5 Fragen an … Ralf Brueck –  Auflösen

Interview:

Die Verbindung von Fotografie und Architektur.

Auflösen

Nachkriegsmoderne — Deutschland | 

» ... Konstruiertes aufzulösen, zu verändern oder zu dokumentieren.«

Ralf Brueck, Fotokünstler

1. Bitte beschreiben Sie die Philosophie und Methodik Ihrer Arbeit. Wie hat Sie das Studium bei Bernd und Hilla Becher sowie Thomas Ruff geprägt?

In Gesprächen mit Bernd Becher erwähnte er immer, wie wichtig es für mich sei, sich ein Lebensthema zu suchen, das durch intensive Auseinandersetzung und Analyse untersucht wird. Als er sah, dass meine Arbeiten sich fast ausschließlich mit der Konstruktion und Architektur von Bauwerken beschäftigte, meinte er, dass dies wohl mein zentrales Thema sei, mit dem ich mich weiter auseinander setzen sollte. Als die Becherklasse ohne Professor war, wechselte ich zu dem gerade an die Akademie gekommenen Professor Thomas Ruff und fand es einfach spannend zu jemand zu gehen, der vielleicht mit völlig neuen Ideen aufwartete. Im Gegenzug tat er das auch, denn er vermittelte mir, das eine radikale künstlerische Haltung wichtiger ist als sich nur an einem einzigen Thema abzuarbeiten. Ich glaube, dass mich beides prägte. Es hat Spuren hinterlassen. Aber wenn ich resümiere, wo ich am Anfang war und womit ich mich heute in meiner Arbeit auseinandersetze würde ich sagen, dass es ein Prozess war, der aus meiner Persönlichkeit heraus entstand und ich eher nach radikalen Ansätzen suchte.

2. "Timecapsule" ist eine Ihrer ersten Arbeiten. Die Serie behandelt protestantische und katholische Kirchenräume, die von 1920 bis 1990 in Deutschland errichtet wurden. Was hat Sie an dem Thema interessiert?

Moderne Kirchen der Nachkriegszeit mit ihren teilweise sehr abstrakten Innenräumen haben mich fasziniert. Ich wollte mehr über diese Bauwerke herausfinden indem ich ihre Innenräume fotografisch analysierte. Auf den Namen „Timecapsules“ kam ich, weil die Kirchen oft nur zu den Andachten öffnen und in der Zeit dazwischen ungenutzt bleiben. Jedoch insbesondere, da der Innenraum in dem Zustand konserviert wurde, den er bei Fertigstellung hatte. Denn die Architektur der 1950er- und 1960er-Jahre war stilistisch sehr prägend für die Kirchen. Moderne Kirchen konservieren deswegen meist exakt den Stil, der zum Zeitpunkt des Baus vorherrschte, denn prinzipiell werden Kirchen nicht dauernd den stilistischen Zeitwenden angepasst.

3. Grundsätzlich scheinen Architektur und Raum eine wichtige Rolle in Ihren Arbeiten zu spielen: wie kam es dazu und was bedeutet das für Ihre Kunst?

Das ist richtig. Linien, Strukturen, Proportionen, die Auseinandersetzung mit Konstruiertem, ob Raum oder urbanes Terrain interessieren mich einfach. Aber auch dort einzugreifen, Konstruiertes aufzulösen, zu verändern oder zu dokumentieren.

St. Anna, Ratingen, 1997

Timecapsules

St. Anna, Ratingen, 1997

Bild vergrößern (Timecapsules)(Abbildung © Ralf Brueck)
Jesus Christus Kirche, Duisburg, 1997

Timecapsules

Jesus Christus Kirche, Duisburg, 1997

Bild vergrößern (Timecapsules)(Abbildung © Ralf Brueck)
Jesus Christ Kirche, Duisburg, 1997

Timecapsules

Jesus Christ Kirche, Duisburg, 1997

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Berlin, 1996

Timecapsules

Berlin, 1996

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Thomaskirche, Düsseldorf, 1996

Timecapsules

Thomaskirche, Düsseldorf, 1996

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Düsseldorf, 1997

Timecapsules

Düsseldorf, 1997

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Tersteegenkirche, Düsseldorf, 1997

Timecapsules

Tersteegenkirche, Düsseldorf, 1997

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St. Hildegard, Köln, 1999

Timecapsules

St. Hildegard, Köln, 1999

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Duisburg, 1996

Timecapsules

Duisburg, 1996

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Krefeld, 1997

Timecapsules

Krefeld, 1997

Bild vergrößern (Timecapsules)(Abbildung © Ralf Brueck)

4. Bitte beschreiben Sie Konzept, Herangehensweise und Umsetzung Ihrer Serie "Dekonstruktion"

Die Serie heißt Dekonstruktion. Was aber erst mal nur der Titel für die Serie ist. Darin geht es in erster Linie um die Auseinandersetzung mit der Konstruktion von Gebäuden, Innenräumen oder urbanen Situationen. Ich arbeite mich da an dem Thema auf verschiedene Weise ab, indem ich Teile des Fotos so stark verändere dass sie mit der ursprünglichen Konstruktion nichts mehr zu tun haben, oder aber ich verändere nur durch die Perspektive und den Anschnitt das Bild so, dass es nur noch rein Subjektiv so wahrgenommen werden kann wie ich es will. Ich demontiere, dekonstruiere das Foto so, dass das was dann daraus entsteht, ein Bild ist und keine Fotografie mehr, also etwas Neues. Es ist meist ein langwieriger Prozess des Eingriffs, den ich mit verschiedenen Bildbearbeitungsprogrammen vornehme. Es handelt sich dabei aber nicht um Filter oder Effekte die konfektioniert sind, sondern um selbst programmierte Arbeitsschritte, die also bewusst geplant sind und nicht auf Zufällen basieren.

5. Wo ist Ihr Lieblingsort in Ihrer Heimat und außerhalb? Warum?

Ich bin in Düsseldorf geboren, habe hier an der Kunstakademie studiert und trotzdem ich auch viel im Ausland gelebt habe, z. B. ein Jahr in Italien in der Zeit meines Stipendiums der Villa Romana, lebe ich gerne in meiner Heimatstadt. Ich mag den Rhein! Das K21, für mich das schönste Museum mit den interessantesten Exponaten in der Stadt und meine Lieblingsbar, das Sir Walter, wo einige meiner großformatigsten Arbeiten fest installiert sind und viel Platz eingeräumt wird. Es treibt mich ansonsten immer wieder für längere Zeit ins Ausland, um bestimmte Orte aufzusuchen, die ich fotografieren will. Wie z.B. letztes Jahr Kanada und die Niagara Falls, das Jahr davor New York um die UNO zu fotografieren. Aber auch in Deutschland finden sich besondere Orte wie z.B. das ESA Astronauten Ausbildungszentrum in Köln, in dem ich für die Serie "Dekonstruktion" die Originalnachbildung des Columbia Modell der ISS fotografiert habe, an der die Astronauten trainieren.

"Wirtschaftswunder", 2014

Deconstruction

"Wirtschaftswunder", 2014

Bild vergrößern (Deconstruction)(Abbildung © Ralf Brueck)
"Kommandozentrale", 2015

Deconstruction

"Kommandozentrale", 2015

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UNO, 2015

Deconstruction

UNO, 2015

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Columbus, ISS-Modul, 2015

Deconstruction

Columbus, ISS-Modul, 2015

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"Scope", 2015

Deconstruction

"Scope", 2015

Bild vergrößern (Deconstruction)(Abbildung © Ralf Brueck)
Fotograf

Ralf Brueck

Fotograf

Bild vergrößern (Ralf Brueck)(Abbildung © Estelle Klawitter)

» ... eine radikale künstlerische Haltung ist wichtiger, als sich nur an einem einzigen Thema abzuarbeiten.«

Ralf Brueck, Fotokünstler

Ralf Brueck

Geboren 1966 in Düsseldorf. Fotograf. Studium an der Kunstakademie Düsseldorf (1995 Aufnahme in die Klasse Bernd Becher, 2000 Aufnahme in die Klasse Thomas Ruff). 2002: Meisterschüler Klasse, 2003: Akademiebrief. Mehrere nationale und internationale Ausstellungen, z. B. in Düsseldorf, Duisburg, Köln, Berlin und New York, Seattle und Austin, USA. Auszeichnungen: Villa Romana Stipendium, Florenz, Italien, Leo Breuer-Förderpreis, Bonn und weitere.