"In het begin moest ik alles alleen doen." (dt.: Am Anfang musste ich alles alleine tun.)

Gerard Philips, Mitbegründer der Firma Philips

DDW 2018, Strijp-S

Anders als in London oder Mailand verstehen die Macher der Dutch Design Week (DDW) ihr Eindhovener Event als ein Laboratorium der Zukunft. Gezeigt wurde Visionäres, konzeptuelle und technologische Innovationen sowie neue Materialien und Herstellungsweisen. Im gesamten Stadtgebiet waren Arbeiten von über 2.600 Designern an 120 Standorten zu sehen. Der Mittelpunkt war auch in diesem Jahr Strijp-S. Auf dem ehemaligen Philips-Industriegelände schlägt seit einigen Jahren das kulturelle Herz der Design-Stadt. Vor historischer Kulisse ist ein gut durchmischtes und lebendiges Stadtquartier zum Wohnen, Arbeiten und Entspannen entstanden. Während der DDW18 fanden hier neben den Ausstellungen, Vorträge, Preisverleihungen, Networking-Events und Podiumsdiskussionen statt. Dabei standen "Food & Drinks" in diesem Jahr besonders hoch im Kurs. Das selbstversorgende Urban Farming-Projekt Duurzame Kost zeigte, dass auch in der Stadt gezogenes Gemüse schmackhaft sein kann. Da wachsen Tomaten, Basilikum und diverse Salate zwischen dem Stahlbeton. Beliefert werden das ganze Jahr über angrenzende Restaurants wie beispielsweise das ausgezeichnete Cucina Italiana von Giovanni und Ailén Gamberoni im Erdgeschoss der Stadtfarm.

Strijp-S. In dem Eindhovener Stadtquartier ist das Herz der Dutch Design Week.
Strijp-S In dem Eindhovener Stadtquartier ist das Herz der Dutch Design Week. © Hendrik Bohle
Strijp-S. Auf dem historischen Philips-Gelände entstand in den letzten Jahren ein einzigartiges städtisches Gebiet ...
Strijp-S Auf dem historischen Philips-Gelände entstand in den letzten Jahren ein einzigartiges städtisches Gebiet ... © Hendrik Bohle
Strijp-S. ... zum Wohnen, Arbeiten und Entspannen in kreativer Atmosphäre.
Strijp-S ... zum Wohnen, Arbeiten und Entspannen in kreativer Atmosphäre. © Hendrik Bohle
Strijp-S. Die Geschichte ist hier noch an jeder Ecke zu spüren.
Strijp-S Die Geschichte ist hier noch an jeder Ecke zu spüren. © Hendrik Bohle
Strijp-S. Aber das neue Quartier weist mit innovativen Projekten in die Zukunft, wie das selbstversorgende Urban Farming-Projekt Duurzame Kost auf einer der ehemaligen Fabriketagen.
Strijp-S Aber das neue Quartier weist mit innovativen Projekten in die Zukunft, wie das selbstversorgende Urban Farming-Projekt Duurzame Kost auf einer der ehemaligen Fabriketagen. © Hendrik Bohle
Strijp-S. Jeden Oktober kommen mehr als 200.000 Besucher zur größten Design Week Nordeuropas.
Strijp-S Jeden Oktober kommen mehr als 200.000 Besucher zur größten Design Week Nordeuropas. © Hendrik Bohle

DDW 2018, Section C

In Section C, einem Industriegelände östlich des Zentrums, öffneten Künstler, Designer, Handwerker und Architekten ihre Werkstätten. An den Abenden bestand die Möglichkeit mit den Kreativen in kleiner Dinner-Runde ins Gespräch zu kommen. Ausgewählte Chefs sorgten für die korrespondierende Kulinarik. Auf kaum einer anderen Designmesse geht es wohl so "gezellig" zu, was nicht zuletzt auch an der bourgondischen Lebensart liegt. In der Region Nordbrabant steht nämlich der Genuss an erster Stelle.

Section C. Das Industriegelände im Osten der Stadt wird für eine Woche zum pulsierendem Stadtteil.
Section C Das Industriegelände im Osten der Stadt wird für eine Woche zum pulsierendem Stadtteil. © Hendrik Bohle
Section C. Künstler, Handwerker und Architekten öffnen ihre Ateliers und Werkstätten ...
Section C Künstler, Handwerker und Architekten öffnen ihre Ateliers und Werkstätten ... © Hendrik Bohle
Section C. ... und werden am Abend zu kulinarischen Hotspots.
Section C ... und werden am Abend zu kulinarischen Hotspots. © Hendrik Bohle
Section C. "Better Safe Than Sorry", eine Installation von Jelle Mastenbroek
Section C "Better Safe Than Sorry", eine Installation von Jelle Mastenbroek © Hendrik Bohle

Museumsquartier 's-Hertogenbosch

Ein paar Kilometer weiter in 's-Hertogenbosch, der Hauptstadt der niederländischen Provinz Nordbrabant, entstand 2013 das Stedelijk Museum nach Plänen des lokalen Architekturstudios BiermanHenket. Zusammen mit der Renovierung und Erweiterung des renommierten Het Noordbrabants Museum schufen die Niederländer ein neues zusammenhängendes Museumsviertel inmitten des historischen Zentrums. Das Ensemble umschließt den von MTD landschapsarchitecten neu gestalteten Museumsgarten des ehemaligen Regierungspalastes der Region. Hier verschmelzen zeitgenössische und regionale Kunst, Kultur und Geschichte auf elegante Art miteinander. Die neuen Bauteile sind größtenteils in dunklem Mauerwerk gestaltet, so dass sich der Museumskomplex auf natürliche Weise in das historische Stadtbild einfügt.
Das neue Stedelijk Museum für visuelle Gegenwarts-Kunst und Design hat sich auf Keramik und Schmuck spezialisiert. Anders als die zurückhaltenden benachbarten Baukörper ist der Flügel des Design Museums durch seine leicht gebogene Ansicht mit grün glitzernder Glasfassade bereits aus der Ferne gut zu erkennen und spannt einen zeichenhaften Raum innerhalb der Altstadt. Das Haus öffnet sich mit großzügigen Verglasungen zur Stadt hin. Eine expressiv geschwungene Treppe führt auf die beiden oberen Ausstellungsebenen. Das schwungvolle Interior Design entwarfen Humberto und Fernando Campana. Die brasilianischen Brüder sind bekannt für das Upcyclen von Alltagsgegenständen wie Holzstücken oder Spielzeugpuppen, die sie dann mit hochwertigen Materialien verbinden. In 's-Hertogenbosch stapelten sie Schichtholzplatten spielerisch übereinander, und verwandelten Shop und Empfang in einen niederländischen Canyon.

Design Museum Den Bosch. Das niederländische Studio BiermanHenket renovierte und erweiterte den ehemaligen Regierungspalast und ergänzten das neue Museumsquartier um das Stedelijk Museum für visuelle Gegenwarts-Kunst und Design
Design Museum Den Bosch Das niederländische Studio BiermanHenket renovierte und erweiterte den ehemaligen Regierungspalast und ergänzten das neue Museumsquartier um das Stedelijk Museum für visuelle Gegenwarts-Kunst und Design © Hendrik Bohle
Design Museum Den Bosch. Eine expressive Treppe verbindet die einzelnen Ausstellungsebenen.
Design Museum Den Bosch Eine expressive Treppe verbindet die einzelnen Ausstellungsebenen. © Hendrik Bohle
Design Museum Den Bosch. Das Interior Design kommt von den brasilianischen Campana Brüdern.
Design Museum Den Bosch Das Interior Design kommt von den brasilianischen Campana Brüdern. © Hendrik Bohle
Design Museum Den Bosch. Die Ausstellung "Food is fictie" (bis 28.10.2018) hinterfragte kritisch die Rolle des Food-Designs in der Lebensmittelindustrie.
Design Museum Den Bosch Die Ausstellung "Food is fictie" (bis 28.10.2018) hinterfragte kritisch die Rolle des Food-Designs in der Lebensmittelindustrie. © Hendrik Bohle
Design Museum Den Bosch. Noch bis zum 17.2.2019 ist die Ausstellung "Human Interior" des niederländischen Fotokünstlers Thijs Wolzak zu sehen. Er wirft einen Blick in die vielfältigen Wohnungswelten der Niederländer.
Design Museum Den Bosch Noch bis zum 17.2.2019 ist die Ausstellung "Human Interior" des niederländischen Fotokünstlers Thijs Wolzak zu sehen. Er wirft einen Blick in die vielfältigen Wohnungswelten der Niederländer. © Hendrik Bohle

Cor Unum – Der gute Ton

Wer schon immer wissen wollte wie aus Ton ein Designobjekt wird, der sollte unbedingt bei Cor Unum vorbeischauen. Begeisterter und sympathischer kann man das Kunsthandwerk nicht vermitteln. Mit einer Führung durch die Werkstatt erhalten die Besucher einen Einblick, wie aus den Zeichnungen zunächst Modelle und schließlich kunstvolle Keramiken entstehen. Das Keramikatelier unter der Leitung von Charlotte Landsheer wurde bereits 1953 gegründet, ist seit 2009 eine Stiftung und eine besondere Gemeinschaft: Innovativ, nachhaltig und mit gesellschaftlicher Verantwortung. Talentierte Studenten, Arbeitssuchende, Benachteiligte, Freiwillige und professionelle Designer, wie beispielsweise Ron Arad, Ben van Berkel, Konstantin Grcic oder MVRDV, arbeiten gemeinsam daran, neue Produkte zu entwickeln und die wertvolle Geschichte des Keramikhandwerks auf besonders schöne Weise von ‘s-Hertogenbosch in die Welt zu tragen.

"Jeder verdient einen Platz, jeder hat ein Talent und jeder kann dazu beitragen, die Welt ein bisschen schöner zu machen."

Cor Unum
Cor Unum. Hier finden Design und soziale Verantwortung zueinander.
Cor Unum Hier finden Design und soziale Verantwortung zueinander. © Hendrik Bohle
Cor Unum. Ausstellung, Verkauf ...
Cor Unum Ausstellung, Verkauf ... © Hendrik Bohle
Cor Unum. ... Atelier und Produktion unter einem Dach.
Cor Unum ... Atelier und Produktion unter einem Dach. © Hendrik Bohle
Cor Unum. Umgeben von sachlich kühler Architektur der 1920er- und 1930er-Jahre.
Cor Unum Umgeben von sachlich kühler Architektur der 1920er- und 1930er-Jahre. © Hendrik Bohle
Mister Design. Im benachbarten Haus finden sich Designklassiker des letzten Jahrhunderts.
Mister Design Im benachbarten Haus finden sich Designklassiker des letzten Jahrhunderts. © Hendrik Bohle

"Uns ist es wichtig, ein Ort für alle zu sein, die kreativ sein wollen, kosmopolitisch und inklusiv", erklärt Simone Kramer-Janssen, Mitbegründerin der Social Label Foundation, "Denn jeder will an der Gesellschaft teilhaben, sich entwickeln und sein eigenes Einkommen verdienen, aber eine immer größer werdende Gruppe kann diese Verbindung nicht leicht finden."
Die Stiftung wurde vor etwa sieben Jahren gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt, die Möglichkeiten des Designs zu nutzen, um Menschen am Rande des Arbeitsmarktes bei der Aufnahme einer Beschäftigung zu helfen. Social Label ist eine wachsende Bewegung von Menschen, die eine sozial nachhaltige, integrative Wirtschaft anstreben. Deren temporäres Labor "Werkwarenhuis" mit Showroom, Werkstatt und Büro entstand 2018 auf dem Gelände der ehemaligen Viehfutterfabrik De Heus. Deren rosa Restaurant Van Aken eröffnete bereits einige Jahre zuvor hinter den alten Fabrikmauern. Es wird für Partys, Tanzabende und alle Arten von kulturellen Aktivitäten genutzt. Die Architekten Piet Hein Eek and Iggie Dekkers haben dem Industriebau mit minimalen Interventionen neues Leben eingehaucht. Da die Nutzung von Beginn an auf zehn Jahre begrenzt war, sollten die Eingriffe nicht aufwendig und kostspielig sein. Eek en Dekkers beschlossen, Dinge wegzunehmen, anstatt neue hinzuzufügen. So blieben eine Reihe bestehender Stahltürme, ehemalige Industriekessel, Behälter und Silos, erhalten und wurden in Arbeitsräume umgewandelt. Das große Gebäude bleibt unbeheizt, die kleineren Arbeitsplätze können jedoch individuell beheizt werden. Vorhandene Treppenanlagen führen auf die versetzten Ebenen. Alles wirkt improvisiert, unfertig, im Fluss und entspricht dabei voll und ganz der Idee der Stiftung, einen offenen Raum zu schaffen, in dem alle miteinander in Kontakt treten können.

Werkwarenhuis Social Label. Das temporäre Labor der Social Label Foundation hat seinen Platz in der ehemaligen Viehfutterfabrik De Heus gefunden.
Werkwarenhuis Social Label Das temporäre Labor der Social Label Foundation hat seinen Platz in der ehemaligen Viehfutterfabrik De Heus gefunden. © Hendrik Bohle
Werkwarenhuis Social Label. Die Architekten Piet Hein Eek and Iggie Dekkers haben dem Industriebau mit minimalen Interventionen neues Leben eingehaucht.
Werkwarenhuis Social Label Die Architekten Piet Hein Eek and Iggie Dekkers haben dem Industriebau mit minimalen Interventionen neues Leben eingehaucht. © Hendrik Bohle
Werkwarenhuis Social Label. Ehemalige Industriekessel blieben beispielsweise als stilles Örtchen erhalten.
Werkwarenhuis Social Label Ehemalige Industriekessel blieben beispielsweise als stilles Örtchen erhalten. © Hendrik Bohle
Werkwarenhuis Social Label. Ein zukunftsweisendes Projekt
Werkwarenhuis Social Label Ein zukunftsweisendes Projekt © Hendrik Bohle

Blind Walls in Breda

Im benachbarten Breda bietet der Stadtraum die Leinwand für kreatives Schaffen. "The Blind Walls Gallery" ist ein Projekt, das 2015 vom Graphic Design Festival Breda initiiert wurde. Es hat zum Ziel, den grauen Stein mit Street Art zu veredeln, die die Geschichte der Stadt selbst erzählen, inspiriert von der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Gemeinsam mit der Gemeinde und den Eigentümern laden die Initiatoren internationale Grafiker, Straßenkünstler, Typografen und Illustratoren ein, das Bild der Stadt neu zu zeichnen, sie lebendig und bunter zu machen. Die historische Stadtmauer war einst ein markantes Element in Bredas frühestem gemalten Stadtpanorama von 1520. Sie galt als Symbol für Freiheit, Handel und Wohlstand. Die alte Mauer ist verschwunden, neue bunte Mauern weisen in die Zukunft. Mehr über die Geschichte Stadt erfährt man seit 2017 im Stedelijk Museum Breda. Es entstand aus dem Zusammenschluss des Breda Museum und des MOTI, Museum of the Image und befindet sich heute im ehemaligen Oudemannenhuis (Altmännerhaus), einem der ältesten Gebäude der Stadt.

The Blind Walls Gallery. Die Stadt ein bisschen bunter und schöner machen.
The Blind Walls Gallery Die Stadt ein bisschen bunter und schöner machen. © Guia Rossi
Stedelijk Museum Breda. Kern des Museums ist die Lernwerkstatt für Kinder und Jugendliche.
Stedelijk Museum Breda Kern des Museums ist die Lernwerkstatt für Kinder und Jugendliche. © Hendrik Bohle
Stedelijk Museum Breda. Ein Raum unendlicher Möglichkeiten.
Stedelijk Museum Breda Ein Raum unendlicher Möglichkeiten. © Hendrik Bohle

Unsere redaktionell unabhängige Recherchereise wurde organisiert und ermöglicht durch Visit Brabant. Wir danken dem gesamten Team für die Gastfreundschaft und unseren Gesprächspartnern für die Einblicke.

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .