"Schillerstadt Marbach" – so nennt sich der 20 km nördlich von Stuttgart gelegene Ort mit knapp 16.000 Einwohnern und würdigt damit Friedrich Schiller (1759–1805), den berühmtesten Marbacher und einen der wichtigsten Dramatiker und Lyriker Deutschlands. Die ihm zu Ehren angelegte Schillerhöhe in der Stadtmitte ist ein Park- und Museenareal und beliebtes Ausflugsziel. Hier befindet sich das Deutsche Literaturarchiv (DLA), das zu den bedeutendsten Literaturinstitutionen gehört und in seinen Sammlungen unschätzbare Quellen der Literatur- und Geistesgeschichte von 1750 bis zur Gegenwart bewahrt. Das DLA wurde 1955 gegründet und dient seitdem der Literatur, Bildung und Forschung. Die Architektur spiegelt das in einer angemessenen Weise wieder. Eine fotografische Annäherung an die grüne Kulturlandschaft auf der Anhöhe.

Schiller-Nationalmuseum, Ludwig Eisenlohr und Carl Weigle, 1903

Symmetrie und das Schloss-ähnliche fallen als erstes auf. Dass der Vorplatz zum Parken degradiert wurde, wiegt nicht schwer, dazu stehen die Autos zu verschämt am Rand des Halbrunds. Von dieser Perspektive scheint das Gebäude im Sockelbereich angeschnitten. Der Bau wurde auf einem Felsen über dem Neckar errichtet, so dass sich auf der flusszugewandten Seite das andere Gesicht zeigt. Hier fällt das Gelände ab und der Bau bekommt mehr Luft und Leichtigkeit. Gleichzeitig ist das Prachtvolle sehr direkt und unmittelbar, es gibt keine breite Freitreppe oder eine andere Inszenierung, auf beiden Seiten soll der Gast ins Haus gleiten. Die zentrale Kuppel ist präsent, aber alles andere alles dominant. Das Nationalmuseum war ein Spätwerk der beiden Architekten Ludwig Eisenlohr (1851–1931) und Carl Weigle (1849–1932), die zuvor zahlreiche Projekte zusammen umgesetzt hatten (Rathäuser in Vaihingen und Feuerbach, Schloss Babstadt und Wohnhäuser). Hinzu kamen Soloarbeiten wie z. B. die Württembergische Metallwarenfabrik (WMF) in Berlin, die Papierfabrik Scheufelen und die Villa Link in Heilbronn und die Villa Giesler in Stuttgart von Eisenlohr. Viele ihrer Gebäude stehen heute unter Denkmalschutz.
Die Dauerausstellung über Schillers Werk und Persönlichkeit verantwortete das Stuttgarter Büro space4, das auch die Schau im Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier konzipierten. Im Nationalmuseum ist ihnen eine Anschaulichkeit gelungen, die auch auf die dunklen Räume zurückzuführen ist. Der Fokus liegt auf Schillers Schriften, sein Leben, sogar auf seiner Kleidung und Mode. Die Designer des preisgekrönten Büros sprechen von einer “besonderen Atmosphäre, in der man Friedrich Schiller sehr nahe kommen kann und sich gleichzeitig vom Alltag für eine kurze Zeit weit entfernt.”

Schiller-Nationalmuseum. Entwurf: Ludwig Eisenlohr und Carl Weigle, Fertigstellung: 1903.
Schiller-Nationalmuseum Entwurf: Ludwig Eisenlohr und Carl Weigle, Fertigstellung: 1903. © Jan Dimog
Schiller-Nationalmuseum. Alt und neu: links der Bau von Eisenlohr und Weigle, rechts das Literaturmuseum der Moderne von David Chipperfield Architects
Schiller-Nationalmuseum Alt und neu: links der Bau von Eisenlohr und Weigle, rechts das Literaturmuseum der Moderne von David Chipperfield Architects © Hendrik Bohle
Schiller-Nationalmuseum. Fußbodenmosaik, Reliefs zu Schillers Balladen und die Kassettendecke im Schillersaal.
Schiller-Nationalmuseum Fußbodenmosaik, Reliefs zu Schillers Balladen und die Kassettendecke im Schillersaal. © Jan Dimog

Deutsches Literaturarchiv (1972), Jörg und Elisabeth Kiefner mit Wolfgang Lauber

"Ein intimes Theaterfoyer mit fließenden räumlichen Übergängen."
"Ein neues und ästhetisch vollendetes Domizil."
"Das Schöne ist, dass sich mit diesem Bau die moderne Beton- und Glas-Architektur ein Denkmal gesetzt hat."

Die Presse- und Kritikerstimmen zur Eröffnung des Deutschenn Literaturarchivs waren durchweg positiv und lobten die Helligkeit, das Einladende und die Transparenz des ringförmig angelegten Komplexes mit seiner knapp 4.500 qm großen Nutzfläche. Grund für das Projekt war der beträchtliche Zuwachs an Büchern, Bildern, Handschriften, für die der Platz im Schiller-Nationalmuseum nicht mehr ausreichte. Die Planungen für einen Neubau begannen Ende der 1950er-Jahre. Die Stuttgarter Architekten Elisabeth und Jörg Kiefner sowie Wolfgang Lauber, ein ehemaliger Architekturprofessor an der Konstanzer Hochschule, konzipierten in ihrem Entwurf ein praktisches, zweckorientiertes Gebäude, das in seiner Gestaltung dem Status des Deutschen Literaturarchivs und dem benachbarten Schiller-Nationalmuseum angemessen schien und die Wettbewerbsjury 1968 überzeugte. Nach dreijähriger Bauzeit begann der Bezug der Räume, zum Festakt kamen 1.200 Gäste, darunter der damalige Bundespräsident Gustav W. Heinemann.
Der bescheiden wirkende Kiefner-Lauber-Bau erschließt sich dem Besucher im Inneren, wo die Ebenen und Bereiche dem Foyer zuzufließen scheinen. Außen umgreift das Gebäude die Landschaft und lässt sie zugleich tief hinein. Das ist auch die Grundidee des Entwurfs: die ringförmige Anordnung um den Kern des Archivs, den Katalogsaal, der von allen Abteilungen auf gleich kurzen Wegen erreichbar ist. Das im Stil des Brutalismus errichtete Archivgebäude mit dem roh belassenen Beton strahlt im Zusammenspiel mit der gläsernen Transparenz Selbstbewusstsein und Feinheit zugleich aus, eine Stärke, die sich nicht am Schloss-artigen Altbau abarbeiten muss. Im Gegenteil.

Deutsches Literaturarchiv. Entwurf: Jörg und Elisabeth Kiefner mit Wolfgang Lauber, Fertigstellung: 1972.
Deutsches Literaturarchiv Entwurf: Jörg und Elisabeth Kiefner mit Wolfgang Lauber, Fertigstellung: 1972. © Jan Dimog
Deutsches Literaturarchiv. Das Foyer gibt einen Eindruck vom inneren Aufbau mit Split-Level-Galerien, die den zentralen Lesesaal ringförmig umfassen.
Deutsches Literaturarchiv Das Foyer gibt einen Eindruck vom inneren Aufbau mit Split-Level-Galerien, die den zentralen Lesesaal ringförmig umfassen. © Hendrik Bohle
Deutsches Literaturarchiv. Seit März 2018 steht das Gebäude unter Denkmalschutz und wird als qualitätsvolles und anschauliches Bauwerk der Nachkriegsmoderne in Deutschland gelobt.
Deutsches Literaturarchiv Seit März 2018 steht das Gebäude unter Denkmalschutz und wird als qualitätsvolles und anschauliches Bauwerk der Nachkriegsmoderne in Deutschland gelobt. © Jan Dimog
Deutsches Literaturarchiv. Haus am Hang
Deutsches Literaturarchiv Haus am Hang © Hendrik Bohle
Deutsches Literaturarchiv. "Wir sind stolz auf diese Auszeichnung. Mit dem Denkmalschutz kommt bei den anstehenden Sanierungen aber auch eine weitere Herausforderung auf uns zu", so Dagmar Janson, stell. Direktorin und zuständige Leiterin für den Bau.
Deutsches Literaturarchiv "Wir sind stolz auf diese Auszeichnung. Mit dem Denkmalschutz kommt bei den anstehenden Sanierungen aber auch eine weitere Herausforderung auf uns zu", so Dagmar Janson, stell. Direktorin und zuständige Leiterin für den Bau. © Hendrik Bohle
Deutsches Literaturarchiv. Die Oberfläche wurde mit dem Stockhammer bearbeitet. Durch das Abschlagen der Zementhaut erhielt der Beton eine Art Werkstein-Charakter.
Deutsches Literaturarchiv Die Oberfläche wurde mit dem Stockhammer bearbeitet. Durch das Abschlagen der Zementhaut erhielt der Beton eine Art Werkstein-Charakter. © Hendrik Bohle

Literaturmuseum der Moderne, David Chipperfield Architects, 2006

So wie das Archivgebäude ein Bau mit vielen Gesichtern und mehr verbirgt als auf den ersten Blick sichtbar ist, so zeigt sich das Literaturmuseum der Moderne zunächst fein und schlicht. Die Tempelarchitektur mit den Säulen ist das markanteste Merkmal. Trotzdem ist hier nichts erhöht oder gar überhöht. Der Außenraum ist einfach und schmucklos gehalten: die Pfeiler sind aus Sichtbeton mit Muschelkalksplitt, die Holzverkleidung der Fassade wird von bodentiefen Fenstern ergänzt wird und der Boden ist aus großen Betonplatten gefügt. Zwar ist auch die Innenarchitektur ähnlich ungekünstelt wie das Äußere, dafür gleicht die Reduktion einer puren Konzentration. Eine Aura der Achtsamkeit. Beton und Ipéholz ergänzen sich in den Ausstellungsräumen, lassen einander Luft, fügen sich zu einer Gesamtheit in ihrer individuellen Materialität. Hinzu kommt, dass der Bau des britischen Architekten David Chipperfield (*1953 in London) die Hanglage des Parks für die volle Entfaltung des Platzbedarfs nutzt ohne raumgreifend zu werden, immerhin beträgt die Gesamtfläche 3.800 qm. Plump kann Chipperfield eh nicht, dafür ist das Museum wie die Essenz seiner späteren Arbeiten: behutsam, klug, formvollendet.

Literaturmuseum der Moderne. Entwurf: David Chipperfield Architects, Fertigstellung: 2006.
Literaturmuseum der Moderne Entwurf: David Chipperfield Architects, Fertigstellung: 2006. © Jan Dimog
Literaturmuseum der Moderne. Pavillonartiger Kubus
Literaturmuseum der Moderne Pavillonartiger Kubus © Hendrik Bohle
Literaturmuseum der Moderne. Die Stellung des Schiller-Nationalmuseums wahrt das Literaturmuseum, indem die Hanglage genutzt wird. Auf der Höhe des 1903 fertiggestellten historistischen Altbaus sieht der Besucher einen flachen, schlichten Baukörper. Das viel größere Untergeschoss fügte der 1953 in London geborene britische Architekt Chipperfield in den terrassierten Hang ein.
Literaturmuseum der Moderne Die Stellung des Schiller-Nationalmuseums wahrt das Literaturmuseum, indem die Hanglage genutzt wird. Auf der Höhe des 1903 fertiggestellten historistischen Altbaus sieht der Besucher einen flachen, schlichten Baukörper. Das viel größere Untergeschoss fügte der 1953 in London geborene britische Architekt Chipperfield in den terrassierten Hang ein. © Hendrik Bohle
Literaturmuseum der Moderne. Zweck des Literaturmuseums der Moderne war die Schaffung einer Ausstellungsfläche für historische und empfindliche Papierexponate.
Literaturmuseum der Moderne Zweck des Literaturmuseums der Moderne war die Schaffung einer Ausstellungsfläche für historische und empfindliche Papierexponate. © Hendrik Bohle
Literaturmuseum der Moderne. Arkadenpfeiler und die holzverkleidete Fassade
Literaturmuseum der Moderne Arkadenpfeiler und die holzverkleidete Fassade © Hendrik Bohle
Literaturmuseum der Moderne. Wechselausstellungen sind Teil des Konzepts
Literaturmuseum der Moderne Wechselausstellungen sind Teil des Konzepts © Hendrik Bohle
Literaturmuseum der Moderne. Die Exponate sind im Untergeschoss untergebracht, darunter die Originalmanuskripte von Kafkas "Prozess" und Döblins "Berlin Alexanderplatz".
Literaturmuseum der Moderne Die Exponate sind im Untergeschoss untergebracht, darunter die Originalmanuskripte von Kafkas "Prozess" und Döblins "Berlin Alexanderplatz". © Hendrik Bohle
Literaturmuseum der Moderne. Der Poesieautomat von Hans Magnus Enzensberger ist eine Leihgabe der Sammlung Würth.
Literaturmuseum der Moderne Der Poesieautomat von Hans Magnus Enzensberger ist eine Leihgabe der Sammlung Würth. © Hendrik Bohle
Literaturmuseum der Moderne. Nach dem Abschluss seines Architekturstudiums in London 1977 arbeitete Chipperfield u. a. im gemeinsamen Büro von Richard Rogers und Norman Foster. Sein Büro David Chipperfield Architects gründete er 1985 mit Unternehmensstandorten in Berlin, Shanghai und Mailand. Mit David Chipperfield Design realisiert er auch Produkte und Möbel u. a. für Alessi und Zumtobel.
Literaturmuseum der Moderne Nach dem Abschluss seines Architekturstudiums in London 1977 arbeitete Chipperfield u. a. im gemeinsamen Büro von Richard Rogers und Norman Foster. Sein Büro David Chipperfield Architects gründete er 1985 mit Unternehmensstandorten in Berlin, Shanghai und Mailand. Mit David Chipperfield Design realisiert er auch Produkte und Möbel u. a. für Alessi und Zumtobel. © Hendrik Bohle
Literaturmuseum der Moderne. Chipperfield erhielt unter anderem als Anerkennung für sein Lebenswerk 2011 die RIBA Royal Gold Medal für Architektur und 2013 den Praemium Imperiale von der Japan Art Association. Das Literaturmuseum der Moderne wurde mit dem Stirling Prize ausgezeichnet. Weitere wichtige Projekte des Büros sind unter anderem das Museo delle Culture (Mailand, 2015), Museum Folkwang (Essen, 2010), Neues Museum (Berln, 2009), Empire Riverside Hotel (Hamburg, 2007).
Literaturmuseum der Moderne Chipperfield erhielt unter anderem als Anerkennung für sein Lebenswerk 2011 die RIBA Royal Gold Medal für Architektur und 2013 den Praemium Imperiale von der Japan Art Association. Das Literaturmuseum der Moderne wurde mit dem Stirling Prize ausgezeichnet. Weitere wichtige Projekte des Büros sind unter anderem das Museo delle Culture (Mailand, 2015), Museum Folkwang (Essen, 2010), Neues Museum (Berln, 2009), Empire Riverside Hotel (Hamburg, 2007). © Hendrik Bohle
Literaturmuseum der Moderne. Luft und Loggia
Literaturmuseum der Moderne Luft und Loggia © Jan Dimog
Literaturmuseum der Moderne. Linien und Lichtbilder
Literaturmuseum der Moderne Linien und Lichtbilder © Hendrik Bohle

"The use of enduring, solid materials gives the architecture a strong, physical presence and supports the notion of preserving the collection for future generations."

David Chipperfield Architects über ihren Entwurf zum Literaturmuseum der Moderne

Von Jan Dimog Autor, Redakteur und (Foto)Journalist, veröffentlicht am .