Eine Reise durch Zeit und Tradition –  Neue Färöische Moderne

Auf Reisen:

Auf den Färöer-Inseln wird Architektur zur Antwort auf die Elemente. .

Historismus / Baukunst vor 1900 — Dänemark | 

Die Übersetzung der Färöer hören sich nach Flausch und Friedfertigkeit an: „Schafsinseln“. Dass die 18 Inseln alles andere als behaglich und milde sein können, zeigt sich wenn die Elemente das färöische Zusammenspiel zelebrieren. Licht, Nebel und Winde verwischen die Konturen und machen sie beinah überirdisch. Die Berge und Hänge wirken undurchdringlich, mystisch, erhaben. Das Menschengemachte schrumpft bis zur Unkenntlichkeit. Als bestünde das Leben auf dem Archipel im äußersten Nordatlantik zwischen Schottland und Island ausschließlich aus harten, heftigen Böen, peitschendem Meerregen und baumloser Kargheit vor riesenhaft-rauer Kulisse. Menschliche Konstruktionen können hier nur bestehen, wenn sie mit und nicht gegen die Landschaft errichtet werden – flach, eingegraben, bescheiden. Wer das erste Mal auf der Inselgruppe unterwegs ist, merkt umgehend wie umfassend die Natur das Leben beeinflusst. Die Baukultur der 18 Inseln, die flächenmäßig etwas größer als Rügen und Usedom zusammengenommen sind, ist daher eng mit dem hiesigen Leben mit der Natur verbunden.

Der färöische Architekt Ósbjørn Jacobsen betont die Bedeutung dieser Verbindung: „Die Natur ist unser größter Inspirationsquell. Wir versuchen, die Architektur in die Landschaft einzubetten, anstatt sie zu dominieren.“ Diese Philosophie spiegelt sich in vielen zeitgenössischen Bauten auf den Inseln wider, die trotz moderner Formen und Materialien eine Verbundenheit mit der Umgebung ausstrahlen.

Die ersten Spuren menschlicher Behausung stammen aus der Ära der Wikinger. Deren Langhäuser waren niedrig und aus Stein und Gras errichtet. Sie boten Schutz vor den tosenden Elementen. Aus diesen Gehöften entwickelten sich Dörfer, insbesondere als die Fischerei an Bedeutung gewann. Die neuen Siedlungen brachten mit den Fischerhäusern eine neue Hausart hervor. Diese hatten einen Steinsockel, Grasdächer und waren mit Holz verkleidet. In ihrer robusten, spartanischen Form stehen sie für den traditionellen färöischen Baustil. Mit dem Wohlstand wuchsen die Häuser, bald ersetzten größere Gebäude mit kunstvollen Details die klassischen Fischerhäuser – ein Spiegel des Wandels von einer landwirtschaftlich geprägten Inselgesellschaft hin zur Fischerei-Industrienation.

Eine besondere Typologie auf den Inseln stellen die Kirchen dar. Besonders in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden hölzerne Sakralbauten, die nach wie vor die Orte und Siedlungen dominieren. Die Fundamente sind weiß getüncht, die Wände teerbeschichtet und die Dächer aus Gras. Im Inneren sind die Holzarbeiten kunstvoll und detailreich gestaltet. Daher stehen die schlichten und zugleich eleganten Holzkirchen für tradierte färöische Handwerkskunst und den tief verwurzelten Glauben.

Heute sind die Färöer eine parlamentarische Monarchie mit Selbstverwaltung. Staatsoberhaupt ist das Königshaus von Dänemark. Seit 2005 ist der Archipel eine gleichberechtigte Nation im Königreich Dänemark mit Einfluss auf die Außen- und Sicherheitspolitik. Das gleiche gilt für Grönland, der größten Insel der Erde und ebenfalls Teil des Verbunds mit Dänemark. Das Zentrum der Färöer ist die Hauptstadt Tórshavn, die sich zu einem Motor des Wachstums entwickelt hat. Von den über 50.000 Insulanern leben fast 22.000 in Tórshavn. Wichtige Gebäude sind in den letzten Jahrzehnten entstanden, die prägend für die hiesige Architektur, aber auch für das Selbstverständnis der Färöer sind.

Eines der bedeutendsten Neubauten der vergangenen Jahrzehnte ist das „Haus des Nordens“. Es ist das wichtigste Kultur- und Kongresszentrum des Landes und wurde 1983 eröffnet. Es ist ein Symbol der nordischen Architektur und Zusammenarbeit. Ola Steen aus Norwegen und Kollbrún Ragnarsdóttir aus Island entwarfen ein zweistöckiges Gebäude mit Grasdach, dem Boden aus norwegischem Granit, einer Inneneinrichtung aus Finnland (von Alvar Aalto) und der Stahlträgerkonstruktion aus Dänemark.

Nur wenige Gehminuten vom Haus des Nordens entfernt ist „Listasavn Føroya“. Die Nationalgalerie ist ein flacher Museumskomplex mit Sattel- und Pyramidendächern und besteht aus zwei Bereichen. Der renommierte färöische Architekt Jákup Paula Gregoriussen entwarf den ältesten Teil 1970, der zweite Museumsbereich ist ein Erweiterungsbau von Niels F. Truelsen unter Mitwirkung von Gregoriussen (Fertigstellung 1993). Außerhalb des Stadtzentrums stehen zwei Gebäude emblematisch für das färöische Faible der Symbolik und des Skulpturalen. Die Vesturkirkan (Westkirche) ist ein Kirchenbau der lutherisch-färöischen Volkskirche und mit 41 m Höhe das höchste Gebäude des Landes. Die 1975 eingeweihte Westkirche ähnelt in ihrer Form einem stilisierten Segel. Der Entwurf stammt von Holm & Grut, einem seit 1941 tätigen und großen Architekturbüro mit Sitz in Kopenhagen. Ebenfalls von einem dänischen Büro stammt der spektakulärste Neubau der letzten Jahre. Das Glasir von BIG ist eine Bildungsstätte der Superlative. Es beherbergt die Technische Hochschule, das Business College sowie weitere Einrichtungen für fast 2.000 Lehrende, Lernende und Angestellte. Das Team um Bjarke Ingels entwarf einen Stapel aus fünf einzelnen Ebenen, die sich um einen zentralen Innenhof wickeln. Dieser wirbelartige Aufbau endet mit den obersten Ebenen, die bis zu 30 Meter weit in die Berglandschaft von Tórshavn ausstrahlen.

Dass auch außerhalb der Hauptstadt spannende Bauprojekte entstehen, zeigt die Gemeinde Eysturkommuna mit ihrem neuen Rathaus im Ort Norðragøta. Es stammt von Henning Larsen (HL, Kopenhagen), zuständig war der färöische Architekt Ósbjørn Jacobsen. Der Büropartner von HL entwarf mit seinem Team einen langgezogenen, mehrfach abgewinkelten Baukörper direkt am Hafen von Norðragøta. Ein Teil des Gebäudes führt über einen kleinen Fluss. Dadurch wird das begehbare, grüne Dach zu einer Brücke. Dieser Brückenschlag soll eine Verbindung zum Ortsteil Eystur schaffen, so dass es nur konsequent ist, dass sich der Ratssaal direkt über dem Fluss befindet.

Unsere Erkundung der alten und neuen Architektur der Färöer führt uns durch alle Jahreszeiten: und das nur an einem einzigen Frühlingstag. Bei unserer Ankunft in Norðragøta herrscht noch milde Bewölkung und sanfter Wand. Nur wenige Augenblicke vergehen, da peitschen uns Böen entgegen und die Landschaft wird in dichten Schneefall gehüllt. Plötzlich lässt der Wind nach und die Sonne bricht durch, strahlt intensiv und wärmt uns mit fast 12 Grad, was für färöische Verhältnisse beinah sommerlich ist.

Bei der Besichtigung des Rathauses von Norðragøta erklärt Jacobsen die Idee hinter dem Entwurf: „Wir wollten ein Gebäude schaffen, das die Gemeinde verbindet, sowohl physisch als auch symbolisch. Die Brücke über den Fluss ist mehr als nur ein architektonisches Element – sie repräsentiert die Verbindung zwischen den Menschen und ihrer Umgebung.“

In Bezug auf die Zukunft der färöischen Architektur erklärt er: „Wir stehen vor der Herausforderung, unsere Traditionen zu bewahren und gleichzeitig moderne, nachhaltige Lösungen zu finden. Es geht darum, eine Balance zwischen dem Erbe und der Zukunft zu finden.“ Dieser Ansatz zeigt sich in vielen neuen Projekten auf den Inseln, die traditionelle Elemente wie Grasdächer und lokale Materialien mit zeitgenössischen Formen und Technologien kombinieren. Die färöische Architektur befindet sich in einem spannenden Wandel. Während sie ihre Wurzeln in der rauen Landschaft und den traditionellen Bauweisen behält, öffnet sie sich zunehmend für innovative Ideen und globale Einflüsse. Jacobsen betont: „Wir müssen offen für neue Ideen sein, aber immer im Kontext unserer einzigartigen Umgebung denken. Die Architektur der Färöer sollte immer eine Antwort auf die Natur sein, nicht eine Herausforderung an sie.“

Diese Herangehensweise spiegelt sich in zahlreichen aktuellen Projekten wider, die die Grenzen zwischen Innen und Außen, zwischen Gebäude und Landschaft verwischen. Von modernen Wohnhäusern, die sich in die Hügel schmiegen, bis hin zu öffentlichen Gebäuden, die das raue Klima als gestalterisches Element einbeziehen – die färöische Architektur zeigt, wie man respektvoll und innovativ mit einer herausfordernden Umgebung umgehen kann. Die Zukunft der Architektur auf den Färöern verspricht, ebenso faszinierend zu werden wie ihre Vergangenheit. Mit Architekten wie Ósbjørn Jacobsen, die sowohl international als auch lokal verwurzelt sind, entwickelt sich eine einzigartige architektonische Identität, die weit über die Grenzen der Inseln hinaus Beachtung findet, die „neue färöische Moderne“.

Der Archipel beweist, dass auch in einer der abgelegensten Regionen Europas eine lebendige und zukunftsweisende Architekturszene entstehen kann, die tief in der Natur und Kultur des Landes verwurzelt ist und gleichzeitig den Blick nach vorn richtet. Trennendes und Bindendes gehören auf den Färöer zusammen. Das Rathaus von Norðragøta ist mit der Landschaft errichtet worden, nicht gegen sie und steht für die neue gelungene Insel-Baukunst: selbstbewusst, stilvoll und mit dem Anspruch die färöische Baukultur weiterzuentwickeln.

THE LINK-Übernachtungstipps

XXX

Visit Faroe Islands

Wir danken Visit Faroe Islands für die Einladung zur redaktionell unabhängigen Recherchereise!