Weltspiegel, IKMZ, dkw Kunstmuseum, Staatstheater – Werke im Wunderland
Auf Reisen / Reportage:Außergewöhnliche Stararchitektur in der Niederlausitz? Eines der ältesten Kinos Deutschlands mit einer preisgekrönten, stilvollen Modernisierung und Erweiterung? Das einzige staatliche Theater in Brandenburg und zugleich stolzes Zeichen für Bürgerengagement? Bei meiner Tour erlebe ich all das und ein von der Ostmoderne wie von fein restaurierten Bürgerhäusern und barocken Giebelfassaden geprägtes Stadtbild mit Architekturen von dem weltweit gefeierten Büro Herzog & de Meuron, dem eklektizistischen Bernhard Sehring und dem Kraftwerksbaumeister Werner Issel. Die Wandlung des Issel-Baus dkw. Kunstmuseum Dieselkraftwerk durch das Büro Anderhalten hin zu einem modernen Museum zeigt, das alte Schmuckstücke gekonnt ins 21. Jahrhundert getragen werden können. Die Architektur-Ziele sind in der 100.000-Einwohnerstadt im Zentrum und da der Cottbusser Stadtkern kompakt ist, können alle Punkte gut zu Fuß erreicht werden.
Der Weltspiegel
„Klein, fein und ist nicht nur gefühlt schon immer da gewesen ... Kindheitserinnerungen stecken auch von mir da drin! Das schönste Kino nicht nur in Cottbus, weit über die Stadtgrenzen hinaus findet sich kein vergleichbares.“
So kommentieren begeisterte Kinobesucher auf der Facebook-Seite des Weltspiegels das altehrwürdige „Kinematographentheater“. Als Filmfan fängt meine architektonische Tour mit einem Kleinod der Kinogeschichte an. Denn der gebürtige Cottbuser Architekt Paul Thiel entwarf 1910 ein eklektizistisches Lichtspielhaus, das Jugendstilelemente mit luxuriöser Ausstattung verband. Am 4. Oktober 1911 eröffnete der Weltspiegel mit fast 800 Plätzen, wenige Monate nachdem Thiel verstorben war. Nur das Moviemento (Inbetriebnahme: 1907) in Berlin-Kreuzberg und das 1908 eröffnete Burg Theater in Magdeburg sind in Deutschland älter. Der vielfach umgebaute Weltspiegel war mehrere Jahre eine Spielstätte des Osteuropäischen Filmfestivals und wurde 2009 bis 2012 aufwendig restauriert. Aus jener Zeit stammen der moderne Anbau mit zwei Kinosälen und einer Filmbar. Ralf Zarnoch hatte das Haus erworben und wusste nicht worauf er sich eingelassen hatte, so der gelernte Landschaftsgärtner und Außenhandelskaufmann bei unserem Gang durch das Kino. Er habe mehrere Architekten verschlissen, „bevor ich mit Alexander Fehre den richtigen für den Umbau hatte.“
Der Stuttgarter Innenarchitekt Alexander Fehre konzipierte das ehemalige Einsaalkino neu und gestaltete es wie aus einem Guss mit genauem Auge fürs Detail. Die Zusammenführung von Historie und Moderne gelang mit einer Mischung aus klaren Linien, dem pointierten Einsatz von Technik und Verweisen auf die Kinogeschichte ohne dabei in plumpe Nostalgie zu verfallen. Der historische Saal wurde durch eine einfahrbare Podestierung auch für Veranstaltungen nutzbar gemacht und gilt mit seiner goldenen, denkmalgeschützten Kassettendecke als wortwörtliches Highlight des Gebäudes.
Beim Gang durch das Haus arbeiten wir uns von Etage zu Etage bis wir schließlich auf der Dachterrasse mit dem großartigen Stadtpanorama stehen. Natürlich war der Umbau damals mühevoll, so Zarnoch. Auch der Kinobetrieb und die damit verbundenen Auflagen seien nicht einfach. Trotzdem merkt man dem gebürtigen Cottbusser die enthusiastische Verbundenheit mit dem Haus an, schließlich „habe ich hier meine Jugendweihe gefeiert.“
Die Verbindung aus Geschichtsbewusstsein, Ästhetik und feinem Gestaltungswillen führte 2017 zum Iconic Award. Mit dem Preis werden herausragende Bauprojekte gewürdigt. Das Studio Alexander Fehre erhielt den renommierten Preis in der Kategorie Inneneinrichtung.
Nach der Dachterrasse sind wir bei unserem Rundgang in der ebenfalls von Fehre gestalteten Kinobar mit dem L-förmigen Tresen angekommen, der mit seiner Form Barbetrieb und Kartenverkauf vereint. Die abgehängte Decke mit den schwungvollen LED-Linien bildet den Kontrast zur Fassade, die in konvexem Bogen dem Verlauf der Grundstücksgrenze folgt. Die strahlend weiße Putzfassade mit dem goldenen Weltspiegel-Schriftzug ist zwar mit Putten, Bändern und Konsolen verziert, doch insgesamt strahlt es eine zurückhaltende Eleganz aus, die auch die Innengestaltung des Kinos auszeichnet. Wahrscheinlich ist es genau diese Kombination, die viele Kinogänger dazu bringt, begeistert in den sozialen Medien zu kommentieren.
Informations-, Kommunikations- und Medienzentrum Cottbus (IKMZ)
„Je nach Winkel und Perspektive sieht das Gebäude anders aus und behält doch seine fließende Form. Das Design leitet sich vom Wunsch ab dem Ort eine neue und unverwechselbare Qualität im städtischen Kontext zu verleihen“, so erklären Herzog & de Meuron den Bibliotheksbau der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (btu). Dieser ist eine Viertelstunde Fußweg vom Weltspiegel entfernt und will sich zunächst nicht in das Stadtbild einfügen. Die gekurvte Form, die Inszenierung des Baus auf einer Anhöhe und der große Abstand zu den Nachbargebäuden machen die 32 Meter hohe und 12.000 Quadratmeter große Bibliothek zum Solitär, der in der Tat mit Perspektiven und Blickwinkeln spielt. So wie vom renommierten Architekturbüro aus Basel, Schweiz geplant. Ich empfehle mindestens einmal die Stahlbetonkonstruktion mit der Glasfassade zu umrunden. Mal erscheint sie luftig-transparent, dann wieder wie eine begehbare Skulptur, je nach Tageszeit, Lichtverhältnissen und Witterung. Im Foyer gibt es einen Kontrast, den man wegen des ätherischen Äußeren nicht vermutet hätte. Die ausladende Wendeltreppe mit einem Durchmesser von sechs Metern verbindet alle Stockwerke und durchschneidet die Gebäudestruktur wie eine Alice im Wunderland-Konstruktion: farbig, schwungvoll, schräg. Die Architekten beschreiben sie als „freistehendes, skulpturales Objekt, das Orientierung und Platz sowohl für die Eiligen wie diejenigen bietet, die mit anderen plaudern wollen.“
Das Bunte der Wunderland-Treppe haben die Planer als Farbleitsystem in den Lesesälen und im gesamten Gebäude aufgenommen, so konsequent, dass sie selbst sagen:
„Das hat alles beinah einen psychedelischen Effekt.“
Insofern sind sich der Bibliotheksbau und der Weltspiegel ähnlich: ein Äußeres mit Ebenmaß trifft auf eine kontrastierende Innengestaltung mit einer eigenen Form- und Farbsprache.
Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst
Für den nächsten Teil meiner architektonischen Erkundungen fange ich mit der Mühleninsel in einem besonders malerischen Teil der Stadt an. 1898 entstand an dieser Stelle mit dem Goethepark die erste Cottbuser Parkanlage. Der Amtsteich ist älter und wurde um 1600 angelegt. Zwischen Spree, Amtsteich und Mühlgraben steht hier ein rotgelbbraun-verklinkertes, expressiv anmutendes Gebäude: das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst. Im Sommer 2017 fusionierten das dkw.Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus mit dem Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder). Zusammen hat man nun einen Sammlungsbestand von mehr als 40.000 Kunstwerken. Im Fokus stehen Kunst aus der DDR und bedeutende Werke internationaler Künstler mit etwa 20 Wechselausstellungen im Jahr.
Der 1928 fertiggestellte Bau wurde vom Norddeutschen Werner Issel (1884–1974) entworfen. Er zählt zu den bedeutendsten Architekten des Industriebaus im 20. Jahrhundert und hat zahlreiche Industriegebäude und etwa 80 Kraftwerke geplant und realisiert. Die Kraftwerksarchitektur von Issel hat das Berliner Büro Anderhalten Architekten zu einem modernen Haus umgebaut, das internationalen Standards entspricht und vielfach ausgezeichnet wurde. Ein Großteil der Projekte des 1993 gegründeten Büros haben sie im denkmalgeschützten Umfeld umgesetzt, was man dem Dieselkraftwerk im Goethepark auch ansieht.
Besucher betreten das Haus durch die neue transparente Eingangshalle, die einen sichtbaren Kontrast zum massiven Mauerwerk darstellt. Dieser gläserne Innenhof ist die zentrale Kreuzung der Anlage. Von hier geht es in Richtung Kasse, Museumsladen, Vortragsräume, Bistro und Büros. Die markante Treppe gegenüber des Eingangs führt zu den oberen Ausstellungsebenen. Während Herzog & de Meuron bei ihrer Bibliothek auf starke Außen- und Innenraumkontraste setzten, bewahrten Anderhalten die Zurückhaltung und Großzügigkeit der Räume, indem sie frei eingestellte, geschlossene Kuben einbauten. Besonders schön: das erhaltene, historische Dekor. Kein Wunder also, dass das Haus eine von zehn Stationen der Energie-Route der Lausitzer Industriekultur ist.
Staatstheater Cottbus, Großes Haus
Altmarkt
Wenn das Anderhalten-Issel-Kunstmuseum ein Leuchtturm der Kraftwerksarchitektur und damit wichtiger Teil der Baugeschichte von Cottbus ist, dann stellt das Staatstheater Cottbus Bürgerstolz, Repräsentation und das Rampenlicht dieser Stadt dar, vor allem das Große Haus am Schillerplatz. Während Issel bei dem etwa einen Kilometer entfernten Kraftwerk auf Harmonie mit dem Landschaftsraum setzte, realisierte der Architekt Bernhard Sehring auf Initiative der zu Wohlstand gekommenen Cottbuser einen monumentalen Prachtbau, der sowohl außen als auch in der Innengestaltung exzentrisch und eklektizistisch wirkt. In gebührendem Abstand von Bürgerhäusern und restaurierten Bauten umrahmt und je nach Standort scheint das Gebäude in seinen Dimensionen schwer fassbar, was auch an seiner Mehrteiligkeit liegt. Denn der 1908 eingeweihte Bau war zu klein geraten, so dass man Platz rund um die Bühne schuf. Kurze Zeit später war der querliegende Riegel fertiggestellt und wurde 1986 aufgestockt. Sehrings Bau wird oft dem Jugendstil zugeordnet.
„Das stimmt nur zum Teil“, so die Theaterpädagogin Elke Drecko bei der Führung durch das Haus, wo sie immer wieder auf Elemente des Barock und antikisierende Details hinweist. Die großen Linien außen wie auch in der Innengestaltung sind im Jugendstil gehalten, modern und verspielt zugleich. Dann tauchen steinerne Löwen, Widder, Panther und Musen im Haus und an der Fassade auf und es wird deutlich was der Autor Carsten Jung in seinem Buch „Historische Theater in Deutschland, Österreich und der Schweiz“ meint: „Sehring war kein Jugendstil-Architekt. Sein Prinzip war es, Stile verschiedener Zeiten in einem Gebäude aufeinandertreffen zu lassen, und dazu konnte auch der Jugendstil gehören.“ Gleichzeitig konstatiert der Autor, dass der Stilkontrast dezent ausfalle.
Elke Drecko zeigt mir dann noch einen der opulentesten Räume des Theaters. Über das Kuppelfoyer mit seiner „beeindruckenden Lichtarchitektur“, so Drecko, kann man nur schwärmen. Stimmt! Und der Zuschauerraum? Atmet üppige Festlichkeit und zeigt Prunk und barocke Putti in einer tempelartigen Theaterarchitektur, das nichts Geringeres ist als eine Ehrerbietung an Drama und Donner, Oper und Operette, Musical und Ballett.
Die stilverbindende Sehring-Herrlichkeit scheint stellvertretend für die besondere Cottbuser Architektursprache zu stehen. Hinzu kommt noch der Mut für die Symbiose von historischen und neuen Formen. Weniger Zeitgenössisches, dafür mehr Geschichte gibt es am Altmarkt in unmittelbarer Nähe zum Staatstheater. Für eine Kaffeepause am Ende meiner Tour gehe ich ins „Coffeelatte“ am Altmarkt 13/13a mit Kuchen und Panini aus eigener Produktion und gutem Baristahandwerk. Der Altmarkt mit den barocken Bürgerhäusern, der 400 Jahre alten Löwenapotheke und dem achteckigen Brunnen mitten auf dem Platz wirkt wie die kleine, feine Stube der Stadt. Für die nächste Erkundung nehme ich mir vor, diese und weitere baukulturelle Besonderheiten vorzunehmen. Wenn eine Stadt schon psychedelische Wendeltreppen und preisgekrönte Prachtbauten bietet, hat sie mit Sicherheit noch weitere Baukunst-Überraschungen parat.
Cottbus
Zentrum der Lausitz im Süden Brandenburgs mit 100.000 Einwohnern und nach der Landeshauptstadt Potsdam die zweitgrößte Stadt des Bundeslandes Brandenburg. In der Universitäts- und Forschungsstadt leben rund 8.000 Studierende. Erste urkundliche Erwähnung: 1156 n. Chr. Stadtrechte erhielt Cottbus im 13. Jahrhundert. Der Name Cottbus hat seinen Ursprung im Wendischen. Der Ortsname entstand entweder aus „kopsebus“, was „zur Überfahrtstelle am Fluss" bedeutet, oder aus einem slawischen Personennamen „Chotibud". Noch heute weisen die zweisprachigen Straßenschilder darauf hin, dass Cottbus mit seiner sorbisch-wendischen Minderheit die größte zweisprachige Stadt Deutschlands ist. Das Stadtbild im Zentrum wird durch Sakralbauten und eine Mischung aus restaurierten Bürger- und Handelshäusern rund um den Altmarkt, die Ostmoderne mit diversen Plattenbauarealen, aber auch Industriearchitektur und den Jugendstil geprägt. Der bedeutendste Park in Cottbus ist der Branitzer Park und wurde 1845 von Hermann von Pückler-Muskau angelegt. Fürst Pückler war neben Peter Joseph Lenné und Friedrich Ludwig Sckell einer der bekanntesten deutschen Gartengestalter des 19. Jahrhunderts. Die Stadt setzt wirtschaftlich und kulturell auf die Nähe zum Osten Europas. Ein Beispiel ist das jährlich im November stattfindende Filmfestival Cottbus, das die filmkünstlerische Arbeit Osteuropas beleuchtet.
Kino Weltspiegel
Rudolf-Breitscheid-Str. 78, 03046 Cottbus. Tel.: 0355–4949497
Informations-, Kommunikations- und Medienzentrum Cottbus (IKMZ)
Platz der Deutschen Einheit 2, 03044 Cottbus
Staatstheater Cottbus
Großes Haus, Schillerplatz 1, 03046 Cottbus. Tel.: 0355–7824210
Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst
Früher: dkw Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, Uferstraße / Am Amtsteich 15, 03046 Cottbus. Öffnungszeiten: Di–So 10–18 Uhr. Tel.: 0355–4949 4040