Das kleine Helmond steht ein wenig im Schatten der etwa doppelt so großen Kreativkapitale Eindhoven. Dabei brummte es hier in der Textil- und Metallindustrie besonders zwischen 1870 und 1930. Dann kam Philips in Eindhoven und der Einfluss schwand. Die Spuren dieser Ära sind bis heute zu finden. Entlang des innerstädtischen Kanals “Zuid-Willemsvaart” reihen sich Fabrikantenvillen und ehemalige Industrieareale aneinander. Ein reizendes Schloss mit Türmchen und Hängebrücke, dessen Anfänge im 12. Jahrhundert liegen, steht in Helmonds Mitte. Es ist die größte Wasserburg des Landes und zählt zur erlesenen Auswahl der “Topkasteln”, der führenden Schlösser der Niederlande und Flanderns. Auch wenn das Schloss alles überstrahlt, überrascht Helmond mit gebauten Utopien, gelungenen Umnutzungen sowie feiner postmoderner und zeitgenössischer Architektur. Wir starten unseren Stadtrundgang in Bildern am neuen Bahnhof, der soviel luftiger daherkommt, als viele andere seiner Art.

Neues Bahnhofsviertel. Der neue Bahnhof von Helmond wurde 2014 eröffnet und überzeugt durch eine geschickte Verschmelzung von Landschaft und Architektur. Das Empfangsgebäude wurde in mehrere Pavillons aufgelöst, verschiedene Ebenen für Fußgänger und Fahrzeuge fließen ineinander und bilden zugleich eine einladende Einheit.
Neues Bahnhofsviertel Der neue Bahnhof von Helmond wurde 2014 eröffnet und überzeugt durch eine geschickte Verschmelzung von Landschaft und Architektur. Das Empfangsgebäude wurde in mehrere Pavillons aufgelöst, verschiedene Ebenen für Fußgänger und Fahrzeuge fließen ineinander und bilden zugleich eine einladende Einheit. © Hendrik Bohle
Historisches Zentrum. In der Veestraat reihen sich schmale Häuser aneinander ...
Historisches Zentrum In der Veestraat reihen sich schmale Häuser aneinander ... © Hendrik Bohle
Historisches Zentrum. ... mal eckig, mal spitz.
Historisches Zentrum ... mal eckig, mal spitz. © Hendrik Bohle
Zuid-Willemsvaart. Der Kanal wurde zwischen 1822 und 1826 errichtet. Er war während der Industrialisierung von besonderer Bedeutung. Heute ist der ehemalige Handelsweg ein beliebter Aufenthaltsort mit Kunstinstallationen und Baudenkmälern, wie beispielsweise das weiße Golden Tulip West-Ende in einer ehemaligen Fabrikantenvilla.
Zuid-Willemsvaart Der Kanal wurde zwischen 1822 und 1826 errichtet. Er war während der Industrialisierung von besonderer Bedeutung. Heute ist der ehemalige Handelsweg ein beliebter Aufenthaltsort mit Kunstinstallationen und Baudenkmälern, wie beispielsweise das weiße Golden Tulip West-Ende in einer ehemaligen Fabrikantenvilla. © Hendrik Bohle

Helmonder Ikone

Piet Blom war Strukturalist und mit seinem Lehrer Aldo van Eyck sowie Herman Hertzberger der bekannteste niederländische Vertreter dieser Architekturströmung. Er baute Häuser wie Bäume. Auf der Spitze stehend sollten sie wenig Fläche einnehmen. Schließlich sollten die Städte möglichst vielen offen stehen und nicht nur den wenigen, die in großflächigen Häusern wohnen. So plante er Baumhäuser inmitten der Stadt. Seine Kubushäuser in Rotterdam sind weltbekannt. Kaum jemand weiß, dass er die ersten bereits 1975 in Helmond verwirklichte. Drei entstanden zunächst zu Testzwecken. 1977 folgten achtzehn weitere, inklusive dem Kulturkomplex “‘t Speelhuis”, das 2011 beim Brand vollständig vernichtet wurde. Das Feuer zerstörte zudem mehrere Baumhäuser. Die Begeisterung ist dennoch ungebrochen. “Ich finde es großartig, hier wohnen zu dürfen”, versichert mir Ivo Bastiaansen. Er ist Stadtplaner und lebt seit etwa drei Jahren in Bloms Baumhaus. “Man wohnt sehr dicht beieinander und hat doch seine Privatsphäre, seine eigene Haustür und einen fantastischen Blick in den Himmel. “Allerdings kann es im Sommer ganz schön heiß werden, wegen der unzureichenden Dämmung”, merkt seine Partnerin Judith van Dijk an. Sie ist ebenfalls Stadtplanerin und hat unter anderem beim Bau des neuen Helmonder Bahnhofs mitgewirkt. “Entsprechend viele Decken brauche ich im Winter. Ach, und das Ding mit dem Kühlschrank und der fehlenden Möglichkeit, ihn aufzustellen.“ Aber was macht das schon, wenn man in einem Baumhaus leben kann, inmitten der Stadt mit Blick zu den Sternen.

Kubushäuser. Ikone der 70er-Jahre-Moderne
Kubushäuser Ikone der 70er-Jahre-Moderne © Hendrik Bohle
Kubushäuser. Auf den Kopf gestellte Wohnwürfel mit äußerst schrägen Wänden, frei eingezogenen Bodenbereichen und abgelöst vom Boden.
Kubushäuser Auf den Kopf gestellte Wohnwürfel mit äußerst schrägen Wänden, frei eingezogenen Bodenbereichen und abgelöst vom Boden. © Hendrik Bohle
Kubushäuser. "Im Sommer kann es ganz schön heiß werden", so die Baumhausbewohner und Stadtplaner Ivo Bastiaansen (links) und Judith van Dijk.
Kubushäuser "Im Sommer kann es ganz schön heiß werden", so die Baumhausbewohner und Stadtplaner Ivo Bastiaansen (links) und Judith van Dijk. © Hendrik Bohle
Bibliothek. Neben den Kubushäusern entstand 2011 die neue Stadtbibliothek nach einem Entwurf des Münsteraner Büros Bolles + Wilson.
Bibliothek Neben den Kubushäusern entstand 2011 die neue Stadtbibliothek nach einem Entwurf des Münsteraner Büros Bolles + Wilson. © Hendrik Bohle
Bibliothek. Das Erdgeschoss ist öffentlich zugänglich mit Café und Tourismusinformation. Über eine breite Treppe gelangt man zu den Büchern im ersten Obergeschoss, mit Kinder- und Jugendbereich, sowie zentralem Medien-Hotspot in chinesisch-rot. Im zweiten Obergeschoss ist der Lesesaal angeordnet, mit langer Bank und großer Verglasung mit Blick auf Bloms Baumhäuser.
Bibliothek Das Erdgeschoss ist öffentlich zugänglich mit Café und Tourismusinformation. Über eine breite Treppe gelangt man zu den Büchern im ersten Obergeschoss, mit Kinder- und Jugendbereich, sowie zentralem Medien-Hotspot in chinesisch-rot. Im zweiten Obergeschoss ist der Lesesaal angeordnet, mit langer Bank und großer Verglasung mit Blick auf Bloms Baumhäuser. © Hendrik Bohle

Het Speelhuis

Der Verlust des Theaters schmerzte so sehr, dass es bereits im selben Jahr eine zunächst temporär angelegte neue Spielstätte gab. Es passte gut, dass die Diözese Den Bosch keine Verwendung mehr für ihre neubyzantinische Kuppelkirche hatte. Jesus war schon ausgezogen. Nun kam die Kultur. Das Delfter Büro cepezed pflanzte ein Auditorium in das Kirchenschiff und eine Bühne vor die Apsis. Alles musste so geplant sein, dass es schnell wieder abzubauen war und die wertvollen Fresken und Malereien nicht beschädigt wurden. Programm und Spielstätte überzeugten, gerade auch wegen des spannungsvollen Zusammenspiels sakraler Details und zeitgenössischer Implantate. 2018 folgte die fabelhafte Erweiterung des “Het Speelhuis” von Van Dongen – Koschuch Architects & Planners. Ein eingeschossiger Glasanbau mit einem scheinbar schwerelosen Dach umgreift das Kirchenschiff. “So wie die Helmonder ihr neues Theater in die Arme geschlossen haben”, wird mir bei meiner Führung durchs Haus erklärt. Es entstanden ein Café, Umkleiden und drei neue Bühnen für verschiedene Formate. Eine Spielstätte lässt sich zum neu entstandenen Stadtplatz auf der Ostseite öffnen. So können auch Veranstaltungen unter freiem Himmel stattfinden. Auf der gegenüberliegenden Seite entstand bereits 2004 das “Kunstkwartier” vom Helmonder Büro LX Architecten. Der geradlinige Neubau steht allen Kindern und Jugendlichen offen, die sich für Tanz, Theater, Musik und bildende Kunst interessieren.

Het Speelhuis. Der Anbau nach Plänen von Van Dongen – Koschuch Architects & Planners wurde 2018 eröffnet.
Het Speelhuis Der Anbau nach Plänen von Van Dongen – Koschuch Architects & Planners wurde 2018 eröffnet. © Hendrik Bohle
Het Speelhuis. Das weit auskragende Dach wurde so dünn wie möglich ausgeführt, um den Kontrast zwischen dem massiven, bestehenden Sakralbau und dem transparenten, offenen Pavillon besonders zu betonen.
Het Speelhuis Das weit auskragende Dach wurde so dünn wie möglich ausgeführt, um den Kontrast zwischen dem massiven, bestehenden Sakralbau und dem transparenten, offenen Pavillon besonders zu betonen. © Hendrik Bohle
Het Speelhuis. Das wird zusätzlich durch das umlaufende Glasband im Deckenbereich unterstützt.
Het Speelhuis Das wird zusätzlich durch das umlaufende Glasband im Deckenbereich unterstützt. © Hendrik Bohle
Het Speelhuis. Der Innenraum der Kirche wurde bereits 2011 durch das Büro cepezed umgestaltet.
Het Speelhuis Der Innenraum der Kirche wurde bereits 2011 durch das Büro cepezed umgestaltet. © Hendrik Bohle
Kunstkwartier. Das Kulturzentrum am östlichen Platzrand entstand 2004 nach Entwürfen des Helmonder Büros LX Architecten.
Kunstkwartier Das Kulturzentrum am östlichen Platzrand entstand 2004 nach Entwürfen des Helmonder Büros LX Architecten. © Hendrik Bohle
Kunstkwartier. Neben dem geradlinigen Neubau ...
Kunstkwartier Neben dem geradlinigen Neubau ... © Hendrik Bohle
Kunstkwartier. ... sanierten sie auch das ehrwürdige Kino Scala. LX Architecten verbanden es durch eine Unterführung mit dem Kunstkwartier und bauten es zu einem Theater mit rund 200 Sitzplätzen um. Die ursprünglichen Fassaden wurden weitgehend erhalten. Das Innere wurde komplett entkernt und als "Box in Box-Bauweise" neu errichtet.
Kunstkwartier ... sanierten sie auch das ehrwürdige Kino Scala. LX Architecten verbanden es durch eine Unterführung mit dem Kunstkwartier und bauten es zu einem Theater mit rund 200 Sitzplätzen um. Die ursprünglichen Fassaden wurden weitgehend erhalten. Das Innere wurde komplett entkernt und als "Box in Box-Bauweise" neu errichtet. © Hendrik Bohle

Boscotondo-Komplex und De Cacaofabriek

Südlich der Kasteel-Traverse steht ein postmodernes Wunderwerk von Adolfo Natalini. Der italienische Architekt und Designer gründete 1966 zusammen mit Piero Frassinelli, Alessandro und Roberto Magris sowie Cristiano Toraldo di Francia die avantgardistische Designer- und Architektengruppe Superstudio. Deren “Radical Architecture”-Bewegung beschäftigte sich mit dem Produktdesign, mit Architekturprojekten und theoretischen Studien zur Entwurfstechnik. In Helmond entwarf Natalini den Boscotondo-Komplex, einen kulissenhaften Stadtplatz mit Kunsthalle, Gemeindeeinrichtungen, Büros, Wohnungen und reichlich Kupfer. Er entstand auf dem ehemaligen Gelände der metallverarbeitenden Firma Begemann. Von der allerdings nichts mehr zu sehen ist. Anders als bei der naheliegenden “De Cacaofabriek”. Das historische Gebäude der ehemals Niederländischen Kakaofabrik bildet den Kern der Anlage. Hier wurde von 1894 bis 1932 Kakaopulver und Schokolade produziert, seit 2014 ist ein Kulturquartier entstanden: mit Pop-Bühne, Filmhaus, Ausstellungsräumen, einem Café, einer Schokoladenmanufaktur und Arbeitsräumen für Kreativunternehmen. Auch den gelungenen Umbau zu Helmonds kulturellem Hotspot verantwortete das Delfter Büro cepezed. 

Boscotondo-Komplex. Der Wohn-, Geschäfts- und Kulturkomplex entstand zwischen 1999 und 2001 auf dem ehemaligen Fabrikgelände der Firma Begemann.
Boscotondo-Komplex Der Wohn-, Geschäfts- und Kulturkomplex entstand zwischen 1999 und 2001 auf dem ehemaligen Fabrikgelände der Firma Begemann. © Hendrik Bohle
Boscotondo-Komplex. Im Mittelpunkt von Natalinis Entwurf steht ein runder Wald. Der Boscotondo (italienisch für Rundwald) bildet das Zentrum eines großen, offenen Platzes, der von Gebäuden umsäumt ist. Da sind sie wieder, die Bäume.
Boscotondo-Komplex Im Mittelpunkt von Natalinis Entwurf steht ein runder Wald. Der Boscotondo (italienisch für Rundwald) bildet das Zentrum eines großen, offenen Platzes, der von Gebäuden umsäumt ist. Da sind sie wieder, die Bäume. © Hendrik Bohle
De Cacaofabriek. Die Anlage wurde über viele Jahre für Ausstellungen und Kunstateliers genutzt, bevor ein Feuer 2008 große Teile zerstörte.
De Cacaofabriek Die Anlage wurde über viele Jahre für Ausstellungen und Kunstateliers genutzt, bevor ein Feuer 2008 große Teile zerstörte. © Hendrik Bohle
De Cacaofabriek. Das Delfter Büro cepezed entwickelte die Fragmente des Industrieerbes auf überzeugende Weise zu einem neuen Kulturquartier.
De Cacaofabriek Das Delfter Büro cepezed entwickelte die Fragmente des Industrieerbes auf überzeugende Weise zu einem neuen Kulturquartier. © Hendrik Bohle
De Cacaofabriek. Das Foyer erhält durch die vollflächige Fassadenverglasung mit den feststehenden Lamellengittern ordentlich Tageslicht.
De Cacaofabriek Das Foyer erhält durch die vollflächige Fassadenverglasung mit den feststehenden Lamellengittern ordentlich Tageslicht. © Hendrik Bohle
De Cacaofabriek. Montags bis Freitags werden beim "De Goedemorgen Film" Kaffee und Schokolade zu Filmklassikern gereicht. Hier soll auch an die glanzvolle Zeit der alten Lichtspielhäuser erinnert werden, wie dem ehemaligen Scala im heutigen Kunstkwartier.
De Cacaofabriek Montags bis Freitags werden beim "De Goedemorgen Film" Kaffee und Schokolade zu Filmklassikern gereicht. Hier soll auch an die glanzvolle Zeit der alten Lichtspielhäuser erinnert werden, wie dem ehemaligen Scala im heutigen Kunstkwartier. © Hendrik Bohle

Von Hendrik Bohle Architekt, Autor und Stadtforscher, veröffentlicht am .