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"Damit rückt der Mensch in den Mittelpunkt des Bauwerks."

Heinrich Rosskotten, Architekt des Theater Dortmund

Das 1904 von Martin Dülfer erbaute Dortmunder Theater wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und brannte vollständig aus. Nach heftiger Debatte entschied sich die Stadt gegen eine Rekonstruktion und für eine zukunftsweisende zeitgenössische Bauform. Die Oper bezog 1950 zunächst einen schlichten Neubau an Dülfers Ruine. Im sogenannten „Kleinen Haus“ ist seit 1968 das Schauspiel beheimatet. Auf dem benachbarten Grundstück hatte das Nazi-Regime einige Jahre zuvor die Alte Synagoge abgeräumt. Hier sollte unter keinen Umständen ein monumentaler Prunkbau entstehen, sondern dem demokratischen Zeitgeist und einer modernen Industriestadt entsprechend ein offenes Haus, das den Stadtbewohnern freien Zugang zur Kunst und Kultur ermöglicht. Und genau das war Heinrich Roskottens und Edgar Trittharts halborganischer Wettbewerbsentwurf von 1955. Ihr Stadtbild prägendes Hauptmotiv ist eine 17 Meter hohe Betonschale, die auf nur drei Punkten gelagert ist und über einem teilverglasten Sockelbau mit einer Fläche von etwa 1.800 Quadratmetern zu schweben scheint, damals eine baukonstruktive Meisterleistung in der BRD. Etwa zur gleichen Zeit realisierte Ulrich Müther ähnliche Konstruktionen in der DDR, allerdings bescheidener und ohne Riegel.

Opernhaus Dortmund. Die dreipunktgelagerte Schale scheint über dem Sockelbau zu schweben. Dem großflächig verglasten Gebäude ist ein weitläufiger Platz vorgelagert.
Opernhaus Dortmund Die dreipunktgelagerte Schale scheint über dem Sockelbau zu schweben. Dem großflächig verglasten Gebäude ist ein weitläufiger Platz vorgelagert. © Jan Dimog
Opernhaus Dortmund. Den funktionalen Riegel verkleideten die Architekten mit reliefierten Betonelementen.
Opernhaus Dortmund Den funktionalen Riegel verkleideten die Architekten mit reliefierten Betonelementen. © Hendrik Bohle
Opernhaus Dortmund. Die Besucher betreten das Haus über die niedrigen Hauptzugänge vom Platz der alten Synagoge. Das Wabenmuster der Pflasterung fließt bis ins Innere.
Opernhaus Dortmund Die Besucher betreten das Haus über die niedrigen Hauptzugänge vom Platz der alten Synagoge. Das Wabenmuster der Pflasterung fließt bis ins Innere. © Jan Dimog
Opernhaus Dortmund. Hier eröffnet sich die große Kuppel. Ein Teil der Innenausstattung, wie die Lichtinstallation im großen Foyer, ist noch im Original erhalten.
Opernhaus Dortmund Hier eröffnet sich die große Kuppel. Ein Teil der Innenausstattung, wie die Lichtinstallation im großen Foyer, ist noch im Original erhalten. © Hendrik Bohle
Schauspielhaus Dortmund. Das angrenzende "Kleine Haus" mit seinem kurvig lichten Foyer wurde mehrfach erweitert und umgebaut.
Schauspielhaus Dortmund Das angrenzende "Kleine Haus" mit seinem kurvig lichten Foyer wurde mehrfach erweitert und umgebaut. © Hendrik Bohle

Curving Lightness

A lightly copper-clad shell with bars was the crown jewel of the 1966 reconstruction of this Ruhr metropolis. The opera took more than 11 years to realise. Today, it is among the greatest in the land.

The Dortmund Theatre, built in 1904 by Martin Dülfer, was badly damaged in World War II, being completely gutted by fire. After a lively debate, the city decided against a reconstruction in favor of a forward-looking, contemporary building form. In 1950, the opera first received a simple new building on the ruins of Dülfer’s building. Since 1968, the theatre has called the so-called “Small House” its home. The Nazi regime had demolished the Old Synagogue on the neighbouring property a few years before. Under no circumstances, therefore, was a monumental, ostentatious building to arise here, but rather a public hall, appropriate for the democratic zeitgeist and a modern industrial city, which would allow the city dwellers free access to art and culture. And Heinrich Roskotten’s and Edgar Tritthart’s half-organic competition entry from 1955 was just that. The main motif that characterises their city plan is a 17-metre-high concrete shell that is supported at only three points and seems to shimmer through a partly-glassed base construction with an area of some 1,800 square metres, no small feat in West Germany at the time. At around the same time, Ulrich Müther realised similar constructions, though more modest and without the bars, in East Germany.

"Thus, one moves into the heart of the building."

Heinrich Rosskotten, architect of the theatre Dortmund

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .