Leuphana Zentralgebäude – Geometrien gegen Gleichförmigkeit
Reportage:
»Die Welt ändert sich allerdings permanent, und diese Veränderung der Welt, diesen Aspekt muss man mit in die Arbeit aufnehmen. Man darf beim Bauen kein Märchen erzählen. Man muss die Welt widerspiegeln, wie sie ist, und die Realität der Welt ist nun einmal radikal. Und das Gebäude muss diese Wahrheit widerspiegeln.«
Daniel Libeskind, Architekt, im Deutschlandfunk Kultur am 27.4.2012

Herausragend
Im Süden Lüneburgs, weit außerhalb der malerischen Altstadt, stellt sich das neue Zentralgebäude der Leuphana quer zur Achse der in Reih und Glied angetretenen Bauten der ehemaligen Scharnhorst-Kaserne.

Kühner Schwung
Der frei schwebende Giebel über dem Entree nimmt kleinere Seminarräume auf. Ganz oben in der Spitze wartet ein Raum der Stille.

Offen für alle
In der Universitätsallee am östlichen Rand des Campus, gegenüber einem von der Ilmenau durchflossenen Forst, öffnet sich der Haupteingang zum Foyer.

Rot, weiß, grau, braun
Wie hier im Foyer mit Blick zum Haupteingang ziehen sich vier Farben durch das gesamte Gebäude. Rot und weiß für Trennwände und Decken, grau für die tragenden Betonteile und braun für das Stabparkett im Erdgeschoss, dazu der dunkle Estrich für die Fußböden der oberen Stockwerke.

Raumkontinuum
Das weitläufige Foyer, das sich gegenüber dem Haupteingang zum Campus öffnet, erschließt Räume in den verschiedenen Baukörpern: das Libeskind-Auditorium, das Forum hinter der schrägen Stützmauer im Sockelgeschoss des siebenstöckigen Forschungszentrums und die Cafeteria. Sie lassen sich für bis zu 2.500 Besucher nutzen, ob für den Lehrbetrieb und Tagungen oder für Feste und Konzerte.

Vor dem Audimax
Lichthöfe mit einer Höhe bis zu 17 Metern füllen das Foyer mit Tageslicht. Durch die rote Pforte lässt es sich mit dem Libeskind-Auditorium verbinden.

Wandelkonzert
Ob auf der Treppe zum Audimax, auf der Empore oder vor der roten Pforte, der A-Capella-Gesang des Kammerchors St. Michaelis Lüneburg klingt immer gut. Wandelbar müssen an diesem Abend auch die Besucher sein, denn mehr Musik wartet auf sie in weiteren Räumen.

Bei Bedarf abschließbar
Riesige Schiebetüren in der mächtigen, spektakulär geneigten Wand zwischen Foyer und Forum schaffen einen offenen oder geschlossenen Raum.

Kulturraum
Zum Campus hin ausgerichtet hat die großzügige Cafeteria mitunter mehr zu bieten als Speisen und Getränke.

Schauseite zum Campus
Nähert man sich dem Libeskind-Bau vom Unigelände im Westen rahmen die spitzwinkligen Flügelbauten mit dem Foyer zur Linken und der Cafeteria zur Rechten den massiven Block des Zentrums für Forschung und Studium, das bis zu 37 Meter empor ragt.

Kulturelle Konkurrenz
Die Vamos-Kulturhalle in einem industriellen Zweckbau bietet den Studenten Platz für Parties. Im sanft gebogenen Libeskind-Auditorium dahinter liegt die Messlatte etwas höher.

Vielfalt der Funktionen
Lüneburg nutzt das Libeskind-Auditorium als Stadthalle, der Uni dient es als Audimax, für Events und Konzerte wird es vermietet. Schallsegel unter der Decke und die hinterleuchteten Aussparungen in den Wänden sorgen für eine vorzügliche Akustik.

Wandelhalle
Die 1.200 Sitze lassen sich an die Wand fahren und seitlich verschieben, um das Auditorium mit einer großen Pforte zum Foyer zu öffnen.

Farbenzauber
Die LED-Lichtlinien der Akustikbänder in den Wänden des Auditoriums können das gesamte Farbenspektrum durchspielen, um die zum Anlass passende Stimmung zu erzeugen.

Raum der Stille
Finanziert haben diesen Begegnungsort der Weltreligionen in der Spitze über dem Foyer die evangelische Landeskirche Hannover, das katholische Bistum Hildesheim und die jüdischen Gemeinden in Niedersachsen. Für Ruhe und Kontemplation steht der bis zu neun Meter hohe Raum mit dem medidativen Wandmuster jedem Besucher offen.
Symbolträchtiger hätte der Bau kaum ausfallen können. Spitzwinklig, mit schrägen Wänden und asymmetrischen Fensterflächen in den glänzenden Fassaden aus Titanblech stellt sich das neue Zentralgebäude der Leuphana am östlichen Rand des Campus quer zu den Backsteinblocks der ehemaligen Scharnhorst-Kaserne, die der Universität in Lüneburg seit 1994 als Unterkunft dienen. Einen besseren Kontrast als die Altbauten von 1935 hätte Daniel Libeskind sich für sein provokantes Gebäude nicht wünschen können. Drei Jahre bevor er seinen ersten Entwurf skizzierte, klagte er in seiner Autobiografie "Breaking Ground" von 2004 über ... :
»Die Tyrannei des Rasters! Ständig kämpfe ich dagegen an: Gebäude, die wie ein Schachbrett entworfen sind, mit sich wiederholenden Baukörpern, die alle in die gleiche Richtung marschieren. Aber im Leben geht es nicht um marschierende Raster.«
Daniel Libeskind
Der Protest war zu erwarten. Schon vor der Grundsteinlegung am 8. Mai 2011, dem bewusst gewählten Jahrestag der deutschen Kapitulation, gab es reichlich Kritik. Vor allem die Grünen und Linken im niedersächsischen Landtag sowie der ASta der Uni Lüneburg nannten die geplanten 58 Millionen Euro für das Projekt eine Fehlinvestition. Prunkbau oder Denkmal der Extravaganz waren noch die milderen Spottwörter, die öffentliche Häme nahm vor allem nach den Verzögerungen im Bau und dem Anwachsen der Kosten auf über 100 Millionen deutlich zu. Im März 2017 mit drei Jahren Verspätung eröffnet, nimmt der Bau mit dem Wintersemester den Betrieb auf. Nun muss sich zeigen, wie er sich im Alltag bewährt.
Der Anspruch ist hoch. Die Leuphana hat für ihre 9.000 Studenten ein besonderes Studienmodell mit interdisziplinärem Profil ersonnen. In ihren vier Fakultäten für Bildung, Kultur, Wirtschaft und Nachhaltigkeit setzt sie stark auf sozioökonomische Verantwortung und die Verzahnung von Wissenschaft und Praxis. Ästhetisch herausfordernd und ökologisch bedachtsam, mit einer Vielzahl wechselnder Perspektiven und offen für Begegnungen, soll die Architektur des Zentralgebäudes die Neugier auf Wissen und die Lust am Austausch stärken helfen.
Zur ersten Orientierung empfiehlt es sich, das komplexe Gebilde zu umwandern. Meter um Meter verschieben sich die vier Baukörper gegeneinander, verändert sich die perspektivische Tiefe, überrascht der Variantenreichtum geometrischer Formen. Nicht minder erstaunlich ist das Erleben der Räume im Innern, ihr stimulierendes Design und die Vielfalt ihrer Funktionen.

Originelle Planung
Die Skizze auf diesem Überbleibsel der Orientierung im Neubau stammt aus der Hand des Meisters. Auch der fertige Komplex verrät überall seine Handschrift. Dennoch kokettiert Libeskind gerne damit, dass seine Studierenden Entscheidendes beigetragen hätten. Für seine Entwurfsarbeit hat er auf ein Honorar verzichtet, als nebenberuflicher Professor der Leuphana von 2007 bis 2016 aber ganz gut verdient. Ähnlich kreativ zeigten sich die Chefs der Uni beim Einwerben der Mittel, vor allem nachdem sich die Baukosten auf rund hundert Millionen Euro fast verdoppelten. Beteiligt sind Bund, Land, EU, Stadt und Landkreis Lüneburg, die Stiftung der Universität, die Kirchen und einige Sponsoren wie Rheinzink, das die Titanbleche der Fassaden unentgeltlich geliefert hat.

Nachhaltigkeit
Verantwortlichkeit gegenüber der Umwelt gehört zum Bildungskanon der Leuphana. Sympathische Zeichen dafür sind der Biotopgarten, den Studenten mit Nachbarn am Nordrand des Zentralgebäudes betreiben, und die Dachflächen, die man auch zum Schutz der Haubenlerche begrünt hat. Ernsthaft gemessen wird der Neubau an dem Versprechen, das er zur energetischen Effizienz abgegeben hat.

Glanzfassaden
Vorgehängt und hinterlüftet bewirkt die Verkleidung aus Titanzink eine Eigenverschattung und passive Kühlung. Die rhomboiden Bleche werden im Lauf der Zeit zu einem weniger glänzenden Grau oxidieren.

Sparsam mit rechten Winkeln
In Türen und Fenstern findet sich das Rechteck, ansonsten meidet Libeskind dieses monotone Muster, da es für ihn komplexem Denken und vielfältigem Erleben widerspricht. "Es gibt noch 359 andere Winkel. Warum sollte man auf diesem einzigen Winkel bestehen?" schreibt er in seiner Autobiografie.

Stürzende Linien
Die Neigungsgrade der Wände verlangten Bauingenieuren und Handwerkern viel ab, um die Gebäudestatik zu sichern. So mussten die Drähte für den Stahlbeton oft von Hand geflochten werden. Die Decken der einzelnen Etagen sind zur Gewichtsersparnis mit Cobiax Hohlraumbällen aus Kunststoff befüllt. Und der freischwingende Flügel über dem Foyer weist eine besondere Konstruktion aus stählernen Fachwerkträgern auf.

Einfacher Ausgang
So verwirrend die Wege durch den Gebäudekomplex oft sind, so normal ist der Notausgang aus den sieben Geschossen des zentralen Baukörpers. Zwei dutzend Seminarräume, hundert studentische Arbeitsplätze und zahlreiche Büros für Jungforscher mit Drittmitteln hält das Forschungszentrum bereit.

Raum für Seminare
Die mit Argon gefüllten Dreischeibenfenster verdunkeln sich bei Sonneneinfall selbst. Sie sind von Hand zu öffnen, CO2-Ampeln helfen bei effizientem Lüften. Das hilft beim sorgsamen Umgang mit Energie, dem auch die Wärmerückgewinnung und Versorgung aus Niedertemperatur-Abwärme dienen.

Lichtspiele mit Spareffekt
Sensoren steuern das System der LED-Leuchten. Um Energie zu sparen, reagieren sie auf Tageslicht und auf Bewegung im Raum.

Loggia zur Stadt
Im Obergeschoss des Forschungszentrums erlaubt eine Plattform unter der von schrägen Stützen durchkreuzten Gebäudekante die freie Aussicht über den Biotopgarten bis nach Lüneburg.

Lüneburg im Blick
Rund drei Kilometer Richtung Norden sind es bis zur Altstadt, eine Distanz ohne Bedeutung für die enge Verbindung zwischen der Leuphana und Lüneburg. Mit dem Zentralgebäude von Daniel Libeskind hat die Region einen großen Schritt in die Welt getan.
»Für das neue Zentralgebäude der Leuphana habe ich mich vom Geist dieser Universität inspirieren lassen. Die Leuphana erlebe ich als einen Brutkasten für neue Ideen, Innovation, Forschung und Entdeckung. Von diesen Elementen ist auch das neue Haus durchdrungen.«
Daniel Libeskind bei der Eröffnung
Leuphana Universität Lüneburg
ist eine Stiftungsuniversität in Lüneburg in Niedersachsen. Sie wurde im Jahre 1946 als Pädagogische Hochschule Lüneburg gegründet. Sie hat heute in Lüneburg drei Standorte: Der zentrale Campus an der Scharnhorststraße wird bestimmt durch die Backsteinarchitektur der Kasernenbauten aus den späten 1930er Jahren mit rund 20 Gebäuden, modernen Hörsaal- und Bibliotheksbauten und verschieden gestalteten Gartenzonen. Auf diesem Gelände entstand in den 2010er Jahren der Zentralbau von Daniel Libeskind. Anfang 2003 wurde die Universität in eine Stiftung des öffentlichen Rechts umgewandelt. Gemäß dem Beschluss der niedersächsischen Landesregierung von 2004 fusionierte sie zum 1. Januar 2005 mit der Fachhochschule Nordostniedersachsen. Die neue Institution dient als Modelluniversität zur Umsetzung des Bologna-Prozesses. Der Name Leuphana leitet sich von einer antiken Siedlung an der Elbe her, die im Weltatlas des Geografen Ptolemäus aus dem 2. Jahrhundert erwähnt wird. Es ist strittig, ob der eingezeichnete Ort dem heutigen Lüneburg entspricht. Neuere Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass die historische Siedlung dem heutigen Hitzacker − ca. 45 km östlich von Lüneburg − entspricht (mit Material von Wikipedia).
Daniel Libeskind
Geboren am 12.5. 1946 in Łódź, Polen. US-amerikanischer Architekt und Stadtplaner polnisch-jüdischer Herkunft. Er ist bekannt für seinen multidisziplinären Ansatz und einen kritischen Diskurs in der Architektur. Zu seinen Hauptwerken gehören kulturelle Einrichtungen, wie das Jüdische Museum Berlin, das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück, das Denver Art Museum und das Imperial War Museum North in Manchester, aber auch Landschafts- und Stadtplanungen sowie Entwürfe von Ausstellungen, Bühnenbildern und Installationen. Das Studio Daniel Libeskind wurde nach dem Gewinn des Wettbewerbs zum Bau des Jüdischen Museums in Berlin von Daniel Libeskind und seiner Partnerin Nina Libeskind 1989 in Berlin gegründet. 2003 zog das Büro nach New York. Die ersten Pläne für das am 3. November 2014 eröffnete One World Trade Center in New York wurden von ihm gefertigt.