Hochhaus. Die Türme der in Australien lebenden Spinifex-Termiten gehören zu den spektakulärsten
Tierbauwerken überhaupt und erreichen Höhen von über sechs Metern.
Hochhaus Die Türme der in Australien lebenden Spinifex-Termiten gehören zu den spektakulärsten Tierbauwerken überhaupt und erreichen Höhen von über sechs Metern. © Ingo Arndt/Knesebeck Verlag
Orkanhaus. Bajaweber errichten ihre Nester aus dünnen, reißfesten Grashalmen. Die kunstvollen Bauwerke sind wasserfest und überstehen sogar heftige Tropenstürme, ohne abzureißen.
Orkanhaus Bajaweber errichten ihre Nester aus dünnen, reißfesten Grashalmen. Die kunstvollen Bauwerke sind wasserfest und überstehen sogar heftige Tropenstürme, ohne abzureißen. © Ingo Arndt/Knesebeck Verlag
Sammelsuriumbau. Lastträgerschnecken zeigen ein bisher ungeklärtes Verhalten: Sie sammeln Objekte aus ihrer Umgebung und heften sie an ihr Gehäuse. Die Montage dauert bis zu zehn Stunden und erfolgt mithilfe klebender Sekrete aus dem Mantelrand der Schnecke.
Sammelsuriumbau Lastträgerschnecken zeigen ein bisher ungeklärtes Verhalten: Sie sammeln Objekte aus ihrer Umgebung und heften sie an ihr Gehäuse. Die Montage dauert bis zu zehn Stunden und erfolgt mithilfe klebender Sekrete aus dem Mantelrand der Schnecke. © Ingo Arndt/Knesebeck Verlag

In Australien wurde ein imposanter Wohnturm errichtet, ein nachhaltiges Gebäude mit einem cleveren Belüftungssystem. Die Rede ist hier nicht vom neuesten Prestigeprojekt eines international gefeierten Star-Architekten, sondern von einem Termitenhügel. Im Vergleich zur Körpergröße der winzigen, in Australien beheimateten Spinifex-Termiten erscheinen ihre Bauwerke, die eine Höhe von mehr als sechs Metern erreichen können, wie die Hochhäuser der Skylines von Dubai, Hongkong oder New York. So mancher von Termiten erbauter Turm bietet Platz für mehrere Millionen Bewohner. Millionen von Arbeitern sind unermüdlich damit beschäftigt, das Gebäude zu vergrößern und zu optimieren. Das macht den Termitenhügel zum Großbauprojekt.
Mit diesem und mit vielen weiteren beeindruckenden Tierbauten hat sich der renommierte Naturfotograf Ingo Arndt intensiv befasst. Zwei Jahre lang reiste er rund um die Welt, um die erstaunlichen Bauleistungen von Vögeln, Ameisen, Bienen, Bibern oder Korallen-Polypen mit seiner Kamera zu dokumentieren. Der großformatige Bildband, der den charmanten und originellen Titel „Architektier“ trägt, zeigt außergewöhnliche Fotografien, die in freier Wildbahn entstanden sind, während Ingo Arndt mit seiner Kamera im Biberteich gehockt, auf einem aus wackligen Planken gebauten Podest balanciert oder geduldig in einem mit Blättern bedeckten Versteck mitten im Regenwald ausgeharrt hat. Er zeigt aber auch äußerst ästhetische Studioaufnahmen von Vogel- und Wespennestern, Korallen-Skeletten, Muscheln, Schnecken und weiteren von Tieren konstruierten Behausungen, die der Fotograf vor einem schwarzen Hintergrund im Fotostudio abgelichtet hat. Losgelöst vom Kontext ihrer natürlichen Umgebung, wirken die tierischen Bauwerke zum Teil noch fremdartiger und mysteriöser. Andere erinnern an von Menschen geschaffene Kunstwerke oder Designobjekte. Was aussieht wie der Entwurf eines neuen Rattanmöbels, ist in Wahrheit ein Webervogel-Nest. Und so manches Steinkorallen-Skelett könnte fälschlicherweise für den Lampenschirm einer Designerleuchte – frisch aus dem 3D-Drucker – gehalten werden.
Ergänzt und bereichert werden Ingo Arndts Fotografien durch Texte des Verhaltensforschers Prof. Dr. Jürgen Tautz, dem es gelingt, viel Wissen über die tierischen Baumeister und ihre Bauten auf spannende und oft humorvolle Art und Weise zu vermitteln. Das in fünf Kapitel unterteilte Buch wurde von Silke Arndt, der Frau des Fotografen, sehr übersichtlich und ansprechend gestaltet. Von ihr stammen auch die Fotografien auf den hinteren Seiten des Buches, die den Naturfotografen Ingo Arndt in Aktion zeigen.
Beim fünften und letzten Kapitel handelt es sich quasi um das Making of des vorliegenden Bildbandes. Das Vorwort wurde vom berühmten Naturfotografen Jim Brandenburg verfasst, der über seine eigenen Erfahrungen mit tierischen und menschlichen Architekten berichtet. Beide Gruppen miteinander zu vergleichen, liegt auf der Hand:

"Tiere haben kein Ego und keinen Stolz, der sie dazu brächte, die Befriedigung ihrer Bedürfnisse auf einen wenig praktikablen Kompromiss mit der Umwelt hinaufzuschrauben. Und doch sind die Gebilde und Formen, die sie hervorbringen, so elegant und erstaunlich wie jede von Menschen geschaffene Architektur"

– schreibt Jim Brandenburg in seinem Vorwort. Bauwerke wie Nester oder Biberdämme haben, wie auch aus den Ausführungen von Prof. Dr. Jürgen Tautz ganz klar hervorgeht, immer einen Sinn und einen Zweck, oft sogar mehrere Zwecke. Man könnte meinen, dass sich die „Architektiere" beim Bauen am Leitsatz „Form follows function“ orientieren. Sind sie nicht ohnehin die Erfinder dieses Gestaltungsprinzips?
Trotz all der Unterschiede zwischen Architekten und „Architektieren“, der Baukunst der Menschen und der Baukunst der Tiere, stößt man beim Lesen dieses Buches immer wieder auf faszinierende Parallelen und Gemeinsamkeiten. So gibt es Tiere, die ein Nest nur für die eigene Familie bauen, quasi ein Einfamilienhaus. Die riesigen Gemeinschaftsnester einiger Webervögel, die mehr als einhundert Eingänge haben können, erinnern dagegen an menschliche Wohnsiedlungen. Schnecken sind Besitzer eines Mobilheims. Der männliche Laubenvogel dekoriert seine Junggesellenbude mit farblich aufeinander abgestimmten Wohnaccessoires und bestreicht die Wände mit farbigem Beerensaft, um das andere Geschlecht zu beeindrucken. Ameisen und Bienen, die Meisterarchitekten der Tierwelt, errichten ihre riesigen und komplexen Bauwerke mit einer Kombination aus Effizienz, Zielstrebigkeit, Wirtschaftlichkeit, guter interner Kommunikation und Organisation, die so manchem Großbauprojekt in Deutschland als Vorbild dienen könnte.

Architektier. Erschienen im Knesebeck Verlag, München
Architektier Erschienen im Knesebeck Verlag, München © Ingo Arndt/Knesebeck Verlag

Von Stella Hempel Journalistin, Redakteurin und Interior-Stylistin, veröffentlicht am .