, wie demoskopische Entwicklungen, sich wandelnde Lebensstile und kulturelle Besonderheiten. Um eine menschengerechte Stadt gestalten zu können, muss der Planer seinen bequemen Platz im Auto und am Computer verlassen, so Gehl. Er muss die Perspektive und das Tempo eines Radfahrers oder Fußgängers einnehmen. Stadt muss in erster Linie sicher sein und Raum bieten für Begegnungen und Bewegungen nach menschlichem Maß. Er zeigt, dass sich Stadt schon mit wenigen Mitteln menschenfreundlicher gestalten lässt. Was bisher häufig abstrakt blieb, beschreibt und erklärt Gehl in einfacher Sprache, unmissverständlich und ohne zu akademisieren. Er versucht Antworten zu geben auf die komplexe Grammatik der Stadt. "Städte lassen sich – wie Bücher – lesen, und Jan Gehl versteht eindeutig ihre Sprache", schreibt der britische Architekt Richard Rogers anerkennend im Vorwort des Buches.
Der Band ist in sieben Kapitel unterteilt. Anhand von bebilderten Beispielen, Grafiken und Fakten werden Kernthesen veranschaulicht und Lösungsvorschläge gegeben. Die klingen häufig etwas simpel. Sind sie auch. Menschen zieht es eben dort hin, wo etwas passiert. Repetitiv verweist Gehl auf den menschlichen Maßstab und wird gerade dadurch sehr deutlich. Nüchtern beschreibt er die positiven und negativen Auswirkungen von Architektur und Stadtplanung. Das ist auch die große Stärke des Buches. Manchmal bedarf es eben klarer Aussagen und nur kleiner Interventionen, um die Stadt lebenswerter zu machen.
»Vor allem aber verliert nicht den Wunsch zu laufen. Jeden Tag laufe ich mich selbst in einen Zustand des Wohlbefindens hinein und laufe jeder Krankheit davon. Ich habe mich selbst in meine Gedanken hineingelaufen und kenne keinen Gedanken, der so schwer ist, dass ich ihm nicht davonlaufen könnte.
«Søren Aabye Kierkegaard, dänischer Philosoph (1813–1855)
Die Architektur und Stadtplanung scheinen sich längst von der monofunktionalen, autogerechten Stadt verabschiedet zu haben. Bottom-Up, Soziale Stadt, Arrival City und Smart City sind Schlagworte der heutigen Debatten. Es wird allgemein akzeptiert, dass der Mensch bei der Planung und Sanierung gesunder und nachhaltiger Städte im Mittelpunkt stehen muss. Aber trotz aller Erkenntnisse wuchern und schrumpfen vielerorts Metropolen weiterhin in eine menschenfeindliche Zukunft. So wirkt das Buch etwas gestrig und dennoch revolutionär, aber sicher wie eine Anleitung zum Glücklichwerden.
Das menschliche Maß
Der Ausbau von Radfahrwegen sorgte in Manhattans 9th Avenue in nur zwei Jahren für eine Verdoppelung des Verkehrsaufkommens von Fahrrädern.
Das menschliche Maß
Seit die New Road in Brighton zu einer Fußgängerzone umgebaut wurde, hat sich der Fußgängerverkehr um 62 % erhöht.
Das menschliche Maß
2009 wurden Broadway-Abschnitte am Times Square und Herald Square zunächst versuchsweise für den motorisierten Verkehr gesperrt. 2010 entschied die Stadt, die neuen Fußgängerflächen dauerhaft beizubehalten.
Lebendige, sichere, nachhaltige und gesunde Stadt
Sanfte Übergangsräume geben den Bewohnern die Möglichkeit, ihre Wohnungen und Vorgärten individuell zu gestalten.
Die Stadt auf Augenhöhe
Die kombinierte Nutzung von Rad, öffentlichen Verkehrsmitteln und Taxis erleichtert das Pendeln in der Stadt.
Werkzeuge
Straßen, in denen Fußgänger "Vorfahrt" haben, sind beliebter und können für unterschiedliche Aktivitäten genutzt werden.
Jan Gehl
trägt immer eine Digitalkamera in der Hosentasche, um besonders gelungene und äußerst dumme Lösungen festzuhalten.
Cover
des im Berliner Verlag Jovis erschienenen deutschen Ausgabe des Buches
"The Human Scale"
Spätestens mit dem Dokumentarfilm von 2012 ist der Menschenfreund Jan Gehl auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.
The Human Scale – Trailer zum Film von Andreas Dalsgaard
Weiterlesen auf THE LINK: Im Interview von 2016 erläutert David Sim die Verbindung von Dichte, Vielfalt und räumlicher Nähe. Unsere Reportage von der Rising Architecture Week 2017 in Aarhus dokumentiert Jan Gehls Positionen zur menschengerechten Stadt und seine Kritik an der Verdrängung durch steigende Wohnpreise.
Buchdaten
Jan Gehl: Städte für Menschen. Deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei Jovis erschienen. Übersetzung von Annette Wiethüchter. Hardcover, 17 × 24 cm, 304 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen. ISBN 978-3-86859-356-3. Auch als E-Book erhältlich.
Jan Gehl
Jan Gehl, geboren 1936, ist ein dänischer Architekt und Stadtforscher. Seine Arbeit untersucht, wie öffentlicher Raum das Gehen, Radfahren, Verweilen und Begegnen ermöglicht. Zu seinen Büchern gehören „Leben zwischen Häusern“ und „Städte für Menschen“. Gemeinsam mit Helle Søholt gründete er 2000 Gehl Architects in Kopenhagen; 2016 zog er sich aus dem Unternehmen zurück.
Gehl
Gehl ist ein Büro für Stadtforschung, Stadtgestaltung und strategische Stadtplanung. Helle Søholt und Jan Gehl gründeten es 2000 in Kopenhagen als Gehl Architects. Beobachtungen, Zählungen und Befragungen zum öffentlichen Leben bilden die Grundlage seiner Arbeit an Straßen, Plätzen und Quartieren. Das Büro unterhält Standorte in Kopenhagen, New York und San Francisco.