Spying on Moscow: luftige Dacharchitektur

Dächer, Kuppeln und Gebäudekuben erscheinen aus der Sicht des Drohnenfotografen Denis Esakov wie Dachlandschaften einer sehr eigenen Welt. Mal konzentriert er sich auf einzelne Dächer, dann wieder komponiert er Siedlungen und Anlagen zu einer komplexen Einheit. Das Resultat ist ein Lob der Präzision und des Auges von Esakov, der eine Bildästhetik schafft, die den Moskauer Dachwelten gerecht wird. Vielleicht kann man sich der komplexen, großen Architektur der russischen Hauptstadt tatsächlich von oben am besten nähern. Üblicherweise ist das Dach der Platz der Antennen, Hauben, Elektroanlagen, Lüftungsgeräte, Schornsteine – alles Dinge, die man nicht sehen möchte. Vielleicht auch, weil Architekten und Planer das Dach als eine Art Abstellraum betrachten. Bilder von oben können diese Lieb- und Konzeptionslosigkeit schnell entlarven. Esakov jedoch zeigt nicht nur das Potential der Drohnenfotografie, sondern auch das Gesamtkunstwerk Gebäude mit jeweils drei Bildern: zwei Fotos sind aus der Luft aufgenommen und zeigen Grundriss und Fassade, das dritte zeigt die Bodenspektive. Diese Zusammenstellung gibt den Bauten den nötigen Raum und zeigt die Dacharchitektur als Teil des Ganzen. Moskaus fünfte Fassade ist ziemlich ansehnlich.

Großer Moskauer Staatszirkus. 1971 von Jakow Borissowitsch Belopolski, Jefim Petrowitsch Wulych
Großer Moskauer Staatszirkus 1971 von Jakow Borissowitsch Belopolski, Jefim Petrowitsch Wulych © Denis Esakov
Theater der Roten Armee. Karo Semjonowitsch Alabjan, Wassili Nikolajewitsch, 1940
Theater der Roten Armee Karo Semjonowitsch Alabjan, Wassili Nikolajewitsch, 1940 © Denis Esakov
Institut für Bioorganische Chemie. Juri Pawlowitsch Platonow, Leonid, 1984
Institut für Bioorganische Chemie Juri Pawlowitsch Platonow, Leonid, 1984 © Denis Esakov
Wohnanlage Gartenquartier. Sergei Alexandrowitsch Skuratow, Alexander Wladimirowitsch Panjow u. a., 2018
Wohnanlage Gartenquartier Sergei Alexandrowitsch Skuratow, Alexander Wladimirowitsch Panjow u. a., 2018 © Denis Esakov
Bürogebäude Weißer Platz. Boris Wladimirowitsch Lewjant, Szymon Wojciechowski, 2009
Bürogebäude Weißer Platz Boris Wladimirowitsch Lewjant, Szymon Wojciechowski, 2009 © Denis Esakov
Spying on Moskow. A winged guide to architecture – von Denis Esakov (Fotos), Karina Diemer (Text). Erschienen bei DOM publishers, Berlin.
Spying on Moskow A winged guide to architecture – von Denis Esakov (Fotos), Karina Diemer (Text). Erschienen bei DOM publishers, Berlin.
Fünfte Fassade. Moskau aus der Vogelperspektive – auf deutsch ebenfalls bei DOM publishers, Berlin.
Fünfte Fassade Moskau aus der Vogelperspektive – auf deutsch ebenfalls bei DOM publishers, Berlin.

New Museums: Rumms und Zacken

Museen haben sich in der Reiseplanung zu wichtigen Punkten gemausert. Den Bilbao-Effekt des Guggenheim-Museums von Frank O. Gehry (1997) wollen viele Orte wiederholen. Manchmal klappt es, manchmal wird aus dem Projekt eine Ruine. Insofern ist es spannend zu sehen, was sich aus den 18 in dem Band vorgestellten "New Museums" entwickeln wird. Die berühmt-berüchtigen Publikumsmagnete oder spektakuläre Landmarken, die keiner besucht? Das vom Art Centre in Basel herausgegebene Buch zeigt das von Zaha Hadid gestaltete Changsha Meixihu International Culture & Art Centre, das Zeitz-Museum für zeitgenössische afrikanische Kunst in Kapstadt (Zeitz MOCAA) von Heatherwick Studio und das National Museum of African American History and Culture (NMAAHC) in Washington von David Adjaye. In China entstehen Bauten wie in einer wild gewordenen Computeranimation aus der Signature Architecture-Programmierung: rumms, hier bin ich! Und Daniel Libeskind entwirft weiterhin dekonstruktivistische Zacken-Zaubereien.
Die Bilder setzen die Museumsbauten z. T. fantastisch in Szene, gleichzeitig ordnen die Autoren das jeweilige Projekt mit Plänen und Einschätzungen ein, ergänzt durch Essays unter anderem von Museumsfachmann Chris Dercon, Ex-Intendant der Volksbühne Berlin. Nicht alle präsentierten Gebäude sind fertiggestellt, einige sind noch in Planung. Wie und ob sich der Museumsboom fortsetzt, kann auch New Museums nicht vorhersagen. Als Bestandsaufnahme und Ausblick jedoch ist es eine visuell ansprechende Status quo-Publikation.

New Museums. Erschienen bei Hirmer Verlag, München
New Museums Erschienen bei Hirmer Verlag, München

Boutique Homes: Dauerurlaub

Ein Glasgebäude, das in der rauen Küstenlandschaft Neuseelands zu verschwinden scheint. Ein erdiges Künstlerhaus, das sich tief in die Geschichte der Altstadt von Novigrad, Kroatien eingräbt. Ein Betonbau, der in seiner Rauheit und Symmetrie sehr eigenständig wirkt und trotzdem gut zur Umgebung in Oaxaca, Mexiko passt. Die Macher der Plattform Boutique-Homes.com haben für den wunderbar visuellen Bildband "Boutique Homes – Handpicked Vacation Rentals" über 60 Häuser und Hütten, Appartements und Wohnungen zusammengestellt, die man mieten und bewohnen kann. Sie haben die Bauten in verschiedene Kategorien und Kapitel unterteilt: u. a. Strandhäuser, architektonische Perlen, Stadtwohnungen und Räume für Familien und Freunde. Eine App (für 2,29 Euro) ergänzt das Buch mit weiteren Informationen und Bildern. Wenn es nach den Fotos ginge, könnte man sofort los- und in eine der präsentierten Beispielen einziehen. Dass der Fokus klar in Nord- und Zentralamerika liegt – mit einigen Häusern in Südeuropa, Frankreich, Österreich, Deutschland (Bruno Taut-Haus in Berlin), Australien und Neuseeland – und andere Kontinente gar nicht vorkommen – macht nichts. Die könnten ja in einem zweiten Band vorgestellt werden.

Boutique Homes. Erschienen bei avedition, Stuttgart
Boutique Homes Erschienen bei avedition, Stuttgart

"I've always been fasinated with cities … there is something incredible about the sheer scale and density of cities."

Martin Tomitsch, Autor

Making Cities Smarter: Technik als Tool

Smart City ist als Begriff für die urbane Digitalisierung so präsent wie Nachhaltigkeit für alles andere. Das weiß auch Martin Tomitsch, der Autor von Making Cities Smarter, der von Beginn an für eine nutzerfreundliche und konkrete Herangehensweise für die Einbindung neuer Technologien wirbt. Denn in unserer heutigen Welt leben bereits mehr als die Hälfte der Menschen in Städten, was die urbanen Infrastrukturen schon jetzt stark belasten. Um dieser Entwicklung gerecht zu werden, investieren Regierungen und Verantwortliche massiv in "Smart City Technologies", so Tomitsch. In sechs übersichtlichen und gut verständlichen Kapiteln beschreibt er in neue Technologien setzende Stadtverwaltungen, die Möglichkeiten der Partizipation in der Stadtplanung und die Schnittstelle zwischen Bürgern und Smart-City-Systemen. Für den Autor, der als Professor für das Design Lab der Universität von Sydney arbeitet, sind die "human-centered design principles" essentiell. Er sieht die neuen Technologien als Werkzeuge, für ihn sind sie nicht finale Produkte, sondern Hilfsmittel zum Verständnis für den Bedarf der Menschen in der Stadt. Er führt auch für Laien anschaulich und mit zahlreichen Zitaten von Vordenkern, Architekten und Designern unterfüttert, durch die neue Digitalzeit und weiß um die Vorbehalte. Diesen begegnet er, indem er mehrfach darauf verweist, dass der Bürger als Endnutzer in den Mittelpunkt gestellt werden muss. Smarte Lösungen bedeuten nicht, dass Roboter alles übernehmen, sondern dass man die vorhandenen (Infra)Strukturen verbessert und ausbaut.

Making Cities Smarter. Martin Tomitsch. Erschienen bei Jovis, Berlin.
Making Cities Smarter Martin Tomitsch. Erschienen bei Jovis, Berlin.

"… the real challenge (is): making things that actually work in cities."

Dan Hill, Arup

Berlin und seine Bauherren: Über Spekulanten und Spieler

"Es gibt kein Bauen ohne Bauherren"

so die Autoren Wolfgang Schäche, Daniel Ralf Schmitz und David Pessier in der Einleitung ihres Buchs, das ein lange vernachlässigte Thema in der Bau- und Kunstgeschichte beschreibt: Architektur und Städtebau aus der Perspektive von Bauherren zu betrachten. Dazu stellt das Trio sechs Bauherren bzw. Bauunternehmer vor, die in der Phase zwischen der Gründerzeit und dem Ende der Weimarer Republik gewirkt haben und die exemplarisch für den unruhigen, vehementen Aufstieg Berlins zur Weltstadt standen. Diesen Sprung haben Männer mit Ehrgeiz und Geltungsdrang geprägt, deren Bauspekulationen und Visionen manche in den Ruin trieben, während andere kräftig zu Berlins Ruf als Stadt der Steine und Platz der Architektur beitrugen. Die Autoren präsentieren die sechs Bauherren – Carl August Heinrich Sommer, Johann Anton Wilhelm von Carstenn-Lichterfelde, Wilhelm Conrad, Julius Wilhelm Walther, Georg Haberland und Heinrich Mendelssohn – und deren Biografien in sechs Kapiteln, die sie mit zahlreichen Bildern, Zeichnungen und Skizzen veranschaulichen. Aus den Bauherren werden Spekulanten, Pioniere und Erbauer des "neuen Berlins", aber auch Getriebene und Vergessene. Die z. T. altertümliche und verzwirbelte Sprache des hochwertigen Buchbandes mit dem Leinencover passt gut zu den anspruchsvollen und ambitionierten Protagonisten, die trotz Rückschlägen und Zurücksetzungen eins nie aus den Augen verloren: Ohne uns gibt es keine Bauwerke.

Die Bauherren:

  • Carl August Heinrich Sommer (1801–1873)
  • Johann Anton Wilhelm von Carstenn-Lichterfelde (1822–1896)
  • Wilhelm Conrad (1822–1899)
  • Julius Wilhelm Walther (1857–1917)
  • Georg Haberland (1861–1933)
  • Heinrich Mendelssohn (1881–1959)
Berlin und sein Bauherren. Wolfgang Schäche, Daniel Ralf Schmitz und David Pessier. Erschienen bei Jovis, Berlin.
Berlin und sein Bauherren Wolfgang Schäche, Daniel Ralf Schmitz und David Pessier. Erschienen bei Jovis, Berlin.

Von Jan Dimog Autor, Redakteur und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .