Geschichtspark ehemaliges Zellengefängnis Moabit – Im Lichteck springen

»Gartenstile sind daher für uns von nach geordneter Bedeutung. Unsere Ziele lassen sich in jedem Stil verwirklichen. Zeitgeist ist kein Qualitätsmerkmal, aber auch keine Einschränkung qualitätsvoller Planung.«
glaßer und dagenbach, Garten- und Landschaftsarchitekten
Es rauscht. Auf der mehrspurigen Invalidenstraße. Auf der Heidestraße, die hier auch die Bundesstraße 96 ist. Auf den zahlreichen Schienen im Hauptbahnhof sowieso – wobei der als Turmbahnhof von Meinhard von Gerkan konzipierte Glasbau wie eine Barriere und Abgrenzung zum südlich gelegenen Regierungsviertel zum Entwicklungsgebiet Heidestraße bzw. zur Europacity wirkt. Hier das offiziell Ordentliche mit Kanzleramt und Reichstag, dort im nordöstlichen Teil das Berliner Brachland inmitten der Innenstadt. Nordwestlich jedoch und direkt vor dem Hauptbahnhof befindet sich mit dem Geschichtspark ehemaliges Zellengefängnis Moabit eine Oase, die typisch für Berlins scharfkantiges Nebeneinander ist. Während nebenan groß und tief gebaggert und gebaut wird, steht der Park wie ein monochromer Monolith für einen Aspekt der vielfältigen Geschichte Berlins. Wer hier eintritt, bemerkt: hier ist rauschfreier Raum. Kein Lärm, kein Verkehrsgetöse, die pure Konzentration und Kontemplation, an einem Ort der Freiheitsstrafe. Bürgerpark trifft Geschichtsplatz.
»Die Parkanlage ist thematisch, stadträumlich, bau- und ereignisgeschichtlich einmalig in der Berliner Stadtlandschaft. Die Aufgabe, sowohl einen Gedenkort, als auch einen nutzbaren Park für die Bevölkerung zu schaffen, ist beispielgebend umgesetzt worden.«
Landschaftsarchitektur heute

Geschichtspark ehemaliges Zellengefängnis Moabit
Alt und neu vereint: der Blick auf den Total-Turm Berlin (von Barkow Leibinger) von einer rekonstruierten, begehbaren Zelle in Originalgröße mit einer Klanginstallation von Christiane Keppler.

Geschichtsträchtig
Auf dem Gelände des ehemaligen Zellengefängnisses Moabit entstand eine Parkanlage, die Gedenkort und Park für die Anwohner zugleich ist. Grundlage der Gestaltung war die Geschichte des Ortes seit dem Bau des Zellengefängnisses vor über 150 Jahren. Das Foto zeigt das Panoptikum, die würfelförmige Betonskulptur im Zentrum des Parks.

Symmetrie, Struktur, Strenge
Der symmetrische Grundriss des Gefängnisbaus zeichnet sich als landschaftliche Form in der Oberfläche des Parks eindeutig und subtil zugleich ab. Der Besucher kann auf diese Weise die Größe, Struktur und Strenge der Anlage nachvollziehen und sich erlaufen. Im Bild und in Originalgröße: ein ehemaliger Spazierhof für den Hofgang eines Gefangenen.

Verletzungen
Die Oberfläche des Betons wurde nachträglich sandgestrahlt und damit explizit beschädigt. Dadurch wird klar, dass es ein Ort der Verletzungen und Verletzten geht.

Nachbildung
Die Zellenflügel sind mit ansteigenden und abfallenden Rasenflächen nachgebildet.

Markierungen
Die sternförmige Gefängnisanlage wird mit Ortbeton-Erhebungen und –Abdrücken markiert.

Fragmente
Überall auf dem Gelände sind Relikte der früheren Nutzungen zu entdecken.

Tageslicht als Dramaturg
Im September 2007 erhielt das Projekt den 1. Preis des "daylight spaces award 2007 - international architecture and design competition" aufgrund der besonderen Nutzung des Tageslichtes als dramaturgisches Gestaltungsmittel in Verbindung mit dem Thema des Parkes. Hinzu kam der zweite Preis des "Made in Germany - Best of Contemporary architecture."

Auszeichnung
In Zusammenarbeit mit Anwohnern, vor allem auch mit Kindern und Jugendlichen, konnte eine Parkanlage entstehen, die mit dem Deutschen Landschaftsarchitekturpreis 2007 ausgezeichnet wurde.

Inszenierung
"Die Inszenierung von Gärten und Parks schafft Bühnenbilder in denen die Nutzer ihr eigenes Theaterstück spielen", so die Landschaftsarchitekten glaßer und dagenbach

Geschichtspark ehemaliges Zellengefängnis Moabit
Übersichtsplan

"Im Dreieck springen"
König Friedrich III. bewilligte 1842 den Bau eines preußischen Mustergefängnisses. Kriminalität war eine Krankheit, so jedenfalls die gängige Auffassung damals. Die Gefangenen sollten durch totale Isolation "geheilt" werden. Für den Hofgang hatten sie einen 10 Quadratmeter kleinen dreiecksförmigen und mit hohen Mauern umgebenen Raum, die Spazierkäfige. Aus ihrer Form leitet sich die Redensart "im Dreieck springen" ab.
»Wir verstehen uns als Werkzeug, um den bewussten und unbewussten Vorstellungen der Kunden und der Nutzer Gestalt und Ausdruck zu geben. Es bedarf starker und klarer Konzeptionen, um gestalteten Freiräumen nachhaltig Spannung, Ausdruck und Bedeutung zu geben. Unser Ziel ist die Schaffung von Gärten und Parks die auf emotionale Weise berühren und dennoch eine nachhaltige, zeitlose Klarheit behalten.«
glaßer und dagenbach, Garten- und Landschaftsarchitekten
Geschichtspark ehemaliges Zellengefängnis Moabit
Planung durch glaßer und dagenbach. Fertigstellung: 2006. Größe: 28.000 Quadratmeter, Bausumme: 3,1 Mio. Euro. Auftraggeber / Bauherr: Bezirksamt Mitte von Berlin und Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin. Adresse: Invalidenstraße 55, 10557 Berlin