Eine Architekturgeschichte zwischen Mittelmeer, Maghreb und Modernisme – Melilla im Wechsellicht
Auf Reisen / Reportage:
Eine Zeitreise durch Melilla
Das Licht in dieser Stadt hat viele Facetten. An klaren Tagen sind die Konturen scharf und hart. Wenn die sogenannte Calima-Lage Saharastaub heranweht, kann die Luft milchiger werden und das Licht wirkt wärmer. Zwischen Mittelmeer und marokkanischem Hinterland scheint Melilla je nach Temperatur, Windstärke und Sonnenstand ein Ort, der sich mit dem Licht verändert – als lege es eine weitere Schicht über die Stadt.
Festungsmauern, ein militärisches Straßenraster, katalanischer Modernisme und religiöse Innenwelten erzählen von einer Stadt, in der sich Europa und Nordafrika nicht einfach begegnen. Sie überlagern, widersprechen und verändern sich. Eine Erkundung vor Ort – Schritt für Schritt und Jahrhundert für Jahrhundert.
In Melilla können fünf Minuten Fußweg hundert Jahre bedeuten. Eben noch führen Mauern, Bastionen und schmale Durchgänge durch die alte Festungsstadt. Wenig später öffnet sich die Plaza de España. Hinter ihr beginnt der Ensanche mit geraden Straßen, repräsentativen Geschäftshäusern und Fassaden, die sich über das militärische Raster hinwegzusetzen scheinen.
Die Stadt lässt sich gut erlaufen. Doch sie erschließt sich nicht geradlinig. Zu viele Zeiten, Interessen und Selbstbilder liegen dicht beieinander. Melilla war antiker Hafen, befestigter Außenposten, Handelsstadt und militärisch geprägter Ort. Heute ist sie spanische autonome Stadt, Teil einer europäischen Ordnung und zugleich vollständig auf nordafrikanischem Boden gelegen. Das Mittelmeer öffnet den Blick nach Osten. Auf der Landseite beginnt Marokko.
Das klingt nach einer Stadt zwischen zwei Kontinenten. Tatsächlich liegt Melilla nicht einfach „dazwischen“. Es ist eine Stadt, in der unterschiedliche Vorstellungen von Europa, Afrika, Zugehörigkeit und Abgrenzung auf ungewöhnlich engem Raum sichtbar werden. Architektur liefert dafür keine eindeutige Erklärung. Aber sie bewahrt die Spuren.
Zuerst kamen die Mauern
Die erste Zeitschicht besteht aus Stein. Melilla la Vieja – die Altstadt – liegt auf einem Felsen über dem Meer. Mauern staffeln sich über dem Hafen, Wege führen durch Tore und Tunnel, mächtige Bastionen schieben sich vor die Küstenlinie. Die Festung wirkt heute wie eine eigene Stadt innerhalb der Stadt. Ihre Architektur folgt jedoch keinem romantischen Bild. Sie entstand aus Kontrolle, Verteidigung und der strategischen Lage am Mittelmeer.
Melillas Geschichte reicht bis zur antiken Hafenstadt Rusadir zurück. Ende des 15. Jahrhunderts begann die spanische Herrschaft. In den folgenden Jahrhunderten wurde die befestigte Stadt erweitert, angegriffen, repariert und erneut verstärkt. Jede Mauer reagierte auf eine Bedrohung. Jeder Durchgang ließ sich überwachen. Selbst der Blick über das Meer war Teil eines militärischen Systems.
Wer heute durch die Festungsanlagen geht, erlebt diese Geschichte körperlich. Der Weg verengt sich, verschwindet unter Gewölben und öffnet sich unvermittelt wieder zum Wasser. Das Meer steht dabei für Verbindung und Gefahr zugleich. Über dasselbe Wasser kamen Waren, Menschen, Nachrichten und militärische Verstärkung.
Die Altstadt erzählt damit bereits von einem Grundmotiv Melillas: Öffnung und Abschottung lassen sich nicht sauber voneinander trennen. Die Stadt lebt von Verbindungen und schützt sich zugleich vor ihnen.
Die Stadt verlässt die Festung
Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts reichten die Mauern nicht mehr aus. Melilla wuchs über die Festung hinaus. Handel, Bergbau, militärische Präsenz und Zuwanderung ließen die Bevölkerung steigen. Ingenieure planten neue Quartiere, Achsen und Plätze. Außerhalb der alten Stadt entstand ein Ensanche, eine planmäßige Erweiterung mit breiten Straßen und regelmäßig geschnittenen Blöcken.
Der Grundriss folgt der Ordnung. Die Fassaden tun es nicht immer. Genau darin liegt die besondere Spannung des neueren Melilla. Das Straßenraster stammt aus einer Welt militärischer Vermessung. Doch an seinen Rändern wachsen Erker, Balkone, Kuppeln, Pflanzenornamente und schmiedeeiserne Linien. Aus der planbaren Stadt wird eine Bühne gesellschaftlicher Wünsche.
Händler und Unternehmer lassen Geschäftshäuser errichten. Zeitungen, Banken und Kammern geben sich eine architektonische Adresse. Familien zeigen mit Balkonen und Dekor ihren sozialen Aufstieg. Die Stadt will nicht mehr nur funktionieren und sich verteidigen. Sie will gesehen werden.
Die Plaza de España bildet das Scharnier zwischen diesen Welten. Von hier führen die Straßen in das neue Zentrum. Der spätere Palacio de la Asamblea setzt der kommunalen Verwaltung ein monumentales Zeichen. Cafés, Geschäftshäuser und öffentliche Bauten versammeln sich um den Platz. Die Festung bleibt nur wenige Schritte entfernt, doch Melilla entwirft hier bereits ein anderes Bild von sich selbst.
Ein Architekt kommt aus Barcelona
1909 kommt Enrique Nieto aus Barcelona nach Melilla. Der junge Architekt bringt die Formensprache des katalanischen Modernisme mit. Er trifft jedoch nicht auf eine leere Fläche, sondern auf eine Stadt im Umbau: militärisch geplant, wirtschaftlich ehrgeizig und auf der Suche nach einem zivilen Gesicht.
Nieto kopiert Barcelona nicht. Dafür sind Klima, Bauaufgaben, Materialien und Auftraggeber zu verschieden. Er übersetzt die Ideen des Modernisme in eine andere Stadt. Die geschwungene Linie trifft auf das strenge Raster. Florale Ornamente überziehen Geschäfts- und Wohnhäuser. Erker vergrößern die Wohnungen und machen die Straße zur Bühne. Balkone, Keramik und Schmiedeeisen vermitteln zwischen Innenraum und Stadtraum.
Das besondere Melilla-Licht ist eine weitere Ebene. Putz, Keramik, Eisen und Glas nehmen die Helligkeit unterschiedlich auf; Reliefs treten hervor, Schatten werden weich, Farben verschieben sich mit der Tageszeit. Nietos Gebäude erscheinen dadurch nicht als starre Formen, sondern als Oberflächen, die auf ihre Umgebung reagieren. Das Meer liefert den hellen Horizont, die Sonne die Schärfe, der Staub gelegentlich den warmen Filter.
Dieser Modernisme ist mehr als Dekoration. Er gibt der jungen Handelsstadt ein Bild ihrer eigenen Zukunft. Melilla zeigt sich nun nicht allein als militärischer Außenposten, sondern als moderne, urbane und wohlhabende Stadt.
Am Gebäude der Zeitung El Telegrama del Rif wird Publizistik zur Fassade. Die Cámara de Comercio verkörpert das Selbstbewusstsein von Handel und Bürgertum. La Reconquista besetzt mit Erkern und Ornamenten eine markante städtische Ecke. Die Casa Melul bringt die neue Formensprache an eine der wichtigsten Achsen des Ensanche.
Gemeinsam erzählen diese Häuser: eine Stadt eignet sich eine Architektur an, die von weit her kommt, und macht sie zu einem lokalen Ausdruck. Barcelona bleibt als kultureller Bezugspunkt erkennbar. Doch die Gebäude stehen am Rand Afrikas, unter einem anderen Licht und in einer Stadt mit einer anderen sozialen Zusammensetzung.
Nieto prägt Melilla über Jahrzehnte. 1931 wird er Stadtarchitekt. Seine Formensprache verändert sich. Die frühen pflanzlichen Ornamente weichen geometrischeren Linien, vertikalen Gliederungen und Elementen des Art déco. Der Palacio de la Asamblea steht für diesen Übergang. Die Kurve verschwindet nicht vollständig, aber sie wird strenger. Die Stadt, die sich zu Beginn des Jahrhunderts schmückte, sucht nun nach Monumentalität und Ordnung.
Nicht alles ist Nieto
Wer Melilla ausschließlich durch Enrique Nieto betrachtet, übersieht jedoch einen Teil der Stadt. Der außergewöhnliche Bestand entstand nicht aus einer einzigen Handschrift. Andere Architekten, Ingenieure, Bauherren und Handwerker entwickelten das Straßenbild weiter. Neben Modernisme und Art déco treten historistische, neomaurische und rationalistische Formen.
Die Casa de los Cristales fällt mit ihrer gläsernen Hülle und ihrer fast großstädtischen Präsenz aus dem unmittelbaren Umfeld heraus. Auch Nietos Edificio Rojo arbeitet mit kräftiger Farbe und einer klareren, vertikalen Ordnung. Der ehemalige Banco de España wirkt bereits kontrollierter und schwerer. Die Stadt bewegt sich weiter, auch stilistisch.
Gerade diese Nähe unterschiedlicher Architekturen macht Melilla interessant. Die Epochen ersetzen einander nicht. Sie stehen nebeneinander, werden umgebaut, überformt oder notdürftig erhalten. Im Erdgeschoss öffnen Geschäfte, während darüber Erker und Ornamente altern. Manche Fassaden sind restauriert, andere tragen Risse, ausgeblichene Farben oder spätere Eingriffe.
Melilla ist deshalb kein abgeschlossenes Freilichtmuseum des Jugendstils. Die Stadt benutzt ihre Architektur weiter. Das historische Ensemble bleibt Teil des Alltags, mit allen Spannungen zwischen Erhaltung, wirtschaftlichem Druck und wechselnder Aufmerksamkeit.
Wie viele Kulturen hat eine Stadt?
Melilla beschreibt sich gern als Stadt der vier Kulturen. Gemeint sind christliche, muslimische, jüdische und hinduistische Gemeinschaften. Die Formel ist eingängig. Sie macht aus komplexer Stadtgeschichte eine überschaubare Zahl.
Die Gemeinschaften haben nicht nur einzelne Monumente hinterlassen. Sie sind in Wohnhäusern, Geschäftsräumen, Straßen und Innenhöfen präsent. Die Synagoge Or Zaruah liegt nicht frei und monumental auf einem Platz. Sie ist Teil eines mehrgeschossigen Stadthauses. Im Erdgeschoss befinden sich Geschäftsräume, darüber Wohnungen und der Gebetsraum. Religiöses Leben steht hier nicht außerhalb der Stadt. Es ist in sie hineingeschichtet. Moisés Murciano Sultán beschreibt die verschiedenen Einflüsse in der Architektur der Synagoge, z. B. den nordafrikanischen Stil: „Die Sitzanordnung erinnert an ein marokkanisches Wohnzimmer.“ Die vielen Lampen im Raum? „Das Licht steht für die Seele. Die Lampen erinnern uns an Menschen, die gestorben sind“, erklärt der Spezialist für das jüdisch-sephardische Erbe und hebräische Sprache sowie für jüdische Liturgie und Synagogenarchitektur. Zugleich ist er auch Kulturerbeführer, der die Relevanz des marokkanischen Kunsthandwerks betont, besonders auch in der Nieto-Synagoge.
Auch die Mezquita Central gehört in das Gefüge des Zentrums. Nieto entwarf hier nicht nur ein Gotteshaus, sondern einen weiteren religiösen Ort innerhalb der modernen Stadt. Seine Architektur verbindet die städtebauliche Ordnung des Ensanche mit Formen, die auf islamische Bautraditionen verweisen. Wenige Straßen weiter erzählen Kirchen und der hinduistische Mandir von weiteren Gemeinschaften, Handelswegen und Migrationsgeschichten.
Architektur kann Nähe sichtbar machen. Sie beweist jedoch keine Harmonie. Türen liegen beieinander, ohne dass damit alle gesellschaftlichen Unterschiede verschwinden. Schon die Frage, wer in der offiziellen Erzählung von den „vier Kulturen“ vorkommt und wer nicht, zeigt die Grenzen des Etiketts.
Vielleicht sollte man die Kulturen Melillas deshalb nicht zählen. Aufschlussreicher ist es, ihren Spuren durch die Stadt zu folgen: einem Schriftzug, einem Innenraum, einem Feiertag, einem Geschäft oder einer Fassade. So entsteht kein Bild eines problemlosen Zusammenlebens, wohl aber das einer Stadt, deren Identität aus vielen Geschichten besteht.
Die Grenze verschwindet nicht
Von außen wird Melilla häufig auf zwei Bilder reduziert. Das eine zeigt das Jugendstiljuwel in Afrika. Das andere zeigt Zäune, Grenzanlagen und Menschen, die versuchen, europäisches Gebiet zu erreichen. Beide Bilder gehören zur Realität. Keines erklärt die Stadt allein.
Die Grenze verläuft auch durch die Wahrnehmung Melillas, ein wiederkehrendes Thema bei der Erkundung durch die Stadt. Die Grenze trennt das spanische Stadtgebiet vom marokkanischen Umland. Sie ist Teil europäischer Migrationspolitik und beeinflusst Handel, Mobilität und Alltag. Eine Erzählung über Melilla kann sie nicht ausblenden. Sie sollte die Grenze aber auch nicht als spektakuläre Kulisse benutzen.
Interessanter ist, wie sie die übrige Stadtgeschichte verändert. Die alten Festungsmauern erscheinen plötzlich nicht nur als historische Architektur. Sie erinnern daran, dass Abgrenzung seit Jahrhunderten zur räumlichen Ordnung Melillas gehört. Das militärische Raster erzählt nicht nur von moderner Stadtplanung, sondern auch von Kontrolle. Selbst die offenen Balkone und repräsentativen Geschäftshäuser des Ensanche stehen in einer Stadt, deren wirtschaftliche Entwicklung immer von Bewegungen über Grenzen abhängig war.
Melilla ist damit weder eine europäische Stadt, die zufällig in Afrika liegt, noch eine nordafrikanische Stadt mit europäischen Fassaden. Solche Zuordnungen greifen zu kurz. Die Stadt ist aus Verbindungen und Machtverhältnissen entstanden, aus Handel und Militär, aus Migration, Religion und dem Wunsch, sich architektonisch neu zu erfinden.
Am Ende führt der Weg zurück zur Plaza de España. Am Abend wird es in Melilla nicht einfach dunkel. Das Licht wechselt Positionen, Stärke, Intensität. Es wandert von oben hinunter, fängt sich auf den Fassaden, wandert tief in die Straßen, taucht von den Fenstern in die Innenräume. Erker treten über die Straßenflucht, Balkone werfen Schatten auf die Wände.
Die Zeitreise endet hier nicht. In Melilla ist die Gegenwart nur die jüngste Schicht. Alle anderen bleiben sichtbar: in den Mauern, im Straßenraster, in den religiösen Innenräumen und in den Kurven des Modernisme. In der Nieto-Synagoge erinnern die vielen Lampen an Verstorbene, ein bedächtiges, heiliges Licht. Melilla zeigt diese Geschichten in Stein, Festungsmauern, Keramik und Eisen und im Wechsel ihrer vielen Lichter.
Anreise, Rundgang, Synagoge, Museen
Anreise: Von Deutschland aus führt eine Flugroute über Madrid nach Melilla; die letzte Etappe bedient Air Nostrum. Alternativ gibt es Verbindungen über Málaga sowie Fähren ab Málaga, Almería und Motril.
Architektur zu Fuß: Das Zentrum mit dem „Triángulo de Oro“ und die befestigte Altstadt Melilla la Vieja lassen sich gut zu Fuß erkunden. Melilla Turismo bietet einen Plan mit 27 ausgewählten Bauten für einen eigenen Rundgang.
Ein Blick ins Innere: Die 1924 von Enrique Nieto entworfene Synagoge Or Zaruah kann im Rahmen geführter Besuche besichtigt werden. Termine und Zugang vorab beim Tourismusbüro von Melilla erfragen.
Museen: In der Altstadt verbinden die Museen für Geschichte, Archäologie und Ethnografie (Museo de Historia, Arqueología y Etnología) den Stadtrundgang mit Melillas kultureller Geschichte. Die Casa del Reloj (Museo Casa del Reloj) ergänzt ihn um moderne Kunst und wechselnde Ausstellungen. Der Eintritt in die städtischen Museen ist frei.
Hinweis
Der Rechercheaufenthalt in Melilla 2025 erfolgte auf Einladung des Patronato de Turismo de Melilla. Der Veranstalter hatte keinen Einfluss auf die Auswahl der Themen und die redaktionelle Darstellung.