Maßstab Metropole - Antonio Palacios in Madrid
Auf Reisen:
Madrid ist eine Stadt, deren Moderne nicht leise begann. Als die Gran Vía ab 1910 in das bestehende Stadtgefüge geschnitten wurde, entstand eine neue Bühne für Hotels, Kaufhäuser, Kinos, Banken und Hochhäuser. Ihre Silhouette erzählt vom Aufbruch einer Hauptstadt, die sich als europäische Metropole neu erfand. Mittendrin: Antonio Palacios (1874–1945). 2024 jährte sich sein Geburtstag zum 150. Mal. Madrid würdigte das Jubiläum 2024 und 2025 mit Führungen, Vorträgen und der Ausstellung „Madrid metrópoli. El sueño de Antonio Palacios“.
Der in Galicien geborene Architekt verband repräsentative Fassaden mit modernen Konstruktionen und funktionalen Grundrissen. Seine Bauten prägten ein monumentales Madrid und erfüllten zugleich alltägliche Aufgaben – als Bank, Kulturhaus, Kommunikationszentrum oder Teil der Verkehrsinfrastruktur.
Die neue Silhouette
Für den Streifzug zu Palacios’ Prachtbauten treffe ich mich mit meinem Guide in der Lobby des Vincci Capitol. Schon mein Hotel ist Teil dieser Geschichte: Der Art-déco-Bau von Luis Martínez-Feduchi Ruiz und Vicente Eced y Eced gehört zwar nicht zum Werk von Palacios, macht aber den Wandel der Gran Vía besonders anschaulich. Zusammen mit dem Edificio Telefónica und weiteren Hotelbauten prägte das Edificio Carrión die Großstadtarchitektur der Gran Vía. Am ehemaligen Hotel Alfonso XIII übernahm und überarbeitete Palacios einen Entwurf von José Yarnoz Larrosa. Dabei passte er den Bau für die Hotelnutzung an. Das Ergebnis vermittelt zwischen historischer Repräsentation und moderner Stadtnutzung. Wenige Schritte weiter erinnert der rekonstruierte Zugang zur Metrostation Gran Vía daran, dass Palacios nicht nur einzelne Monumente, sondern auch das Erscheinungsbild der jungen Madrider Metro gestaltete.
Palacios an der Calle de Alcalá
Am Übergang von der Gran Vía zur Calle de Alcalá verdichtet sich die Architektur der aufstrebenden Metropole. Das Edificio Metrópolis bildet den weithin sichtbaren Auftakt. Direkt gegenüber erhebt sich mit dem Círculo de Bellas Artes eines der wichtigsten Werke von Antonio Palacios.
Der 1926 eröffnete Kulturpalast feiert 2026 sein hundertjähriges Bestehen. Hinter seiner monumentalen Fassade organisierte Palacios Ausstellungsräume, Säle, Ateliers und gesellschaftliche Bereiche als vertikale Stadt. Über dem Gebäude wacht die Minerva von Juan Luis Vassallo und prägt bis heute die Silhouette der Calle de Alcalá.
Schräg gegenüber steht der ehemalige Banco Español del Río de la Plata, heute Sitz des Instituto Cervantes. Gemeinsam mit Joaquín Otamendi entwickelte Palacios hier eine Architektur, die Bankhaus, Repräsentationsbau und städtisches Monument miteinander verbindet.
Edificio Carrión
Auch Capitol. Luis Martínez-Feduchi Ruiz und Vicente Eced y Eced; Art déco mit expressionistischer Dynamik und rationalistischer, also funktionsbetonter Gliederung; fertiggestellt 1933.
Hotel Alfonso XIII
Entwurf José Yarnoz Larrosa, Weiterbearbeitung Antonio Palacios; monumentaler Klassizismus mit modernen Eisen-Glas-Erkern; fertiggestellt 1924.
Círculo de Bellas Artes
Antonio Palacios; monumentaler Klassizismus mit antiken Säulenordnungen und vertikaler, von amerikanischen Hochhäusern angeregter Gliederung; fertiggestellt 1926.
Círculo de Bellas Artes
Salón de Baile: klassizistischer Festsaal mit korinthischen Säulen und zentraler Kuppel; fertiggestellt 1926.
Banco Español del Río de la Plata
Heute Instituto Cervantes. Antonio Palacios und Joaquín Otamendi; monumentaler Klassizismus mit Dekor nach Vorbildern der Wiener Secession; fertiggestellt 1918.
Ein Palast für die Kommunikation
Den Endpunkt des Spaziergangs bildet der ehemalige Palacio de Comunicaciones an der Plaza de Cibeles. Der heutige Palacio de Cibeles wurde zum Wahrzeichen eines Madrid, das Verwaltung, Technik und öffentlichen Raum neu zusammendachte. Die damalige Aufgabe war hochmodern; Palacios und Otamendi übersetzten sie in eine feierliche Architektur. Sie verbanden historische spanische Formen mit Jugendstil, besonders mit der geometrisch geprägten Wiener Secession. Auf den ersten Blick wirkt das große Gebäude wie eine Stilcollage. Doch Raumwirkung, Konstruktion und Details ergeben eine eigenständige Madrider Moderne. Seit 2007 dient der ehemalige Kommunikationspalast der Stadtverwaltung als Rathaus. Mit CentroCentro kamen Ausstellungs- und Veranstaltungsräume hinzu. Heute ist der Bau zugleich Rathaus, Kulturort und öffentlich zugängliches Baudenkmal.
Palacios’ Bauten sind keine abgeschlossenen historischen Kulissen. Sie werden weiterhin genutzt, umgebaut und neu interpretiert. Gerade darin liegt ihre Aktualität: Monumentalität und Alltag, städtische Bühne und funktionale Architektur bleiben bei ihm untrennbar miteinander verbunden.
Palacio de Comunicaciones
Heute Palacio de Cibeles, Antonio Palacios und Joaquín Otamendi; Eklektizismus – die Verbindung verschiedener Stilquellen – mit neoplateresken Formen der spanischen Renaissance und Dekor der Wiener Secession; fertiggestellt 1918, eröffnet 1919.
Palacio de Cibeles
Hauptvestibül des Palacio de Cibeles, Antonio Palacios und Joaquín Otamendi; Eklektizismus in der Halle mit moderner Eisen-Glas-Konstruktion; fertiggestellt 1918.
Palacio de Cibeles
Glasdach über dem Innenraum des Palacio de Cibeles, Antonio Palacios und Joaquín Otamendi; Eklektizismus und moderne Tragwerkskonstruktion; fertiggestellt 1918.
Palacio de Cibeles
Historische Briefeinwürfe
Banco Mercantil e Industrial
Calle de Alcalá mit dem Banco Mercantil e Industrial, heute Sala Alcalá 31, Antonio Palacios; monumentale Moderne mit klassizistischen Bezügen; geplant ab 1932, fertiggestellt 1941.
Banco de España
Eduardo de Adaro und Severiano Sainz de la Lastra; Eklektizismus mit italienischen Renaissanceformen und französischen Beaux-Arts-Einflüssen; eröffnet 1891.
Palacio de la Prensa
Pedro Muguruza; klassizistischer Eklektizismus mit Einflüssen amerikanischer Hochhausarchitektur; fertiggestellt 1928, eröffnet 1930.
Edificio Rialto
Blick über die Gran Vía mit dem Edificio Rialto, José de Aragón Pradera, José María Mendoza Ussía und Ignacio de Aldama Elorz; Eklektizismus mit orientalisierenden Turmabschlüssen; fertiggestellt 1930.
Círculo de Bellas Artes
Adresse: Calle de Alcalá 42, Madrid
Besuchereingang: Calle del Marqués de Casa Riera 2
Kulturzentrum mit Ausstellungen, Kino, Veranstaltungen, Gastronomie und Dachterrasse. Das Gebäude feiert 2026 sein hundertjähriges Bestehen.
Besuch Ausstellungen: Dienstag bis Sonntag, 11–14 und 17–21 Uhr
Dachterrasse: täglich ab 10 Uhr; Schließzeit je nach Wochentag.
Dachterrasse: regulär 6 Euro, Kombiticket Dachterrasse und Ausstellungen: regulär 7 Euro
Die Öffnungszeiten können sich bei Veranstaltungen ändern.
Palacio de Cibeles
Ursprünglicher Name: Palacio de Comunicaciones. Adresse: Plaza de Cibeles 1, Madrid. Architekten: Antonio Palacios und Joaquín Otamendi
Planung und Bau
Wettbewerbsentwurf 1904, Bauzeit 1907–1918, Eröffnung 1919.
Heute: Sitz der Madrider Stadtverwaltung und Kulturzentrum CentroCentro.
Besuch: CentroCentro: Dienstag bis Sonntag, 10–20 Uhr
Ausstellungen: in der Regel kostenlos.
Hinweis
Der Rechercheaufenthalt erfolgte auf Einladung des Spanischen Fremdenverkehrsamts in München (Turespaña) und der Comunidad de Madrid. Beide Institutionen hatten keinen Einfluss auf die redaktionelle Darstellung.